10) Akteneinsicht 1990: Go West

Auch wenn man 1990 nicht in den Westen zog, hielt der Westen überall Einzug.

Noch bevor die D-Mark zum neuen Zahlungsmittel wurde, kamen bald die ersten West-Produkte über die Grenze. Ich kann das nicht mehr an einem Datum festmachen, es muss aber so im Frühjahr 1990 gewesen. Die ersten Imbiss-Wagen rollten ein, Pommes und China-Pfanne gab es nun im Vorbeigehen. Lotto-Läden boten auf einmal auch West-Zeitungen und Softdrinks in Dosen an. Bäcker verkauften auch Speise-Eis und Süßwaren, Zigarettenwerbung wurde an jede Ecke genagelt und die Eis-Fahnen der noch unbekannten „Schöllers“ und „Langneses“ rausgehangen. Kaugummi-Automaten schmückten nun die grauen Häuserwände und fantastische Schreibwaren kamen in die Auslage. Die Vielfalt der Stifte, Textmarker und Eddings war verlockend, nur blöderweise unbezahlbar. In einer kurzen Zeit vor der Währungsunion im Sommer 1990, konnte man diese Produkte dann auch mit DDR-Mark bezahlen, aber zu einem Umrechnungskurs von 1:3. Die Jugendzeitung Popcorn, kam damit 4 Westmark oder eben 12 Ostmark. Also wurde viel geklaut und danach auf dem Schulhof gehandelt. Bravo-Einseiter-Poster für 1 Mark Ost, Bravo-Doppelseiter für 3 Mark Ost, usw … für einen Bravo-Starschnitt musste man sein Sparschwein schlachten.

In der zweiten Jahreshälfte, wurde der Westen auch an den Klamotten der Mitschüler sichtbar. Die, deren Familien das nötige Kleingeld hatten, erschienen bald mit entsprechenden Marken und Moden der Zeit. Die, bei denen das Geld zu Hause nicht so locker saß, trugen weiterhin den „DDR-Schick“, oder kleideten sich beim westdeutschen Discounter ein. So waren im Wesentlichen fünf Stilrichtungen sichtbar.

  1. USA: Hockeyjacke, Basketball, Rap, HipHop
  2. Sport: Sneaker, knallbunte Trainingsanzüge
  3. Rechts-militant: Bomberjacke, weiße Socken, Stahlkappen
  4. Links-alternativ: Punk, Pali, Gothik, Grufti
  5. Discount: Woolworth, Aldi, Polen-Markt

Mit der D-Mark kamen nicht nur die Produkte und Dienstleistungen, sondern auch der Beschiss. Viele „Ossi‘s“ erlagen den Versprechungen und fanden sich auf Verkaufsveranstaltungen und Kaffee-Fahrten wieder, kauften Heizdecken oder Unmengen Grünpflanzen vom LKW herunter („10 Töpfe für Hundert Mark und noch zwei dazu für den Herren hier vorn“). Der meisste Beschiss erfolgte wohl auf dem Gebrauchtwagenmarkt. In Windeseile wurde das Stadtbild mit alten West-Autos geflutet. Trabant und Wartburg wurden zu Pflanzkübeln, die neuen (alten) hießen nun Golf, Jetta, Corsa, Kadett, Fiesta und Escort. Ein Eldorado für windige Geschäftemacher.

In Folge der Währungsunion standen die DDR-Betriebe auf einmal im internationalen Wettbewerb, unproduktive Betriebe konnten nicht mehr mithalten, Exporte nach Ost-Europa wurden zu teuer, Subventionen des bankrotten Staates blieben aus und gleichzeitig galten nun auch neue Qualitätsstandards. Die Bürger kauften lieber Lebensmittel von „drüben“, Unternehmen gingen in die Insolvenz, Arbeitnehmer zum Arbeitsamt. Die „guten Stücke“ rissen sich Westdeutsche Unternehmen unter den Nagel, den Rest verkloppte die Treuhand häufig unter Wert. Menschen verließen das Land in Richtung Westen. Aber es gab auch Menschen die von West nach Ost zogen, entweder zum Feiern oder um endlich mal Chef zu werden.

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—> 11) Akteneinsicht 1991: Zwischen Heimat und System


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12 Kommentare zu „10) Akteneinsicht 1990: Go West

  1. Es war wohl mit der Währungsunion und der Sortimentsumstellung in der Kaufhalle, da kam von einer Woche zur anderen der Müll vor die Haustür. Ich erinnere mich, dass die Müllabfuhr mit ihrem (14-tägigen?) Rhythmus nicht hinterherkam und die Tonnen überquollen mit Joghurtbechern und all den anderen Einwegverpackungen, die wir vorher nicht hatten.

