752) Auswärtsspiel – 3 … ziemlich bestes

Auswärtsspiel in Britz, Treffpunkt vor Ort Samstag, 08:00 Uhr.

Das ist zwar sehr früh am Morgen, aber ich erkläre mich bereit, die Jungs dorthin zu fahren.

Ich mache das mittlerweile ganz gern. So hat man ein bisschen Kontakt zu den Jungs, die in der Gruppe viel gesprächiger sind als allein zu Hause.

Auf der Hinfahrt sind sie angespannt und machen sich Gedanken über den Gegner. Das Internet bietet heute leider schon Möglichkeiten, die Mannschaftsfotos vorab zu betrachten. Und wieder waren da ein paar Kandidaten, die deutlich älter, breiter und bärtiger wirkten als die schmalen Jungs, die sicher hinter mir auf der Rückbank saßen und sich die langen Beine um die Ohren wickelten. Entsprechend rechneten sie von Anfang an mit einer herben Niederlage.

Um 09:00 Uhr erfolgte der Anpfiff. Die breiteren Spieler der „Blauen“ erschienen jedoch nicht zum Spiel. Die Mannschaften wirkten recht ausgeglichen, aber zur Halbzeit hatten unsere „Roten“ nur noch acht Feldspieler, Ersatz gab es nicht. Unser Trainer schmiss beim Stand von 1:4 das Handtuch, meldete die Mannschaft beim Schiedsrichter ab und verließ den Platz in Richtung Kabine. Ohne das mit den Jungs besprochen zu haben. Und das mögen Jungs mit 16 oder 17 Jahren nun einmal gar nicht. Sie wollten weiterspielen.

Die verbliebenen „Roten“ gingen zu den „Blauen“ hinüber und machten eine Fortsetzung des Spiels klar. Außerhalb der Wertung. Trainer und Platzwart waren nicht zu sehen. Einige der „Blauen“ warfen sich rote Jacken über. Der blaue Stürmer ging ins blaue Tor, der blaue Torwart stellte sich bei uns zwischen die roten Pfosten, unser Keeper verstärkte das rote Mittelfeld.

So entwickelte sich ein tolles Spiel. Jeder probierte etwas aus, es gab einiges an Tricks zu sehen. Es war schön anzuschauen. Die gefragtesten Spieler hießen „Bruder“, „Digger“ und „Hintermann“. Beide Teams achteten sehr darauf, sich nicht gegenseitig umzuholzen. Es wurde gelacht, abgeklatscht und applaudiert. Es war, man könnte sagen, herzlich.

So etwas macht mir Hoffnung.

Zum Ende kam noch kurz die Sonne heraus und ein Sahara-Staubkorn flog mir ins Auge.

So einfach könnte es sein

 

PS: Titelbild via KI, meine Handy-Schnappschüsse von Britz würden die Stimmung runterziehen 

636) Auswärtsspiel – 2

Seit >Auswärtsspiel – 1 sind schon sechs Jahre vergangen. Wahnsinn, wie die Zeit vergeht. Gesten trug es uns nach Berlin-Spandau. Eine kleine Weltreise in derselben Stadt.

Diesmal sind die Dinge etwas anders, als beim letzten Mal in 2019. Die vier Jungs sind alle 1,80 m groß, riechen gut, ihre Stimmen kratzen und hüpfen. Sie nennen sich gegenseitig alle „Digger“, das macht es mir als Fahrer leichter. Ich muss nicht auf Namen achten. 

Sie sind aufgeregt und auch angespannt. Die gegnerischen Spieler wurden gestern bereits übers Internet gecheckt. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei immer aufs Alter gelegt, auf die Breite ihre Kreuze und deren Bartwuchs, um daraus abzuschätzen, wie lädiert man nach Hause kommt. Eine weitere Komplikation an diesem Spiel wird sein, dass unser Torwart nicht einsatzfähig ist, es muss ein Feldspieler in den Kasten. Die Jungs befürchten daher ein Schieß-Buden-Spiel, aber mal sehen was draus wird.

Wir fahren wir über den Bezirk Wedding nach Spandau. Das ganze dauert wegen diverser Baustellen über 50 Minuten und so lausche ich ihrer Unterhaltung. „Sicher … Digger … Freunde der Sonne … checks‘t du‘s … ich check‘s nich‘ … ich check‘s Digger.

Zum Glück verwenden sie noch das Wort „geil“ recht häufig, dadurch komme ich noch ganz gut mit und verstehe worum es geht.

Beim Auflauf der Gegner werden unseren Spielern (und dem hier schreibenden Vater und dessen Bruder) die Knie weich. In Spandau scheinen Jungs in dem Alter größer und breiter zu sein. Im Spielfeldrand finden sich zusätzlich zwölf halbstarke Anhänger der gegnerischen Mannschaft ein. Sie balzen und rangeln untereinander, sie sind laut, ich verstehe kein Wort, vielleicht auch ganz gut so.

Es war ein raues Spiel, der Schiri war vom Gegner gestellt und stand immer 80 m weit weg vom Geschehen, es wurde viel beschwert und diskutiert. Die Jungs haben gekämpft und haben ganz schön gelitten, aber sie haben 8:0 gewonnen, durch Technik und Köpfchen! Während des ganzen Spiels knisterte es über dem Platz und jeden Moment drohte das Ding irgendwie zu eskalieren. Ich war zwar als „Verstärkung“ mitgekommen, aber üblicherweise kämpfe ich ja mit Worten und bin im Nahkampf absolut ungeeignet.

Nach dem Abpfiff wurde es dann bei den Kabinen noch mal etwas brenzlig. Ich zeigte da einfach nur Präsenz und guckte mürrisch drein, das kann ich ganz gut. Und dann aber ganz schnell zum Auto und ab nach Hause. Und natürlich noch ein Stop beim nächsten Burger-Bräter, die Gemüter abkühlen und die Akku‘s auffüllen.

Glückwunsch Jungs, gut gemacht und verdient gewonnen, aber irgendwann kommt wohl der Tag, an dem es mal kracht.

PS: Titelbild via ChatGPT