515) Kann bitte jemand für mich auf die Demo gehen?

Auch wenn ich gerade in Indien bin, verfolge ich natürlich das Geschehen zu Hause. Glücklicherweise gibt es diverse Mediatheken, so dass ich heimische Nachrichten schauen kann. Das Geheimtreffen in Potsdam, inklusive Teilnehmer der so genannten „Alternative“ für Deutschland, beherrscht die News und umso mehr freut es mich natürlich, dass es in Deutschland mittlerweile große Demonstrationen für Demokratie und gegen Nazis gibt.

Selbst hier in den indischen Welt-Nachrichten ist das ein Thema, siehe Titelbild und  Video-Mitschnitt von gestern Abend.

Toll, dass es dieses Bild von Deutschland bis hier in die Nachrichten schafft, es ist aber eigentlich auch genauso traurig, dass ein Erstarken der AfD und ihre kruden Ansichten letztlich Sendezeit im Indischen Fernsehen bekommen. Die hätten eigentlich auch andere Dinge zu besprechen.

Leider kann ich nicht mitdemonstrieren, mir ist noch keine virtuelle Variante bekannt. Das wäre eine Marktlücke, die es noch zu füllen gilt.

Also schreibe ich diesen Blogbeitrag, um Sympathie und Gemeinsamkeit mit der Idee hinter den Demonstrationen auszudrücken.

Also, wenn einer von euch Lesern demnächst auf eine solche Demo geht, könnt ihr gern folgende Statements auf eine Plakat drucken und mitnehmen?
Danke und Schönen Gruß an alle.

  • Die AfD darf keinen nennenswerten Stimmenanteile auf Bundesrat/Bundestag kriegen. Damit hätten sei Einfluss auf Bildungspolitik, Medien, Sicherheit, Polizei, Migration etc. Wie das enden kann haben wir schon einmal gelernt und hoffentlich doch nicht vergessen.
  • Eine „Remigration“ … also Deportation … von Menschen und Abschottung Deutschlands ist zum einen unethisch und macht zudem sachlich überhaupt keinen Sinn. So viel zusätzliche Arbeitskräfte kann das deutsche Volk überhaupt nicht zurecht poppen und großziehen, wie wir brauchen, und selbst wenn, wäre das ziemlich anstrengend.
  • Deutschland muss sich dem Klimawandel stellen, ob wir das nun wollen oder nicht. Schließlich verbocken wir einen großen Teil des Drecks, daheim in Deutschland und natürlich auch in China, Indien, Bangladesh etc, weil wir die Drecksarbeit outgesourced haben. Und Klimaveränderung macht nicht an Deutschen Grenzen halt, auch wenn wir da einen hohen Zaun hinbauen. Oder will die AfD die bösen Wetterphänomene auch remigrieren?
  • Ein Ausstieg aus der EU ist völliger Schwachsinn und wäre ein Riesenproblem für unsere export-focussierte Wirtschaft. Schließlich bauen wir nicht nur Oliven und Zitronen an, sondern immer noch Maschinen und Technologie. Nur wenn das Zeug ohne Zölle verkauft werden kann, haben die Deutschen weiterhin Jobs und wir können uns einen gewissen Wohlstand leisten (Infrastruktur, Gesundheit, Sicherheit).

Mag, alles etwas Stammtisch-mäßig klingen, aber so falsch ist das nicht, behaupte ich mal.

Also bitte, geht da hin!

488) Rechnung an „Die letzte Generation“?

Woran merkt man, dass Berlin eine neue konservative Regierung hat und in die Spandauer Vorstadt-Piefigkeit abdriftet? Ganz offensichtlich. Man erwägt, Radwege schmaler zu gestalten und echauffiert sich den Mund fusselig, wenn „Die letzte Generation“ die Säulen des Brandenburger Tors mit oranger Farbe besprüht.

Dann braucht man ewig um eine Reinigungs-Kompanie zusammenzukriegen und weil man so genervt davon ist, tönt man seit Tagen über die lokalen Medien, die Rechnung würde an „Die letzte Generation“ gehen. Polter, Polter. Durchgreifen! Kante zeigen! Jawohl! Also da bleibt selbst mir, als „established“-er Anwohner im schicki-micki-bio-veggie-fair-diversem Stadtbezirk Prenzlauer Berg die Spucke weg. 

Wie einfältig, wilmersdorfig und charlottenburgisch uncool ist das denn lieber Herr Kai Wegner?

Dieses geschichtsträchtige Brandenburger Tor hat nun schon wirklich oft gelitten und alles überstanden. Weltkrieg, Silvesterparty, Pyromanen, Autoverkehr und jetzt droht es anscheinend umzukippen wegen etwas Farbe? Und nun glauben Sie, das macht man mit einem Sandstrahler weg und dann ist alles wieder gut? Davon mal abgesehen, dass in sechs Wochen wieder eine Sylvester-Party am Tor stattfindet? 

Das ist doch lächerlich! Die ganze Stadt tropft vor Scheiß-nicht-lesbarem Graffiti (nicht Street Art gemeint) und mit dieser Schäbigkeit und alternativen Lebensweise werden Touristen nach Berlin gelockt und schleppen Geld hierher. Und dann führt man sich auf, wie der Gemeindevorsteher einer schwäbischen Kleinstadt zu Neujahr um 01:30 Uhr? Sorry, liebe Leser in schwäbischen Kleinstädten, es geht nicht gegen euch. Es geht mir um diese „Wir-wischen-das-mal-schnell-wieder-weg-und-dann-ist-alles-wieder-gut“-Mentalität, die hier in an den prominenten Stellen der „hippen“ Hauptstadt vermehrt Einzug hält.

Das ist lächerlich, dumm und provokant. 

Hätte die Stadt ein bisschen Mumm, würde sie es einfach so belassen. Als … (ja durchaus) …  hässlichen Anstoß zur Diskussion, für Einwohner und Besucher. Sollen die Menschen das gut oder schlecht finden, mir völlig egal, aber so ist das nun mal bei der Klima-Debatte … sie polarisiert … und da werden noch ganz andere Herausforderungen auf uns warten, also so ein bisschen Farbe. Sollen doch Touristen-Busse jeden Tag an diesem „Schandfleck“ vorbeifahren, sich ein Bild davon machen und damit konfrontiert werden. Sollen orange bepinselte Steinstücke verkauft werden, wie die gefälschten „original“ Mauerstücke seit über 30 Jahren.  

Und wenn das „orange“ nun wirklich nicht ins Metropolen-Konzept passt, dann soll der Regierende Bürgermeister von Berlin, das von mir aus mit blau-gelb für die Ukraine überpinseln oder mit weiß-blau für Israel. Oder mit Regenbogen für alles Diverse auf dem Planeten, ist mir wirklich Wurscht.

Aber das wäre wenigstens ein Statement!

Stattdessen Waschlappen gegen Klimaproteste…

Weicheier!

… und wenn diese Betriebsamkeit bei unseren Baustellen herrschen würde … wir wären eine Metropole.

444) Lass sie kleben

Sitzen ist das neue Rauchen, sagt man. Kleben ist das neue Impfen, glaubt man. Es gibt kaum ein Thema, was die Deutschen so sehr aufzuregen und zu polarisieren scheint.

Menschen, die sich für konsequenten Klimaschutz auf der Kreuzung festkleben und damit Autofahrer an den Rand des Wahnsinns treiben. Juhu, ich habe es schon geschafft. Des Lesers Puls hat sich bereits verändert. Wetten?

Und was können wir uns da herrlich aufregen:

