593) Let it go, let it got, let it go!

Oh, the weather outside is frightful
and the news around so awful.
Who needs Christmas this year, oh no!
Let it go, let it go, let it go!

So würde ich die erste Strophe des Weihnachts-Hits umschreiben, aber mich fragt ja keiner.

Es sind nur noch zwei Tage bis zum Fest des Friedens, der Liebe und Hoffnung aber irgendwie … will es nicht so richtig werden mit der Vorfreude.

Um uns etwas in Stimmung zu bringen, besuchten wir am Freitag den Weihnachtsmarkt in der Berliner Kulturbrauerei. Das große Hofgelände ist eingefasst von Backsteinbauten und lässt mich jedes Mal leicht klaustrophobische Überlegungen anstellen. Scheiße, wenn hier mal was Schlimmes passiert. Aber es ist nichts geschehen, außer Wildburger, Elchbratwurst und Glühwein.

Als wir uns dann zurück auf der heimischen Couch fanden, um zu schauen, was die Glotze für uns vorbereitet hatte, folgten Nachrichten. Nachrichten aus Magdeburg. Furchtbar. Damit wurde das eh schon breite Spektrum verschiedenster Weihnachtsmärkte noch mal erweitert. Man kann nun wählen zwischen folkloristisch, ökumenisch, atheistisch, ökologisch, klaustrophobisch, agoraphobisch, terroristisch, islamistisch, extremistisch, anti-islamistisch. Für jeden was dabei. Sorry, tut mir Leid.

Am Samstag, in den Tiefen zweier Supermärkte, wollten wir etwas süßes zu Weihnachten mitnehmen. Spekulatius-Kekse, Dominosteine oder ähnliches. Aber das Regal war bereits leergeräumt. Vermutlich um Platz für Ostern zu schaffen. Aber ich bin auch selbst Schuld. Ich hätte das Zeug ja schon Ende August kaufen können. Ich muss halt antizyklisch konsumieren. Wenn man jetzt im Winter eine Winterjacke braucht, da hat man halt auch Pech. Muss man im Sommer kaufen.

Apropos Winterjacke. In der Warte-Schlange der Reinigung diskutierte eine Frau in lädiertem Mantel mit dem Schneider, wie der doch bitte seine Arbeit zu machen hätte. Es widerstrebte ihm sichtlich und er tat sich schwer, diesen Auftrag entgegen den Regeln seines Handwerks anzunehmen.

  • Sie: „Sie verstehen mich nicht“ redete die Frau minutenlang auf ihn ein.
  • Er: „Nein, sie wollen mich nicht verstehen, das geht so nicht“ erwiderte er.
  • Sie: „Ich will das aber so.“
  • … Wiederholung
  • … Schleife
  • Er: „Na gut, wenn sie es so wollen“ gab er sich geschlagen.
  • Er: „Sie können es am 8. Januar wieder abholen.“
  • Sie: „Das geht nicht, das ist meine Winterjacke und die brauche ich jetzt.“
  • Er: „Na gut, lassen sie mich mal sehen. Also 4. Januar könnte auch gehen.“
  • Sie: „Nein, ich brauch‘ die eher. Da muss doch was zu machen sein.“
  • Er: „Tut mir Leid, der Laden hat geschlossen. Es ist Weihnachten.“
  • Sie: „Nein, dann nehme ich die Jacke wieder mit.“
  • Er: „Wie sie möchten. Auf Wiedersehen.“
  • Ich: „Tach‘chen. Ganz einfach, elf Hemden, aber zählen sie noch mal nach.“
  • Er: … lächelt erleichtert.

Ein Anwohner, eine Straße weiter, hat‘s richtig gemacht. Der hat bereits am 21.12.24 seinen Weihnachtsbaum auf dem Gehweg entsorgt. Was für ein Statement.

Schöne Weihnachten
T.Head

575) Screenschrott 7 – dritte Zähne

Spricht der Berliner das heutige Datum kurz und knapp aus, dann gibt‘s heute wohl „dritte Zähne“ … oder heute ist der „dritte Zehnte“ … den Tag der deutschen Einheit. Und dann wird schon beim Frühstücksradio diskutiert, ob die Deutschen denn nun eher zusammenrücken … oder sich gerade wieder entfernen … warum die Ostdeutschen … mehr Dankbarkeit … viel Gelungen … im Vergleich zu früher … nicht alles schlecht … wieder in Dialog … Vorstandsvorsitzende … Rentenniveau … Rechtsruck … Zuhören … Aufarbeitung … Angeordneter Feiertag … eigentlich der 09.11. … Freiheit.

Ja genau,  Reden, Zuhören und genau Hinschauen … manchmal besser auch zweimal … wäre gut.

Nachstehende „News“ las ich wohl etwas zu flott und sah nur Katrin Eigendorf unterm Stahlhelm, mit der Schlagzeile „Israel: Deutsche Eskalation“.

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Beim Asiaten um die Ecke gab es Entenfleisch (nicht paniert, kein Rind). Zuviel Transparenz für mich. Wenn sie das schon hinschreiben, was ist sonst in Entenfleisch drin?

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Die folgenden beiden Screenshots zeigen, dass es die AfD mit Inhalten nicht so drauf hat, sondern eher mit Videoschnipseln. Im Vorfeld der Brandenburgwahl wollte ich mal das Wahlprogramm überfliegen (im Sinne von hinhören …) und bekam zunächst nur das. Genau! „Es ist wiederholt ein Problem aufgetreten“

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Mit ein paar Kniffen gelang es mir aber dann, das PDF herunterzuladen. Man muss sich schon Mühe geben, um die Ansichten des politischen Gegners zu verstehen. Das ist gelebte Demokratie!

Das Kapitel „Ordentlich Leben können“ erreichte meine Aufmerksamkeit ganz besonders. Leider waren die Details nur schwer auszumachen. Aber das macht es vermutlich auch einfacher, die zu wählen.

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Apropos wählen. Deutsche Lebensmittelhersteller richten sich schon auf die CDU als Wahlgewinner ein. Sie übernehmen das knuffige Symbol für mittelmäßige Netzabdeckung auf ihre Packungen.

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Und bloß gut, dass ich nach der Wende nicht in Richtung Westen gezogen bin. Kometen landen nicht im Osten und auch Atom-Raketen sind vermutlich noch auf Bonn eingestellt. (Witz ist geklaut…)

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Schönen Tag der Einheit

T.

—> 653) Screenschrott 8 – AI-gorithm

<— 539) Screenschrott 6 – Bunte Mischung

 

569) Buchstabensuppe mit Alles – 9

So viel ist schon wieder passiert, ich komme kaum noch hinterher. Express-Nudeln müssen heute reichen.

Hund, Katze, Schmaus
Die US-Amerikaner sind schon schlau. Die haben Hartz 4, Bürgergeld für Migranten und Bezahlkarte übersprungen und überlassen den Migrierendendenden einfach die Hunde und Katzen aus der Nachbarschaft. Guten Appetit. Könnte man hier auch mal drüber nachdenken.

Schlichtweg überfordert
Ich kann das Gejammer von Merz und Söder zur Migration nicht mehr hören. Wir sind „schlichtweg überfordert“, wiederholen sie wo es nur geht. Was für ein Armuts … Reichtumszeugnis ist das denn? Sonst breitbeinig das das Maul aufreißen, was sie alles können zu glauben und nun herumheulen, wie zwei Grundschüler, die Morgen Mathe schreiben. Sorry Jungs, da hätte ich etwas mehr E… erwartet.

Brückentechnologie
Gern gefordert, am besten Morgen. Die Carolabrücke in Dresden ist trotz fachmännischer Begutachtung (hoffe ich doch mal) in die Elbe geplumpst. Rein optisch gesehen, sicher kein Verlust, ökonomisch und ökologisch schon. Trotzdem find ich es gut, dass es passiert ist und zwar ohne Beschädigte. Das bewegt vielleicht etwas.

Betriebskostenabrechnung
Auch hier Stümperei. Ich soll über 400 EUR nachzahlen, für einen Warmwasserverbrauch in der Küche (?), den wir vermutlich erst vier Jahren erreicht hätten. Einspruch! Was sonst? Ich quatsche mit dem Ableseservice, der zeigt mir seine Erfassungs-App mit winzigen Zahlenfeldern, das Komma gleich neben dem Punkt. Kein Wunder. Die Daten werden irgendwo in Polen konsolidiert und dann in Rechnungen verwandelt. Den Rest kann ich mir denken. Nerv…

Allen denen, die Zuviel Wasser von oben erwarten, bleibt stark!

Trotzdem schönes Wochenende
T.

<— 561) Buchstabensuppe mit Alles – 8

561) Buchstabensuppe mit Alles – 8

Morgen geht es ab in den Urlaub und damit die Birne frei für neue Eindrücke ist, müssen ein paar Gedanken und Bilder aus dem Kopf entsorgt werden. Für ein vollwertiges Gericht fehlt mir die Zeit, deshalb gibt’s mal wieder Buchstabensuppe … mit alles.

Fuß:
Mein Fuß ist noch dran. Nachdem ich mich ja vor gut vier Wochen mit einem schnittigen Handwerkergerät angelegt und leider den Kürzeren gezogen habe, wächst zusammen, was zusammen gehört. Es dauert nur länger als gedacht, und es wird vermutlich eine schicke Narbe bleiben, für die ich mir noch eine spannende Story ausdenken werde, die ich meinen Enkelkindern erzählen kann. Irgendwas mit Haien oder so.

Geisterfahrer:
Anfang der Woche beschäftigte ein Geisterfahrer die lokalen Nachrichten hier. „Achtung, wir unterbrechen die Sendung, ein Geisterfahrer auf der A13, bitte fahren sie äußerst rechts und überholen sie nicht“.  Wieso überhaupt „ein Geisterfahrer“? Wieso keine Geisterfahrerin? Und wieso Geist und nicht Geist:In? Wäre es nicht besser „eine geistfahrende Personen? Wieso nimmt keiner Rücksicht auf diese Person? Vielleicht wollte sie ja in diesen Tag als „Britische Verkehrsteilnehmende“ gelesen werden?

Unqualifizierten-Überschuss:
Wie könnte man das Gegenteil von „Fachkräftemangel“ nennen? Vielleicht „Unqualifizierten-Überschuss“. Den gibt es nicht nur am unteren Ende der Brötchenkette, sondern auch in der Mitte und oben. Wenn ich jetzt höre, dass 1400 ukrainische Ärzte im Land sind und nicht arbeiten dürfen, weil die nötigen Formalitäten nun mal bis zu „ein paar Jahren“ dauern, da wirken die populistisch angezettelten Debatten aus dem Hause Linnemann / Merz zum Bürgergeld für Flüchtlinge wirklich lächerlich. Machen Sie mal lieber da ihre Hausaufgaben meine Herren, statt vor den drei Landtagswahlen im Osten zu zündeln. Und wenn ihr das nicht hinkriegt, dann rückt bitte mal die Namen der Leute raus, vielleicht kriegt man ja bei denen eher einen Termin, als bei den Zahnärzten im Sauerland.

Urlaub:
Ja, wir machen Urlaub. Wir reisen mit dem Flugzeug an und nehmen uns vor Ort ein Auto … ökologisch schwierig … trotzdem. Wir fahren an Orte, wo eh schon „all die anderen“ Touristen sind und beruhigen uns damit, dass wir ja auch ein paar Euronen spendieren. Vielleicht lassen wir Rucksack, Base Cap und kurze Hosen besser im Hotel, kramen ein paar spanische Sätze aus dem Gedächtnis und dann gehen „kulturell angeeignet“ noch als Einwohner durch 😉

Genießt den Sommer!
T.

<— 472) Buchstabensuppe mit Alles – 7

—> 569) Buchstabensuppe mit Alles – 9

560) Was machen, wenn kein Fußball mehr ist?

„Was machen, wenn kein Fußball mehr kommt?“, so ähnlich schwebten wohl viele  Fragezeichen in deutschen Wohnzimmern nach dem EM-Finale.

Also was tun?

  • Also zunächst sind ja erst einmal noch die Olympischen Sommerspiele.
  • Und wenn da nix kommt, dann schalten wir live in den nahen Osten. Da ist immer was los.
  • Und wenn da gerade Trinkpause ist, zappen wir in die Ukraine und schauen mal auf die Verlängerung.
  • Wenn dort alle Zeitlupen gesehen sind, brennen sicher Feuer in Kanada oder Kalifornien.
  • Sollte da Flaute sein, säuft bestimmt gerade ein Dorf in Europa oder eine Insel in Asien ab.
  • Nach Sendeschluss können wir zusehen, wie sich zwei alte weiße Männer in den Staaten an die Gurgel gehen.
  • Und wenn die endlich umgekippt sind, dann gibt’s immer noch ein Sommer-Interview mit Rechtsextremen oder die besten 30 Sommerhits der letzten Jahre.

Oder wir fahren in den Urlaub … und schalten mal ab.

554) Ein Dutzend Jahre

Neulich habe ich mal den Schuppen an der Villa aufgeräumt. An der Stelle wo Grillanzünder, Kohlenzange und die Schürze mit integriertem Flaschenöffner liegen, fand ich auch eine vergilbte Zeitung, die gegebenenfalls als Anmachhilfe dienen sollte. Der Stapel Papier entpuppte sich als Bild am Sonntag vom 27.05.2012. Wie kommt die denn hierher? Und warum liegt die noch da? Also wenn wir sie 12 Jahre nicht benötigt haben, dann kann die auch in den Müll. Aber bevor ich das „Döpfner-Papier“ seiner Bestimmung zuführen konnte, musste ich da noch mal schnell reinschauen.

Und siehe da, so viel hat sich in 12 Jahren eigentlich nicht geändert. Schon traurig.

Eine Fußball-EM beschäftigt das Land, altbekannte Gesichter, nur jünger.

So manch Überschrift kratzt heute etwas im Abgang.

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Sogar von einer Auferstehung Schumi‘s war damals die Rede, noch vor seinem schlimmen Umfall. Armer Kerl.

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Andere Themen gab es einfach noch nicht in dem Maße wie sie heute besprochen werden. Die equadorianische Botschaft in London hatte noch eine Gästewohnung frei, keine laute Klima-Debatten, keine E-Mobilität im großen Stil, keine Wärmepumpe, kein Heizungs-Hammer, keine Migration, kein Ukraine-Krieg, keine AfD, kein TikTok, kein Covid-19, keine Spaltung der Gesellschaft. Man könnte meinen, alles war so friedlich … so friede-freude-eierkuchig … war es aber auch nicht.

Und vielleicht ist auch gut, dass wir die Dinge nun breiter diskutieren, auch wenn es manchmal anstrengend ist.

484) Die Zahlen müssen sinken?

Ich habe zwar mein Nachrichten-Konsum in der Menge reduziert, aber ich höre schon noch genau zu, was da gesagt wird. Und da fallen mir in den letzten Wochen zwei Veränderungen in der Wortwahl zur Migrationsdebatte auf, die mir irgendwie aufstoßen:

1. „Irreguläre Migration“:

Wetterte man vor Monaten noch gegen „illegale“ Migration, hat man nun festgestellt, dass Migration per se erst mal gar nicht illegal sein kann, denn das müsste ja erst mal geprüft werden. Aber dann sind die Menschen ja schon im Land und das will man ja nun gar nicht, weil wir bei der Integration heillos überfordert sind. Und weil nun auch die Parteien der „Mitte“ in den Singsang einstimmen müssen, damit die Wähler nicht zur AfD rennen, sprechen sie nun eben von „irregulärer Migration“, die es zu reduzieren gilt. Also Menschen, die flüchten, sollen nur noch einen „regulären“ Weg nehmen (was auch immer das ist) oder sich erst gar nicht auf den Weg machen, es sein denn es gibt einen EU-Außenposten an der Nordküste Afrikas, der die Legalität bescheinigt. Denn dann kann man auch regulär first class Lufthansa fliegen, zahlt immer noch weniger als für Schleuser und das Gepäck ist sogar versichert. Ha. Ha.

Die zweite Formulierung kommt in den letzten Tagen wieder häufiger und erinnert mich an wildeste Corona-Zeiten.

2. „Die Zahlen müssen sinken“

Insbesondere im Zusammenhang mit der letzten Ministerpräsidenten-Konferenz, kam diese Formulierung wieder hoch. Auch in ähnlicher Form in … „wenn die Zahlen nicht deutlicher sinken …“ oder .. „die Zahlen im Frühjahr wieder sinken…“ . Wenn man das Wort „Menschen“ vermeidet und nur noch von „Zahlen“ spricht, dann geht das scheinbar einfacher über die Lippen. Das Wort „Sinken“ will ich in dem Kontext gar nicht erst aufgreifen.

Aber das ist auch noch alles nicht aussagekräftig genug. Ich warte eigentlich nur darauf, dass wir nun endlich auch ein paar Kennzahlen entwickeln. Darauf stehen wir doch irgendwie, oder? So eine schöne Migrations-Inzidenz vielleicht, oder einen M-Wert oder ein M-Ampelsystem, damit wir das dann auf eine Deutschlandkarte pappen können und sehen, wer denn seine M-Abwehr-Ziele einhält und wer nicht. Dann können wir uns dieses Bild jeden Abend in der Tagesschau angucken, mit dem Finger auf die anderen zeigen. Wir können unsere Reisen ins benachbarte Bundesland abblasen, wenn das Traumhotel von Afrikanern belagert wird.

Dann fehlt eigentlich nur noch, dass wir einen M-Stoff entwickeln, alle M-asken vom M-arkt kaufen und jeglich erdenkliche M-aßnahmen einleiten, damit wir uns die fremden Leue vom deutschen Hals halten. „Flatten the M-Kurve“ kommt dann sicher auch noch. Das regt mich auf und es is so kurzsichtig.

Warum können wir nicht mal „steigende Zahlen“ anstreben und darüber reden?

Zum Beispiel eine steigende Anzahl Wohnungen für alle, eine steigende Zahl von absolvierten Deutschkursen, eine steigende Anzahl S-Bahnfahrten die nicht wegen Personalmangel ausfallen, eine steigende Anzahl von Pflegern/Ärzten aus Syrien, eine steigende Anzahl Solar-Panel-Installateure aus Sudan, eine steigende Anzahl Busfahrer aus Afghanistan, …

Warum scheint hier Vieles auf Abwehr aus zu sein, statt zu überlegen, wo uns diese Leute bei unseren tausenden Herausforderungen helfen können??

Will mir nicht in den Kopf …

482) Klick, rumms und das Haus ist weg

Ich schaue nur wenig Nachrichten dieser Tage. Ich bin nicht verdrossen oder verschließe die Augen, nein, nein. Es ist nur schwer anzusehen und das reicht dann auch einmal am Tag, besser nach dem Essen. Gräueltaten die Menschen an anderen Menschen vollbringen und sich in dem Moment so nahe sind, dass sie sich in die Augen schauen können. Oder das Töten aus der fernen Distanz. Man sieht ein Haus von oben, in Grautönen, ohne Ton, jemand drückt irgendwo einen Knopf und wumms ist das Gebäude samt Mobiliar, Haustechnik und menschlichen Körperteilen in Rauch aufgelöst. Eine graue Wolke verzieht sich und dann ist da nur noch ein Loch  im Straßenviertel. Wirkt recht chirurgisch. Und auch nicht so laut. In einem Kommentarwechsel unter Reiners Beitrag >Zeit, sich umzustellen haben wir diskutiert wie selbstverständlich solche Bilder schon geworden sind.
  • „Früher“ als ich mich langsam zum Nachrichten-Konsument entwickelte, gab es eher mündliche Berichte. „In der vergangenen Nacht ist an der Grenze von X und Y zu heftigen Kämpfen zwischen A und B gekommen. Das Verteidigungsministerium von A spricht von 650 Toten, B dementiert dies bislang“. Maximal gab‘s noch ein Bild dazu, fertig. Details blieben eher verborgen.
  • Zu Beginn des zweiten Golfkriegs Anfang der 90-er konnte man schon auf der Couch sitzen und in der Chips-Tüte rascheln, während Nachrichtensprecher von den ersten Raketeneinschläge berichteten. Live und in Farbe, aber immer noch mit viel Abstand. In den Mund gelegt: „Und hier sehen wir noch mal ein schönes Exemplar wie es in den Himmel steigt, es fliegt und fliegt, was für ein Schweif … oahhh … schööööön … und Treffer! Noch eine bitte. Papa haben wir noch mehr davon?“
  • Im Irak-Krieg zum Anfang der Nuller Jahre kam der Begriff „Embedded Journalism“ in mein Nachrichten-Leben. Journalisten liefen mit Soldaten mit und kommentierten das aktuelle Geschehen vor Ort, eingebettet in die Kampfhandlungen. Die Kamera war oft verwackelt, Audio-Kommentare nicht immer zu verstehen und das Risiko für die Presse-Leute nicht gerade klein, erwischt zu werden.
  • Tja und nun gibt‘s Luftaufnahmen von oben. Ein Haus, ein Dachgarten. Man sieht nicht was die Menschen in dem Haus tun. Ob sie auf dem Klo sitzen, an den Füßen pulen oder Essen kochen. Oder fiese terroristische Pläne aushecken, die Lage besprechen und die nächsten Angriffe planen. Wir Zuschauer wissen es nicht. Dann macht irgendwer irgendwo Klick, rumms und das Haus ist weg.
  • Ich frage mich was wohl als Nächstes kommt? Kamera-Drohnen die vorher in die Häuser fliegen und auch mal die Perspektive von Innen zeigen? Vielleicht könnte man die Playstation-Controller der Kids auch noch irgendwie mit einbinden? Und Werbung. Werbung fehlt auch noch. „Dieser Abschuss wurde ihnen präsentiert von Petersthaler. Ein Bier so herrlich prickelnd und explosiv.“ oder „Der nächste Treffer erfolgt mit freundlicher Unterstützung von Nut-Cracker, denn wir knacken jede Nuss.“ Und  nun kommen die Disclaimer:
    • PS1: nein ich schreibe jetzt keinen Disclaimer, dass ich ich mich nicht lustig machen will. Das ist ja wohl logisch.
    • PS2: es gibt einen guten Film mit Ethan Hawkes, nennt sich Good Kill, aus dem Jahre 2014. Zehn Jahre alt nur.
    • PS3: das Titelbild ist keine Bildaufnahme von einem solchen Angriff, stattdessen habe ich heute mein Handy aus dem Auto gehalten und die Wolken über der A13 fotografiert und das dann stümperhaft verändert. So … alles gesagt?

480) Jedem seine Bubble?

Ein Gedanke vom Joggen heute Morgen lässt mich nicht los. Da ging es im Hörbuch „12 Gesetze der Dummheit“ von Henning Beck unter anderem darum, dass Informationsblasen ja heute eigentlich Blasen sind, die sich um Gruppen herum gebildet haben. Da fühlt man sich kuschelig wohl, deshalb verlässt man diese Bubble auch nicht. Was aber, wenn durch fortschreitende generative KI und Individualisierung jeder Mensch in genau einer informativen Bubble lebt und jegliche Inhalte auf diesen einen Konsumenten zugeschnitten sind? 

Nein, ich meine keine Algorithmen die Inhalte zusammensammeln und uns auf die Geräte puschen, das gibt es ja heute schon und führt zur Filter Bubble. Nein, ich meine Inhalte, die aus dem Nichts erschaffen werden. Nur für den einen User. Also eine Art Creator Bubble. Es gibt keine Massenmedien mehr, keine Nachrichten, kein Twitter, kein Facebook und kein Hollywood, die Inhalte für mehrere Menschen produzieren und dann noch monatelang in den Mediatheken anbieten. Stattdessen würden Inhalte für den Moment geschaffen, danach sind sie wieder weg, sie existieren so kein zweites Mal. Niemand könnte diesen Blogbeitrag lesen, denn der wurde in meiner Bubble geschaffen und da bleibt der dann auch. Unsere Bubbles wären nicht miteinander verbunden, jeder blubbert in seiner eigenen Bubble vor sich hin, das elektronische Teilen wäre wieder abgeschafft.

Na, wie wäre das? Auf jeden Fall gruselig oder?

  • Marketingstrategen würden sich vermutlich freuen, können sie den Konsumenten dann den ganzen Tag mit individueller Werbung vollpumpen und Vergleichsportale gäbe es ja auch nicht mehr. 
  • Bei Despoten, da bin ich mir gar nicht so sicher, was sie davon halten würden. Sie könnten happy sein, weil sich über zwischen den Millionen von Bubbles kaum Widerstand des Bubble-Volkes organisieren lässt, allerdings hätten die Despoten das Problem, dass sie auch keine Massenpropanda auf die Human-Blasen herabgießen können. Auch doof. Für die Despoten.
  • Menschen werden möglicherweise viel kommunikativer. Vielleicht berichten sie gegenseitig von ihren individuellen Erlebnissen, denn analog kommunizieren können sie ja schließlich noch. Oder die Kommunikation schläft dann erst recht ein, weil der jeweils andere nicht mitreden, maximal zuhören kann. Wenn zwei Kollegen begeistert über ihren letzten Kinofilm schwärmen, wird das recht öde, wenn jeder 90 min nur über seinen Film rezitiert.

