125) Corona-Lektionen 34

Sind seit dem letzten Beitrag dieser Reihe (>hier) wirklich schon wieder drei Wochen vergangen? Mensch, die Zeit rast doch, oder? War das eigentlich vor Corona auch schon so? Viele sagen ja, sie hätten kein Gefühl mehr für die Zeit, die so vergeht.

Andere berichten, sie fühlen sich in einer anderen Realität. In mehreren Realitäten sogar. So geht’s mir auch. Und solche Realitäten, die sollen heute mein Thema sein.

Widmet man sich den Nachrichten, gibt’s aktuell verschiedene Realitäten:

  • Da gibt‘s Berichte aus Ländern, die verstanden haben, dass sie ein ernsthaftes Corona-Problem, aber immerhin drastische Maßnahmen eingeleitet haben.
  • Da sind Länder, die zögerlich wieder öffnen und eine Riesen-Angst vor dem Schulbeginn haben, wenn die Corona-Souvenirs auf dem Schulhof getauscht werden.
  • Da gibt’s Regierende, die Corona immer noch als „Blödsinn“ abtun und mit Thumbs up in die Kamera grinsen, während ich mich frage, ob der Virus vielleicht doch mal an deren Haustür klopfen könnte.

Dann folgt der dünne Sport, die Lotto-Zahlen und das Wetter. Immerhin Wetter gibt’s noch.

Wenn ich danach zufälligerweise in Filme, Serien oder Werbung hineinzappe, fühle ich mich völlig fehl am Platze:

  • Da schippern Kreuzfahrtschiffe durch die Karibik und Kripo-Beamte untersuchen einen Mordfall im Rotlicht-Milieu.
  • Da gibt es Game-und Talkshows vor Publikum, meistens Retorte. Wenn die Ränge leer sind, kommt der Applaus vom Band.
  • Und auch die Werbung zwischendurch führt uns durch eine heile Welt. Nix Virus, nix Maske, nix Abstand, sondern alles beim Alten.

Ist es vielleicht das Sommerloch? Oder müssen sie die alten Gerichte wieder warm machen weil seit März nichts mehr produziert oder synchronisiert wurde? Bringt man einfach dieselbe Sauce immer wieder, um die Leute bei Laune zu halten? Bis dann mal alles wieder „so wie früher“ wird?

Vielleicht schaue ich ja zu wenig TV, um mir ein vollständiges Bild zu machen. Aber wo ist der elegante Geheimagent im Smoking, der mit Mund-Nase-Schutz eine Dame rettet? Wo ist die gelbe Comic-Figur, die sich die Hände desinfiziert, wenn sie vom Skateboard steigt? Wann sehen wir endlich die erste Vorabend-Serie mit Homeoffice, Seifenspender und Glasscheibe an der Kaffee-Bar?

Das ist doch die Realität! Oder bin ich im falschen Film?

Frohes Nachdenken! Kommentare gern hier unten drunter!

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124) Kaffee-Dialoge

Wir tuckern mit reduzierter Geschwindigkeit über die Autobahn. Irgendwo zwischen Brandenburg und Meck-Pomm werden meine Augenlider schwer, ich brauche einen Kaffee. Also fahren wir rechts raus, stellen die Karre ab und machen uns auf die Suche nach einer Kaffee-Bar. Beim Betreten des Gastro-Tempels, macht sich Ernüchterung breit. Keine Kaffee-Bar, keine dampfenden Maschinen, kein Italo-Flair, kein Klappern von Espresso-Tassen. Nur ein Tresen, eine Dame hinter Corona-Plastik und ein paar Automaten der Marke Prallmeier in ihrem Rücken. Mhm, nicht so prall, aber ich brauche jetzt ein koffeinhaltiges Heißgetränk. Hilft nichts.

Ich steige in einen Kaffee-Dialog ein

„Hallo, was darf‘s sein?“
„Guten Tag, einen kleinen Kaffee zum Mitnehmen bitte.“
„Wie hätten‘sen den gern. Als Crema oder Filter.“
„Oh bitte Crema“, sage ich, als sich vor meinem inneren Horror-Auge eine Glas-Kanne mit abgestandenem Filter-Kaffee aufbaut.
„So bitte, macht soundso viel und einen schönen Sonntag noch.“
„Danke, ihnen auch. Ähm. Zucker und Milch … stehen …?“
„Dort“, sagt sie und zeigt auf die Seite.
„Alles klar, danke“

Ich optimiere meinen Kaffee mit Milch und Zucker.

