151) Corona-Lektionen 54

Bevor ich morgen in meine 36. Voll-Homeoffice-Woche starte, hier noch ein paar Gedanken zum Sonntag.

Fernweh
Am Samstag war ich im Buchladen denn ich verspürte Lust auf einen bunten Bildband mit Reiseeindrücken aus warmen Gefilden. Thailand, Vietnam, Indien … irgendwas aus der Ecke. Nach 10 Minuten fühlte ich mich aber wie Truman Burbank unter der Glaskuppel. Dort wo ihm ständig suggeriert wurde, dass es doch in Seahaven auch schön sei und es keinen Grund gäbe, diesen beschaulichen Ort zu verlassen. So schrien mich die Buchrücken da förmlich an:

„Hiergeblieben“
„Entdecke Deutschland“
„Unterwegs in Deutschland“
„Wo Deutschland am schönsten ist“
„Wandern mit Kindern rund um Berlin“

… und so weiter

Reagiert der Handel hier auf eine Nachfrage oder haben die vielleicht die Ansage bekommen, solche Bücher in die erste Reihe zu stellen? Oder bin ich etwas hypersensibel? Nach etwas Mühe konnte ich dann noch „Schweden“ und „Norwegen“ entdecken, aber dass war auch nicht gerade passend gegen den November-Blues.

Weihnachten
Bereits in der Corona-Lektion 43 von Anfang September, hatte ich spekuliert, wie Weihnachten und Jahreswechsel diesmal wohl ablaufen. Beim nochmaligen Lesen muss ich feststellen, dass ich da vermutlich gar nicht so falsch lag. Bei einer Sache allerdings schon. Ich habe mich gefragt, ob Weihnachtsmänner die Maske wohl eher über oder unter dem Bart tragen werden. Nun fürchte ich aber, die Frage wird sich nicht stellen. Gebuchte Weihnachtsmänner werden wohl keine fremden Wohnungen betreten dürfen, nehme ich mal an. Wahrscheinlich gibts aber auch hier schon findige Geschäftsideen. Ein Weihnachtsmann-Besuch per Video-Konferenz oder so. Künftig müssen Weihnachtsmänner also neben Bauch, Bart und tiefer Stimme auch noch eine ausgeprägte Digital-Kompetenz mitbringen. Der Berufsstand hat’s echt nicht einfach und befindet sich in einer großen Transformation. Zunächst bekamen sie immer mehr Konkurrenz von den DHL-Boten und anderen Päckchen-Amazonen, dann blieb auch noch der Schnee aus und nun müssen sie Zoom, Teams und Skype beherrschen. Bei uns im Kiez auch noch auf Englisch, Französisch und Spanisch. Die Eltern wollen das so für ihr Kind.

2021
Zurück zum Jahreswechsel und zum Jahr 21. Die 21 scheint eine besondere Zahl zu sein. Vor 20 Jahren zitterte die Welt schon einmal vor einer 21 und hoffte, dass all die Computer den Datumssprung ins 21. Jahrhundert schafften. Nun sitzen die Menschen wieder vor einer 21 wie das Kaninchen vor der Schlage und fragen sich, was da wohl nun kommen mag. Geht’s nun aufwärts oder kommt das dicke Ding erst noch. Tja, wenn wir das nur wüssten, oder?

Schönen Sonntag
T.

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147) Wir sind Flughafen!

Die Berliner und Brandenburger haben nun endlich einen halbwegs zeitgemäßen Flughafen bekommen. Wenn auch mit „etwas“ Verzögerung und noch bevor Mister Tesla seine Fabrik ein paar Kilometer weiter eröffnet hat. Das wäre ja noch peinlicher.

Mehr ich will zur Geschichte des Bauvorhabens gar nicht sagen, dass könnt ihr woanders nachlesen. Nach Hermanns Gastbeitrag vom Wochenende, habe ich auch noch einmal über meine Hassliebe zum Flughafen Tegel nachgedacht. Um das auch mit Zahlen zu unterfüttern, scrolle ich durch eine Excel-Datei, in der ich seit Ende der 1990-er Jahre meine Dienstreisen notiere. Ich wage kaum, es hier zu dokumentieren. Es sind 600 Dienstreisen. Ziehe ich circa 100 Reisen ab, die ich mit einem Firmenwagen gemacht habe, noch einmal 100 per Bahn oder Mietwagen, circa 30 von den Flughäfen Tempelhof oder Schönefeld und dann noch etwas Unschärfe subtrahiere, lande ich bei ungefähr 350 Reisen, die über den Flughafen Tegel führten. Da mag ich heute vor lauter Flugscham im Boden versinken. Lässt sich aber auch nicht mehr ändern. Das war halt so und heute ist es anders. Heute verreist man mit Zoom, WebEx oder Teams.

