530) Are you content?

„Don’t be Content“. An diesem Schild lief ich während meines längeren Aufenthalts in >Bangalore jeden Tag vorbei. Das Schild stand auf dem Parkplatz einer Pizzeria in der Nähe des Hotels. „Don‘t be content“? Was soll das denn heißen? Ich soll nicht „Inhalt“ sein. Was wäre ich denn ohne Inhalt? Sowohl hier auf dem Blog als auch im Job. Aber irgendwann hab ich’s dann auch kapiert, “content“ kann auch „zufrieden“ heißen, „contentment“ die Zufriedenheit. Ich soll also nicht zufrieden sein, oder mich nicht zufrieden geben. Damit kann ich was anfangen.

Aber was macht Zufriedenheit eigentlich aus? Wohlstand? Karriere? Selbstverwirklichung? Freiheit? Familie? Soziale Kontakte? Gesundheit? Oder in der anderen Reihenfolge? Und muss das Streben noch mehr Zufriedenheit automatisch immer „mehr“ von irgendwas bedeuten, sondern kann „mehr“ Zufriedenheit auch aus „weniger“ entstehen? Sicher doch.

Weniger Arbeit, weniger Ärger, weniger Stress, weniger Hab und Gut. Und ist es nicht auch extrem abhängig davon, wo man sich gerade befindet, in welcher Situation man gerade ist? Mein Streben nach Zufriedenheit sieht doch bestimmt anders aus, als dass eines Familienvaters in der Ukraine oder als das eines Kokosnusshändlers in Bengaluru. Mehr Frieden, weniger Tote? Mehr verkaufte Kokosnüsse, weniger Verluste? Die Frage muss sich also jeder selber beantworten.

Und? Bin ich eigentlich „content“?

Eigentlich bin ich häufig unzufrieden und strebe nach Veränderung. Da um mich herum im Wesentlichen alle gesund sind, mir es an nichts Wesentlichem fehlt und mir keine Raketen in die Küche fliegen … dann ja, dann kann ich doch wohl sehr „content“ sein. Aber Zufriedenheit ist eben nicht da erreicht, wo die Bedürfnispyramide (nach Maslow) oben endet.

Vielleicht fängt sie da ja erst langsam an.

PS: im Nachgang habe ich herausgefunden, dass dieses Schild auf eine Marken-und Textberatungs-Agentur im Haus der Pizzeria deutete. Ich habe mit denen nichts zu tun, kriege auch kein Geld dafür, dass ich ihr Logo hier zeige, danke aber für den Denkanstoß.

335) Soweit alles gut!?

Ihr kennt das sicher auch. Da hat man seit Längerem mal wieder Kontakt zu jemandem, den man 1 oder 2 Jahre nicht mehr gehört hat und dann kommen euch Fragen wie diese entgegen:

  • Und, sonst alles ok?
  • Wie geht‘s euch denn so?
  • Wie ist es euch ergangen?

Ich hatte neulich so eine Kommunikation, aber um ihm das alles zu erklären, hätte ich Stunden gebraucht, also antwortete ich ganz kurz mit:

„Soweit, alles gut.“

Kurz danach habe ich mich etwas über meinen Satz „geärgert“. Denn es ist ja nicht alles gut und besonders die letzten zwei Jahre waren doch kein Spaziergang.

Also warum habe ich das so kurz abgetan?

  • War ich einfach zu faul, das ausführlicher zu beschreiben? Hatte ich keine Lust, das alles noch einmal zu sagen, zu schreiben, hochzuwürgen?
  • Vielleicht hielt ich es auch für eine Small Talk-Floskel, bei dem der/die andere nicht wirklich eine Antwort erwartet?
  • Möglicherweise war da auch eine Bescheidenheit im Spiel, andere Leute nicht noch mit unseren „Sorgen“ zu belämmern?
  • Oder ist es einfach genau so wie ich es geantwortet habe? Es ist gut. Ja „Gut“. Kein „Ja geht so“, kein „Man wurschtelt sich so durch“, kein „Na ja, könnte besser sein“, sondern einfach „Gut“. Wir sind gesund, haben keine nennenswerten Schäden erlitten und fliegen demnächst in den Urlaub, also was will man mehr?

Ist in der Retrospektive auf einen Zeitraum meistens alles gut? Auch wenn einzelne Tage oder Krisen in dieser Zeit, alles andere als „Gut“ waren. Übertünchen wir Menschen die Vergangenheit gerne mit einem „Gut“-Filter? Und was heißt „Gut“ überhaupt? Ist „Gut“ vergleichbar zu einer Schulnote 2,0? Oder ungefähr 80% von “amazing“ und „awesome“ oder vielleicht sogar 180% im Vergleich zu einem Familienvater aus Burkina Faso oder Luhansk?

Und jetzt mal angenommen, es ist wirklich alles „Gut“ aktuell, was würde ich ihm in einem Jahr antworten, wenn wir wieder Kontakt haben? 

Soweit, alles gut?