643) Vier-Tage-Woche und Work-Live-Balance?

Neu-Bundeskanzler Merz ist nun die dritte Woche im Amt und ein Zitat beschäftigt die Nachrichten, Podcasts, Gewerkschaften und Arbeitnehmer.

„Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance allein werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können“.

Da haben Sie Recht Herr Merz, aber was wollen Sie uns mit diesem Satz sagen? 

Wollen Sie etwa sagen, dass die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung aktuell die Hängematte ausbalanciert? Wollen sie kommende neue Arbeitszeitmodelle verhindern oder erreichte Flexibilisierungen der Arbeitszeit gar wieder abschaffen?

Die Deutschen leisten im Vergleich zu anderen EU-Ländern weniger Arbeitsstunden als andere Länder, so heißt es. Der statistische Grieche schuftet mehr, das mag sein, der Vergleich hingt aber, Griechenland und Deutschland lassen sich strukturell nicht vergleichen. Außerdem haben die Griechen weniger Feiertage und eine niedrigere Teilzeitquote.

Die Jungs vom Podcast „Lage der Nation“ haben das in Folge 432 schön auseinandergenommen und ich denke auch, bevor man über eine 50 Stunden-Woche nachdenkt (die viele Menschen heute schon haben), sollte man doch erst einmal bekannte Maßnahmen umsetzen, in denen verfügbare Arbeitsstunden schlummern, ohne das Soll für die heutigen Arbeitnehmer zu erhöhen.

Zum Beispiel:

  • Menschen die arbeiten können, zum Arbeiten bringen
  • Asyl-Gäste und Migranten schneller arbeiten lassen
  • Müttern in Teilzeit die Rückkehr in Vollzeit vereinfachen
  • Ganztags-Kinderbetreuung ausbauen, Fahrwege reduzieren
  • Ehegattensplitting a.k.a. „Herd-Prämie“ abschaffen

Aber selbst die fünf Maßnahmen zielen nur darauf ab, die verfügbaren Arbeitsstunden zu erhöhen, was mir da aber noch zu kurz kommt sind die Fragen „Wofür eigentlich“ und „Wie eigentlich“ wird Arbeitszeit geleistet?

Wofür wird die Arbeitszeit eingesetzt?

Wenn Arbeitskräfte knapp sind, ist es dann sinnvoll krampfhaft am konventionellen Auto-Bau festzuhalten, wenn sich E-Autos viel aufwandsärmer fertigen lassen? Muss man sich im Straßen-, Landschafts- und Wohnungsbau derart detailverliebt austoben, so dass der Ausbau einer Schule, eines Sportplatzes, eines Radweges mittlerweile drei Jahre dauert?

Versteht Herr Merz unter „Wohlstand“, dass man sich nachts um drei ein Stück Butter bestellen kann und irgendwelche prekär bezahlten Night-Workers währenddessen die Akkus an den E-Rollern tauschen? Könnte man diese vergeudeten Arbeitsstunden nicht sinnvoller einsetzen? Hätte der Pizza-Fahrer nicht schon längst mal zum Busfahrer ausgebildet werden können?

Wie verbringen Menschen ihre Arbeitszeit?

Wenn ich sehe, mit welchem Blödsinn sich so manch Beamte/r, Lehrkraft, Sachbearbeiter/in zeitweise beschäftigen muss, wie da im Öffentlichen Sektor aber auch in der Privatwirtschaft seit Jahren ein Schema „F“ durchgezogen wird und immer mehr Bürokratie oben draufkommt. Ist das produktive Arbeitszeit? Nein, das ist Anwesenheit gegen Geld. Das ist weder effizient noch effektiv. Es ist Verschwendung von Arbeitszeit. Ganz einfach.

Wenn ich sehe, wie Betonwege aufgebrochen werden und dann Straßenbauer tagelang auf Knien robben, um diesen Fußweg nun mit kleinen Steinen zu bepflastern … dann frage ich mich, ob das „Innovations-Land“ keine bessere Möglichkeit finden kann, diese Arbeits“zeit“ und Arbeits“kraft“ einzusetzen. Entsiegelung von Flächen ist wichtig keine Frage, aber so?

Allein das Potenzial, was durch ausbleibende Automatisierung, Digitalisierung und Komplexitätsreduzierung in Regeln, Gesetzen, Vorschriften ungenutzt bleibt, würde doch eher eine 32 Stunden-Woche rechtfertigen oder eben die Vier-Tage-Woche.

Also, Herr Merz, bei mir brauchen sie wegen höherer Arbeitszeit nicht anklopfen.

PS: Titelbild via ChatGPT

120) Zeit 1

Vor ein paar Tagen habe ich mir ein neues Hörbuch gekauft. Ein Jugendbuch. Ein Buch, dass schon auf einigen Blogs angesprochen wurde, mir sagte der Titel aber gar nichts. Bildungslücke? Einfach übersehen? Oder bisher keine Zeit gehabt? Vermutlich Letzteres.

Also fix heruntergeladen und beim Joggen angehört. Es begann aber „sehr gemächlich“, der Sprecher strahlte eine Gelassenheit aus, die in mir sehr schnell Unruhe entfachte. Sehr bald schaltete ich in der Hörbuch-App auf Tempo 1 1/4 und konnte dem Stoff immer noch gut folgen. Ein Amphitheater vor den Toren der Stadt, spielende Kinder, Phantasie-Spiel und so weiter. Mhm… passiert da noch etwas? Kann ich mit meiner Zeit nicht etwas Besseres anstellen? Ich überlegte abzubrechen, hörte aber weiter. Bis zum Kapitel 19, als die „grauen Herren“ die Bühne betraten. Und da hörte ich dann genauer hin, denn es ging um die Zeit. Ich muss sagen, ich gehöre auch zu den „von der Zeit getriebenen“. Vermutlich hört mein Umfeld folgende Sätze mehrfach am Tag von mir und rollt die Augen:

  • Ist noch Zeit?
  • Lass dir ruhig Zeit!
  • Los jetzt, wir müssen gehen!
  • Dafür habe ich nun echt keine Zeit!
  • Ich weiß nicht, was ich zuerst machen soll!
  • Das mache ich, wenn ich irgendwann mal Zeit habe!
  • Wann geht es los? Wie lange dauert das? Wann ist Schluss?
  • Und so weiter ….

Nun bin ich bei Kapitel 61 angekommen. Keine Ahnung was noch kommt. Aber ich freue mich drauf und frage mich, ob ich auch so einer von den „grauen Herren“ bin.

Wie das Buch heißt? Na, ich denke die eingefleischten Bücherwürmer haben es schon erraten, oder? Es ist nicht Pipi, auch nicht Lala und nicht Mini.

Es ist Momo 😉

Lesen, wer‘s noch nicht getan hat!

Oder hören … beim Joggen … auf Englisch. Dann ist‘s gleich dreimal produktiv 😉