128) Corona-Lektionen 37

Nächste Woche beginnt die Schule hier wieder, mit Abstand und Maske, aber ohne sonstige Limitierung. Ob das wohl gut geht? Aber ehrlich, das ist eigentlich  alles bescherrschbar, da macht mir anderes mehr Sorgen. Und da sind wir schon beim Thema dieses Beitrags.

Die Demo letzten Samstag in Berlin wirkt immer noch in mir nach. Ich bin entsetzt und möchte daher heute über „Bilder“ nachdenken und wie sie Menschen beeinflussen können.

Dazu habe ich mir „Schulz“, einen durchschnittlichen Berliner ausgedacht. Schulz folgt den Corona-Maßnahmen zwar, ist aber auch etwas genervt davon. Aber lest selbst:

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Samstag wird eine Demo gegen die Corona-Maßnahmen stattfinden. Schulz kann sich nicht aufraffen dahin zu gehen. Er hat gehört, da gehen nur Rechtsradikale und Aluhut-Träger hin. Als Rechter will er im Fernsehen nicht gesehen werden, als Spinner schon gar nicht.

Also bleibt er zu Hause und macht sich über weitergeleitete Video-Schnipsel und Social Media sein eigenes Bild von der Welt da draußen.

Video 1: Das ganze System sei korrupt und lügt, rufen die Menschen da. Die Wahrheit läge woanders. Corona gäbe es gar nicht, alles sei nur Fake, die RKI-Daten wären gefälscht, der Staat wolle nur von seiner Pleite ablenken. Krisen-Gelder fließen in die Taschen von Oligarchen, beim kleinen Mann käme nichts an.

Schulz: Mhm, so habe ich das noch gar nicht betrachtet. Klingt irgendwie nachvollziehbar. Da könnte ja glatt was dran sein, ich kenne keinen der Corona hat.

Video 2: Das stehen Teilnehmer von Jung bis Alt, auch kleine Kinder sind dabei, Transparente sind zu sehen, Kostüme auch. Sogar aus anderen Bundesländern sind sie angereist. Kaum einer trägt eine Maske. „Kinder des Lichts“ werden die Demonstranten von der Bühne aus angesprochen. “Heute feiern wir einen neuen Nationalfeiertag“ ruft der Redner. Die Sonne scheint, es ist warm, Sommer in Berlin.

Schulz: Ach, schöne Atmosphäre dort im Tiergarten. So friedlich irgendwie. So einig. So gemeinsam. So überzeugend und irgendwie auch einfach.

Video 3: Die Leute sind eher normal gekleidet, es sind keine offensichtlich Rechtsradikalen zu sehen, keine Punks, keine Vermummten in schwarzen Klamotten, keine Islamisten, keine Junkies, keine Hooligans, keine Clans. Auch Steine oder Flaschen fliegen nicht.

Schulz: Na das sieht ja gar nicht so aggressiv aus, wie immer behauptet wird. Da muss ja echt was dran sein, wenn da so viele normale Bürger hingehen.

Video 4: Organisatoren hüpfen euphorisch durchs Bild und sprechen mal von 800.000, 1,8 Mio, 1,3 Mio Teilnehmern. Die Frage aus dem Off, woher denn die Info käme, wird von einer anderen Stimme aus dem Off beantwortet: „Kam gerade rein, is‘ offiziell“.

Schulz: Also wenn das offiziell wirklich schon 1,3 Million sind? Da muss ja was dran sein. Das scheint ja echt ein kommende Bewegung zu sein. Die können ja nicht alle irren.

Video 5: Eine Bildmontage fängt die verschiedenen Rufe der Demonstranten ein. „Lügen-Presse“, „Kamera aus“, „Wir bleiben hier“, „Schämt euch“, „Sagt die Wahrheit“ und „Wir sind das Volk“.

Schulz: Ja also wenn das so ist. Ich bin ja auch „das Volk“. Kein Zweifel. Die Wahrheit muss endlich ans Licht.

Die Demo wird am Nachmittag aufgelöst. Am Samstag-Abend zappt Schulz durch die TV-Programme und streift kurz die Nachrichten. RTL berichtet von 20.000 Teilnehmern, ARD von 17.000. ARD spricht über eine bunte Mischung aus Rechtsgesinnten, Esoterikern, Impfgegnern, Corona-Leugnern und Verschwörungstheoritkern. RTL hält sich da etwas zurück.