Was geht nun in mir vor? Na ja, nicht umsonst habe ich oben den Begriff Hassliebe gewählt. Lieben konnte ich den Flughafen, wenn ich von Tür zu Tür nur 23 Minuten benötigte oder auf dem Weg zwischen Flugzeugsitz und Taxi nicht einmal 10 Minuten vergingen. Hassen konnte ich ihn aber auch. Und zwar dann, wenn man ewig am Check In anstand, an der Security oder auf den Koffer wartete. Wenn man sich mal in Ruhe irgendwo hinsetzen wollte oder etwas essen. Dann hat man schnell gemerkt, wie alt und abgerockt der TXL aus den 70-er Jahren mittlerweile war. Aber auch das morbide hat irgendwie Charme und man konnte es ins Herz schließen. Aber nun is‘ vorbei. Es hat sich sozusagen ausgetegelt.

Eigentlich wollte ich noch durchs Terminal A laufen, Abschied nehmen, ein paar Fotos machen. Mit den Kids vielleicht noch einmal zum Kurt-Schuhmacher-Platz fahren, wo die Flieger nur ein paar 100 Meter über die Häuser flogen. Vorbei. Nix da. Corona sei Dank. Am 10. März habe ich den Airport zum letzten Mal betreten.

Wer noch einmal etwas Tegel-Feeling aus den letzten zwei Jahren genießen will, sei hier zu einem virtuellen Rundgang eingeladen

Und wer dann noch einen Nachschlag möchte, für den hätte ich noch ältere Stücke, die bislang nur wenige Leser in Papierform zu Gesicht bekamen. Vielleicht stelle ich die hier online. Mal sehen.

In diesem Sinne. Guten Flug. Irgendwann…

T.

Nachtrag 06-11-2020: Petraida1 hat ihre Erinnerungen zu einem Flug nach Tegel zusammengeschrieben. Lesen! —> Berliner Flughafen

1) Tschüss Tegel, Willkommen BER (Gastbeitrag Hermann)

Kürzlich schlug T. mir vor, doch einmal einen Gastbeitrag zu schreiben. Ich fühlte mich geehrt, hatte bis zum 29.10.20 aber keine Idee. Im Wachwerden hörte ich das markante Heulen gedrosselter Flugzeugtriebwerke beim Landeanflug.
Na klar: Tschüss Tegel, willkommen BER! Ich will hier nicht das Berlin / BER-Bashing aufkochen, sondern die Leser an meinen persönlichen TXL/BER-Erlebnissen teilhaben lassen.

Ganz weit zurück:
1961 zog ich als Neunjähriger aus dem schönen Sachsenland nach Berlin. Vier Monate später stand die Mauer und wir wohnten im Osten. Meine Schule lag am S-Bahnhof Pankow praktisch in der Einflugschneise für Tegel. Den Flughafen gab es damals schon; er lag im französischen Sektor. Der Flugverkehr war natürlich viel geringer als heute und wenn die Caravelle kam (ein eleganter Düsenflieger der Air France) wurde die Schulstunde für 2-3 Minuten unterbrochen. Das Ding war laut, verschwand hinter dem Häusermeer und muss wohl immer in Westberlin gelandet sein.

Nach der Wiedervereinigung nutzten wir gelegentlich den Flughafen Tegel, nun in der modernen, 1974 fertiggestellten Form. Verglichen mit anderen Airports war er charmant, kompakt, kurze Wege durch die Ringform, toll, aber eben schwer erweiterbar. In den 90ern ging es Berlin wirtschaftlich nicht gut, und einflussreiche Kräfte waren eigentlich nicht am Ausbau Berlins zum Luftdrehkreuz interessiert. Also wurden Ergänzungsbauten (Terminals) rangebastelt, um das rasant steigende Volumen zu schaffen. Die Verkehrsanbindung nur durch Busse und Taxi war eh schon speziell. Aber schaut auf wikipedia, welche Pläne es zum Ausbau gegeben hat (mehrere Ringe, U-Bahn- Anbindung, toll!).