  • Auf einmal scheint der Großteil der Berliner neuerdings Klempner zu sein oder dringende Arzneimittel zu transportieren.
  • Und alle Nicht-Berliner sind plötzlich zu Berlinern geworden und dreschen auf die Klebe-Geister ein. Weil das ja „dem eigentlich doch positivem Ansinnen schadet“. Die völlig falsche Protestform … na wenn das mal nicht nach hinten losgeht.
  • Und die Gemälde. Auh weija. Ja da ist eine rote Linie übertreten. Wir lieben ja unsere Gemälde. Jeder kennt eines. Schade um die schönen Gemälde, die haben ja mit Klimaschutz überhaupt nichts zu tun. 
  • Und das Grundgesetz erst. Das stand da immer so schön getafelt an der Spree. Und nun wurde es schon mehrfach beschmutzt. Unser schönes Grundgesetz, das uns sonst ja so heilig ist. Jeder Deutsche kann nachts geweckt werden, die Abseitsregel erklären und das Grundgesetz aufsagen. Ja genau.
  • Und der Moderator, des von mir eigentlich sehr geschätzten Radiosenders, der seit mehreren Tagen über nichts anderes mehr reden mag, weil er selber ständig im Stau steht. Schlimm, so schlimm.
  • Und der 80-jährige Opa, der vom Flughafen BER drei Stunden in den Berliner Norden gebraucht hat und weder eine Flasche Wasser und noch eine mobile Toilette dabei hatte. Das geht an die Menschenrechte. Das ist ja schon kriminell. Dagegen muss man vorgehen.
  • Und die Abgase, die dabei entstehen. Allein schon dadurch werden doch Staus gefördert. Furchtbar. Drei Stunden Klimaanlage im Dauerbetrieb, das Auto-Radio läuft und das Handy muss man ja auch mal laden. Das verhagelt uns ja nun völlig die Klima-Bilanz. Das macht ja alle Anstrengungen zunichte.
  • Und all die Rettungswagen im Besonderen, die ja früher quasi durch die Stadt flogen und nun ständig feststecken. Die armen Menschen, die da tagtäglich im RTW verrecken. Stell dir das mal vor. Dramatisch.
  • Und überhaupt, die normalen Bürger, das sind doch die völlig falschen Adressaten. Das sollte man doch lieber die Regierung … oder die Industrie … oder die … Bonzen und die alle blockieren … das sind doch die … die Schuld sind. 
  • Und dieser schnöselige Tasten-Clown hier, der hat ja gut reden! Der sitzt ja den ganzen Tag in seinem Yuppie-Homeoffice. Der muss ja nicht jeden Tag mit dem Auto zu Arbeit fahren.

Stoooooopp! Ich habe die Schnauze voll, ich kann es nicht mehr hören. Diese Jammerlappen hier. Wie will man Veränderungen voranbringen … wenn viele Menschen zwar gern Bundestrainer … ansonsten aber … Weicheier … sind. Sorry. Tut mir Leid.

Gut tausend Kilometer von hier, da kleben Kinder auf der Straße. Tote Kinder oder was von ihnen übrig ist. Knochen, Gedärm, Hirn, eine Niere garniert mit Zahnspange und Teddy-Bär-Gemüse. Eine zähe Masse. Und das klebt vielleicht das Zeug. Kriegt man kaum wieder ab von der Straße. Hilft auch kein Sonnenblumen-Öl.

Wisst Ihr, was mich mal interessieren würde? Welches inhaltliche Ziel eigentlich eine Bewegung verfolgen müsste, damit der Großteil der Heulsusen hierzulande mit den unbequemen Sitzblockaden fein wäre. Bratwurst für alle? Freibier? Fußballweltmeister?

Schönen Sonntag
T.

130) Corona-Lektionen 39

Die 23. Woche in dieser Ausnahmezeit beginnt morgen. Ich bin froh, dass Berlin wieder im halbwegs normalen Schul-/Arbeitsbetrieb ist. Auf einer Spanischen Insel möchte ich gerade nicht hocken.

Zeit für ein paar Gedanken aus den letzten Tagen:

Reiseplanung:
Das Jahr 2020 stellt alles auf den Kopf. Auch beim Reisen. Ich bin noch nie so wenig gereist, doch die jeweiligen Vor-und Nachbereitungen der nicht stattgefunden Reisen ist schon beachtlich. Stornierungen, Umbuchungen, Draufzahlen, Kohle eintreiben, AGB lesen und herumärgern. Ein völlig neues Hobby ist entstanden. Non-Travel-Management.

Maske:
Kein anderes Stück Stoff hat jemals so polarisiert (… vielleicht der BH noch … oder das Einstecktuch). Ich will hier keine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen, ich trage das Ding, wenn immer nötig. Einzig beim Betreten einer Tankstelle und Bank-Filiale ist das immer noch ein sehr eigenartiges Gefühl. In Zeitlupe laufe ich als Clyde auf die Tür zu, schaue nach links und rechts, dann nicke ich meiner imaginären Bonnie zu und ziehe die Maske bis hoch zu den Augen. Hände hoch oder ich niese!