Ein weiterer Kaffee-Dialog beginnt

„Hallo, was darf‘s sein?“
„Ick muss ers‘mal gucken …“, stammelt sie.
„Schauen Sie nur“
„Is‘ ja nur Prallmeier hier, wa? Jib‘s och janz normalen Kaffee?“
„Was meinen Sie mit normalem Kaffee, wir haben verschiedene ….“
„Ja aber nur von Prallmeier, richtich?“
„Ja, wir haben alles von Prallmeier“, sagt die Dame hinterm Plastik.“
„Ick such‘ ja eher wat janz normalet. So‘n Filta oder so wat.“
„Filter-Kaffee? Ja den kann ich ihnen auch machen.“
„Jut, dann zwei Filta … oder Heinz?“ Heinz …?
„Na wo is‘n der jetz’e hin? Da red‘ ick‘ mit dem und der is‘ ja nich‘ mehr da. So wat aba och. Da kann ick ja lange reden man.“
„Haaaaiiiiinz, wo bist du? Haaaaaaaiiiiiiiiiiiiiiinz!

Ich greife mir meinen Kaffee. Abmarsch, wir müssen weiter.

123) Datenschutz Berliner Art

Egal ob nun dienstlich oder privat, jeder wird nun schon mal von Datenschutz und Datenraub gehört haben. Vielleicht fühlt man sich übersensibilisiert oder verschreckt, vielleicht ist man aber selber schon Opfer gewesen. 

Ob nun Konto leer geräumt,  heikle Fotos im Internet wiedergefunden, die Kreditkarte gehackt oder eine Rechnung für zehn Rolex-Uhren bekommen, die man selber nie bestellt hat. Alles doof irgendwie, wenn man nicht auf seine Daten aufpasst.

Gestern in den Räumen der Spaßkasse um die Ecke:

Ich brauche etwas Bargeld also nähere ich mich den Türen des Instituts. Zwei kräftige Wachleute öffnen mir dir Tür (nicht der >humanoide Tür-Roboter, der sonst nach Ladenschluss dort die Türen öffnet). Sie fragen mich, ob ich Geld am Automaten abheben wolle. Ich nicke artig und ziehe mein ehemaliges Freizeithemd über Mund und Nase. Dann gehe ich zum Automaten und lasse mir ein paar Scheine auswerfen. Außerhalb meines Blickfeldes, entsteht ein kleiner Tumult.

Eine Frau kämpft mit einem Self Service Terminal und flucht vor sich hin. „So ein Scheiß-Ding“ …. „Was soll der Schwachsinn … „Maaaan, du kannst mich mal“ und so weiter. Auf einmal keift sie durch den Automatenraum der Spaßkasse: „Ey. Dit is Daaaaaatenschuuuutz, maaaaan!“

Ein kleiner, älterer Herr mit grauem Haar steht an ihrer Seite, wedelt beschwichtigend mit den Händen und redet beruhigend auf sie ein.

„Nun entschuldigen s’e mal, ick wollte doch nur den Spaßkassenchef holen, damit der sie helfen kann mit den Jerät da“, sagt er und zeigt auf das Terminal, will sie beruhigen.

Die Wachleute halten Abstand und mischen sich da besser mal nicht ein. Ich muss weiter.

Ach Berlin, du kannst so hässlich sein,
aber beim Datenschutz bist du mit Abstand ganz vorn.

122) Corona-Lektionen 33

Kaum waren die Kids mal wieder in der Schule, sind sie nun schon wieder zurück daheim. „Juhu, Ferien!“. Juhu. Ja. Juhu. Ich starte in die 16. Woche Homeoffice ohne Aussicht auf nur eine einzige Dienstreise. Wer hätte gedacht, dass mir das mal fehlen könnte.

Am Wochenende ist mir aufgefallen, dass ich nun schon seit 10. März keinem Menschen außerhalb des Inner Circle die Hand gegeben habe. Nicht mal in der Familie eigentlich, denn wir begrüßen uns ja schließen nicht per Handschlag. Zeit, heute mal etwas darüber nachzudenken, denn es gibt ja eigentlich verschiedene Anlässe in unserem Kulturkreis, bei denen man sich üblicherweise die Pranke reicht.