Dennoch: Die Innenstadtlage ist für die Bequemen toll, beim genaueren Nachdenken aber hoch riskant und nur durch die frühere Insellage „Westberlin“ zu rechtfertigen.

Nun wird TXL in wenigen Tagen als Flughafen stillgelegt. Als wir Ende 2012 an den Berliner Ostrand zogen, sollte BER eigentlich schon laufen, dazu später. Stillgelegt ist das Stichwort: Bisher wohnen wir in der letzten großen Anflugkurve praktisch am Beginn des Endanfluges nach Tegel; alle 2-3 Minuten ein Flieger war bis Corona normal, es war der Sound der nahen Großstadt, nicht so massiv als Fluglärm wie in Pankow oder Reinickendorf, aber doch deutlich.  Mit dem ersten Corona- lockdown verschwanden die Flugzeuge praktisch total;
ein pandemisches Vorspiel auf die BER-Eröffnung.

Nun, seit klar ist, dass BER eröffnet und bei wieder leicht steigenden Flugzahlen, schaut man öfter nach oben „na, alles klar dort, Maschine klingt normal, komm gut bis Tegel und dort runter… Du bist der xy – Vorletzte“.

Heute ist die Eröffnung des BER „Willy Brandt“.

Alle wissen, es sollte schon 2011/12 sein. …… und kurz vorher war ich schon dort!!  
Im Februar 2012 und noch einmal Ende Mai war ich Tester. Als Beleg habe ich noch die abgebildete Eintrittskarte für die Besucherterrasse. Mal sehen, ob ich sie noch einlösen kann. Den gesamten Umzug sollte eine Münchner Spezialfirma organisieren, sie gaben uns eine gute Einweisung zu den Tests und einen groben Überblick zum Umzug incl. Sperrung der Stadtautobahn und in einer Proviant-Tüte auch diese besondere Eintrittskarte und einige Marketing-Gimmicks.

Erster Eindruck: die wissen, was zu tun ist; dann beim Test (Check-in, Koffer auf´s Band, Security usw.: O ha, noch viel Arbeit (aber ich kannte internationale Messen, da sieht es kurz vor Eröffnung auch grausam aus).

Im Mai 2012 fand die Testeinweisung auf dem Rollfeld statt, wir durften Brötchen essen, aber nicht rauchen, denn die Tanks unter dem Beton waren schon mit Kerosin gefüllt!

Beim Test war sichtbar: immer noch viel Arbeit und die großen Brocken… Brandschutz, Entrauchung etc. haben wir Laien ja gar nicht gesehen. Dann bei der Rückfahrt an der Würstchenbude am S-Bahnhof Schönefeld tuschelte Flugpersonal am Nachbartisch und abends war klar: Herr Wowereit hat den Daumen gesenkt und die Eröffnung Ende Juli 2012 abgesagt.

2020: Für den diesjährigen Test hatte ich mich wieder angemeldet, Corona hat´s ausgebremst, andere haben getestet.

Jetzt ist alles bereit, in wenigen Minuten landen die ersten beiden Flieger, etwas Nacharbeit wird es sicher noch geben. Corona sorgt mit geringeren Flugbewegungen für einen sanften Anlauf. Der überhitzte Flughype der letzten Jahre (Taxi zum Flugplatz kostet so viel wie der Flug nach London) ist abgebrochen und Änderungen in der Umweltpolitik werden wohl auch das Flugwesen zurecht rücken, sodass das Geschrei „… der ist ja bei Eröffnung schon vieeel zu klein“ einer nüchternen Betrachtung gewichen ist.

Ich wünsche dem BER ein gutes Werden, nette Passagiere und vor allem all den Leuten, die dort arbeiten, eine gute berufliche Grundlage und den Tegel-Umziehenden, dass die Abschiedstränen bald trocknen mögen.

