717) Neunundvierzig

Neunundvierzig ist er jetzt, doch in technischen Fragen weiß sein Vater einfach immer noch besser Bescheid. So kündigt sich der Sohn bei dem rüstigen Rentner an, nicht für lang, nur auf einen Kaffee. Er wird um die späte Mittagszeit eh an dem Viertel vorbeifahren, da lässt sich das gut verbinden. Außerdem nagt ein Gespräch mit einem Schulfreund an ihm. Dessen Vater gibt keine Ratschläge mehr, denn der liegt seit letztem Jahr unter der Erde.

Der Sohn fährt am Haus vor, parkt das Auto und ruft den Vater per Telefon an. Das hat er sich so angewöhnt, weil die Hunde immer einen Riesenrabatz machten, wenn jemand an der Tür stand und klingelte. Der Vater öffnet die Haustür und kommt zum Gartentor. Sie umarmen sich, und gehen gemeinsam ins Haus. Zwei Hundedamen zeigen sich erfreut, sie bellen und jaulen nicht. „Ach ja“ … so fällt es ihm ein, die beiden Rüden sind ja nun im Hundehimmel.

Vater und Sohn tauschen Neuigkeiten aus. Was liegt an? Wie läuft die Arbeit? Was machen die Kinder? Sie sprechen auch über den Großvater, der vor ein paar Tagen Geburtstag gefeiert hätte. Über hundert Jahre wäre er doch sicher schon, oder? Der Vater beschreibt eine Rechnung, die ihn in den letzten Tagen beschäftigt hat. Vor 24 Jahren ist der Großvater gestorben, wenn er nun diese 24 Jahre von seinem eigenen Alter abziehe, dann berühren sich ihre Zahlen für einen kurzen Moment bei neunundvierzig.

684) Live-Podcast über den Wolken

Ich nehme im Flieger platz und mache es mir halbwegs „bequem“. Sechs Stunden soll der Flug nach Doha dauern. Irgendwie kriege ich die schon rum. Eine Zeitschrift habe ich mit, Musik, das Tablet und im Bildschirm vor wir währen auch noch Filme im Angebot. Aber ich muss mich noch mal erheben, jemand will auf einen der Mittelplätze, aber dieses kurze Aufstehen kommt mir sehr gelegen, denn nicht der Mangel an Unterhaltung wird die Herausforderung werden, sondern das lange Sitzen. Der junge Mann versucht noch jemanden anzurufen, bis auf ein „Eg“ kann ich nichts verstehen. Das „Eg“ bedeutet „eins“ in Hindi, aber da ich sonst nicht einmal das mir vertraute „Acha“ oder „TK“ höre, kann es kein Hindi sein. 

Er beendet das Telefonat, kurze überlege ich, ob ich ihn anquatsche, aber er kommt mir fast zeitgleich zuvor. Woher kommst du? Wo willst du hin? Ich möchte via Doha nach Singapur, er von Doha weiter nach Karachi. Er studiert in Berlin, lernt Deutsch und fliegt für zwei Wochen nach Hause zu seiner Family. Da beiße ich natürlich sofort an.

Und dann haben wir die vollen sechs Stunden geredet, durchgehend ohne Pause, selbst beim Essen. Wie im Podcast „Alles gesagt?“, der erst aufhört, wenn der Gast nicht mehr kann. Um „Gott und die Welt“ geht es dabei (obwohl wir Gott sogar ausgelassen haben), um Pakistan, Indien, Deutschland, USA, Energie, Verkehr, Bildung, Pluralismus, Verwaltung, Bürokratie, Digitalisierung, KI und noch jede Menge mehr. Meistens sprechen wir Englisch, zeitweise wechseln wir ins Deutsche, schließlich will er es ja lernen und das klappt schon ganz gut. Nicht einmal entstand so eine eigenartige Pause wo man sonst denkt, oh jetzt ist vielleicht genug gesagt oder man zieht sich mal für einen Moment zurück. Nein. Nicht ein verstohlener Blick auf die Uhr oder auf die Flugroute.

Als der Landeanflug über die Lautsprecher angekündigt wird, stellen wir fest, dass die „Zeit wie im Fluge vergangen ist“. Wieder was für sein Vokabelheft.

Tolles Gespräch. Toller Tag.
Telefonnummern getauscht, wir treffen uns in Berlin noch mal.
Es gibt noch so vieles zu bereden.

Grüße aus dem zweiten Flieger, ich kann nicht mehr sitzen.
Aber Land in Sicht!

453) Jenseits der Maschinen (3) – Präsenz

Reisen wir mal ein Jahr in die Zukunft, da bin ich mir ziemlich sicher, dass ChatGPT in die gängigen Software-Produkte integriert ist. Ein ganz normales Feature, so wie die Rechtschreibprüfung und Auto-Korrektur. Sei es in Word, Excel, Outlook oder in WhatsApp, Threema. Überall. Da habe ich überhaupt keine Zweifel, können wir uns gern auf Termin legen und dann schauen wir mal. Vermutlich kommt das sogar eher.