Begrüßung

In der westlichen Welt vollkommen normal und sogar schon seit dem römischen Reich eine etablierte Form, den Gegenüber zu begrüßen. Zumindest, wenn man ihn etwas längere Zeit nicht gesehen hat. Da gibt es den kräftigen warmen Händedruck, aber auch die labberige feuchte Variante. Auf Partys tat man sich auch schon vor Corona leichter. Man trat in den Raum sagte einfach … „Hallo ich bin der Jürgen und mach‘ mal so hier…“. Dabei ruderte man mit beiden Armen. Und das machte der Jürgen nicht, weil er Angst vor Viren hatte, sondern weil er sich die ganzen Namen eh nicht merken konnte. Oder wollte. In der Kneipe ging‘s auch ganz gut, da konnte man einfach auf den Tisch klopfen. Man sollte nur wissen, welche Tische im Lokal zum Freundeskreis des Einladenden gehörten.

Handshake

Im Sport und auf der Straße, hatten sich zusätzlich noch saloppe Handshakes entwickelt. Fußballer klatschten sich vor und nach dem Spiel ab, Volleyballer feierten so jeden erzielten Punkt. Und auch Schwimmer reichten dem Gegner die nassen Flosse über die rot-weiße Schwimmleine. In meiner Kindheit war es sogar sehr trendy, ein gewisses Handshake-Ritual zu zelebrieren. Mehrere Grifftechniken folgten synchron in festgelegter Reihenfolge und dann war man cool. Keine Ahnung wie man das heute machen soll, aber nur mit dem Arsch zu wackeln oder sich die Ellbogen zu reiben ist jedenfalls mega uncool.

Vereinbarung

Und der Handschlag ist immer auch noch ein etabliertes Zeichen einer erzielten Vereinbarung. Selbst wenn der „Deal“ nirgendwo heruntergeschrieben ist, ist uns ein Handschlag mehr wert als nur ein „Ja ja, mache ich schon, kannst dich drauf verlassen“. Wie kriegen wir diese Verbindlichkeit ohne Handschlag jemals zurück in unseren Alltag.  Sollen wir nun immer einen persönlichen Notar mit uns führen?

Fazit

Ich bin gespannt wie das weitergeht. Wird der Handschlag in unserer Kultur für immer verblassen? Und was kommt dann? Eine japanische Verbeugung oder selbst ein indisches Namaste!  mit gefalteten Händen scheinen hier doch undenkbar. Tragen wir künftig eine dritte Hand mit uns? Montiert auf einem Handshake-Stick? Oder unterm Mantel wie bei „Fantomas gegen Interpol“? Ziehen wir uns einen Gummi-Handschuh drüber, sollten wir mal das Bedürfnis haben, eine fremde Hand zu schütteln?

Aber ich glaube, ich habe mir die Frage schon selber beantwortet.
Wir entwickelten einfach eine App.
Die macht das dann.
Appgemacht

Grüße aus Berlin
T.

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121) Vergangenheit

Jeder hat eine davon. Ob man nun will oder nicht. Egal ob sie schön war oder weniger aufregend. Ob man sich gern an sie zurück erinnert oder sie lieber vergessen will. Nein, hier geht es heute nicht um die erste Liebe, sondern um die eigene Vergangenheit. In den letzten Tagen wurde ich mehrfach zurückgeworfen. In eine Zeit der Schwarzweiß-Bilder, Erinnerungsfetzen und Flashbacks, die ganz weit hinten im Oberstübchen liegen. Und dann ist es doch wirklich erstaunlich, was da alles noch vorhanden ist. Erlebnisse, Gespräche und Gefühle. Selbst Temperaturen und Gerüche. Alles lässt sich wieder hervorkramen.

Und das kann alles an einem Sonntag geschehen:

Sohnemann überzeugt mich, einen weiteren Instant-Messaging-Dienst zu installieren. Macht man halt heutzutage so. Kurz danach macht‘s „pling“ und mich schreibt Svenja (Name geändert) an. Mit Svenja war ich in Kita und Grundschule. Man könnte sagen, wir waren „zusammen“. Also so „zusammen“ man halt unter 11 Jahren ist. Und was hatte die für coole Rollschuhe.

Ich flitze zum Sportplatz und eine Frau kommt mir entgegen. Wir schauen uns beide unsicher an. Fußweg, Augen, Fußweg, Augen. Sag mal …? Bist du …? Nee, echt? Ich glaub’s ja nicht! Volltreffer. Doch. Sie ist es. Bettina (Name geändert) und ich synchronisieren uns. Family? Kids? Job? Wohnort? Und sonst so? Allet jut. Oh man, das waren Parties, Mitte der Neunziger.

