100) Sekundenbruchteil-Momente 5

Habe lange nichts mehr über die winzigkleinen Momente geschrieben, die an sich nicht mal eine Sekunde brauchen, aber große Wirkung haben können.

Hier wieder ein paar gesammelte Momente der letzten Wochen:

  • In Eile über den Bahnhof hetzen, auf eine Rolltreppe springen, um dann beim Landen zu merken … dass die still steht.
  • Im Aufzug spontan in die Knie gehen, um die Schnürsenkel zu binden … und meinen, man schafft das schon in der noch verbleibenden Zeit.
  • In einem Meeting oder auf einer Familienfeier ein Statement abgeben, wo man noch während des Sprechens merkt, dass gleich jemand an die Ecke gehen wird … man aber nicht mehr abbiegen kann.
  • Durch unwegsames Gelände flitzen und kurz nach dem der eine Fuß abhebt und bevor der andere aufsetzt feststellen … dass das nicht gut gehen wird.
  • Zum späten Abend, ganz leise aus der Hose aussteigen … und sich mit einem Fuß im Gürtel verfangen.
  • Nach einem langen Tag in eine Hotelzimmer kommen … und hinter sich die Tür ins Schloss fallen lassen.
  • Bei Sauwetter endlich am Auto ankommen, reinspringen, die Tür zuschmeißen … und für einen Moment nichts tun außer … ausatmen.

Ach ja, jeder Moment so kurz und klein …

<— 59) Sekundenbruchteil-Momente 4

118) Postkarte vom Mischpult

Ein Jahresrückblick für 2024 zu schreiben, halte ich für verfrüht. Irgendwie habe ich das Gefühl, da kommt noch was. Bei den Konzertbesuchen kann ich allerdings ein Strich drunter machen, die Saison ist beendet und war sehr gut. Nicht überladen, aber hochwertig.

Hier also meine Konzerterlebnisse aus dem vergangenen Jahr

Ich fange mal mit November 2023 an, auch wenn es kalendarisch etwas aus der Reihe tanzt, war es gigantisch und der liebe J. und ich hatten einen verdammt guten Abend. Die Herren von Front 242 waren live in Heidelberg, mit Nitzer Ebb im Vorprogramm.

Im Januar und Februar hatte ich keine Gelegenheit für Konzerte, denn ich war ja >vier Wochen in Süd-Indien.

Im März zog es uns zu Nils Frahm in den Kulturpalast nach Dresden. Nils Frahm schätze ich sehr auf meinen Ohren, wenn ich mich mal abschotten will, aber keine Texte gebrauchen kann (z.B. im ICE vor dem Laptop).

Im Juni ging es zu den Jungs von Forced to Mode. Eine tip-top Depeche Mode Coverband war „zu Gast“ und performte ein super Heimspiel im Berliner Huxleys. Beste Wahl, wenn einem die Konzerte der senioren Engländer zu weit weg, zu teuer oder zu groß sind.

Im Juli war an Konzerte nicht zu denken. Wer hier regelmäßig mitliest erinnert sich vielleicht, dass ich >mich mit einer Kettensäge angelegt hatte.

Und dann war Nick Cave mit seinen Bad Seeds im September nach langer Zeit mal wieder zu Gast und hat eine ware Musikmesse abgehalten. „Into my arms … oh, Lord …“. Während ich das jetzt schreibe, treibts mir das Wasser in die Augen … die Zwiebeln fürs. Weihnachtsessen … ihr wisst schon.

Die Österreicher von Wanda kamen im September in die Nachbarschaft und unterhielten die Max-Schmeling-Halle. Wir hatten einen Stehplatz am Umlaufgitter, die Bar im Rücken, toller Abend, super Stimmung.

Im November ging es zu Tony Ann im Theater des Westens. Wahnsinn was dieses Klavier-Genie mit den Tasten anstellen kann. 

Wenn ich so meinen Laptop bedienen könnte, wie der das Klavier, würde ich sofort in Teilzeit gehen.

71) Clicks for Future !