Dann werden wir immer häufiger mit ausschweifenden Nachrichten unserer Vorgesetzten und Geschäftspartner zu tun haben oder mit Ehegatten, die plötzlich so schreiben wie Goethe oder Shakespeare. Leute, die sonst mit Blümchen geizen, (so wie ich ;-)), werden uns mit Wortschwallen beschäftigen und es wird uns eine Mühe sein, den Kern der Botschaft herauszulesen. Danke Belana Hermine für den Trigger.

Was macht das dann mit uns?

  • Genießen wir es einfach und freuen uns über so viel Wortakrobatik und sprachliche Gewandheit?
  • Fühlen wir uns verarscht, weil das, was Schätzchen oder Chefchen da schreiben, überhaupt nicht in deren Herzen stattfindet, sondern nur mittels GenAI generiert wurde?
  • Verdrehen wir die Augen und lassen die Nachricht selber wieder durch GenAI zusammenfassen und all das unnötige Geblubber wegprompten?
  • Oder klären die Bots das einfach untereinander und informieren uns, wie die Geschichte ausgegangen ist?
  • Und was, wenn Schätzen, sich wirklich viel Mühe gegeben hat und den Liebesbrief nach Abendstudium von Literatur & Lyrik wirklich selber verfasst hat? Wird der überhaupt noch registriert? Wie kann der noch auf sich aufmerksam machen? Unten auf der Straße vor dem Balkon singen? Das macht ja dann wohl die SingAI. Was Nettes kochen? Das macht die CookAI. Sie ins Kino ausführen? Schon besetzt durch CineAI. Bisschen Kuscheln? Macht schon HugAI.

Oh je, ich ahne Schlimmes … da wächst keiner mehr nach, der meine Rente finanziert. Ab in die Verwahranstalt zur CareAI. Wir sehen uns dort.

<—Jenseits der Maschinen (2) – Konversation

73) R.I.P. Gespräch

Noch ist es zu früh, den letzten Gruß unter den Nachruf zu setzen. Aber man kann sich schon mal ein paar Notizen machen, damit es dann schneller geht, wenn es wirklich mal so weit ist.

Nein, es geht hier nicht um den Eisbär, auch nicht um den Regenwald oder einen Gletscher. Heute geht‘s … um … das Gespräch. Genau. Das Gespräch.

Vor tausenden Jahren wurde aus einem urzeitlichen Grunzen ein Wort, daraus ein Satz und später ein Dialog. Die Menschen saßen am Feuer, hatten weder Zeitung, noch Glotze, Netflix und What’s App. Also Reden.

Und wie ist das heute? Tja, wir bewegen uns wieder rückwärts:

  • Das Flug-oder Bahnvolk sitzt zwar stundenlang Schulter an Schulter, bekommt aber nicht mal ein „Guten Tag“ über die Lippen. Stattdessen hängen sie nur über Laptop, Handy oder Tablet. Der längste Satz von Mitreisenden ist: „Ich muss mal da durch“. Gern‘ doch, bitte sehr! Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da hatte man mangels Daddel-Kasten wirklich fremde Menschen auf dem Nachbarsitz angesprochen. „Na, und wollen sie hin?“ oder „Was machen sie denn so beruflich?“ oder „Saßen Sie nicht schon letzte Woche hier?“ Da würde man heute bereits wegen Social Engineering verklagt.
  • In den großen Politik-Talk-Shows müssen die Kontrahenten in kürzester Zeit ihren Standpunkt rüberbringen und dem politischen Gegner noch einen Leberhaken austeilen, bevor die Redezeit zu Ende ist. Eigentlich ist es die Aufgabe des Moderators, inhaltsloses Gelaber der Gäste zu beenden und wieder aufs Thema zu lenken. Mittlerweile grätschen die aber schon nach den ersten Sätzen in die Argumentation, werfen mit Fakten-Check, Video-Schnipseln und Social-Media-Zitaten um sich. Gruselig.
  • Am Freitagabend, ab 22:00 Uhr dagegen, soll es etwas lockerer zugehen. Prominente plaudern aus ihrem Leben. Das lässt sich zwar leicht verdauen, kann aber auch sehr ermüdend sein. Zum einen, weil man nicht weiß, ob der interessante Gast, bereits dran war oder erst kurz vor Mitternacht sprechen darf. Zum anderen, weil sich kein vernünftiges Gespräch ergibt. Während ein Gast antworten darf, hocken sieben andere daneben, trinken Wein, naschen Käsecracker und tun ganz interessiert.

Zum Glück gibt es noch wenige Formate, die da hoffen lassen. Da treffen sich zwei Menschen, sitzen gegenüber und reden eine Stunde lang. Das Gespräch gewinnt an Tiefe. Keine Werbung, keine MAZ, einfach nur so reden. Wie früher am Feuer. Großartig, erhellend und inspirierend. Mehr davon bitte!

<— Mehr aus unserer verrückten Welt