Die Begegnung mit Svenja, treibt mich an, mal wieder nach Gero (Name geändert) zu googlen. Ich mache das seit Jahren immer mal wieder, denn der kann doch nicht von der Erdfläche verschwunden sein. Jeder hinterlässt doch heutzutage irgendwie Spuren. Ist dem was zugestoßen? Unsere Wege haben sich in den frühen 90-er Jahren getrennt, seitdem habe ich nichts mehr gehört. Und siehe da! Ein Doktor an einer Uni. Hah! Gefunden. So viele Erinnerungen kommen hoch. Viele Nachmittage haben wir verbracht, die Höfe im Viertel erobert.

Ist das alles nur Zufall? Oder wird man irgendwann empfänglicher für solche Begegnungen oder sucht gar aktiv danach?

120) Zeit 1

Vor ein paar Tagen habe ich mir ein neues Hörbuch gekauft. Ein Jugendbuch. Ein Buch, dass schon auf einigen Blogs angesprochen wurde, mir sagte der Titel aber gar nichts. Bildungslücke? Einfach übersehen? Oder bisher keine Zeit gehabt? Vermutlich Letzteres.

Also fix heruntergeladen und beim Joggen angehört. Es begann aber „sehr gemächlich“, der Sprecher strahlte eine Gelassenheit aus, die in mir sehr schnell Unruhe entfachte. Sehr bald schaltete ich in der Hörbuch-App auf Tempo 1 1/4 und konnte dem Stoff immer noch gut folgen. Ein Amphitheater vor den Toren der Stadt, spielende Kinder, Phantasie-Spiel und so weiter. Mhm… passiert da noch etwas? Kann ich mit meiner Zeit nicht etwas Besseres anstellen? Ich überlegte abzubrechen, hörte aber weiter. Bis zum Kapitel 19, als die „grauen Herren“ die Bühne betraten. Und da hörte ich dann genauer hin, denn es ging um die Zeit. Ich muss sagen, ich gehöre auch zu den „von der Zeit getriebenen“. Vermutlich hört mein Umfeld folgende Sätze mehrfach am Tag von mir und rollt die Augen:

  • Ist noch Zeit?
  • Lass dir ruhig Zeit!
  • Los jetzt, wir müssen gehen!
  • Dafür habe ich nun echt keine Zeit!
  • Ich weiß nicht, was ich zuerst machen soll!
  • Das mache ich, wenn ich irgendwann mal Zeit habe!
  • Wann geht es los? Wie lange dauert das? Wann ist Schluss?
  • Und so weiter ….

Nun bin ich bei Kapitel 61 angekommen. Keine Ahnung was noch kommt. Aber ich freue mich drauf und frage mich, ob ich auch so einer von den „grauen Herren“ bin.

Wie das Buch heißt? Na, ich denke die eingefleischten Bücherwürmer haben es schon erraten, oder? Es ist nicht Pipi, auch nicht Lala und nicht Mini.

Es ist Momo 😉

Lesen, wer‘s noch nicht getan hat!

Oder hören … beim Joggen … auf Englisch. Dann ist‘s gleich dreimal produktiv 😉

119) Große und kleine Fische

Was hat Mutter Natur nicht neulich für ein cooles Foto-Motiv zurechtgelegt. Am Ufer eines Sees im Berliner Süden. Großer Fisch, kleiner Fisch, beide in einer ausweglosen Lage.

Ob wirklich die Natur das arrangiert hat oder es ein Aktionskünstler war, weiß ich nicht, aber ich habe damit wirklich nichts zu tun.

Was will uns „Mother Nature“ mit dieser Komposition sagen?

  • Großen Fische können an kleinen Fischen zu Grunde gehen?
  • Jemanden zum Fressen gernhaben, kann böse enden?
  • Der Fisch beginnt auch am Schwanz zu stinken?
  • Starke Feinde sollte man von innen angreifen?
  • Den Mund besser nicht zu voll nehmen?
  • Immer nach Gräten Ausschau halten?
  • Auf, auf zu Tisch, heut’ gibt‘s Fisch!
  • Langsam essen und gut kauen?
  • Zuviel Fisch ist ungesund?
  • DDR-Ketwurst is back?
  • Pommes fehlen?
  • Und Zitrone!

