Wenn ich das Wort Egoismus so vor mich hin und her drehe, kann ich darin mehrere Arten sehen. Mag sein, dass die Wissenschaft zu ganz anderen Definitionen kommt, aber ich will ja hier auch keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben. Ganz oben sehe ich die Kategorie des „Natur-Egoismus“. Darunter fallen Menschen, die ernsthaft davon ausgehen, dass sie ganz allein auf dieser Welt leben. Sie haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen, denn der jeweils andere, der egoistisch behandelt wird, existiert quasi nicht. Dieser Kategorie kann ich schon fast ein paar Sympathien abgewinnen, denn dieser Egoist ist mit sich absolut im Reinen. Er fühlt sich nicht schlecht dabei und kann sich gar nichts zum Vorwurf machen. Schlimmer ist eigentlich die zweite Kategorie. Die „Ignoranz“. Die Ignoranten wissen durchaus, dass es noch andere Artgenossen auf der Welt gibt und sie sehen sogar, wie sie anderen Menschen in der Situation eigentlich schaden. Aber es ist ihnen total egal. Es wird trotzdem entsprechend gehandelt. Hauptsache er oder sie oder auch seine Kinder setzen sich in der Hackordnung durch. Die dritte und vierte Kategorie, muss man ganz dicht beieinander eröffnen, denn sie agieren auf ähnliche Weise subtil. Beide könnten fast Zwillingsschwestern sein. Da sehe ich zum einen die „Einmischung“ und aber auch die „Bevormundung“. Beide Typen tanzen etwas aus der Reihe, da sie nicht so offensichtlich wie „Natur-Egoisten“ und „Ignoranten“ daherkommen. Aber für mich gehören sie mit dazu. Denn wenn wir in manchen Situationen quasi überhaupt nicht existieren oder auch mit voller Absicht ignoriert werden, frage ich mich in anderen Situationen, ob wir nicht selbständig genug sind, um nach eigenen Kriterien abzuwägen und unsere Entscheidungen zu fällen. Stattdessen grätschen aber in diesem Moment Personen oder auch Institution in unser anwesendes Leben und lassen die beiden Zwillinge darin toben. Mit schlauen Ratschlägen und vermeintlicher Expertise tauchen sie wie aus dem Nichts auf und geben ihren Senf zu unserem Alltag dazu. Auch wenn wir unser Leben lieber ohne Senf mögen.
Schlagwort: Alltag
1) Metropolen-Egoismus (Intro)
Metropolen-Egoismus? Was für ein eigenartiger Name für die Rubrik? Da möchte ich auch gar nicht widersprechen. Ich habe lange überlegt, wie ich das hier nennen könnte und es ist leider nichts vor meinem Inneren Auge erschienen, was vielleicht etwas cooler klingen würde. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich der Titel noch gar nicht so sehr festlegen will, er will noch etwas mehr Spielraum lassen und vielleicht mehrere Felder bedienen. Wir werden sehen, was sich so ergibt. Und was kann der Leser nun hier erwarten? Einen erhobenen Zeigefinger, dass wir doch alle etwas rücksichtsvoller miteinander umgehen sollen? Nein, diesen Anspruch haben die Texte nicht, obwohl das sicher mal dringend nötig wäre. Was wird es dann? Ein Klagelied auf die Ellbogengesellschaft? Nein, ich will auch nicht klagen. Klagen bringt nicht viel, besonders dann, wenn alles beim Alten bleibt und man nichts verändert. Ich will eher einladen zu einer kleinen geführten Sightseeing-Tour durch das häufig doch sehr raue Berlin. Besonders an den hässlichen Sehenswürdigkeiten des täglichen Miteinanders möchte ich gern etwas verweilen, ich will das Licht anschalten und die Kamera drauf richten. Das Übel ans Tageslicht zerren und öffentlich zur Schau stellen. Tja, was könnte dann sonst noch enthalten sein? Ein Appell an die Moral, Sitte und Anstand? Ja vielleicht ein wenig davon, denn es hört heute ja meist bereits dann schon auf, nachdem man einer alten klapperigen Frau in der Straßenbahn den eigenen Sitzplatz anbietet oder im Weg eines blinden Mannes etwas korrigierend eingreift. Und selbst diese Selbstverständlichkeiten scheinen vergessen worden zu sein.

