695) Shoppen und Fliegen

Wer am Flughafen Singapur mehr Zeit hat, als einem lieb ist, dem kann ich nur raten, sitz‘ nich’ blöd rum, verdadell‘ nicht die Zeit, sondern schau’ dich um.

Erst recht, wenn du im Terminal 1 hockst, denn da ist das „Jewel“ gleich um die Ecke.

Das Jewel ist eine Mischung aus Shopping-Center, Tropical Island und Tobewelt. Klar, kann man fragen, ob das alles sein muss, aber architektonisch, logistisch und überhaupt … tisch, ist das schon echt ein Knaller. Das stellt selbst den Aquarium- und Ski-Pisten-Zirkus in >Dubai in den Schatten.

Wer sich für den Bau an sich interessiert, kann ja mal >hier klicken für Google-Bilder, ansonsten gibts es hier ein paar Schnappschüsse und Bemerkungen.

Der Gebäudekomplex ist ringförmig angelegt, hat ungefähr fünf Etagen.

Im „Innenhof“ haben sie einen riesigen Tropenwald angelegt und Wasser, was aus dem Dach fällt … suche nach Worten … und an einen gigantischen Ausguss erinnert …

… und eine Bahn fährt auch noch mittendurch. Ja, warum auch nicht.

Die meisten Menschen stehen da, staunen und machen Selfies. Andere machen in der Zeit Pilates.

Wer Hunger hat, findet zwei Etagen voller Food Courts, es gibt nichts, was es nicht gibt. Mit Kopp, ohne Kopp.

Im obersten Geschoss findet man eine Art Dschungel-Kletterpark und auch sonst gibt es für Kinder (und deren Eltern) jede Menge Halli-Galli in den Shops und auf den Gängen. Das meiste davon funktioniert virtuell, elektronisch … ich habe einen Erwachsenen gesehen, der lehnte an einer Wand und spielte auf drei Handy‘s Pokémon … parallel

Alle bekannten Marken betreiben ihre Shops dort, nur kaum einer geht da rein. Auch Gesundheit und Erholung wird zum Thema … und zu Geld gemacht. Egal ob Massage für den Körper oder sogar für die Augen …

Aber irgendwann muss man dann auch mal zum Check In und dann trifft man im Terminal 1 auf diese riesige Menge an Check In- und Koffer-Automaten. Das Schalter-Personal ist in Rente … oder verkauft mittlerweile Massage-Sessel oder Pokémon-Kuscheltiere …

Blick in die Zukunft ???

74) Brauch‘ ick nich‘

Der Einzelhandel hat ordentlich zu kämpfen, wenn er gegen den Online-Handel bestehen will. Also denken sich die Shopping-Center immer mehr Kleinst-Attraktionen aus, um die Menschen in die Konsum-Tempel zu locken. Krippen-Spiel zu Weihnachten, echte Hasen zu Ostern und diverses Mode-Schauen zwischendurch.

Aber auch auf den Gängen zwischen den Shops findet man zunehmend kleine Stände die „Zum Verweilen einladen“ oder „Vom zielstrebigen Einkauf abhalten“. Je nachdem wie man so dazu steht.

  • An einem Stand kann man sich die Finger-Nägel aufwändig bemalen lassen. Wüsste gar nicht, was ich da draufmalen lassen sollte.
  • Ein paar Meter weiter werden Super-Curls in die Haare gedreht. Habe zwar noch genug Haare, aber für Curls reicht’s nun wirklich nicht.
  • Am nächsten Beauty-Booth gibt‘s die nötigen Extensions. Da würde ich dann zunächst wie Winnetou aussehen, bevor ich dann wieder zum Locken-Shop zurück gehe und mir Locken machen lasse, bis ich dann aussehe wie Costa Cordalis (R.i.P.)
  • Weiter vorn kann man sich die Iris scannen lassen und dann auf ein Poster drucken. Niemals lasse ich ohne Androhung von Gewalt meine Iris durchleuchten! Danach habe ich dann keine Iris mehr oder jemand anders hat sie dann.
  • Auf einer anderen Etage kann man sein Ebenbild in Klein erschaffen. Mit einem 3D-Drucker. Damit man nicht so klein wird wie ein Schlumpf oder so kräftig wie der Obelix wird, kann man mit ein paar Maus-Klicks seinen BMI optimieren, bevor es ans Gedruckte geht.
  • Den neuesten Kick, zumindest für mich, gab es wenige Minuten später. Eine junge Dame tauchte dort Snacks in flüssigen Stickstoff. Von dieser „Komposition“ kann man dann eine Schale kaufen und nach jedem Bissen aus dem Maul qualmen wie ein Drache. Oder einen Notarzt rufen, weil die halbe Zunge weggefroren ist oder die Fressluke nun hoch bis zu den Ohren reicht. Toll gemacht.

