355) Mann hinterm Fenster

Alles schwarz-weiß, manchmal lila
Der oberste Sowjet kommt in die Stadt
Klasse soll winken, Schönhauser Allee
Beim Kino Colosseum, unter der Bahn
Winkelemente erwünscht
Anderer Schmuck ebenso
Präsenz ist Pflicht

Was sollen sie anziehen?
Was nehmen sie mit?
Plakate oder Fähnchen?
Auf keinen Fall!
Riecht nach Veränderung
Schneiden Gorbatschow aus der Zeitung
Schwarzweiß, verpixelt, druckerschwarz
Heften ihn an die „Base-Caps“
Und stehen in erster Reihe
Pünktlich an der Schönhauser

Dunkle Volvos mit Licht und Fahnen
Kommen von rechts, fahren Kolonne
Der Wagen da, der in der Mitte!
Fenster halb geöffnet
Ist er das? Kann er es sein?
Der Mann hinterm Fenster winkt
Ja, er ist es
Die Jungs rufen
„Gorbi, Gorbi, Gorbi!“

Berlin, 1989

Veränderung ist in der Stadt

R.i.P. Gorbi

287) Sirenen

Spätestens als letzten Donnerstag/Freitag die ersten Bilder und Töne aus ukrainischen Städten übermittelt wurden, kämpfte sich in mir eine längst vergessene Erinnerung zurück in die Realität.

Während betagte Mitmenschen beim Klang dieser Ungetüme jedes Mal zusammenzucken und gen Himmel schauen, ziehen sich bei mir auch die Eingeweide zusammen. Ich bin zwar nicht betagt, aber dieser unmissverständliche Ton erinnert mich an Kindergarten und Schule, wenn damals jeden Mittwoch 13:00 Uhr die Sirenen auf benachbarten Dächern heulten und man innerlich gehofft hat, dass das Heulen bloß nicht anhielt, sondern nach dem Test-Durchlauf schnell wieder abklang.

Uns wurde damals gesagt, dass sei „wegen möglicher Feuer“ und das konnten alle Kinder verstehen. Schließlich gab und gibt es auf dem Land immer noch Sirenen, um die Freiwillige Feuerwehr zu rufen. Da wir Kinder aber auch nicht ganz blöd waren und der „Aggressor“ bekanntermaßen im Nachbarland stand, war mir durchaus klar, dass die Dinger gerade in Großstädten einen ganz anderen Zweck hatten.

Mehr Hintergründe hier beim MDR:
https://www.mdr.de/geschichte/zivilschutz-sirenen-ddr-bundesrepublik-100.html

Nun sind die meissten der Geräte in den letzten Jahren abgebaut worden und auch wenn ich sie überhaupt nicht mag, frage ich mich schon, wie man eigentlich die Bevölkerung warnen will, wenn mal irgendetwas ernsthaftes passiert. Das muss ja nicht gleich ein Luftangriff sein. Es kann heftiges Unwetter wie in Westdeutschland letzten Jahres sein, oder auch ein Terrorangriff größerer Dimension. Will die Polizei dann mit Lautsprecherwagen durch eine 4-Millionen-Stadt gurken? Twitter-Nachrichten oder SMS an Leute ohne Handy verschicken? Sondernachrichten im Radio senden? Wie lange soll das denn dauern, bis alle informiert sind?

Klar, kann man über Sirenen eher nur Aufmerksamkeit erreichen, die Botschaften darüber sind allerdings etwas beschränkt.

Aber immerhin wüssten alle Bewohner, dass die Kacke am Dampfen ist und würden sich informieren … oder vorsorglich in den Keller rennen.

Heute früh lief „Dracula“ von Wallners im Radio. (Die Band musste ich auch erst einmal recherchieren) und ab Minute 2:38 hörte ich auf einmal Sirenen. Unterschwellig, es war aber wieder da. Ganz klar und beunruhigend. Vielleicht gar nicht von der Band beabsichtigt, aber heute Morgen gegen 06:30 Uhr zog sich in mir wieder Einiges zusammen.

So etwas muss ich echt nicht haben in diesen Tagen.

284) Vom Rüsten

Schreibt einen Brief an Reagan
Ganze Klasse, sie schreiben alle
Geht um Pershing, um Cruise Missile
Frieden schaffen, ohne Waffen!

Muss zum Winken, alle winken
Im Oktober marschiert die NVA
Panzer auf der Karl-Marx-Allee
Raketen auf‘m Strausberger Platz

Winkt wieder, Gorbi in der Stadt
Mauer niedergerissen
Ceaușescu erschossen
Zeichen auf Entspannung

Steht vor der US-Botschaft
Geht um Öl, um Kuwait und Irak
Jugoslawen kommen in den Kiez
Ihm egal, hat anderes im Kopf

Soll nun zum Bund, ran an die Waffe
Alle müssen da hin, gehört sich so
Verweigert es, macht was anderes
Keine Waffen, keine Waffen!

Sieht Europa, wächst gen Osten
Neue Sterne auf blauem Grund
Grenzen fallen, Schranken öffnen
Es sieht gut aus, da kann was werden!

Liebe Leser,
Klingt alles etwas wirr und reimt sich nicht, ich weiß. Aber genau so ist es.
Man spricht nun wieder über Truppenstärken, Waffensysteme und Deutsche Infanterie. Mehr Geld soll in die Rüstung fließen, ein „Paradigmenwechsel in der deutsche Außen-und Sicherheitspolitik“.

Ich hatte gehofft, wir würden endlich etwas Anderes diskutieren können.