    1. Ich würde sagen, die Produkte kamen etwas eher als die Westkohle, aber letztlich war das ja eh alles eine Frage von wenigen Wochen. Wenn man heute stöhnt, wie schnell sich die Welt doch da draußen dreht … müsste man sagen … „reise mal ins Jahr 1990 zurück, das war schnell“

  2. Nach 1990 war der Fortschritt nicht mehr aufzuhalten.Im August 1990 fuhr ich mit dem Auto wie gewohnt nach Berlin.An der Grenze bei Helmstedt angekommen vermisste ich die Gerenzkontrolle. Man musste zwar noch immer im Bogen um die verschiedenen Gebaude herumfahren aber Niemand fragte mehr nach einem Reisepass und forderte die Insassen auf auszusteigen damit das Fahrzeug durchsucht werden konnte. Die Durchfahrt war schon recht geisterhaft ohne auf die erwartete Kontrolle gestossen zu sein. In Berlin angekommen war es ahnlich. Niemand kontrollierte die Fahrzeuge und Insassen und wir konnten ungefragt in Berlin einreisen. Am nachsten Tag ging es mit der S-Bahn vom Bahnhof Zoo zum Alexanderplatz. Am Bahnhof Friedrich Strasse angekommen mussten wir zwar umsteigen, aber die Passkontrollstellen waren unbesetzt. Ein wahrhaft ungewohntes Bild denn ich erinnerte mich noch daran dass ich anstehen musste um ein Tagesvisum fur die Einreise in die Hauptstadt der DDR zu bekommen. Ganz ohne Tagesvisum konnte der nachste Zug zum Alexanderplatz genommen werden. Wir entschieden uns den beruhmten Fernsehturm zu erkunden der ein Beweis fur die Uberlegenheit des Sozialismus war.

    In West Berlin durfte ich in in mehreren Restaurants und Geschaften nicht mit Kreditkarte bezahlen.

    Ganz anders war das in der fortschrittlichen Hauptstadt der DDR. Am Fernsehturm angekommen sagte man uns den Preis. Als ich dann nach Geld Ausschau hielt antwortete der Mann am Schalter sofort:“Hier konnen Sie nur mit West Geld oder Kreditkarte bezahlen.“

  3. Die Auswirkungen der Gebrauchtwagensache haben wir im Süden auch gespürt. Bei uns gab es nämlich plötzlich keine alten Gebrauchten mehr zu kaufen, weil die alle „rüber“ gingen.

  4. Wir besuchten im August 1990 eine Bekannte in Westberlin und sie lud uns ein, doch mal rüber an den Müggelsee zu fahren. Ich erinnere mich an die ruppeligen Straßen. In einem Cafe waren auf der Speisekarte die Ostmarkpreise einfach mit „DM“ überklebt. Für uns war das damals exotischer, als ein Urlaub in Thailand 🙂

    1. „Rüber an den Müggelsee“ war der grüne goto Place fürs Wochenende , aber dort alles entdeckt ist … würde ich lieber mal wieder Thailand bevorzugen

  5. Für Versicherungsvertreter war es auch das reinste Eldorado…

    Schon krass für wie dumm wir Ost-Deutschen gehalten wurden. Leider waren es viele dann auch und gerieten in arge Schwierigkeiten, in die sie nicht hätten geraten müssen. Vielleicht sollte man aber lieber sagen unwissend. Und Unwissenheit schamlos auszunutzen ist genau das: schamlos.

    1. Oh ja Versicherungsvertreter und Finanzspieler, ich möchte nicht wissen, wie viele DDR Vermögen, zunächst im Währungstausch halbiert, und dann abgezogen wurden.

      Weiß auch gar nicht, ob das nur Dummheit oder Unwissenheit war, sondern nicht auch ein großer Teil Gutgläubigkeit / Vertrauen in Menschen, die sie noch nie gesehen hatten, während es ja zwischen den DDR-Bürgern durchaus Misstrauen / Verdacht gab (staatsnahe Berufe, auffällige Autos, Reisetätigkeit)

      Doch dieses gesunde Misstrauen war mit Anblick auf die Schaufenster vergessen

      1. Oh ja, Ungeduld und Nachholbedarf. So ist das vermutlich bei Drogenabhängigen auch. Der schnelle Schuss mit üblem Zeug … nicht dass ich mich da auskenne.

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