„Glück ab, gut Land“ und „many happy landings“

Hermann, Berlin, 31.10.2020

Nachtrag 06-11-2020: Petraida1 hat ihre Erinnerungen zu einem Flug nach Tegel zusammengeschrieben. Lesen! —> Berliner Flughafen

Reisen 6.0 – Teil 7

Fortsetzung …

Noah saß vor der Liste der grünen Schieberegler, mit denen er sich seine anstehende Indien-Reise  konfigurieren sollte. Etwas hilflos begriff er nun den Unterschied zum bisherigen Reisen über die Virtual Travel Center (VTC). Diese Reisen in den frühen 2020-er Jahren boten ja immerhin noch EIN gewisses Programm an. Dieses Erlebnis hat man sich vor Ort mit anderen Mitreisenden geteilt, man hatte also EINE gemeinsame Erfahrung. Das neue Reisen über VT@Home läuft nun vollständig individualisiert ab. 200 Länder warten mit ihren hunderten Zielen, deren „Experiences“ nun noch zusätzlich über diese Schieberegler „customized“ werden müssen. „Unser Ende wird die Auswahl sein“ brummelt er, als leichte Panik in ihm aufsteigt. Soll er die Reise einfach abblasen? Aber das Fernweh und der Durst nach einem Kulissen-Wechsel begleitet ihn nun schon seit Wochen und andere Formen des Reisens sind ja verboten. Er will reisen, aber befürchtet zugleich, dass er sich mit einer falschen Einstellung den ganzen Trip versaut. Mit etwas Erleichterung entdeckt er neben der Option „Einstellungen übernehmen“ auch die Möglichkeit einer „Vorschau“. Aha. Man konnte also die Einstellungen jederzeit verändern und mit der Vorschau ausprobieren, ob einem das zu erwartende Reiseerlebnis auch zusagt, bevor man dann kostenpflichtig bucht.

Etwas planlos schiebt er alle Regler auf die eher rechte Seite und wählt „Vorschau“. Ein Countdown zählt 3-2-1, es gongt und Noah findet sich auf New Delhi’s Connaught Place wieder. Südseite, vor dem Khadi-Shop. Es ist superheiß, die Luft verqualmt und der Himmel drückt schwefelgelb von oben herab. Ohrenbetäubender Lärm dröhnt von Hupen, Bussen, Trucks, Polizei-Sirenen und Bolly-Techno. Tausende Menschen bewegen sich um ihn herum, Köter, Ratten und Schlangen wimmeln in den offen Straßengräben durch den Müll. Ein Junge ohne Beine sitzt auf einem Rollbrett und zieht ihm am Hosenbein. Ein Mädchen mit verätztem Gesicht hält die verkrüppelte Hand für ein Bakshish hin, ein alter Greis wankt auf ihn zu, breitet die Arme aus und … „raus, raus, ich will raus hier“, brüllt Noah und wählt „Vorschau abbrechen.“ Es gongt und er findet sich zu Hause vor seiner VT@Home-Box wieder. Sein Herz rast, er schwitzt und atmet schnell. Da waren die Regler wohl zu weit nach rechts geschoben. 

Für einen weiteren Versuch, schiebt er alle Regler auf die linke Seite. Wieder wählt er die „Vorschau“, das System zählt von 3-2-1, gongt und setzt ihn wieder auf dem Connaught Place ab. Wieder vor dem Khadi-Shop. Es herrschen angenehme 24°C, die Luft ist klar, der Himmel blau. Der Verkehr ist mäßig, Autos summen geräuschreduziert vorbei, wenige Menschen sind auf der Straße und überqueren sie wohl geordnet an Ampelanlagen und Fußgängerüberwegen. Über den Platz klingen zarte Sitar-Töne, an jeder Ecke gibt es kostenloses Wasser und Früchte. Polizisten tragen keine Rohrstöcke, sondern Tablets, mit denen sie für die Bürger jederzeit ansprechbar sind. Kinder spielen auf der gigantischen Grünfläche in der Mitte des Platzes, Papageien sitzen in den großen Bäumen, Wasser sprudelt aus Springbrunnen und eine weiße heilige Kuh … „stop, stop, was soll denn der Blödsinn“, schimpft Noah und bricht die Vorschau wieder ab. Dieses Erlebnis war ihm zu albern, auch wenn er den Indern diesen Wandel ja wünschen würde.

