584) Deutsches Idyll am Roten Meer

Nachdem unser Flugzeug in Berlin gelandet war, stiefelten alle Fluggäste artig zum Bus in Richtung Terminal. Der Bus fuhr bald ab und irgendwo weiter hinten fing jemand an, laut zu motzen. „Jetzt sind wir wieder in den scheiß Deutschland. Hier musst’de wieder ufpassen, nich’ gleich abjestochen zu werden. Dit hätt‘s in Hurghada nicht gegeben. Sag‘ ick dia“.

Willkommen zurück in Berlin.

Dass der Typ den Urlaub in Hurghada in einer „All Inclusive Enklave“ verbracht hat, um sich herum lauter Arbeitskräfte, die er beliebig hin und her kommandieren konnte und netterweise ab und zu mal „Chef“ nannte, wenn es darum ging, das nächste Bier zu kriegen, hat ihm vermutlich sehr gefallen. Auch, dass das Buffet immer reich bestückt war und er jeden Morgen frische Handtücher bekam, um seine Liege zu reservieren.

Das es bei den Rechten von Frauen, Oppositionellen und Journalisten weniger „all inclusive“ zugeht, Todesstrafe und Folter durchaus im Preis enthalten sind, ist völlig Wurscht. Das hat er wohl in dem Moment irgendwie ausgeblendet. Oder es interessiert ihn nicht. Hauptsache, die Geschäfte vor Ort sind in Deutsch beschriftet, so dass der Heinz auch sein Kaufland und sein Aldi findet und das Personal scheuchen kann, wie er es zu Hause nicht wagen würde.

Widerlich.

“Dann geh‘ doch zu Netto“ … kam mir in dem Moment die Kinderstimme aus der Radio-Werbung in den Sinn. „Dann geh‘ doch.“


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5 Kommentare zu „584) Deutsches Idyll am Roten Meer

  1. Hmm, gut beobachtet. Mein Leitsatz: Wenn zu viele Landsleute auftauchen, nichts wie weg. Die anderen sind zwar auch nicht anders, aber man kann sich wenigstens amüsieren. Bin mir sicher, dass schöne Wetter hat entschädigt und war ja auch „inclusive“ 🙂

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