Schulz: Kann ja alles nich‘ sein. Das war ganz anders. Es waren 1,3 Millionen und ganz vernünftige Leute da. Ich habe es ja selbst gesehen. Fake News! Lügen-Presse!

Ende

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Kommentar des Verfassers:

Liebe Leser, der oben beschriebene Ablauf ist konstruiert, ohne Frage, aber ich habe mir selber einige Video-Schnipsel seitens der Teilnehmerschaft angesehen und es ist sehr nahe dran. Am Montag habe ich auch den 30 minütigen Rundgang durch das ZDF-Team (wohlgemerkt ohne Schnitt !) gesehen. Ich kann nur raten sich das mal anzusehen. Ich bin heilfroh, dass wir solch eine bunte Medien-Landschaft haben. Gefällt mir nicht immer, muss es aber auch nicht. Aber es gibt dort Immerhin gut recherchierte und durch Fakten abgesicherte Berichte und eben nicht nur aus dem Zusammenhang gerissene Video-Schnipsel im Internet.

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127) Corona-Lektionen 36

In welcher Woche sind wir gerade? Schwer zu sagen. Habe die Orientierung verloren. Ich nehme einen Kalender und zähle mit dem Finger die Homeoffice-Wochen durch.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, gehen wir morgen … in die 20. Woche. Jawohl. In einer Woche soll in Berlin sogar die Schule wieder losgehen. Mit voller Last. Mir wird ganz schwindelig.

Denn das, was in den letzten Tagen hier abgeht, erfüllt mich mit großer Sorge:

  • Ja, ich bin auch kein begeisterter Masken-Träger.
  • Ja, ich könnte auch mal wieder ein Konzert besuchen.
  • Ja, ich würde auch mal gern wieder mit Freunden feiern.
  • Ja, ich wäre auch gern wie geplant in den Urlaub geflogen.
  • Ja, ich mache mir auch so meine Sorgen über unsere Freiheit.
  • Ja, ich bin auch verunsichert, wie das alles mal weiter gehen soll.

Aber, Nein, Nein, Nein, dass was ich so lese und höre, soll erst recht nicht sein:

  • 3.000 Leute feiern (nicht die erste) illegale Party in der Berliner Hasenheide.
  • 20.000 Menschen zogen gestern durch die Innenstadt und erklärten Corona für beendet.
  • Maske, Abstand = Fehlanzeige. Weil eh alles fake ist und der Staat sowieso doof und das Ganze von irgendwem initiiert ist. So einfach sind die Gründe dargelegt. Ruck Zuck erklärt. Der Gegner ausgemacht. Lautstärke. Gebrüll. Wut.

Mag man von der Regierung doch halten was man will. Aber vor 5 Wochen sah das doch alles ganz gut aus. Die Infektionszahlen gingen zurück, Einschränkungen wurden gelockert oder gar aufgehoben. Was sich jetzt da auf den Plätzen sammelt … tut mir Leid … ich kann es nur verallgemeinern … , scheint mir ein verwöhnter, asozialer, durchgeknallter Mix von gefrusteten Menschen und Krawall-Touristen zu sein. Wer dabei war und sich nun missverstanden oder in der falschen Schublade fühlt, sollte sich eine andere Demo suchen. Sorry.

Denn, ich habe mehrmals pro Woche mit Kollegen aus anderen Ländern (z.B. Indien, Brasilien, Israel, Spanien usw) zu tun und ich kann aus erster Hand wiedergeben, dass das, was wir hier in den letzten Wochen „erleiden“ mussten, der reine Kindergarten war, im Vergleich zu dem was dort abging. In manchen Ländern geht es noch so weiter, in manchen fängt man erst an oder hat noch nicht einmal kapiert, was eigentlich an der Tagesordnung ist.

Zusätzlich schmeißt unsere Regierung mit Geld um sich, um die wirtschaftlichen Folgen abzumildern. Dass das nicht jeden erreicht und nicht immer genug ist, mag sich ungerecht anfühlen, ohne Frage. Aber immerhin fließen solche Gelder hier und wir haben (…oder hatten?) genug Krankenhausbetten frei.

Mal sehen wie lange noch.

Darüber sollten wir mal nachdenken.

Schönen Sonntag!

T.

Nachtrag Montag 03.08.2020 08:00 Uhr:
In den sozialen Medien kursieren unzählige Diskussionen, ob‘s nun 17.000 bzw. 20.000 Teilnehmer, oder gar 800.000 oder 1,3 oder 1,8 Millionen waren. Man drischt wieder auf die Presse ein und so weiter.

