Wenn ich mich hier durch Bangalore bewege und das Treiben in der Stadt beobachte, muss ich oft an die vielen, teils ideologisch aufgeheizten, Diskussionen in der Heimat denken.
Ein paar Beispiele:
- In Deutschland diskutieren wir den Ausbau der Radwege, definieren Breiten und Farbtöne und können uns herrlich drüber aufregen, wenn sich die Radfahrer nicht an die Radstreifen und Regeln halten. Hier gibt es überhaupt keine Radinfrastruktur, man sieht kaum Fahrräder, höchstens am Wochenende mal ein paar Rennradler, die sich zu früher Stunde aus der Stadt verdrücken.
- Zu Hause schütten wir Fußgängerunterführungen zu, weil wir die Fußgänger nicht mehr verdrängen, stattdessen wieder ans Tageslicht bringen wollen. Hier dagegen gibt es kaum Ampeln, die ein gesichertes Überqueren der Straßen möglichen. Zebrastreifen sieht man ab und zu, sie haben aber keine Bedeutung. Fußgängerunterführungen oder -brücken … Fehlanzeige. Fußgängerzonen ebenso.
- Hier ist man um jede weitere Fahrspur froh, die errichtet wird. Um jeden Fly Over, der ein besseres Vorankommen mit Auto oder Scooter ermöglicht. Wenn ich indischen Kollegen davon erzähle, dass wir Stück für Stück Fahrbahnen streichen, um den Autoverkehr schrittweise in den ÖPNV umzuleiten, schütteln die hier nur den Kopf. Ja, mit den zwei Metro-Linien in Bengaluru ist ein Anfang gemacht, aber man darf nicht vergessen, dass die Stadt jeden Tag wächst. Gemäß >Wikipedia waren es im Jahr 2000 ca. 6 Mio Einwohner, in 2017 schon das Doppelte mit 12 Mio. Solch ein Wachstum möchte ich mir für Berlin nicht vorstellen.
- Wenn ich mich in Berlin einer Kreuzung nähre, dann registriere ich die Verkehrszeichen, leite daraus ab welche Regeln gelten, komme dann zu dem Schluss, was das nun für mich bedeutet und handle danach. Und im Zweifel zählt §1 StVO. Fährt mein Indischer Kollege auf die Kreuzung zu, denkt er eigentlich nur daran, … O-Ton …, wie er nun schnellstmöglich vorwärts kommt ohne andere zu töten oder sein Auto zu beschädigen. Und schnellstmöglich meint jetzt nicht „Rasen“, sondern überhaupt vorankommen.
- Wenn ich meinen Kindern eintrichtere, dass sie sich doch etwas zurückhalten sollen, anderen den Vortritt lassen, oder sich anstellen müssen, gilt hier nur das Recht des lauteren, stärkeren und energischeren. Wenn man hier auch nur einem Menschen den Vortritt lässt oder einem Pkw die Vorfahrt schenkt, kommen gleich zig andere hinterher und man hat die berühmte Karte mit A gezogen.
- Geht es bei uns auch gern um Gleichberechtigung, Equal Pay und Frauenrechte, sind hier die Hochzeiten noch häufig arrangiert und der Ehegatte beziehungsweise seine Eltern verfügen über die Rechte der Frau. Auf der Büro-Etage, wo ich die letzten Tage zu tun hatte, waren Frauen deutlich unterrepräsentiert. Dafür sieht man sie beim Bau von Fußwegen oder anderen körperlich schweren Tätigkeiten.
- Ist bei uns Sonntagsarbeit i.d.R. verboten, weil Kirchen oder Gewerkschaften es so gern haben, läuft der Laden hier weiter. Die Arbeiten an der Metro werden fortgesetzt und auch Wohnhäuser sind sonntags „Under Construction“. Häufig wohnen die Arbeiter in den Rohbauten. Wenn die Sonntags Däumchen drehen würden, dann würde alles noch ein siebtel länger dauern und die Leute würden ein siebtel weniger verdienen. Ganz einfach.
- Während wir diskutieren, ob das Duschgel nun Mikro-Plastik enthält oder nicht, gibt’s hier Makro-Plastik an allen Ecken. Natürlich bin ich froh das wir da schon einen Schritt weiter sind, aber das ordnet das Problem ganz anders ein und zeigt was weltweit noch alles zu tun ist.
Vor der Kulisse hier, wirken manche Diskussion daheim etwas bizarr, aber es diskutiert sich halt auch leichter, wenn man in der 1. Klasse sitzt. Ich will damit nicht sagen, dass wir solche Diskussionen nicht führen sollten, ABER in der Diskussionstemperatur und in der Erwartungshaltung, wie kurzfristig all die Transformationen zu Hause geschehen „müssen“, könnte man etwas herunterregeln, glaube ich.
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Flatten the curve, fällt mir dazu ein😂. Aber ich denke, du hast Recht, die Erregungskurve ist steiler als die Inflation.
Erregungskurve … danke … die ganze Zeit habe ich ein Wort dafür gesucht.
Danke, der Artikel hat mir echt und ehrlich geholfen, mich in Deutschland wieder etwas wohler zu fühlen, denn ich sehe, unsere Probleme sind im Gegensatz zu einer 12 Millionenstadt mit 2 U-Bahnlinien ein feuchter Kehricht. Die Luftqualität scheint sich von der in China nicht wesentlich zu unterscheiden, oder? – Wie viel Zeit planen die Leute dort für ihren Arbeitsweg ein?
Hi Clara, die Luft ist hier im Süden gefühlt noch besser als im Norden, weil Indien nach unten spitz zuläuft. Aber gemessen habe ich das nicht. Ich kann dir sagen, wieviel Zeit ich täglich im Auto verbringe. Vom Hotel zur Firma sind es 12 km, wir tuckeln das in ca. 90 Miuten, manchmal mehr und dann abends wieder zurück 😉
Wenn man die Fahrzeit als Arbeitszeit abrechnen kann, dann wäre es ja nicht so schlimm
Nee, nee, Das ist alles Privatvergnügen, aber das positive daran ist, dass ich viel Zeit habe mit meinem Kollegen über Gott, die Welt und die lokalen Challenges zu quatschen. Jede Fahrt quasi eine Bildungsreise 😉
Vielleicht sucht Frau Bettina Stark-Watzinger eine Ablösung, wenn du jetzt schon eine Bildungsreise machst 🙂
Danke dafür, dass Du den Finger wieder in die sprichwörtlichen Wunden legst. Wir könnte ja auch einige Gelder einsparen, wenn wir uns bescheiden würde, und diese dann anderen zukommen lassen, damit sie ein wenig Anschluss an uns bekommen könnten…
Ja, das wäre doch auch recht einfach. Soviel Geld wird in DE verballert für Blödsinn, vielleicht sollten wir die Kohle besser hier investieren.