Berlin. Einem findigen IT Consultant aus Berlin Prenzlauer Berg ist eine bahnbrechende Erfindung gelungen. Er kann mit den Millionen seiner täglichen Mausklicks nun grünen Strom erzeugen und damit einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten. Auf die Frage, wie er denn auf diese Idee kam, berichtete er dem Blatt, dass sein Brötchengeber einen Software-Vertrag (Saas) mit einer namhaften US-Firma abgeschlossen hat. Die Konfigurationsmöglichkeiten dieser Software sind schier endlos. Leider ließen sich all die Features aber nur mit der Maus verwalten, die gewohnten Tastenkombination die er von Windows und anderen Anwendungen kannte, funktionieren da nicht.

Also klickte er von früh bis abends, seine Unterarme wurden dick wie die von Popeye, die Orthopäden im Kiez schlugen die Hände über dem Kopf zusammen und lehnten jegliche Behandlung ab.

Mit seiner neuen Erfindung jedoch, kann er nun nebenbei das ganze Wohnhaus mit Strom versorgen, auch die E-Autos der Nachbarschaft laden ihre Batterien über seinen Unterarm. Er sei wohl bereits in Verhandlung mit dem Wirtschaftsministerium, so behauptet er. Der Wirtschaftsminister war schnell begeistert und stellte umfangreiche Förderungen in Aussicht. Das Zieldatum für die CO2-Neutralität Berlins wurde sogar von 2030 auf 2027 vorgezogen.

Leider stellte der IT Consultant erst nach Vertragsunterzeichnung fest, dass seine Erfindung einen Haken hatte, so jammert er nun. Schließlich würde mit dieser Idee nur Strom erzeugt, wenn er auch weiterhin klicken würde.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann klickt er wohl noch heute.

Klicker (m/w/d) gesucht!

593) Let it go, let it got, let it go!

Oh, the weather outside is frightful
and the news around so awful.
Who needs Christmas this year, oh no!
Let it go, let it go, let it go!

So würde ich die erste Strophe des Weihnachts-Hits umschreiben, aber mich fragt ja keiner.

Es sind nur noch zwei Tage bis zum Fest des Friedens, der Liebe und Hoffnung aber irgendwie … will es nicht so richtig werden mit der Vorfreude.

Um uns etwas in Stimmung zu bringen, besuchten wir am Freitag den Weihnachtsmarkt in der Berliner Kulturbrauerei. Das große Hofgelände ist eingefasst von Backsteinbauten und lässt mich jedes Mal leicht klaustrophobische Überlegungen anstellen. Scheiße, wenn hier mal was Schlimmes passiert. Aber es ist nichts geschehen, außer Wildburger, Elchbratwurst und Glühwein.

Als wir uns dann zurück auf der heimischen Couch fanden, um zu schauen, was die Glotze für uns vorbereitet hatte, folgten Nachrichten. Nachrichten aus Magdeburg. Furchtbar. Damit wurde das eh schon breite Spektrum verschiedenster Weihnachtsmärkte noch mal erweitert. Man kann nun wählen zwischen folkloristisch, ökumenisch, atheistisch, ökologisch, klaustrophobisch, agoraphobisch, terroristisch, islamistisch, extremistisch, anti-islamistisch. Für jeden was dabei. Sorry, tut mir Leid.

Am Samstag, in den Tiefen zweier Supermärkte, wollten wir etwas süßes zu Weihnachten mitnehmen. Spekulatius-Kekse, Dominosteine oder ähnliches. Aber das Regal war bereits leergeräumt. Vermutlich um Platz für Ostern zu schaffen. Aber ich bin auch selbst Schuld. Ich hätte das Zeug ja schon Ende August kaufen können. Ich muss halt antizyklisch konsumieren. Wenn man jetzt im Winter eine Winterjacke braucht, da hat man halt auch Pech. Muss man im Sommer kaufen.

Apropos Winterjacke. In der Warte-Schlange der Reinigung diskutierte eine Frau in lädiertem Mantel mit dem Schneider, wie der doch bitte seine Arbeit zu machen hätte. Es widerstrebte ihm sichtlich und er tat sich schwer, diesen Auftrag entgegen den Regeln seines Handwerks anzunehmen.

