9) Akteneinsicht 1990: Umbruch

Häufig spricht man ja von 1989, als „dem“ Wendejahr. Und das mag politisch gesehen auch stimmen, aber persönlich waren die Jahre 1990 und 1991 viel einschneidender. Mittlerweile hatten schon viele mal den „goldenen“ Westen besucht, und gesehen, dass auch der ganz besonders im Winter recht grau sein kann. Manch Lehrer oder Mitschüler kam gar nicht mehr zurück. 

Im Frühling gab es erste demokratische Wahlen, im Juli wurde die D-Mark zur neuen Währung erklärt, mehr dazu in einem separaten Beitrag. Und, auf einmal durfte man eine eigene Meinung haben, ja, man musste sogar. Was für ein Stress. Bisherige Spielregeln wurden herausgefordert, neue gab es noch nicht so richtig, ein kräftiges Durcheinander in der Gesellschaft und bei mir im Kopf.

Im Folgenden nun wieder Einblicke in mein Hausaufgabenheft, meine Einträge belasse ich „normal“, die von Lehrern/Schülern mache ich fett und heutige Kommentare gestalte ich kursiv.

<<Hausaufgaben>>
22.01.90: Hallo mein GESCHWÄRZT. ICH GESCHWÄRZT GESCHWÄRZT GESCHWÄRZT alles. Wenn ich Dich sehe geht für mich GESCHWÄRZT GESCHWÄRZT GESCHWÄRZT !

02.02.90: Fachzensur für heutige Leistung: 5, Disziplin: 5

03.03.90: Wähle eine Fabel von Lessing aus. Interpretiere sie, vergleiche diese Fabel mit einer von … kann ich nicht mehr lesen.

19.03.90: T. arbeitet kaum noch mit, er stört sogar im Unterricht, Leistungsabfall ist zu verzeichnen.

04.04.90: T.‘s Arbeitshaltung spiegelt sich schon in der Führung des Hausaufgabenhefts wider. Im Augenblick arbeitet er nur äußerst oberflächlich im Unterricht mit, was keinesfalls zu einer Verbesserung der Leistung führen kann. Ich glaube kaum noch daran, dass er wirklich etwas verändern will.

07.04.90: Perestoika! Glasnost!

10.04.90: T. quatscht im Unterricht und lenkt andere ab

09.05.90: Geschichte: Umrisskarte der DDR malen

17.05.90: Himmelfahrt      OLE !!!!

22.09.90: T. Könnte die Klasse mit vorwärts treiben, leider nutzt er seine Fä* dazu nicht. *Fähigkeiten

27.09.90: Gesellschaftskunde: Betragen: 3, Mitarbeit: 1 (…na geht doch)

01.10.90: T. erhält eine Verwarnung.

05.12.90: Musik: Thema = Neonazis

<<Mitteilungen>>
Liebe Eltern! 23.04.90 – 25.04.90.
Jugendherberge Dahmen in der Nähe von Malchin am Malchiner See
30,- M
Treffpunkt, 23.04.90 S-Bahn Steig Leninallee
Besteck, Hausschuhe, „Futter“, Telespiel, Walkman, Kassetten, TT-Kelle, Batterien

<<Zeugnis >>
06.07.90 … T. ist ganz bestimmt auch ein wenig enttäuscht von seinen Lernergebnissen in diesem Schuljahr. Das sollte er wirklich bewusst nach den Ursachen suchen, die nicht nur in den gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit liegen.

<<Bewertung Deutscharbeit>>
T., das ist eine Glanzleistung, denn so gut wie nichts gehört zu Kellers Novelle. Du hast also 4 Stunden lang nicht zugehört. Form und Schrift sind ebenfalls eine Schande für ein Schüler aus der achten Klasse. 2,5 / 14

<<Einschätzung Kl.8>>
08.10.90: … stellt häufig Fragen, die im Unterricht eine unnötige Diskussion hervorrufen, Pausendisziplin nicht immer akzeptabel. Walkman-Diskussion

18.12.90: … er ist zur Zeit mehr mit anderen Dingen beschäftigt, die mit dem Unterricht nichts zu tun haben … Vielleicht könntest du T., Manuela im Unterricht helfen, sie etwas anzuspornen, dürfte dir als ihrem Freund doch nicht schwer fallen (entsprechend eurem Verhalten habe ich dies geschlussfolgert)

What? Manuela … Manuela …?

Ach ja Manuela 😉

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10 Kommentare zu „9) Akteneinsicht 1990: Umbruch

  1. Ganz klar, eine prägende Zeit. Und Stoff für einen Roman 🙂 Also die „Lernergebnisse“ sind nicht nur auf die Umbrüche der Zeit zurück zu führen. Tolles Statement, du hattest sehr engagierte Lehrer.

  2. Ich glaube, eine Meinung haben zu dürfen, sich um sich selbst kümmern zu dürfen, Freiheit in Anspruch nehmen zu dürfen – aber eben auch zu MÜSSEN, das war schon für die allermeisten recht schwierig, weil wir das eben nicht gelernt oder sogar aktiv verlernt hatten. Und aus dieser „Kluft“ wurde dann auf diverseste Weise Profit geschlagen.

    1. und häufig wird heute noch nicht verstanden, was Meinung und was Fakt ist. Da wird auch in der heutigen Schule nicht viel drin geübt. Und weil man anscheinend immer einer Meinung haben „muss“, wird auch jeglicher Blödsinn kundgetan. Ich glaube es muss auch ok sein, zu bestimmten Dingen keine Meinung zu haben, da wäre öfter besser

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