738) Vollzeit in Ketten


Als ich gerade folgende Nachricht im Radio hörte, da blieb mir fast das Sonntagsbrötchen im Halse stecken.

Der Wirtschaftsflügel der CDU (MIT) will den generellen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit abschaffen. Künftig soll Teilzeit nur noch mit besonderer Begründung möglich sein, etwa wegen Kindererziehung, Pflege von Angehörigen oder Weiterbildung“ … so fasst mir die KI den Beitrag vom Deutschlandfunk zusammen.“

Die Folge war ein unmittelbarer Wutausbruch von dem ich mich nun wieder abkühlen muss.

Lieber Wirtschaftsflügel. Ja natürlich zahlen Menschen in Teilzeit weniger Steuern und weniger Sozialversicherungsbeiträge. Bei der eigenen Rente werden sie es später direkt über die Abzüge merken, beim Besuch einer Arztpraxis aber nicht, auch nicht bei den Diensten von Polizei, Justiz und Feuerwehr. Die können Teilzeitarbeitende weiterhin voll in Anspruch nehmen auch wenn sie weniger einzahlen. Da ist was dran.

ABER: Bevor ihr uns an den Arbeitsplatz kettet, sorgt doch bitte schön erstmal dafür, dass die Sozialsysteme und Verwaltungen effizient arbeiten. Das spart Geld und dann entkrampft sich auch der Fachkräftemangel (zumindestens mal auf den Büro-Etagen). Eine Krankenversicherung wird nicht nur teurer, weil das Lebensalter steigt und Medizin leistungsstärker wird. Eine Verwaltung ist nicht per Definition aufwändig und komplex … sie wurde so gemacht.

In körperlich geprägten Berufen ist die Teilzeitquote bei Männern ohnehin niedrig. Bei Frauen ist sie höher – aber nicht, weil sie alle kollektiv „Work-Life-Balance“ spielen wollen. Sondern weil dieses Land es im Jahr 2025 immer noch nicht schafft, flächendeckend verlässliche, bezahlbare und flexible Kinderbetreuung anzubieten.

Ich hoffe ernsthaft, dass der Fachkräftemangel zu einem gewissen Level erhalten bleibt. Denn dann müssen sich Arbeitgeber etwas einfallen lassen, ihre Mitarbeiter zu halten oder neue anzuwerben. Unternehmen werden freiwillig flexible Arbeitszeitmodelle beibehalten, auch wenn es nicht im Gesetz steht. Sollte KI aber zu erheblicher Freisetzung von „Human-Ressourcen“ führen und damit ein Arbeitgeber-Markt entstehen, dann sieht’s allerdings schlecht aus.

So und jetzt gehe ich wandern …
noch ein wenig meiner Freiheit genießen.

Grüße von der kleinen Atlantik-Insel

PS: Titelbild via ChatGPT



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8 Kommentare zu „738) Vollzeit in Ketten

  1. Ja, da muss am erstmal schlucken, es gibt wohl auch schon Gedanken, an den 8-Stunden-Tag ranzugehen. Die Effizient-Redner sollten mal nachdenken, wie viele Versicherungen, Krankenversicherungen, kreuz-und querverflochtene Verwaltungen es gibt. Dort sind unfassbar viele Menschen beschäftigt. Ob die als die typischen viel gesuchten „Fachkräfte“ einsetzbar wären?

  2. Es ist ja nicht nur die Kinderbetreuung. Bei vielen Familien um mich herum, wo die Eltern sich jetzt „einen schönen Lenz machen“ könnten, weil das letzte Kind an der Uni oder in der Ausbildung angekommen ist, geht es quasi nahtlos weiter, weil die Eltern pflegebedürftig werden. Und wer macht’s, weil Mama und Papa nicht ins Heim sollen, wollen oder mangels Platz und/oder Geld nicht können?
    Mal scharf nachdenken, vielleicht kommen dann selbst die MIT’ler darauf…🤦‍♀️.
    Ich schließe mich deinem Wutausbruch an. Genieße deine Freizeit, solange wir noch nicht wieder bei der 48-Stunden-Woche angelangt sind…

    1. Sprichst du natürlich einen wichtigen Punkt an, der natürlich noch dazu kommt. Interessanterweise spricht ja die Forderung der CDU gar nicht die Teilzeit-Mitarbeiterinnen an die wegen Kinder-oder Altenpflege kürzertreten, sondern „andere“. Wenn aber Männer statistisch kaum Teilzeit nehmen… wen meinen die dann eigentlich?

      1. in den deutschen Nachrichten hieß es gestern Abend 40 % der Beschäftigten arbeiten in Teilzeit. Gehen wir von 46 Millionen Beschäftigten aus, sind das stolze 18 Millionen. Angeblich sind 75% davon Frauen/Mütter, bleiben also 25% Männer, macht also 4 Mio Männer, die die CDU hier im Focus hat, abzüglich derer, die wegen Kinder- oder Altenpflege zu Hause sind.

        Also sagen wir mal 3 Millionen, 6% der Beschäftigen, die sich laut CDU „einen Lenz“ machen und in Lifestyle-Teilzeit sind …

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