88) Stromausfall-ismus

Dass Teile des Berliner Südwestens seit Tagen ohne Strom sind, dürfte sich inzwischen bundesweit herumgesprochen haben. Das ist nicht witzig, schon gar nicht bei diesen Temperaturen, und ich will das auch in keiner Weise verharmlosen. Eine Gruppe Irrer hat eine Kabelbrücke über einem Kanal in Brand gesetzt. Dass die Reparatur bei Frost und unter diesen Bedingungen technisch anspruchsvoll ist, kann ich akzeptieren.

Was ich nicht akzeptiere, ist das politische Framing und der Umgang mit der Krise.

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner kehrt sichtbar gut erholt aus dem Winterurlaub zurück und spricht reflexhaft von Links-Extremismus. Zwei Tage später sind wir medial bereits beim Links-Terrorismus angekommen. Wer vor wenigen Monaten noch als störender Klima-Kleber oder nerviger Klima-Aktivist galt, wird nun begrifflich in dieselbe Schublade gesteckt wie die RAF? 

Sorry, aber das ist kein Erkenntnisgewinn, sondern ein Ablenkungsmanöver. Markige Begriffe ersetzen keine Analyse und schon gar kein Krisenmanagement. Wenn es schon ein „-ismus“ sein muss, dann vielleicht Krisen-Dilettantismus oder Missmanagement-ismus.

Wenn Herr Wegner feststellt, dass solche Sabotageakte bereits mehrfach vorgekommen sind, dann hat er recht. Erstens wissen wir das alle und zweitens unterstreicht er damit aber vor allem eines, die offenkundige Unprofessionalität im Umgang damit. Wiederholte Vorfälle ohne sichtbare Vorsorge oder funktionierende Notfallkonzepte sind kein Beleg für Entschlossenheit, sondern für Versäumnisse. „Die Stadt soll wieder funktionieren“ hieß es noch im Wahlkampf. Ja … bitte, gern doch.

Zeitweise waren rund 50.000 Menschen betroffen, aber eben auch „nur“ etwa 1,2 Prozent der Berliner Bevölkerung. Und trotzdem schafft es diese hippe Hauptstadt nicht, kurzfristig Wärme, Unterkünfte und Strom zum Laden von Handys bereitzustellen. Der Berliner Flughafen managed täglich rund 70.000 Menschen, nicht unbedingt vergleichbar, aber nur um mal eine Größenordnung zu geben

Heute, am 7. Januar um 9:30 Uhr, erreichte uns dann die nächste Warnung per Cell-Broadcasting. Stromausfall in der gesamten Stadt. Das war aber dann eine große Cell die da bebroadcasted wurde … und man wunderte sich, was das nun wieder soll.

Also bitte, hören Sie auf mit ideologischen Nebelkerzen und kümmern Sie sich um Ihre Hausaufgaben. Wenn man sich nur ausmalt, was passiert wäre, hätte es mehrere Stellen gleichzeitig getroffen oder wäre das Ganze noch umfassender durch einen gezielten Cyberangriff von weiter ostwärts ausgelöst worden, dann bleibt nur ein Gedanke.

Gute Nacht, Marie.

512) Ohne Saft nix los

„Ohne Moos, nix los“ heißt es so schön. Aber ohne Saft (elektrisch) wird es auch ganz schnell dunkel, da hilft auch das Moos nichts.

Einmal, zweimal am Tag fällt hier im Hotel in Bengaluru der Strom aus. Das ist erst einmal nichts Neues, gab es früher schon. In der Vergangenheit waren die Stromausfälle (Power Cuts) deutlich länger, teilweise hielten sie Stunden an. Da hatte man hat sich halt damit abgefunden, die Klimaanlagen liefen nicht mehr, der Kühlschrank hat es überlebt, wenn man ihn geschlossen hielt und zum Abend hin musste halt `ne Kerze her, um sich auf dem Subkontinent in die Augen schauen zu können. Im Fernsehen kam eh nichts gescheites, also auch kein Verlust, wenn der Flimmerkasten schwarz blieb.

Heute ist es deutlich anders. Die Power Cuts, die ich gerade erlebe, sind viel viel kürzer, so circa 5 – 10 Minuten, aber eine Kerze und Taschenlampe helfen mir nicht, wenn ich gerade in einem virtuellen Meeting hocke und anderen Leuten etwas erklären soll. Und selbst wenn der Strom dann wieder da ist, braucht die IT Infrastruktur eine gefühlte Ewigkeit, bis das WIFI wieder funktioniert, wenn es denn überhaupt wieder funktioniert. Am Freitag früh 8:00 Uhr gab es zum Beispiel einen Stromausfall, wo die Technik bis zum Mittag benötigte, um die Anmeldemaske fürs WLAN wieder anzuzeigen. Doch leider wurden meine Eingaben (Room-Number und Name) in der Eingabemaske immer wieder zurückgesetzt. Dann folgte das Wochenende, heute am Montag nun ein Feiertag und so rennt seit Freitag ein Hotel-Angestellter von Hotelzimmer zu Hotelzimmer, um 24-Stunden-Voucher an die Gäste zu verteilen, die er mit seinem Handy und One Time Password bestätigen muss.

Ich feile noch immer an der richtigen Taktik. Ist es besser, ihn morgens kommen zu lassen, damit ich bis zum Abend durcharbeiten kann oder soll er besser am Abend kommen, damit ich morgens ohne seinen Support starten kann? Wobei ich dann ja ein Drittel der 24 Stunden verschlafe. Ach, ist das alles kompliziert. Und eigentlich brauche ich auch drei 24–Stunden-Voucher, Handy, Tablet und Rechner wollen versorgt sein, die kennen das nicht anders. Das ist ihr gutes Recht 😉

Aber irgendwie ist so ein Stromausfall auch ganz praktisch, verschafft er doch einen Moment informativer Abstinenz. Und Hetzer können ihren geistigen Dünnschiss nicht ins Internet blasen!

In diesen Tagen wünsche ich mir Stromausfälle in Deutschland, ganz gezielt, an ausgewählten Stellen … im Rechnerverbund der AfD zum Beispiel. 

PS: Gerade ist der junge Mann wieder raus zur Tür, ich habe jetzt wieder 24 Stunden WIFI und kann damit auch diesen Beitrag hier abschicken.