Aber nun wieder zum Ernst zurück.

Demonstration:
In zwei Wochen soll in Berlin wieder ein große Demo gegen die Corona-Maßnahmen stattfinden. Heute war ich etwas im Internet unterwegs, um mich mal mit den Organisatoren zu beschäftigen. Einfach mal lesen, was sie so antreibt. Dabei bin ich auf der großen Video-Plattform auf einen 10-minütigen Redebeitrag einer ihrer Scharfmacher gestoßen und habe es mir komplett angehört. Sollte ich hier tiefer drauf eingehen? Nein, ich entscheide mich dagegen. Soll jeder selber sehen und sich ein Bild machen. Nur soviel: Der Sprecher klingt seriös, schmeißt meiner Meinung nach aber alle aktuellen Herausforderungen in einen Mixer und garniert das Ganze mit Wörtern wie „Corona-Regime“, „Corona-Lüge“ und dem „Umfassendsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte“. Zweifelhaft. So ein Cocktail kann nur schmecken, wenn es sonst nix zu trinken gibt.

Ich meine, die angerissenen Themen sind ja vertikal betrachtet schon sehr komplex und man müsste jeweils sehr in die Tiefe gehen. Es bringt aber meiner Meinung nach überhaupt nichts, all die Probleme der Zeit horizontal (oder „quer“) und flach auf eine Strippe zu ziehen und damit krampfhaft Beziehungen untereinander herzustellen. Im besten Falle könnte man 7,99 EUR drunter schreiben und das als Schmöker im Buchladen anbieten. Aber da gibts auch echte bessere Werke.

Ich überlege, bei der nächsten Demo hinzugehen. Nicht als Teilnehmer, sondern als Beobachter. Möchte mir ein Bild von den Demonstranten und ihren Ansichten machen. Mit verdammt viel Abstand und Maske.

Denn eines habe ich noch nicht kapiert: Wem nützt es?

Schönen Sonntag
T.

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47) Hongkong

Neulich, in den Abend-Nachrichten, liefen Video-Aufnahmen von Straßenschlachten in Hongkong.  Da gingen Demonstranten und die dortige Polizei aufeinander los. Der Sohnemann sollte eigentlich schon im Bett sein, hatte dann aber doch noch ein paar Bilder im Vorbeigehen erhascht.

Er: „Papa, was ist da los?“
Ich: „Das ist etwas kompliziert, erkläre ich Dir morgen. Versprochen“

Und wie die Kids halt so sind, vergessen sie so ein Versprechen  nicht. So stand er dann den Tag darauf vor mir und verlangte eine Erklärung. „Hol mir mal ein Blatt Papier und einen Stift, ich muss da bestimmt etwas malen“.

  • Wir begannen unser Wimmelbild also mit der Kolonialisierung durch die Engländer, (… Portugiesen, Spanier, Holländer und Deutsche natürlich auch … aber das kürzten wir ab)
  • Anschließend streiften wir die beiden Weltkriege und machten mit dem Freiheitskampf Indiens weiter, bei dem die Engländer dann wieder vor die Tür gesetzt wurden.
  • Dann machten wir einen Abstecher zum Kalten Krieg, zu den Supermächten Russland und USA, und teilten Europa in Ost und West ein. Zack. Dicker Strich mitten durch Berlin.
  • Weiter ging es nach Fernost zu den britischen Kronkolonien Singapur und Hongkong, wo die Engländer noch etwas länger ihren 5-Uhr-Tee tranken, bevor sie wieder nach Hause fuhren.
  • Irgendwann landeten wir bei den heutigen Handelsströmen, wo die einen Länder die Ideen und Technologien haben und andere Länder die Werkbänke und Millionen von Arbeitskräften. Und mittlerweile auch das Geld. Und großartige Technologien, mit denen sie ihre Einwohner gängeln können…

Er: „Und was kann man da jetzt machen?“
Ich: „Puhh…“