  • Sie: „Sie verstehen mich nicht“ redete die Frau minutenlang auf ihn ein.
  • Er: „Nein, sie wollen mich nicht verstehen, das geht so nicht“ erwiderte er.
  • Sie: „Ich will das aber so.“
  • … Wiederholung
  • … Schleife
  • Er: „Na gut, wenn sie es so wollen“ gab er sich geschlagen.
  • Er: „Sie können es am 8. Januar wieder abholen.“
  • Sie: „Das geht nicht, das ist meine Winterjacke und die brauche ich jetzt.“
  • Er: „Na gut, lassen sie mich mal sehen. Also 4. Januar könnte auch gehen.“
  • Sie: „Nein, ich brauch‘ die eher. Da muss doch was zu machen sein.“
  • Er: „Tut mir Leid, der Laden hat geschlossen. Es ist Weihnachten.“
  • Sie: „Nein, dann nehme ich die Jacke wieder mit.“
  • Er: „Wie sie möchten. Auf Wiedersehen.“
  • Ich: „Tach‘chen. Ganz einfach, elf Hemden, aber zählen sie noch mal nach.“
  • Er: … lächelt erleichtert.

Ein Anwohner, eine Straße weiter, hat‘s richtig gemacht. Der hat bereits am 21.12.24 seinen Weihnachtsbaum auf dem Gehweg entsorgt. Was für ein Statement.

Schöne Weihnachten
T.Head

592) Einfach tauschen

Heute habe ich mal wieder einen Radio-Schnipsel aufgeschnappt, bei dem es um die Frage ging, ob es nicht auch eine Idee wäre, die deutschen Tankstellen mit austauschbaren Akkus auszustatten, statt (nur) das ganze Land mühsam mit Ladesäulen vollzustellen?

Die Idee war mir jetzt nicht so neu, aber natürlich, drüber nachdenken kann man ja mal und in China praktiziert man das wohl bereits. Und selbst hierzulande gab‘s das alles schon mal (Batteriepacks zum Einsetzen in Laptops und Mobiltelefone) und gibt es noch (Gaskartuschen für den Wasserfilter, genormter Bierkasten).

Und mit dem Konzept „Einfach tauschen“ entstehen viele neue Ideen:

  • Statt Handy laden einfach tauschen
  • Statt Wohnung putzen, einfach tauschen
  • Statt Magen füllen, einfach tauschen
  • Statt Zähne putzen, einfach tauschen
  • Statt Nägel pflegen, einfach tauschen
  • Statt Kinder großziehen, einfach tauschen
  • Statt Beziehung pflegen, einfach tauschen
  • Statt Mitarbeiter coachen, einfach tauschen
  • Statt Kopf zerbrechen, einfach tauschen

Juhu. Wie praktisch.

591) Niemand braucht mehr einen Fernseher!

Vor ein paar Wochen schaffte sich der Schwiegervater einen neuen Fernseher an. So ein Ding aus Fernost, woher auch sonst. Das bisherige Gerät war zwar etwas in die Jahre gekommen, ist aber voll funktionstüchtig … und trotzdem ausgemustert worden. Und wie das dann so ist, dann steht er da rum, man läuft immer dran vorbei und mag ihn nicht entsorgen. Ist ja noch gut, funktioniert ja noch, könnte sich vielleicht noch jemand drüber freuen.

Ich hab ich festgestellt, dass es mir leichter fällt, einen Röhren-Fernseher mit viel Schwung auf den Müll zu werfen, als einen viel leichteren Flat-TV. So was macht man nicht.

Also sprach ich eine meiner ukrainischen Kontakte hier in Berlin an. Wer weiß, dachte ich, vielleicht gibt’s ja da Flüchtlingsheime oder temporäre Unterkünfte, wo man sich sich so ein Ding gern an die Wand hängt. Die junge A. versprach, sich mal um zu hören und sich gleich wieder zu melden. Eine Stunde später kam die Antwort: „Leider braucht heutzutage niemand mehr einen Fernseher! Aber vielen Dank, dass du mir geschrieben hast!“

An der Antwort knabbere ich immer noch.

Sie hat nicht geschrieben, dass sie schon alle drei Fernseher hätten, auch nicht, dass der vielleicht zu klein oder groß sei, auch nicht, dass er vielleicht nicht kompatibel ist … sondern einfach nur das heutzutage „niemand“ mehr einen Fernseher braucht.

Tja, so ändern sich die Zeiten. Da wo ich aufgewachsen bin, kam ein Farbfernseher ungefähr 100 Monatsmieten und die kleine Omma (R.i.P.) musste stundenlang dafür anstehen.

Heute gibt’s Fernseher wie Sand am Meer, aber entweder man braucht man gar keinen mehr „wegen Internet“ oder hat keine Wohnung, wo man den hinstellen kann.