Er will es aber noch einmal versuchen. Er ordnet die Regler eher in der Mitte an, belässt die Position der Knöpfe aber leicht unterschiedlich. Ein wenig Überraschung soll ja schließlich sein. Daher verzichtet er auch auf eine weitere Vorschau, wählt „Einstellungen übernehmen“ und dann „kostenpflichtig buchen“.

Oh shit … wo bleibt Yumi eigentlich?“, flüstert er.

Aber das System zählt unmittelbar von 3 auf 1 und es ertönt der Gong.

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Reisen 6.0 – Teil 6

Fortsetzung…

Noah saß vor dem schwarzen Kunststoffkasten, den er vor wenigen Minuten ausgepackt und mit den ersten Einstellungen versorgt hatte. Hunderte Reiseziele warteten nun darauf, entdeckt zu werden. 

Er beschloss, nicht auf Yumi zu warten, sondern sich in dieser neuen Welt schon einmal etwas umzusehen. Er tippte auf „Entdecken“ und unmittelbar vor ihm entstand eine Weltkugel in seinem Zimmer. Mit einfachsten Gesten rollte er die blaue Kugel und überflog Länder, Inseln oder Gebirge. Er hielt kurz in Australien. Mit einem gut gelaunten „G`Day“ baut sich ein Australier vor ihm auf und beginnt, den Kontinent für eine Reise anzupreisen. Aber er rollte wieder zurück in Richtung Südostasien. Thailand … Sri Lanka … Indien. Ja warum nicht noch einmal Indien, war doch die letzte VTS-Reise mit Yumi in guter Erinnerung. Anstelle des Australiers erschien nun ein Inder, mit stolzem Bart und rotem Turban in seinem Zimmer. Auch er bewarb verschiedenste Trips und versprach höchste Individualität. Gleichzeitig nahmen Feuchtigkeit und Temperatur merklich zu. Gerüche von Gewürzen, Blüten und Sandelholz strömten aus dem Kasten. Noah gestikuliert ein OK, aber gleichzeitig zweifelt er, ob sich hinter der neuen VT@Home-Box nicht einfach die Heimvariante der bisherigen VTC verbarg. Aber nein, da schien mehr möglich zu sei. Die Konfiguration der VT@Home-Box ermöglichte neue „Experiences“, die so im Virtual Travel Center technisch unmöglich waren. Eine lange Liste von grünen Schiebereglern ließ die Reise nach Belieben „customizen“. Auf der linken Seite das europäisch vertraute, rechts dann das andere Extrem. 

Ein Auszug:

Reichtum—————Bittere Armut
Sauberkeit——-——Übelster Dreck
Sicherheit——-——Kriminalität
Rücksicht—————Egoismus
Null Bettler—-——Überall Bettler
Mücken———-——Kakerlaken,Schlangen

Warm——————Superheiß
Würzig———-——Mega-Scharf
Schön still————Immer laut
Fix-Preis—————Handeln

H&M——————Market
Aldi————-——-Market
DM———————Market

Noah flog über all die „Settings“. „Der Slogan Incredible India scheint durch Customizable India abgelöst worden zu sein“, brummelt er vor sich hin. Also, dass man sich seine Reise modular zusammenstellt, das gab’s ja auch schon früher bei den „alten“ Reisen, aber sich selbst das Land nach Belieben zu konfigurieren wie einen Frozen Yogurt oder Hamburger, das war nun neu.

Was soll er nun machen, fragt er sich. Alle Schieber auf links? Das wäre zu öde und dann könnte er auch gleich zum Asia-Imbiss um die Ecke gehen. All die Schieber nach rechts? Das wäre für Yumi zu viel und für VTS-Reisen wohl geschäftsschädigend. Sollte er überhaupt auch nur einen einzigen Parameter verändern? Dann hätte das kommende Reiseerlebnis ja gar nichts mehr mit der „Realität“ zu tun. Also entschied er sich für den „Standard“. Schließlich wolle er Indien so erleben, wie es wirklich ist. Aber es gab auf den ersten Blick auch keinen Button der „Standard“, „Default“ oder „Normal“ hieß. Nicht einmal „Varianten“ oder „Favoriten“ anderer User. 