PS 1: Lest ihr auf dem Handy? Dann besser horizontal kippen.

PS 2: Andere kreative Ideen der Leserschaft? Dann nur gern her damit in den Kommentaren

118) Corona-Lektionen 32

In welcher Homeoffice-Woche sind wir denn jetzt eigentlich? In Nummer 12 oder schon 13? Habe den Überblick verloren. Ich zähle noch einmal nach. Wir gehen nun in die 14. Woche!

Zwei Gedankengänge der letzten Tage:

Normalität 1: Viel wird derzeit geschrieben und besprochen, was uns wohl in der „neuen Normalität“, dem „New Normal“, erwarten wird. Der Begriff klingt verheißungsvoll, irgendwie nach Reform, oder? Als würde demnächst ein weißhaariger Mann mit Bart auf einen Hügel klettern und uns den Weg weisen, wie wir alle ab Stichtag X leben werden. Und so als würde diese neue Normalität dann eine Weile anhalten, bis sie dann mal wieder überarbeitet wird, wenn ein Grund dazu besteht. Ein neuer Virus, die Polkappen-Schmelze oder der Umwelt-Kollaps vielleicht? Der Begriff „Normalität“ scheint uns Orientierung zu geben, uns zu beruhigen, irgendwie unser Leben zu ordnen. Ist aber eigentlich auch Augenwischerei. Denn Normalität ändert sich doch täglich! Etwas wirkt auf uns ein, oder wir wirken auf andere. Das alles verändert den Status Quo. Und weil das so ist, brauchen wir auch nicht auf das „New Normal“ warten.

Normalität 2: Gemäß der großen Suchmaschine ist Normalität „ … das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Dieses Selbstverständliche betrifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen …“! Na bitte. Da steht’s doch. Und wie kommt es dazu? Normalität wird diktiert (z.B. durch Politik, Organisationen oder Gesetze) und sie wird bestimmt durch unser aller Handeln. Letzteres können wir direkt beeinflussen und können was draus machen. Sollten wir auch. Sonst machen es nämlich andere! Wie wollen wir künftig konsumieren, wie wollen wir uns ernähren, wir wollen reisen, wie wollen wir arbeiten? Da haben wir durchaus Einfluss und sollten uns nicht unmündig vor die Karren anderer spannen lassen.

Frohes Nachdenken!

T.

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117) Mehr „ohne“ und weniger „mit“

Sagt mal, kommt mir das nur so vor, oder gab‘s früher mehr  „mit“ und weniger „ohne“. Oder täuscht das vielleicht? Ich ertappe mich häufig, wie ich das Kleingedruckte auf den Verpackungen des Alltags lese.

Ich bilde mir ein, da stand früher mehr drauf, was dem Produkt zugesetzt wurde.

Also zum Beispiel:

  • Mit 100% Fruchtgehalt
  • Aus 20 sonnengereiften Tomaten
  • Mit sorgfältig ausgewählten Erdbeeren
  • Aus Alpenmilch
  • Mit Aloe Vera

Heute habe ich den Eindruck, sie nennen eher das, was nicht mehr drin ist.

Zum Beispiel:

  • Glutenfrei
  • Laktosefrei
  • Ohne Farbstoffe
  • Ohne Geschmacksverstärker
  • Ohne Alkohol
  • Ohne Zucker
  • Ohne Gentechnik
  • Ohne Palmöl

Mhm. Da Stellen sich mir zwei Fragen:

  1. Was ist denn dann da überhaupt noch drin?
  2. Was habe ich früher in mich hineingeschaufelt?

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, welche Frage ich beantwortet haben will …