Andere Beiträge zum Thema Fernsehen:

590) Der pink-woke Weihnachtsbaum

Nachdem der Weihnachtsbaum zwei Wochen lang nur elektrisches Licht trug, sonst keinen weiteren Schmuck, ging es nun in die nächste Ausbaustufe. Der Baum gibt sich dieses Jahr ganz divers, multikulti, vegetarisch, schrill, animalisch … fruchtig. Ein Flamingo im Minirock, ein Elch in Ballett-Schuhen, ein pinker Kugelfisch mit Kussmund, ein quietschgrüner Kaktus, ein adipöser Mops auf einer rosa Decke, eine Ananas in ungemütlichem rosa und ein Hotdog, wobei mir bei dem noch nicht klar ist, ob der Dog wirklich ne Wurst ist oder ne Paprikaschote sein soll. Und mehr davon. Stück Melone (rosa natürlich), Sneakers (auch rosa … wat sonst) und ein Elefant (lila-grün … immerhin). Da fühle ich mich als weis(s)er mittelalter Endvierziger schnell ausgeschlossen. Früher … ja … früher, da hing hier vielleicht noch ein Miniatur-Laptop am Baum, ein Flugzeug, ein Rennwagen, ein Fußball oder was zum Naschen. Aber nun ein Potpourri aus Zoo und Obstplantage.

Und nich‘ mal Lametta. Nich‘ ein Streifen.

Ich muss nachverhandeln.

Familienausschuuuuuuuuuusss!

Nachtrag 17.12.24 20:26 Uhr:

Auf speziellen Wunsch von Anke, hier nun ein Foto der/die/des adipösen Mops:es:in:… weißtschondings

LG nach Norditalien … wat‘ hängt‘n bei euch an‘er Tanne?

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11) Akteneinsicht 1991: Zwischen Heimat und System

Den folgenden Teil der Reihe >Akteneinsicht, schiebe ich schon etwas länger vor mir her. Es war immer klar, dass dieser Beitrag irgendwann mal anstehen würde, aber ich weiß nicht, wie ich ihn beginnen soll. Es geht darum, dass die DDR rückblickend oft „Unrechtsstaat“ gennant wird, für den Großteil der Bürger dort aber auch einfach „Heimat“ hieß. Und „zu Hause“ definiert sich nun mal auch durch Alltag. Zum Beispiel durch Wohnung, Schule, Arbeit, Urlaub, Freunde, Familie, Kollegen, Datscha, Verein und so weiter. Aber auch Orte, Wege, Organisationen, die dem Leben Struktur und Vertrautheit bieten, gehören dazu. Und die wurden binnen nicht mal eines Jahres abgeräumt.

Ich glaube, es war Ende 1990, da wurden die Schülbücher ausgetauscht. Statt vom Verlag „Volk und Wissen“, wurden wir nun von Cornelsen, Westermann und Klett ausgestattet. Was gestern falsch war, wurde über Nacht richtig. Die Aufmachung und Papierqualität war hochwertiger, dadurch waren sie aber auch deutlich schwerer als die DDR-Bücher. Und sie enthielten „andere“ Fakten (speziell in Geschichte, Sozialkunde etc). Ist das denn nun die Wahrheit? Oder nur einfach nur eine andere Sicht auf die Dinge? Das wurde nicht mit uns besprochen.

Genauso eifrig war man beim Umbenennen von Straßen, Plätzen und Schulen. Ja natürlich waren die Namen Thälmann, Lenin, Luxemburg, Dimitroff, Grotewohl, Piek im Stadtbild deutlich überrepräsentiert. Und wir hatten mittlerweile vermittelt bekommen, dass das eben nicht nur „Helden“ des Kommunismus und Sozialismus waren. Ein großes Durcheinander folgte. Für die Taxifahrer konnte das Problem einfach mit erweitertem Anhang in Berliner Stadtplänen gelöst werden, in dem sich ein Verzeichnis alter und neuer Straßennamen fand. Für die Jugend fand ein solcher Transfer, inhaltlich meine ich, nicht statt.    

Dass Städte wie Karl-Marx-Stadt wieder in Chemnitz zurückbenannt wurden, und „Wilhelm-Pieck-Stadt Guben“ einfach wieder nur die „Kleinstadt“ Guben am Fluß Neiße sein würde, war mir ziemlich egal. Als es dann aber auch der  kleine Brandenburger Ort Lehnin (mit „h“ wohlgemerkt und erstmals erwähnt um das Jahr 1200) in den Focus kam, da wurde erkennbar, wie irre das teilweise zuging.

