3) Akteneinsicht 1988: Altstoffe und nasse Lappen

Für den zweiten Beitrag dieser neuen Kategorie >Akteneinsicht, gehe ich natürlich weiter ins Jahr 1988, bevor wir dann gemeinsam in die vollkommen verrückten Jahre 89/90 einsteigen.

1988, ein Jahr wachsender Opposition in der DDR, inspiriert durch die Reformpolitik in der Sowjetunion, die die DDR-Führung jedoch ablehnte und unterdrückte.

Was sonst so geschah:

Der August 1988 war ein Monat der Hochzeiten. Wegen des „magischen“ Datums 08.08.88  entstand ein Run auf die Standesämter, soweit ich mich erinnere. Auch 1988 gab es gigantische Konzerte, sogar im Berliner Osten (Bruce Springsteen, Joe Cocker, Bryan Adams, Depeche Mode).

Leider war ich mit 12 Jahren noch zu jung, dort hinzugehen, aber ich habe noch sehr gut die Schlange von Depeche Mode-Fans vor Augen, die an der Werner-Seelenbinder-Halle standen, um vielleicht doch noch ein Ticket zu ergattern und sich auch nicht scheuten, ihr Simson Moped dafür anzubieten.

Ich gewähre also wieder Einblick in mein Hausaufgabenheft. Wie schon beim ersten Beitrag formatiere ich eigene Einträge normal, Einträge von Lehrern fett, heutige Kommentare von mir kursiv.

<<Deckblatt>>

Aufkleber von Alf und Garfield (ja es gab bereits Aufkleber, man musste nur Schulkameraden mit Westverwandtschaft haben … und was zum Tauschen)

<<Regelmäßige Veranstaltungen>>

Di, Do ASG Vorwärts Brandenburger Tor (nicht zu Verwechseln mit dem ASV bitte)

<<Hausaufgaben>>

23.01.1988: Frühstücken / sowjetisches Spielzeug mitbringen

05.03.1988: 60 Pf Pionier Beitrag

23.03.1988: Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass sich T.‘s Verhalten im Moment verschlechtert. Ich muss Ihnen zu oft, zum Beispiel wegen Schwatzen ermahnen

30.03.1988, 15:00 Uhr: Fest der jungen Talente

11.04.1988: Altstoffe! (Mit dem sammeln von Flaschen und Altpapier ließ sich a) das Taschengeld aufbessern oder b) Daniel Ortega in Nicaragua unterstützen)

12./13.04.88: Der Elternbeirat und der Direktor rufen zum Subbotnik auf. (Subbotnik, ein „freiwilliger“ Arbeitseinsatz für Schüler und Eltern im Schulgebäude oder -Gelände. Würde den heutigen Schulen auch mal ganz gut tun.)

18.04.1988: Sportfest! Nassen Lappen!

25.04.1988: Appel! Turnschuh! Pionierkleidung! (Appell … liebe Leser … nicht Apple)

27.04.1988: 30,00 M Klassenfahrt, Reiszwecken (10)

25.05.1988: 9:25 Uhr, Schulhof! Imbiss! Nassen Lappen! 15:00 Uhr zu Hause (woher der plötzliche Bedarf an nassen Lappen im Mai 88 kam, lässt sich heut nicht mehr nachvollziehen)

02.06.1988: Appell, Pionierkleidung! Geografie Betragen: 3

05.07.1988: Freundschaftsrad (…ja mit d … ist kein Tippfehler)

10.10.1988: Altstoffe (Schon wieder)

11.10.1988: Altstoffe (Und wieder)

12.10.1988: Altstoffe (Wir haben viele Hinterhöfe der Mietskasernen besucht und waren in einigen Wohnungen, um Pullen und Papier rauszutragen … möchte ich heute nicht mehr so im Detail drüber nachdenken)

28.10.1988: Wandzeitung Material! (Ich erinnere mich, dass ganz gern gemacht zu haben. Ich glaube sogar, die Funktion des „Wandzeitungsredakteurs“ übernommen zu haben)

05.11.1988: Unterrichtsdisziplin muss besser werden!

11.11.1988: Russisch: Ohne Berichtigung/Unterschrift!

17.12.1988: T. hält sich nicht an die Norm!

<<Mitteilungen>>

Liebe Eltern! Am 15.03.1988 findet in der Aula 19:00 Uhr unsere thematische Elternversammlung statt. Eine Psychologin spricht über Fragen der altersbedingten Entwicklung der zehn bis zwölfjährigen. Wir hoffen auf Ihre Teilnahme.
KEA u. Klassenleiter.
Wenn Fragen, ohne Name und Anschrift, in Umschlag, morgen mitschicken

30.04.1988; T. erhielt ein Lob für die Einsatzbereitschaft bei der Erfüllung verschiedener gesellschaftlicher Aufträge des Pionierkollektives. Er arbeitete aktiv mit beim Messeobjekt.

Schultaschenrechner SR1
Der Kauf kann ab sofort bis Schuljahres Anfang abgewickelt werden. Zettel mitgeben. Keine Haftung für den Schein. 123,- M
Garantie! 2 Batterien – 2 Jahre, zwei Batterien 11,- Mark
Zum selben Laden, dann austauschen.
Garantie nur bei Werkfehler

(Wahnsinn oder? 123,- Mark für einen Taschenrechner!!!, mehr als zwei Monatsmieten. Frage mich nun rückwirkend wie dieser Preis entstanden ist. Vermutlich war er einfach zu merken und in dem Kontext irgendwie passend)

<— 2) Akteneinsicht 1987: Sozialistische Ordnung

—> 4) Akteneinsicht 1989: Wandel


Entdecke mehr von T.ipping-Point

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

8 Kommentare zu „3) Akteneinsicht 1988: Altstoffe und nasse Lappen

  1. Schon interessant was so gelehrt wurde in einer DDR Schule. Ich erinnere mich daran als ich 11 Jahre alt war hoerte ich zum erstenmal das Wort DDR. Es wurde allerdings immer mit dem Zusatz die „sogenannte“ verwendet. Eines Tages war ich neugierig und fragte meinen Onkel:“Was heisst eigentlich DDR?“ Seine Antwort war 1959:“Der daemliche Rest.“

    Like

    1. Nun gut, ich muss sagen, dass ich den ganz normalen Unterricht hier ausgeblendet habe. Wäre etwas öde, wenn ich nur den Stundenplan zitieren würde aus Mathe, Deutsch, Kunst, Physik, Russisch, Sport, Zeichnen, Musik, Geographie etc.

      Dass der Onkel damit falsch lag, das wusste er vermutlich Aber solch Spruch ist ja dann auch irgendwie „lustig“ … je nachdem, wo man lebt … oder leben muss.

      Gefällt 1 Person

  2. War der Wasserhahn defekt? Deshalb vielleicht der Bedarf, einen nassen Lappen zum Erfrischen nach dem Sport und Händewaschen vor dem Imbiss von zuhause mitzubringen. 🤔 Wenn uns die DDR-Zeit etwas gelehrt hat, dann, dass es für alles eine alternative Lösung gibt.

    Like

    1. Nun ja, zum Schuljahresende, gab’s auch eine etwas ausführlichere Beurteilung, wo es auch mal um die Stärken ging. Das Hausaufgabenheft diente zur Mitschrift der Hausaufgaben, und als Mitteilungs-Kanal der Lehrer an die Eltern. Und da gabs’ nun mal eher Beschwerden …ganz unschuldig war ich daran ja nun auch nicht

      Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar