81) Abwärts – Vol 5

Der Tageskilometerzähler hatte die 1000 schon vor Stunden überschritten. Die kleine Kompassnadel im Navigationssystem zeigte unbeirrbar nach Osten. Genauso wie die Landstraße, die Noah durch endlose Wälder führte.

Er hatte keine Eile. Die Bäume zogen vorbei wie ein Film, den niemand mehr schnitt. Beim letzten Kreisverkehr hatte er die Wahl zwischen zwei Landesgrenzen gehabt.

“Wähle weise”, hatte er vor sich hin gemurmelt.

Und er wählte. Weise.

An diesem Nachmittag schien Noah der einzige Mensch zu sein, der diese Richtung eingeschlagen hatte. Kilometerlang fuhr niemand vor ihm. Niemand hinter ihm. Die Straße verlief schnurgerade.

Am Horizont tauchten auf einmal Scheinwerfer auf. Hier draußen war das normal. Man fuhr auch am Tag mit Licht. Es war sogar Pflicht.

Je näher die Lichter kamen, desto mehr Fahrzeuge schienen daraus zu werden. Zehn vielleicht. Fünfzehn. Zwanzig. Sie fuhren dicht hintereinander, Stoßstange an Stoßstange, wie eine Kolonne. Schnell. Sehr schnell.

Noah richtete sich etwas auf. Wo wollen die alle hin? 

Die ersten Wagen rauschten an ihm vorbei.

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Fast gleichzeitig wanderten die Köpfe hinter den Windschutzscheiben zu ihm herüber.

Nicht lange. Nur einen Augenblick.

Aber lange genug, dass Noah bemerkte, dass sie ihn ansahen. Alle.

Die letzten Fahrzeuge verschwanden im Rückspiegel. Dann war die Straße wieder leer.

Noah schüttelte leicht den Kopf und lächelte. Vielleicht hatte er sich das nur eingebildet. Menschen sahen nun einmal zu anderen Menschen hinüber. Besonders auf einsamen Straßen.

Er fuhr weiter. Einige Minuten später erschien ein Lichtpunkt im Rückspiegel. Dann noch einer. Verkehr in seiner Richtung, das beruhigte ihn.

Die Lichter wurden größer und kamen schneller näher, als Noah erwartet hatte. Sie standen ungewöhnlich hoch über der Fahrbahn. Der erste Umriss schälte sich aus dem Abendlicht. Ein Lastwagen. Dunkelgrün. Dahinter ein zweiter, ein dritter und weitere. Keine Spedition, dachte Noah.

Für einen Moment fuhren die Fahrzeuge direkt hinter ihm her. Dann setzte der erste den Blinker und zog nach links. Langsam schob sich die gewaltige Front an seinem Camper vorbei. Dahinter folgte der nächste. Und der nächste.

Bald hatten sie ihn alle überholt und verschwanden vor ihm auf der Straße nach Osten. Noah wartete, bis auch der letzte Lastwagen hinter der nächsten Kuppe verschwunden war. Dann stellte er den Tempomat wieder ein.

Endlich Ruhe.

 

Anmerkung:

Bevor sich jemand daheim Sorgen macht … mir gehts blendend. Und warum dann dieser Text? Nun ja. Es gibt auf meiner Tour endlose Straßen durch Wälder und auch Kreisverkehr-Ausfahren die nach z.B. nach Kaliningrad / Russland, oder auch Minsk / Belarus führen. So viel ist fakt. Bis zur gestrichelten Linie ist alles genauso geschehen, mir kam auf einmal eine Kolonne von Autos entgegen, die ich mir nicht erklären konnte. Hinter der nächsten Kurve wurde die Ursache sichtbar. Eine Baustellenampel fertigte stoßweise ab. Der zweite Teil ist dann eher Ausgeburt meiner Phantasie und ist im Anblick von Militär-Fahrzeugen in Polen und im Gespräch mit ChatGPT entstanden

Co-Creation Project:

Idee, Voice Prompting, Redaktion: T. Head

Schreibarbeit: ChatGPT

74) Abwärts – Vol 4

Eine gefühlte Ewigkeit fährt Noah nun schon gen Norden. Niemand fährt vor ihm, keiner hinter ihm, vorhin lief mal “King of the Road“ im Radio … nun gibt es nur noch Rauschen. Er wird müde, denn er hat nicht viel zu tun. Die Geschwindigkeit des Campers regelt der Wagen selber, das System, das die Spur halten soll, hält die Spur. Das Navi macht was es will, die Kompass-Nadel kreiselt in einer Tour. Ob er denn wirklich nach Norden fuhr, das fragte er sich vorhin einmal, aber es muss so sein, denn die Straße verläuft schließlich schnurgeradeaus.

Nach weiteren Kilometern erblickt er in der Dämmerung ein Straßenschild und verlangsamt die Fahrt. Oben ist ein verblichenes Symbol zu erkennen – ein Rechteck mit zwei Rädern, vermutlich ein Camper, darunter der Schriftzug OMVÄND.

Keine Ahnung, was das heißen soll.
Klingt irgendwie nordisch. Vielleicht ein Stellplatz.
Oder ein Ort. Ein Aussichtspunkt.

Er setzt den Blinker, nicht weil er das Wort entschlüsselt hat, sondern weil es für heute genug sein soll. Er folgt einem enger werdenden Kiesweg, nach einigen Kurven kommt er direkt vor einem See zum Halt. Er stellt den Motor ab und genießt den kurzen Moment, in dem die Maschine bebend zur Ruhe kommt. Er atmet aus, öffnet die Wagentür und steht am Ufer. „Bingo“ …flüstert er. Das Wort OMVÄND wird er wohl nie mehr vergessen können. Das verbleibende Tageslicht nutzt er, um den Camper für die Nacht vorzubereiten und eine Suppe aufzuwärmen. Eine Suppe, ein Stück Brot, mehr braucht er nicht. Nun noch eine Zigarette und ein Gläschen dieses Whiskys, den er für viel Geld beim staatlichen Systembolaget erstanden hatte.

Er sitzt auf einem Klappstuhl und starrt auf den dunklen See.

Ein Froschkonzert setzt ein. Zunehmend lauter, zunehmend mehr, zunehmend näher. Meine Güte, was haben die alle zu erzählen. Reden die miteinander? Übereinander? Über ihn? Mit ihm?

Noah erhebt sich von dem wackeligen Klappstuhl und steigt in den Camper. Er will sein Telefon suchen, vielleicht kann er eine kurze Nachricht an Yumi absetzen. Ein kurzes Lebenszeichen, mehr nicht. Das Telefon scheint vom Klapptisch gefallen zu sein, aber er kann es zwischen zwei Sitzauflagen finden und steckt es in die Hosentasche. Der Camper wirkt leicht geneigt, mehr als vorhin – aber vielleicht täuscht das. Für eine Nacht wird das schon gehen.

Er setzt sich wieder, gönnt sich noch einen Schluck von dem Whisky und lauscht dem Quaken der Frösche. Es ist noch zu hören, aber anders irgendwie.

Nicht mehr von vorn, nicht mehr vom See.
Jetzt eher von den Seiten.
Sogar schon von hinten.
Scheinbar abklingend.
Alles wollten sie nur noch …
Verlassen.
Verreisen.
Abreisen.

In dem Moment erhält er eine Nachricht von Yumi.

Yumi: Hej, gehts noch aufwärts?
Noah: Gerade nicht
Yumi: Bären, Elche?
Noah: Frösche eher
Yumi: Süß
Noah: Weiß nicht
Yumi: Wieso?
Noah: Die hauen ab
Yumi: Und du?
Noah: Ich fahr‘ weiter … nach Norden. Morgen.