59) Abseits – Vol 1

Noah setzte den Blinker, ging vom Gas und verließ die Route 60 in Richtung Peck Lake. Er folgte der abschüssigen Schotterstraße zum ausgeschilderten Parkplatz. Nur noch wenige Meter waren es zu dem Platz, den er sich ausgesucht hatte. Er hätte fast jeden Platz haben können, denn einsam und ruhig war es hier. Nur knirschender Kiesel unter den Reifen war zu hören, das leichte Brummen des Mietwagens und ein Album von Springsteen, was schon die ganze Fahrt in Endlosschleife lief.

Er stellte den Motor ab und warf einen Blick auf sein Telefon, als er es aus der Mittelkonsole in die Hosentasche verfrachten wollte. „Kein Netz“. Herrlich. Für die Dauer der Wanderung gab es also keine Möglichkeit, gestört zu werden. Nicht mal einen Notruf könnte er hier absetzen. Und wenn schon. Bevor es losgehen konnte, musste Noah noch eine unangenehme Sache tun. Das Auto verschließen, was leider nur mit einem Druck auf die Fernbedienung ging und jedes Mal mit einem Hupton quittiert wurde. Nervig und unpassend. Hier allein in der Stille. 

Er ging los und folgte dem Weg um den See herum. Die Strecke war nicht allzu anspruchsvoll, so konnte er nebenbei ein paar Gedanken schweifen lassen. Auf der Hälfte der Strecke traf er einen Mann in Uniform. Ein Park Ranger offensichtlich. Noah hatte eigentlich keine große Lust auf Konversation in der Einsamkeit dort. 

Aber er gab sich einen Ruck und sprach den Mann an:

Hey, how are you?
May I ask, what do you do here every day?

Oh, thanks, I am great. Couldn‘t be better.
Taking care of this and that. Every day.
And what do you do regularly?

Noah kam ins Grübeln.

Mhm. Actually, I do more or less the same as you do.
Taking care of this and that. Every day.

Oh, that sounds great, erwiderte der Ranger.

Noahs Blick schweifte über den See.

Well … actually … I would … , stammelte Noah, brach ab und blickte zurück zum Ranger. Der Ranger war weg.

Eine weitere Stunde später war Noah zurück am Auto. Er drückt die „Öffnen-Taste“ der Fernbedienung, der Wagen hupte nicht, denn das tut er nur beim Verschließen.

Er startete den Wagen, das Springsteen-Album setzte automatisch fort. 

„The road is long and seeming without end
The days go on, I remember you my friend
And though you’re gone and my heart’s been emptied it seems
I’ll see you in my dreams“

Noah fuhr die Route 60 weiter in Richtung Osten.
Beim Abzweig Source Lake und Bruce Lake setzte er den Blinker und ging vom Gas …

56) Abwärts – Vol 3

30.04.2023. Noah lümmelt auf der Couch. Er nippt an einem Bier. Die Augen werden langsam schwer, aber er will noch die Spätnachrichten sehen. Der Moderator Christian Sievers eröffnet die Sendung mit dem 30-jährigen Jubiläum des Internets und interviewt im Anschluss eine KI namens Jenny. Noah reibt sich die Augen. Cool gemacht. Ein KI-Experte ist zu Gast und kommentiert das Ganze.

30.04.2028. Noah lümmelt auf seinem Multifunktionsmöbel. Er nippt an einer hopfenbasierten Nährlösung. Die Augen werden langsam schwer, aber er will noch die Spätnachrichten sehen. Der Virturator Chris S. eröffnet die Sendung mit dem 35-jährigen Jubiläum des Internets und interviewt im Anschluss wieder diese Jenny. So wie die letzten Jahre. Experten kommen nicht mehr ins Studio. Zu aufwändig. Zu teuer. Zu unberechenbar.

03.04.2033. Noah liegt in einer Nährlösung. Er muss noch die Pflichtfilme im Spätprogramm sehen. Alle Menschen müssen das tun. Damit sie nicht vor Langeweile durchdrehen. Das hat das Ministerium für Kultur und Digitalisierung mal verordnet. Nachrichten gibt es schon einige Jahre nicht mehr, denn es geschieht ja auch nichts Nennenswertes über das sich berichten liesse. Den Virturator Chris S. hatte man bald wieder deinstalliert, er war nur als Brückentechnologie gedacht. Jenny ist mittlerweile Bundespräsidentin und spricht einmal im Monat zu den Konsumenten…

Noah‘s Smart Phone macht „bling“ und er schreckt von der Couch hoch.

Yumi: Hey, wie geht‘s?
Noah: Abwärts

Yumi: Wieso?
Noah: Der Sievers hat eine KI interviewt

Yumi: Alles nur hype
Noah: Weiß nich

Yumi: Warum?
Noah: Hab geträumt

Yumi: „Was denn?
Noah: Von Jenny

<— Abwärts – Vol 2

435) Strampeln in der Zukunft

Der / die / das ein oder andere lesende Subjekt hat schon mitbekommen, dass ich mir eine Art „Hometrainer“ fürs Homeoffice gegönnt habe. Wenn ich schon den ganzen Tag vor dem Rechner sitze, dann kann ich nebenbei auch ein paar Kalorien verbrennen.

Manch andere Kollegen laufen bei der Arbeit auf einem Walking Pad, das Bild wackelt mir aber zu sehr, wenn deren Kamera an ist. Da ist mir Strampelvariante etwas stabiler. Es gab schon Anfragen, ob ich damit auch Strom erzeugen kann … leider nein … ich würd’s aber machen 😉 Aber darum geht’s heute nicht.

Da ich nun bei der Arbeit strampeln kann, kann ich das auch in meiner Freizeit machen. Und vielleicht dann noch nebenbei endlich mal mit der Serie „Black Mirror“ beginnen (… ich Spätzünder ich …).

Gesagt. Getan. Großartig die Serie! Genau mein Geschmack und sehr passend zu meinen Alter Ego Noah und seinem  >Arbeitsalltag und seinen >Reisen in der virtuellen Welt.

Also sitze ich auf meinem Home Trainer und bereits in Staffel 1, in der Folge „Das Leben als Spiel“ glaube ich, ich bin im (falschen) Film. Es geht im Wesentlichen um die künftige Menschheit, die täglich in gigantischen Fitness-Centern strampeln und Strom erzeugen muss. Sie hausen in winzigen Räumen, eingerahmt von Bildschirmen und werden permanent mit Werbung vollgedröhnt, die sie nur stoppen können, wenn sie genug „Strampelguthaben“ haben.

Diesem Hamsterrad können sie nur entfliehen, wenn sie sich ans Fernsehen verkaufen und da zum Voll-Honk machen oder in Pornos präsentieren.

Na wunderbar. Was für eine tolle Zukunft. Und genau in diesem Moment sitze ich auf dem Hometrainer und strampele …

Schönen „Tag der Arbeit“!