Aber selbst das, das waren ja nur Buchstaben, die man recht schnell austauschen konnte. Beim Abriss von großen Denkmälern tat man sich sich schon schwerer. Spezielle Diamant-Säge-Blätter mussten rangeschafft werden, um den großen Lenin am Leninplatz unweit von hier zu demontieren (spektakulär im Film „Good Bye Lenin“ zu sehen). Auf dem glatten Granitplatz konnten wir vorher wunderbar Skateboard fahren. Der war dann leider futsch und wurde zum „Platz der Vereinten Nationen“ mit langweiliger Wiese, Kieselwegen und Springbrunnen aus großen Steinen (siehe Titelbild).

Den Nummernschildern an den Autos ging es auch schnell ans Blech. Die Ost-Berliner führten vorher ein „I“ vorn im Schilde, bei denen war das neue „B-“ schnell beliebt. Allerdings mussten für die Ost-Berliner Autos neue Buchstabenbereiche eröffnet werden und somit war im Straßenbild doch recht schnell klar, wer aus dem Osten kam und wer nicht. Alte „Westberliner“ Kennzeichen standen Hoch im Kurs, um nicht als Ossi erkannt zu werden. Ich erinnere mich auch, dass das Nummernschild beginnend mit OST- eigentlich für die Stadt Osterburg gedacht war, dass dann aber mehrheitlich abgelehnt wurde. Niemand wollte so nach Bayern oder Baden Würtenberg dem Urlaub oder neuen Job entgegen fahren. Aus OST- wurde dann SDL- … keine Ahnung wo das ist, aber Hauptsache nicht „Osten“.

Und auch damit entstand etwas Gefährliches, was heute noch seine Auswirkungen hat. Natürlich war der „Ossi“ in vielen West-Gepflogenheiten unerfahren, viele Menschen verloren zudem Job, Identität und Halt. Viele mussten wieder von ganz “unten“ anfangen, fanden sich in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) und wurden erneut enttäuscht. Ein gefundenes Fressen für schlaue „Besser-Wessi‘s“ und die Erfinder von Ossi-Witzen. Es enstand eine gewisse Scham, als Ossi aufzufallen. Sei es über Nummernschilder, Klamotten, Sprache oder Lebensläufe. Als geborener Ost-Berliner, konnte ich immer voll überzeugt sagen, ich käme aus Berlin. Während der Berufsausbildung, fand ich erstaunlich, wie lange meine Azubi-Kollegen aus z.B. Bayern mein „Berlin“ automatisch als West-Berlin deuteten. Wenn ich mal beim Bierchen durchblicken lassen habe, dass ich aus Ost-Berlin stammte, kamen häufig Antworten wie „Ach das hätte ich ja jetzt nicht gedacht“ oder „Siehst ja gar nicht so aus“.

Manchmal begegnet mir heute gelegentlich eine gewisse „Ostalgie“ und gleichzeitig stößt sie mir dann aber auch sauer auf. Wenn es den Anschein hat, da würde jemand ein Unrechtssystem schönreden, mag das in Einzelfällen sicher stimmen. Für die Mehrheit sind es doch aber Erinnerungen an … Heimat und Herkunft … und den nicht ausgiebig genug geführten Dialog in der Zeit der Wende. Übrig geblieben sind heute oft nur eine Zeitlupe aus Champus und Feuerwerk auf der Berliner Mauer, untermalt vom „Wind of Change“ der Skorpions.

<— 10) Akteneinsicht 1990: Go West

—> 12) Akteneinsicht 1991: Abklingbecken

70) Britney Spieße und Rollende Steine

„Berlin, zwei Wochen nach der mittlerweile ausgezählten Neuwahl zum deutschen Bundestag, hat das neue rechtskonservative Regierungsbündnis nun auch das Ministeramt zur Bewahrung des Deutschen Kultur- und Liedguts besetzt. Wie zu erwarten wird dieses Amt der hierzulande bekannte „Heino“, antreten. Er äußerte sich bereits auf einer Pressekonferenz zu seinen Plänen. Als Sofortmaßnahme kündigte der Minister an, sämtliche fremdsprachigen Musikstücke mittels KI synchron ins Deutsche zu übersetzen. Ausnahme bilden Texte aus Österreich, sofern sie im Interesse der neuen Deutschen Regierung und der dortigen Schwesterparteien sind.