116) Stell dir vor, du wirst 100 – Teil 2

<— Teil 1

Stell dir vor, du wirst im Juni 1970 fünfzig Jahre alt
In Vietnam herrscht immer noch Krieg, ein Mann betrat den Mond, Studenten-Proteste im Westen, im Osten führte man die Mark der DDR ein. Deine Kinder sind nun erwachsen und gehen ihre eigenen Wege.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1975 fünfundfünfzig Jahre alt.
Die RAF sorgt für Terror, bei Olympia in München nehmen Palästinenser israelische Sportler als Geiseln, die Bundesrepublik wurde wieder Fußballweltmeister. Deine ersten Enkel wurden geboren und machen ihre eigenen Schritte.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1980 sechzig Jahre alt
Die RAF wütete weiter, Prominente wie Biermann und Krug verließen die DDR, Elvis für immer die Bühne. Weitere Enkel erblickten das Licht der Welt, du bist mittlerweile mehrfache Großmutter und hast immer Gummibärchen in der Tasche.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1985 fünfundsechzig Jahre alt
Widerstand gegen Atomkraft treibt Menschen auf die Straße, im Westen entstand eine grüne Partei, DDR-Bürger flüchten über Deutsche Botschaften. Deine Enkel kamen in die Schule und entwickeln nun ihre eigenen Köpfe.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1990 siebzig Jahre alt
Wer hätte das geglaubt. Die Mauer ist offen. Menschen fielen sich in die Arme. Der Ostblock liegt wirtschaftlich am Boden. In wenigen Tagen wird es eine neue Währung geben, Deutschland hat gute Chancen auf einen erneuten Fußball-Weltmeister-Titel und in ein paar Wochen folgt dann die Wiedervereinigung.

Stell dir vor, du wirst im Juni 1995 fünfundsiebzig Jahre alt
Die Sowjetunion fiel in sich zusammen, die EG wurde zur EU, auf dem Balkan herrscht schon wieder Krieg und man sprach wieder von ethnischen Säuberungen. Deine Enkel entdeckten den Computer, dein Mann die Malerei und Schreiberei.

Stell dir vor, du wirst im Juni 2000 achtzig Jahre alt
Es war gelungen, ein Schaaf zu klonen, Computer hielten überall Einzug und man befürchtete den Super-Gau, wenn das Datum zur Jahrtausendwende wieder auf 01.01.00 springt. Ein Ur-Enkel wurde geboren. Dein Mann war zunehmend verwirrt, wandelte nachts durch die Wohnung. Er lebt nun im Heim, keiner weiß wie lange noch.

Stell dir vor, du wirst im Juni 2005 fünfundachtzig Jahre alt
Wieder musstest du dein Geld umtauschen. Der Euro löste die D-Mark ab, eine Flutwelle tötet Tausende an den Küsten Südost-Asiens. Dein Mann war kurz nach deinem 80. Geburtstag verstorben, du bleibst allein in der Wohnung, so lang es eben noch geht.

Stell dir vor, du wirst im Juni 2010 neunzig Jahre alt
Ein Deutscher wurde Papst, ein Afro-Amerikaner US-Präsident, Deutschland erlebte ein Fußball-Sommermärchen. Weitere Ur-Enkel wurden geboren, die Familie wächst und du musst mit dem Gedanken umgehen, in ein Seniorenheim umzuziehen. Es geht nicht mehr allein.

Stell dir vor, du wirst im Juni 2015 fünfundneunzig Jahre alt 
Viele Naturkatastrophen gab es in den letzten Jahren, Deutschland schaltete Atomkraftwerke ab und wurde wieder Fußball-Weltmeister. Deine Tochter, mittlerweile selber in Rente und Großmutter, hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Keine Mutter sollte ihre Tochter überleben.

Stell dir vor, du wirst im Juni 2020 einhundert Jahre alt
Die Erde zählt knapp 8 Milliarden Bewohner. Menschen flüchten übers Mittelmeer nach Europa, das Klima spielt zunehmend verrückt, Brände, Dürren, Hochwasser. Kriege und Konflikte in Nahost. Alles scheint zu beben. Du sitzt im Rollstuhl, dein Gehör hat stark nachgelassen und die Gelenke an den Fingern machen auch nicht mehr so richtig mit. „Ach weißt du, mit mir ist nichts mehr los“, sagst du immer. Dann schlägst du deine Zeitung auf, schaltest den Fernseher laut an und machst dir ein Bild von dieser Welt. Kopf und Augen ganz wach. Einhundert Jahre später.

Und als hätte all das für ein Leben nicht schon gereicht, nun auch noch das
Ein Virus springt in China auf den Menschen über und hat sich wenig später bis in Deutsche Altersheime vorgearbeitet. Die Einwohner werden abgeschottet, keine Besuche erlaubt. Wochenlang.

Die ganze Familie will dich zum hundertsten Geburtstag besuchen. Darauf freust du dich schon seit Wochen. Das motiviert dich, gibt dir Kraft. Sie werden dann im Vorgarten stehen, dir winken, dir zuprosten. Du wirst drinnen im Speisesaal sitzen, zwischen euch die geschlossene Fensterfront.

Stell dir vor, du wirst 100.