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Reisen 6.0 – Teil 5

Fortsetzung …

Noah schaut unschlüssig auf das Display seines Smart Phones. Links der Button „Abbrechen“, rechts der Button „Reise buchen“. Darüber die Worte des CEO von VTS, der eine Neuorientierung im Reisegeschäft verkündet. 

Die klimabewussten Fernreisen über die Virtual Travel Center taten zwar der Umwelt gut, waren aber mit den neuen Hygiene-Vorschriften nicht mehr vereinbar. VT@Home heißt das neue Format nun.

Noah drückt auf „Reise buchen“, denn das Format „Abbrechen“ kommt für ihn nun gar nicht in Frage.

Er entscheidet sich für den Tarif „VTS Weekend“. Die App bestätigt die Lieferung der VT@Home-Box für die nächsten 60 Minuten. Und siehe da, bald klingelt es unten an der Haustür, der Fahrrad-Kurier schlägt vor, die Lieferung in den Fahrstuhl zu stellen. Natürlich. Noah überlegt kurz, ob es nicht mal langsam Zeit wäre, ein Regal im Fahrstuhl zu installieren. Bei all den LHD-Paketen und Pizza-Kartons, die wortlos auf den verdreckten Steinplatten abgelegt und die 82 Stockwerke hinauf zu ihm befördert wurden.

Die Kabinen-Tür öffnet sich und gibt den Blick auf die Lieferung frei. Ein großer Aufkleber prangt auf der Oberseite des Kartons. „Frisch desinfiziert und abflugbereit“. Während Noah die Kiste anhebt und in seine Micro-Flat trägt, wird ihm vollends klar, wie wichtig ihm das Reisen doch geworden ist. Reisefreiheit war schließlich ein Gut, was die Generation seiner Eltern auf die Straßen getrieben hat. Doch Klima und Virus verwandelten diese Freiheit nun in einen schwarzen Kunststoff-Würfel, kaum größer als ein Tissue-Spender. Mehr war außer 3rd-Hand-Pappe, Bio-Knallfolie und Tofu-Styropor nicht übriggeblieben. Und natürlich solch eine VR-Brille, die er schon von der gemeinsame Indien-Reise mit Yumi kannte und sofort aufsetzte. Yumi, ja wo bleibt sie eigentlich? Aber so konnte er sich noch etwas mit dem Setup des Würfels beschäftigen. Zunächst wurde das VTS-Profil zur Bestätigung angezeigt, dann folgten ein paar weitere Abfragen zu Präferenzen, Unverträglichkeiten und Risikoübernahmen, die im Januar nicht abgefragt wurden. Zum Ende wurde die Schrift immer kleiner und es folgte der übliche „Alles akzeptieren“-Button. Nach ein paar weiteren Einstellungen öffnete sich vor ihm eine gigantische Auswahl von Reise-Angeboten. Alle vorstellbaren Strecken, alle erdenklichen Klimazonen und Sehenswürdigkeiten. Manche Destinationen waren mit einem „Gesperrt-Symbol“ markiert und dem Zusatz „Einreise aus ihrem PLZ-Gebiet nicht erlaubt“. Bayern, Meck Pom, USA und noch ein paar andere. Immer noch. Aber egal, bleiben noch genug andere Ziele. Sollte er nun noch auf Yumi warten oder vielleicht schon einmal anfangen?

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144) Corona-Lektionen 49

„Und, dürfen wir fahren?“, fragt der Sohnemann nach dem Aufstehen. „Ja es sieht so aus“, sage ich. Er ist hellauf begeistert.

Wer denkt, es ginge nun nach Mauritius, Thailand oder Yucatan der irrt. Nee, wir fahren nach Sachsen. Und warum zum Geier nun nach Sachsen? Na weil da unsere Postleitzahl noch nicht auf der schwarzen Liste steht.

What? Also, ich lass mir ja fast alles gefallen, was dieser dämlichen Seuche den Saft abdreht, aber die neuen innerdeutschen Beherbungsverbote, halte ich für einen großen Blödsinn und das ist nur noch schwer nachzuvollziehen. 

Im Frühjahr waren Länder-Grenzen geschlossen, Flieger blieben am Boden, Hotels machten dicht, Reisen auf lange Zeit unmöglich.

Im Sommer wurden die Grenzen in der EU wieder geöffnet, bestimmte Länder aber zu Risikogebieten erklärt. Deutschland wurde als sehenswert definiert und wir genossen Fischbrötchen und Ostseestrand bei 19° Celsius. In Meck Pom durfte man nicht privat übernachten, sondern musste eine Buchungsbestätigung für ein Hotel oder Apartment mitführen!

Mit Befolgen der A-H-A-Regeln schienen wir auf dem Corona-Pfad gut unterwegs zu sein. Seit ein paar Tagen, hängt man uns gern noch ein „L“ für Lüften hinten dran und warnt vor Parties. Von mir aus. Kein Problem.

Statt die Kinder einfach weiter zu unterrichten und diese blöden Oktober-Ferien abzublasen, schickt man sie nun wieder nach Hause. Aber nun darf ich mit meiner abstandswahrenden und Maskentragenden A-H-A-Familie nicht einmal im Cabrio nach Meck Pom, Bayern oder Baden Württemberg fahren und dort übernachten!

Man könnte die Besucher wohlkontrolliert in den leerstehenden Hotels unterbringen, aber nein, man fördert nun das Couchsurfing im aerosolen Dunstkreis von Freunden und Familie. Mal davon abgesehen, dass man der Hotellerie ( … und deren Angestellten) nun das zweite Messer in den Rücken rammt. 

Da ist es dieser Tage einfacher, ins Ausland zu fliegen.

Kapier ich nicht.

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142) Corona-Lektionen 47

Verfolgt man die Nachrichten der letzten Tage, könnte man meinen, es ist Anfang März und wir gehen auf den Corona-Frühling zu.

Aber nein, es ist Oktober, Herbst und Winter liegen also vor uns. Die düstere, kalte Jahreszeit. Das an sich reicht ja schon, um anfälligen Gemütern die Stimmung zu vermiesen.

Aber die dicke Packung wird gerade noch zusammengestellt:

Weil Corona-Maßnahmen auf Staaten-Ebene zu weit greifen, bezieht man sie seit einiger Zeit eher auf Bundesländer, Landkreise und Gemeinden. Dies führt nun aktuell dazu, dass bestimmte Berliner Stadtbezirke auf der Liste der Risiko-Gebiete stehen. Dabei zählt der Wohnsitz wohlgemerkt, nicht der Ort wo man arbeitet, wo man lebt, liebt oder anderen Interessen nachgeht. Ein paar Meter Asphalt entscheiden nun über „Glück“ oder „Pech“. Prenzlauer Berg gehört verwaltungstechnisch zu Pankow und das wiederum reicht bis an die Stadtgrenze. Glück gehabt. Pankow ist nicht so dicht besiedelt, hat weniger Eventflächen und viel Grün. Menschen in Friedrichshain, Mitte und Neukölln dagegen leben in einem Kessel und sind nun in bestimmten anderen Bundesländern nicht mehr erwünscht. Und eigentlich, dürfte man da eigentlich aus Prenzlauer Berg auch nicht mehr hinfahren. Denn vernünftigerweise würde man rückwärts von Tram oder Fahrrad direkt auf Quarantäne umsteigen. Haben wir vor ein paar Tagen noch 30 Tage Wiedervereinigung gefeiert, gibt es hier nun wieder solche und solche … Zonen.

Aber nun is’ Schluss mit lustig! Sperrstunde von 23:00 bis 06:00 Uhr, keine Clubs, keine Kneipen oder Restaurants. Kein Alkohol vor den Späti’s. Oaaaaaahhh, wie schade!!! Ein Berliner Kulturgut geht kaputt. Nicht mehr feiern bis kein Arzt kommt. Kein Lagerfeuer, kein Grillfest im Stadtpark.

Familien, die in den kommenden Herbstferien vielleicht noch mal etwas durch Deutschland gurken wollten, können ihre Pläne vermutlich schon wieder abblasen. Oder werden abgelehnt. Selber Schuld oder? Da haben die wohl zu viel gefeiert, die „Berliner“ da.

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141) Corona-Lektionen 46

Morgen beginnt meine 29. Woche im Home Office. Zeit, mal wieder ein paar Worte zur Pandemie zur verlieren.