Alle Radiostationen, Streaming-Dienste und Web-Plattformen werden ab 01.04.25 dazu verpflichtet, fremdsprachige Texte zu übersetzen, es bestehen keine Ausnahmen. Verstöße gegen diese Anordnung werden wahlweise mit 30 Jahren Freiheitsstrafe oder 15 Jahren Arbeitslager geahndet, sowohl auf der Sender- als auch der Empfänger-Seite.

Und nun gleich das Wetter und im Anschluss das Beste aus den 80-er, 90-er und 00-er Jahren auf Rrrrrrradio Heimat, ihrer neuen Hörfunk-Alternative Deutschlands. Frei von Gebühren, Genderwahn und Rundfunkrat.

Wir machen weiter mit einem Italiener namens Eros Kräuterschnaps und seinem Immergrün „Das schönste Ding“, gefolgt von der Engländerin Britney Spieße und ihrem Hit „Schlag mich, Säugling, noch einmal“ und dann bleiben wir noch auf der Insel des schlechten Wetters und bedauern die Rollenden Steine mit ihrem „Ich kriege keine Befriedigung“.

Vielen Dank fürs Zuhören. Wir hören uns morgen.

PS1: alles fing mit einem sehr kurzen Kommentarwechsel mit Anke an, bei dem ich die Frage aufwarf, ob es denn nicht auch gut sei, fremdsprachige Songs nicht zu verstehen.

PS2: Nicht gleich aufregen, nennt sich Satire und ist von der Kunstfreiheit gedeckt

PS3: Titelbild mit WordPress-KI

PS4: meine Güte, ich hänge hier bald noch eine AGB an

589) Stutzmomente

Kennt ihr solche Momente? Ihr lest im Vorbeigehen ein paar Worte oder ihr schnappt einen gesprochenen Text aus dem Radio auf und dann denkt ihr, ihr hört und seht wohl nicht richtig. Als hätte man was auf den Ohren oder Dreck auf der Brille. „Das haben die doch jetzt wohl nicht im Ernst gesagt.“

Wenig später löst sich das dann auf und ist dann, für mich zumindest, lustig.

Ich habe ChatGPT befragt wie man dieses Phänomen nennt: „„Double-take“ ist im Englischen ein geläufiger Begriff und bezeichnet den Moment, wenn man etwas zweimal überprüfen muss, weil es beim ersten Mal seltsam und überraschend wirkt. Im Deutschen gibt es dafür kein direktes Pendant, aber Ausdrücke, wie „nochmal hinsehen“ oder „stutzen“ beschreiben ähnliche Momente.“

Und da es ja hier bei T.ipping-Point oft um kleine Momente mit irgendeiner Wirkung geht, nenne ich die den Beitrag „Stutzmomente“, Fortsetzung nicht ausgeschlossen.

Hier die Stutzmomente aus den letzten Wochen. Für die meisten Momente liegt die Auflösung auf der Hand, aber ich schreib sie mal trotzdem dahinter, da das nicht in allen Fällen so klar ist.

Ick‘ seh‘ wohl nich‘ richtig:

  • modernes Badezimmer mit Erdbeben (… Erdboden)
  • Kariesmesse (… Karrieremesse)
  • Wehrersatzpflicht für einem Aida Gutschein (… Wertersatzpflicht)

Ick‘ hör‘ wohl nich‘ richtig

  • Dreifaltigkeitsküche in Berlin (… Dreifaltigkeitskirche)
  • Gesundheitsminister Lauterbach spricht von Antiidiotika (… Antibiotika)
  • der Hauptgeschlechtsführer (…Hauptgeschäftsführer
  • Raucherschutzprojekte (… Verbraucherschutzprojekte)
  • hat die Zahl der Asylanträge den tiefsten Wert seit 200 Jahren erreicht (… zweieinhalb)
  • blockiert ein liegengebliebenes Auto die Schandspur (… Standspur)
  • Leichenteile auf der Fahrbahn (… Reifenteile)

Habt ihr solche Momente auch? Bitte um Input, dann würde ich die Besuche bei HNO-Schlosser und Augen-Klempner nochmal vertagen.

PS: Titelbild mit Hilfe der WordPress-KI