Für den folgenden Beitrag, gibt es kein Papier in dem ich blättern kann. Nichts wurde notiert. Ich muss also in meinem Gedächtnis kramen.
Die Berliner Mauer war nun passierbar geworden und man konnte sich die Nase an den West-Berliner Schaufenstern platt drücken. Aber wenn man keine D-Mark daheim oder eine Tante „drüben“ hatte, blieb es halt auch dabei. An „Kaufen“ war nicht zu denken, es fehlte das richtige Kleingeld.
Dafür gab es in der BRD bereits den Mechanismus des sogenannten „Begrüßungsgelds“. Die Auszahlung an die vielen DDR-Bürger konnte dadurch recht flott aufgenommen werden, was zu langen Schlangen an den Bankfilialen führte. Aber der Ossi war ja Anstehen gewöhnt. Wir wählten die Schlange der Deutschen Bank am Hermannplatz in Berlin Neuköln (… keine Ahnung warum nun gerade dort).
Wenn heutzutage jeder weiß, was er am 11.09.2001 gemacht hat, als die Nachrichten aus New York kamen, erinnert sich vermutlich jeder Ossi, was er sich als erstes für‘s heiß ersehnte West-Geld gekauft hat.
In meinem Falle waren es zunächst quietschgrüne Hosenträger mit schwarzer Aufschrift „I am the Boss“, die wir auf dem Markt auf dem Hermannplatz ergatterten. Rückwirkend peinlich, aber sicher sehr lukrativ für den Händler.
Dann waren wir in irgendeinem ALDI und mindestens drei Dinge landeten im Einkaufskorb:
- Eine Dose River Cola (die ich später auswusch und zusammen mit anderen Dosen sammelte).
- Eine Tüte Mäusespeck (die wird sofort verdrückten).
- Ein Karton Orangen-Saft (der vermutlich nie eine Orange gesehen hatte).
Wieder zu Hause angekommen, stand der angebrochene Karton O-Saft auf dem Kühlschrank. Wie der heilige Gral. Für Kinderhände erreichbar, sehr verlockend, im Vorbeigehen dran zu nippen. Aber immer nur ein bisschen, denn das gute Zeug sollte schließlich ein paar Tage (!) reichen.
Aber auch im Westen neigte sich ein Liter O-Saft irgendwann dem Ende zu. Ich sah nur einen Weg, meinen Mundraub vor der Familie zu verschleiern. Den Karton wiederholt mit etwas Leitungswasser aufgießen und dann vermehrt dem Bruder den Vortritt lassen, damit der dann den Ärger bekommt.
Sorry…
<— 7) Akteneinsicht 1989: Ausflug nach West-Berlin
—> 9) Akteneinsicht 1990: Umbruch
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Die Vereinigung in ihrem Lauf die hielt damals Niemand auf. Ganz unverdrossen ein neuer Markt war nun erschlossen. Da wurde doch tatsachlich eine Erpressung publiziert:“Geht die DM Mark nicht zu uns dann muessen wir zur DM gehen.“ Der Helmut Kohl weidete sich in diesem Tumult auch der Schalck-Golodkowski wollte die DDR nicht mehr retten. Er wusste da ist viel mehr im Westen zu holen.
Jup, 16 Mio neue Konsumenten, die auch noch ziemlich unerfahren mit Preisbildung und Verhandlung waren. Da haben sich bestimmte Leute dumm und dusselig verdient
Der Hermannplatz war auch unser Pilgerziel in den ersten Monaten, ich glaube meine Mutter hatte da Erinnerungen an die Zeit vor dem Mauerbau. Wir hätten uns bei der Deutschen Bank treffen können.😉
Ach kieck mal an …vielleicht standet ihr ja in der selben Schlange. Ich hoffe, du hast das Begrüßungsgeld etwas schlauer eingesetzt??
Ich glaube, am ersten Tag haben wir nur geguckt. Meine Mutter wollte Weintrauben kaufen, aber ich verbot ihr, das Geld für Essbares zu verplempern. Ich wollte bleibende Werte. Von meinem kaufte ich beim nächsten Besuch Goldringe, drei Stück, superdünn und vielleicht nur vergoldet, oder gab es tatsächlich drei goldene Ringe für 100 D-Mark?
Es ist nicht immer alles Gold … aber is ja auch Wurscht, der Händler hat gut verdient und du warst glücklich
Hosenträger mit Boss-Bekenntnis? Kannst dir nicht ausdenken 🤣. Klasse! Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: deine persönlichen historischen Rückblicke sind richtig klasse und horizonterweiternd.
Danke schön, ehrlich habe damals nicht an „Chef“ gedacht, sondern an Springsteen … aber so etwas war ja nun gar nicht zu kriegen 😉
Ach so! Die gedankliche Kurve hatte ich beim Lesen nicht gekriegt.
Die Chef-Allüren kam erst später 😉
Besser spät als nie 😉.
In Bayern gab es sogar ein zweites Begrüßungsgeld. Da wir lange anstehen mussten und es sehr kalt waren, kamen wohlmeinende Menschen vorbei und teilten heiße Getränke und für die Kinder (ich hatte meinen Sohn dabei, weil der ja auch Begrüßungsgeld kriegte) Schokolade aus. Damals fühlte ich mich auch wie ein Bettler. Und jetzt, wo ich das gerade schreibe, finde ich es immer noch beschämend.
Mein erster DM-Einkauf: Zwei Folienstifte und ein Kuscheltier für meinen Sohn.
Ist schon verrückt, wir schreiben hier über 100+ DM Begrüßungsgeld, die CDU spielt mit 1000 EUR Verabschiedungsgeld für rückkehrende Syrer
Gut, dass Du hier explizit auf dieses Diskrepanz hinweist. Das ist echt krass.
Satirisch: Müssen wir uns da noch nachträglich verar…t fühlen?
Vielleicht hätten wir besser nicht kommen, sondern gehen sollen.
Ei, Ei, Ei …
Aber jetzt haben sie uns an der Backe 😉