  • POTUS und FLOTUS sind am Virus erkrankt. Das musste ja irgendwann sein. Und schon lässt sich herrlich drüber spekulieren. Ist er überhaupt erkrankt? Und wenn ja, wird er danach ein anderer Mensch sein, seine Corona-Politik gar überdenken? Oder wollte er nur die Wahl hinauszögern? Oder vielleicht Joe Biden ausschalten? Mit einem Brüllosol-Angrif im Fernsehstudio? Und wenn es wirklich ernst um ihn stünde, würde er sich eigentlich von Putin eine Dosis „Sputnik V“ verpassen lassen? Oder dann doch lieber von Mr. Gates. Mhm.
  • Auf jeden Fall bringt Corona nicht nur Husten, Atemnot und Geschmacksverlust, sondern auch Müdigkeit. Man sieht sie den Menschen an, wenn sie mit Stoff im Gesicht in der Bahn sitzen. Sie haben es satt. Keine freche Nase, kein sinnlicher Mund. Nur Augen, die erschöpft und ausdruckslos über den Stoffrand schauen. Und Corona verleiht hellseherische Kräfte. Ich zum Beispiel, weiß schon ganz genau, wie die Sendung „Highlights 2020“ abläuft und werde daher nicht zuschauen.
  • Die Reiseplanung für die Oktober-Ferien ist schon lange nicht mehr vom „Wo wollen wir denn gern mal hin?“ oder „Wo ist es nun noch ein bisschen warm?“ bestimmt. Nee. Sie wird dadurch definiert, ob das Ziel in einem Risiko-Gebiet liegt oder ob man aus einem solchen anreist. Nach 30 Jahren Einheit, wird die Herkunft wieder entscheidend für das Reiseziel. Die wichtigsten Instrumente für die Reise werden nicht Navi und Reiseführer sein, nein nein. Es wird der Corona-News-Ticker. Ist es eigentlich verantwortlich hierzu sein? Sollten wir besser einen Bogen drum machen, um keinen Stress bei der Rückkehr zu haben? Die Fahrt gen Süden und zurück, wird eine einzige Fluchtroute.

Oh, das klingt alles düster an einem Sonntag, oder? Soll es aber nicht. Wir können froh sein, hier zu leben, denn es gibt da so ein paar Flecken auf dieser Erde, wo ich gerade nicht sein will.

In diesem Sinne, einen schönen Sonntag
T.

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40) Postkarte aus Weitwegeigentlich

Irgendwo habe ich gelesen, dass „Can you see my screen“ oder „Könnt ihr mich noch hören“ wohl zu den meistgesagten Sätzen im Deutschen Berufsleben des Jahres 2020 gehören werden. Glaube ich gern. Im Privatleben war es mit Sicherheit eher „Eigentlich wären wir jetzt in … gewesen“. 

Wir waren in London, Lissabon und auf Korsika. Eigentlich. Aus Korsika wurde dann Santorin, aber wieder nur eigentlich. Aber in Bukarest, da war ich wirklich. Und an der Ostsee. Aber geht es um die Ferne, bleibt wohl nichts anderes übrig, als in Erinnerungen zu schwelgen.

Aber wenn ich so durch meine Bilder von Goa, São Paulo und Melbourne blättere, frage ich mich auch, ob ich da jetzt wirklich hinreisen wollte. Will ich aktuell in Indien sein? Ist São Paulo dieser Tage wirklich „The place to be“. Will ich jetzt über 24h in einer Metall-Röhre sitzen und nach Down Under fliegen?? Mhm … ich glaube nicht. 

Also wischt man sich so durch seine Fotos und schmiedet den ein oder anderen Reiseplan für 2021.

Lust auf ein paar Eindrücke aus Goa? Vielleicht etwas coole Street Art aus São Paulo? Oder eine Portion von Multi-Kulti in Melbourne?

Bitte schön!

  1. Postkarte aus Goa 1 2019
  2. Postkarte aus Goa 2 2019
  3. Postkarte aus Goa 3 2019
  4. Postkarte aus São Paulo 2019
  5. Postkarte aus Melbourne 1 2019
  6. Postkarte aus Melbourne 2 2019
  7. Postkarten aus Delhi, Singapore, Mexico?

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