Tja, 80 Millionen Bubbles, in diesem Land wären dann vielleicht doch ein bisschen viel. 

Aber wie viele Bubbles wären denn optimal? 

  • Eine Bubble etwa? Oh, nein danke. Und hatten wir schon mal. Ging nicht gut.
  • Zwei Bubbles vielleicht? Dann wäre das vermutlich so wie in den USA.
  • Pro politischer Partei eine Bubble? Das ist viel zu grob, wenn man da nur an die Flügelkämpfe in den Parteien denkt. 
  • Pro Postleitzahl eine Bubble. Neeiiiiiiin! Um Himmels nicht das. Ich als einer der letzten noch nicht gentrifizierten Ur-Einwohner des Bezirks in einer Weißwurst-Maultaschen-Bubble?

Dann ziehe ich weg in meine eigene Bubble und blubber darin vor mich hin.

Nur ich … mit einer Tasse Bubble-T.

479) Nach den Regeln des Krieges

Auch wenn ich gerade im südlichsten Südböhmen bin, folge ich natürlich der Nachrichtenlage daheim. Dank WIFI und Mediathek kein Problem, großartig. Nur gestern, in der 19:00 Uhr-Ausgabe 27.10.23 von „heute“, da sagte die Moderatorin einen Satz, da musste ich erst einmal schlucken.

„Israel hat auf die Forderungen der EU bislang nicht offiziell reagiert, bekommt aber auch Druck aus den USA, sich an die Regeln des Krieges zu halten, ungeachtet seines Rechts auf Selbstverteidigung.“ What? Ich spulte noch mal zurück. „An die Regeln des Krieges“ … das klang in meinem Ohr wie … „Nach allen Regeln der Kunst“. Das hat sie natürlich nicht gesagt, aber das hallte in meinem Kopf nach. Da war der schon fast lustige Versprecher des geschätzten Journalisten kurz davor fast vergessen, als er auf den französischen Staatspräsidenten „Francois“ Macron referenzierte.

Geschenkt! Passiert, selbst den Profis.

„Regeln des Krieges“. Da hatte ich heute auf der Autobahn nach Österreich genug Zeit drauf herumzukauen.

Gibt es ein Regelwerk für Krieg? Quasi „Das 1×1 des Kriegs“?, „Krieg für Anfänger“?, „Krieg für Fortgeschrittene“?, Kriegsführerschein in zwei Wochen“? Mit Checklist, Übungsblättern und Raum für eigene Notizen?

Und wenn ja, in welchem Regal der Bücherei des Vertrauens steht es dann? Bei den „Klassikern“, bei den „Top-Sellern“ oder bei „Körper & Gesundheit“?

Also, es gibt zumindest einen Grundverständnis an „Spiel“-Regeln: Genfer Konventionen, UN-Charta, Schutz von Zivilisten, Schutz von Kulturgütern, Verbot von Massenvernichtungswaffen etc., soweit so gut.

Leider gibt es hier keine Schiedsrichter auf dem Feld. Kein Video-Assistent aus dem Keller in Den Haag. Das „Match“ kann nicht einfach abgepfiffen werden, von einem Unparteiischen in kurzen Hosen und einer Trillerpfeife im Mund.

Leider, leider geht das nicht. Nicht mal eine Halbzeit gibt es, keine Trinkpause und die Spieler machen auch nicht an vorher gezogenen Linien halt.

Bei all den Konflikten weltweit wundert es mich eigentlich, dass es noch keinen festen Slot in den Nachrichten für „Krieg“ gibt.

„Soweit zu den Nachrichten aus Deutschland, meine Damen und Herren. Wir schalten nun live rüber zur Kriegs-Redaktion, dann folgen die Börsen-News und zum Abschluss wie gewohnt der Sport und das Wetter für die nächsten Tage.
Einen schönen Abend noch.“