2) Radio aus Fernost

Wir wollten uns ein neues Küchenradio zulegen. Irgendetwas kompaktes, was aber trotzdem einen guten Klang hat. Es sollte weiß sein, eine klassische Antenne haben und von guter Qualität sein. Auch einen integrierten Akku sollte es haben, da wir an seinem künftigen Stellplatz keine Steckdose haben. Das waren die wenigen Parameter mit der wir auf die Suche gingen. Ziemlich langweilig, wenn man mal ehrlich ist. Überhaupt nicht „smart“. Aber das muss es auch nicht sein. Es soll uns morgens nur mit etwas Musik, Nachrichten und dem Wetterbericht versorgen. Es braucht also kein WLAN, keinen Touch-Screen und es muss auch nicht mit uns sprechen können. Es muss ausschließlich Radio abspielen. Und zwar nur unseren Stamm-Sender. Ganz analog. Mehr nicht. Wir haben uns dann für ein japanisches Marken-Produkt entschieden. Es bietet zwar laut Beschreibung immer noch mehr Funktionen als wir eigentlich brauchen, aber immerhin stören sie nicht. Originalverpackt steht das Radio nun auf dem Küchentisch und wir beginnen mit dem Auspacken. „Unveiling“ heißt das Erlebnis heutzutage. Das Radio lässt sich samt weißen Verpackungsschaum schnell aus der Pappe ziehen. Die wichtigsten Tasten erkenne ich sofort. „Power“, „Tune“, „Memory“ und „Volume“. Das reicht mir eigentlich schon. Damit könnte ich es schon in Betrieb nehmen. Trotzdem fällt noch ein Haufen Papier aus dem Karton. Ein „European Guarantee Information Document“ liegt exakt gefaltet bei. Es bestätigt in 22 Sprachen, dass das Produkt der Europäische Garantie-Regelung des japanischen Unternehmens unterliegt. Zusätzlich finde ich auf der Rückseite ungefähr 30 Service-Adressen, an die ich mich in ganz Europa wenden kann. Das schafft Vertrauen. Ein paar leere Formularfelder rufen zu Stempel, Unterschrift und Kaufdatum auf. Leider hat die aber keiner ausgefüllt. Wozu sind die dann gut? Dann folgt noch ein sehr kleiner Zettel in 22 Sprachen. Darin erklärt der Hersteller, dass das Radio der europäischen Richtlinie 2014/53/EU für Funkanlagen entspricht. Gut so. Zudem schmückt ein fettes CE-Logo den Kopf das Papiers. Dann finden wir noch ein weiteres Faltblatt, wieder in 24 Sprachen. Es enthält Sicherheitshinweise in Schriftgröße 6 pt und die Klarstellung, das Akkus und Batterien innerhalb der Europäischen Union nur an ausgewiesenen Sammelstellen entsorgt werden dürfen. Zum Schluss kommen noch einmal sechs Hefte ans Tageslicht. Alle sehen gleich aus, sind in China gedruckt und geben Hinweise zu den ersten Schritten bei der Inbetriebnahme. Wieder in zig Sprachen. Ich werfe den ganzen Papierkram in die Küchenwaage und wiege es mal. Nur so aus Interesse. Die Waage ermittelt stolze 120 g Gewicht. Nur fürs Papier! Dann stelle ich auch noch das Radio in die Waage und notiere 740 g. Ohne Ladegerät allerdings. Tja und nun braucht es etwas Mathematik und einen Taschenrechner. Das macht ungefähr 14% Papieranteil am Gesamtgewicht! Nun das ist…wie soll man sagen…verrückt? Für ein Küchen-Radio? Da mag der Europäische Verbraucher-Schutz-Minister zwar sehr fleißig gewesen sein, sein Kollege vom Ressort Umwelt kann doch eigentlich nur mit dem Kopf schütteln und heulen. All die Papiere wurden von hiesigen Juristen geschrieben, irgendwo übersetzt, von indischen Layoutern in druckbare Form gebracht, von Chinesen gedruckt und dann per Container-Schiff zurück in die EU gebracht. Man stelle sich vor, dass Schiffe, LKWs und Zusteller-Fahrzeuge mal eben eben 14% weniger Gewicht transportieren müssten. Wäre das nicht immerhin mal ein Anfang? Dann könnte ich vielleicht unseren Familien-Diesel noch ein paar Monate länger fahren.

Frühere Beiträge zu Radio, Smartphone und natürlich Diesel:

19) Radiowerbung

Bad und Auto gehören zu den wenigen Orten, an denen ich Radio hören kann. Das Bad kann ich von innen verschließen und im Auto habe ich noch die Hoheitsrechte über das Armaturenbrett. Meistens. Also kann ich für einen Moment einer Radio-Sendung lauschen. Leider sind aber auch die wenigen guten Programm-Radios schon von Werbung zersetzt. Selbst meine kurzen Gelegenheiten reichen da schon aus, um von einer Welle von Radio-Werbung überrollt zu werden. Dabei ist es eigentlich egal wann man Radio hört. Nur die Art der Werbung variiert je nach Tageszeit. Am Morgen labern die von PENNY etwas von einem „Framstag“, ein Mädel schreit mich an, ich solle „doch zu NETTO gehen“ und ein Einstein-Imitator sagt, dass ihm die Relativitätstheorie „relativ“ egal sei, denn er müsse erst einmal zu ALDI fahren. Später versucht mir AMAZON den Echo-Dot zu verkaufen, über den wahlweise die digitale ALEXA oder meine analoge Mutter beruhigend auf mein Baby (12 Jahre) einreden könnten, während wir Eltern mal ins Kino gehen. Mehmet Scholl behauptet, es gäbe „gar kein besseres Statussymbol als gar kein Statussymbol“ zu haben und will mir damit einen DACIA schmackhaft machen. Wenn ich dann tagsüber zwischen zwei Conference Calls mal aufs Klo muss, tönt MEDIAMARKT laut „Hauptsache ich hätte Spaß“ ins Bad und die Krankenkasse IKK BB fragt dreist, ob „es denn noch etwas mehr sein dürfe“. So geht das die ganze Woche durch. Besser wird es erst gegen Ende der Woche. Die KROMBACHER-Leute bringen ab Freitag Mittag ihre „Perle der Natur“ und machen durstig. Auf der Fahrt ins Wochenende fordert BAUHAUS, dass es „gut werden muss“ und HORNBACH erinnert mich daran, das „es immer ´was zu tun gibt“. Das sind ja großartige Aussichten. Es gibt aber eine Werbung, die das alles noch übertreffen kann und mich an den Rand der Verzweiflung bringt…

„Kennen Sie Dinkel? Das Urgetreide aus unserer Heimat? Seitenbacher hat ein leckeres Müsli daraus gemacht. Gesund und so lecker … natürlich von Saiiite’bacher“. „Nur unser Müsli von Sssaaiiiiite‘bacher…, … Probieren Sie selber unser Sssssssaiiiiiitte‘bacher Müsli“.

Das macht mich echt fertig. Dann schalte ich am Gerät von „Radio“ auf „Media“ um und biete es den Kids zur weiteren Verwendung an. Egal was kommt, so schlimm kann es gar nicht werden.