Also früher, da hieß es im Laden ja häufig „Ham‘ wa‘ nich“. Heute sag ich eher „Brauch‘ ick‘ nich“.

—> 293) Brauch‘ ick nich‘ – Vol 2

<— Mehr aus unserer verrückten Welt

42) Jeans-Kauf

Unser Ende wird nicht der Mangel sein, sondern Überangebot, Vielfalt und Auswahl!

Eigentlich würde ich mir gern mal wieder eine neue Jeans kaufen.
„Blau, gerader Schnitt, Größe 31/34.“ Eigentlich ganz einfach.

Aber schon bei dem Gedanken daran, wird mir schlecht.

Hier die Schilderung meines Einkaufs, noch bevor ich ihn erlebt habe:

  • Um dem Einzelhandel eine Chance zu geben, werde ich in ein Shopping-Center fahren. Es wird ein großes Center sein, um die Wahrscheinlichkeit auf einen Jeans-Kauf zu erhöhen und  es nicht noch einmal versuchen zu müssen.
  • In der Dreh-Tür zum Center werde ich mit mir hadern, ob ich mich nicht gleich wieder von der Tür „herausdrehen“ lassen sollte. Quasi den Schwung mitnehmen und bloß weg von dort. Aber nein. Ich habe mir das vorgenommen, also werde ich das auch durchziehen wollen.
  • Ich werde die ersten Geschäfte ablaufen und dann den zweiten oder dritten Jeans-Shop betreten. Kaum den Laden betreten, werde ich stehenbleiben, in Ehrfurcht die meterhoch gestapelten Jeans betrachten und fühlen, wie die Schwerkraft an meinen Mund-Winkeln zieht
  • Dann wird ein Typ auf mich zukommen. „Kann ich dir helfen?“ Oh ja, bestimmt. Ich werde so etwas sagen wie: „Ich brauch´ne Jeans, blau, gerade, 31/34.“ Aufgrund der beeindruckenden Jeans-Stapel wird der Verkäufer zuversichtlich sein, ich aber ahne aber bereits schlimmes.
  • Er wird mich durch den Laden ziehen und mir Schnitte vorschlagen: Skinny, Slim-Fit, Tapered, Karotte, Boot-Cut, Comfort. „Nee, gerade bitte“, werde ich wiederholen.
  • Wir werden die Styles besprechen: Zerschossen, Aleppo, verätzt, stone washed, zerschlissen, befleckt, genietet, getackert, kleine Löcher, riesige Löcher, Knie frei, Arsch frei, Hochwasser, Stretch. „Nee, eigentlich nur Blau“, werde ich sagen.
  • Dann wird er mich noch einmal nach meiner Größe fragen und dann ins trudeln kommen. „Tja, eine 32/34 hätten wir da noch und eine 34/34 habe ich doch heute irgendwo noch gesehen“. „Nee, 31/34, bitte“, werde ich noch einmal fordern.

„Mhm. Ja, da kann ich ihnen leider nicht helfen“.

Grmpff.

 

As Peter Drucker said, “In a few hundred years, when the history of our time will be written from a long-term perspective, it is likely that the most important event historians will see is not technology, not the Internet, not e-commerce. It is an unprecedented change in the human condition. For the first time – literally – substantial and rapidly growing numbers of people have choices. For the first time, they will have to manage themselves. And society is totally unprepared for it.

― Greg McKeown, Essentialism: The Disciplined Pursuit of Less

 

Frühere Beiträge rund um den Einzelhandel: