137) Postkarte vom Darß – 3

Nein, es war weniger Zufall, sondern eher ein Unfall, der mich über den Jahreswechsel nach Fischland Darss teleportiert hat. Allein. Aber nicht einsam.

Und so hatte ich also wunderbare Wintertage mit blauem Himmel und Sonnenschein, ein bescheidenes Silvesterfest mit wenig Krach und Dreck und danach zwei eher regnerische Tage, um zu … 

  • reflektieren und rekapitulieren,
  • notieren und akzeptieren,
  • sortieren und strukturieren,
  • orientieren und positionieren,
  • reorganisieren und priorisieren.

Und

  • Fisch dinieren
  • Körper trainieren
  • Podcasts konsumieren

Guten Start ins Jahr 2026 „ieren“seits und du lieber L. komm bald wieder auf die Füße!


Frühere Postkarten vom Darß

707) Einfach mal anhalten

Diese Zeile hängt mir noch im Kopf, nachdem ich am Wochenende die wirklich tolle Folge von >Hotel Matze mit Harald Welzer gehört habe. Ja genau, einfach mal anhalten täte uns richtig gut. Im Weltgeschehen, in der deutschen Politik und auch im Job. Denn es gibt keinen Halt mehr, alles läuft im Dauerbetrieb. Mit viel Getöse und hoher Geschwindigkeit. Niemand weiß so recht, wohin, aber alle sind in Bewegung. Und wir hetzen hinterher, um irgendwie Schritt zu halten.

Dabei kennen wir es auch so anders und dann ist das auch völlig normal:

  • Nehmen wir einen Autounfall mit Blechschaden. Dann steigen beide Parteien aus, sichern die Unfallstelle, begutachten (im besten Falle friedlich) den Schaden und klären, wie sie nun aus diesem Schlamassel wieder rauskommen.
  • Oder nach einem verlorenen Fußballspiel. Da sitzt die Mannschaft Trübsal blasend in der Kabine und leckt die Wunden. Aber sie rennen nicht gleich wieder zum nächsten Anpfiff. Sie reden drüber und sortieren sich neu.
  • Oder bei einem Umzug. Dann nimmst du dir die Zeit, ein bisschen auszumisten, nur das Nötigste einzupacken und dich am neuen Ort einzufinden. Selbst ein paar Tage ohne Fernsehen oder WLAN sind auszuhalten.
  • Auch bei einer Naturkatastrophe wird, so schlimm das alles ist, zuerst geholfen, Wasser und Schlamm geschippt, aufgeräumt und innegehalten. Erst danach überlegt man, wie es weitergeht.
  • Und selbst beim Actionfilm mit Überlänge, gibt’s irgendwann eine Pause, die Leute holen Luft, gehen aufs Klo, holen sich ein Getränk und steigen dann in den zweiten Teil ein.

Und das tun wir eben nicht mehr. Auch wenn wir uns glücklich schätzen können, dass uns nicht jede Nacht die Raketen übers oder ins Haus fliegen.

Vielleicht am Heiligabend, wenn die Prozeduren erledigt sind. Oder am 1. Januar, verschlafen nach der langen Nacht. Dann ist für einen Moment Ruhe.
Alles scheint stillzustehen.

Sonst nicht mehr. Nicht einmal im Urlaub

PS: Titelbild via ChatGPT

59) Abseits – Vol 1

Noah setzte den Blinker, ging vom Gas und verließ die Route 60 in Richtung Peck Lake. Er folgte der abschüssigen Schotterstraße zum ausgeschilderten Parkplatz. Nur noch wenige Meter waren es zu dem Platz, den er sich ausgesucht hatte. Er hätte fast jeden Platz haben können, denn einsam und ruhig war es hier. Nur knirschender Kiesel unter den Reifen war zu hören, das leichte Brummen des Mietwagens und ein Album von Springsteen, was schon die ganze Fahrt in Endlosschleife lief.

Er stellte den Motor ab und warf einen Blick auf sein Telefon, als er es aus der Mittelkonsole in die Hosentasche verfrachten wollte. „Kein Netz“. Herrlich. Für die Dauer der Wanderung gab es also keine Möglichkeit, gestört zu werden. Nicht mal einen Notruf könnte er hier absetzen. Und wenn schon. Bevor es losgehen konnte, musste Noah noch eine unangenehme Sache tun. Das Auto verschließen, was leider nur mit einem Druck auf die Fernbedienung ging und jedes Mal mit einem Hupton quittiert wurde. Nervig und unpassend. Hier allein in der Stille. 

Er ging los und folgte dem Weg um den See herum. Die Strecke war nicht allzu anspruchsvoll, so konnte er nebenbei ein paar Gedanken schweifen lassen. Auf der Hälfte der Strecke traf er einen Mann in Uniform. Ein Park Ranger offensichtlich. Noah hatte eigentlich keine große Lust auf Konversation in der Einsamkeit dort. 

Aber er gab sich einen Ruck und sprach den Mann an:

Hey, how are you?
May I ask, what do you do here every day?

Oh, thanks, I am great. Couldn‘t be better.
Taking care of this and that. Every day.
And what do you do regularly?

Noah kam ins Grübeln.

Mhm. Actually, I do more or less the same as you do.
Taking care of this and that. Every day.

Oh, that sounds great, erwiderte der Ranger.

Noahs Blick schweifte über den See.

Well … actually … I would … , stammelte Noah, brach ab und blickte zurück zum Ranger. Der Ranger war weg.

Eine weitere Stunde später war Noah zurück am Auto. Er drückt die „Öffnen-Taste“ der Fernbedienung, der Wagen hupte nicht, denn das tut er nur beim Verschließen.

Er startete den Wagen, das Springsteen-Album setzte automatisch fort. 

„The road is long and seeming without end
The days go on, I remember you my friend
And though you’re gone and my heart’s been emptied it seems
I’ll see you in my dreams“

Noah fuhr die Route 60 weiter in Richtung Osten.
Beim Abzweig Source Lake und Bruce Lake setzte er den Blinker und ging vom Gas …