Eine Millionen Menschen können wir getrost vergessen. Ich habe selber mehrere Love Parades in Folge an der Strecke Dienst geschoben. Glaubt mir, ich weiß wie es sich anfühlt, sich in einer Menschenmasse von 1 Millionen Menschen zu bewegen.

Und wir können uns noch mal über die Mathematik nähern. Die Party-Meile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule ist ca. 2.000 Meter lang. Und nur die Hälfte war m.W. davon freigegeben.
Die Straße des 17. Juni hat 6 Fahr-Spuren + 1 Mittelstreifen + 2 Park-Spuren + 2 Fußwege. Macht ca. 40 Meter Breite. Abzüglich Grünzeug, Bäume, Hindernisse … sagen wir 35 Meter. Multipliziert mit 1000 Meter Länge …  macht das eine Fläche von ca. 35.000 Quadrat-Meter. Und wie sollen da jetzt 1 Millionen Menschen reinpassen?

Und selbst wenn es mehr als 17.000 waren oder 20.000, macht’s das besser? 

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99) Corona statt Nelke

Die Veranstaltungen um den Mai-Feiertag haben sich stark gewandelt. Und nur weil in China jemand von der Fledermaus naschen wollte, wird Corona auch diesen Feiertag disruptiv verändern.

In der DDR wurde zur Teilnahme an der zentralen Demo aufgefordert. Mit roter Plastik-Nelke am Revers und Winkelement in der Hand, stand man sich mit den Eltern und deren Kollegen am Sammelplatz die Beine in den Bauch. Irgendwann setzte sich der Zug dann endlich in Bewegung. Tausende Menschen, Enge, Körper-Kontakt, politische Parolen und Lieder, die den Grau-Köpfen des Politbüros kurz vor dem Alexanderplatz aus müden Kehlen entgegengerufen wurden. Zum Ende der Veranstaltung stand man Schlange, um eine pappige Grilletta (Hamburger des Ostens) zu ergattern oder vielleicht auch mal ein Fischbrötchen. Da musste man aber schon sehr viel Glück haben oder jemanden kennen. (Für die jüngere Generation: Das ist ungefähr so, als wenn ihr heutzutage Klo-Papier besorgen wollt und etwas von der Post abholen müsst.)

Eine staatlich verordnete Groß-Demonstration … heute kaum denkbar. Der „Honi“ Honecker und seine blauhaarige Margot, der kleine dicke Axen, der greise Willi Stoph und der weißhaarige Günther dessen Nachname immer Appetit machte, würden heute alle zur Risiko-Gruppe zählen und für immer in Wandlitz eingeschlossen werden. Auch wenn die DDR damals schon sehr vorbildlich Corona-Maßnahmen umgesetzt hatte (Grenzschließung, Reise-, Versammlungsverbot etc), wäre sie doch spätestens jetzt untergegangen. Das beruhigt doch irgendwie.

Aber auch bei den Mai-Krawallen in den 90-er Jahren war man schon sehr auf die Durchbrechung von Infektionsketten sensibilisiert. Die Demonstranten trugen bereits Mundschutz und warfen Flaschen mit desinfizierenden Flüssigkeiten. Die Polizei war auch im Vollschutz angetreten, gepanzert, mit Visier vor Mund und Nase und sogar mit einem Plexiglas-Schild. (Also so wie im Supermarkt heute.) Beide Lager hielten sich tagelang auf Abstand. Zum regelmäßigen Händewaschen warf die Polizei frisches Wasser über den Demonstranten ab. Virologen würden heute allerdings zu warmem, statt dem damaligem kalten Wasser raten. Und da das Berliner Wasser bekanntermaßen sehr hart ist, sollte man eher Wasser aus den Alpen verwenden. Aber das ist auch nicht mehr ganz so einfach zu beschaffen dieser Tage.

Dieser 1. Mai 2020 wird anders werden. Keine Feste, keine Demos, keine Steine. Stattdessen verlagert der Deutsche Gewerkschaftsbund seine Veranstaltungen komplett ins Internet. Es soll nicht gearbeitet werden und Millionen Arbeitnehmer arbeiten an diesem Tag heimlich, weil sie keinen Bock auf Netflix haben oder Herz-Lungen-Wiederbelebung für ihre Firmen und Geschäfte leisten.

In diesem Sinne … einen schönen Feiertag!