615) Die Grünen

Im Berliner Norden wird an der S-Bahn gebaut. Das bedeutet für den Stammhalter, bis auf Weiteres 30 Minuten eher aufzustehen, um das Klingeln am Schulhof noch hören zu können. Diese halbe Stunde kann er dann entweder wartend auf den Schienenersatzverkehr oder zu Fuß „einbringen“. Jeder muss halt seinen Beitrag leisten. Die Begeisterung ist groß. Verstehe ich.

Wir sprechen darüber, ob so ein Mietroller ab und zu eine Möglichkeit wäre, diesen Zustand zu überbrücken. Ich mag >die Roller zwar nicht, aber da würde ich ja glatt einen Sinn drin sehen. Dann kommen wieder vom Thema ab.

Eine Stunde später, wir fahren zusammen zum Baumarkt, da sehe ich am Straßenrand diese Roller stehen … und übereinander liegen. Diesmal von der grünen Sorte. Ich nehme das Thema wieder auf und brabbele vor mich hin. „Sag mal, welche Typen stehen denn da vor deiner Schule und dem Bahnhof so rum?“ Diese Grünen da oder auch andere?

Stammhalter: ach eigentlich alle, die Grünen, die Linke, AfD, alle waren schon da

Zum Ende wird‘s dann doch wieder politisch 😉

12) Akteneinsicht 1991: Abklingbecken

Ich kann gleich vorweg nehmen, dass das Hausaufgabenheft 1991 etwas öde und lückenhaft ist. Das Datum zur jeweiligen Woche fehlt oft, was für eine Schlamperei, das hätte es zu DDR-Zeiten nicht gegeben. Und im Vergleich zu 1990 steht auch kaum noch etwas Spannendes drin. Alles bezieht sich „nur noch“ auf die Schulfächer. Ich könnte jetzt so etwas wie „Kittel mitbringen!!“ zitieren, „Mathearbeit“, „Scheibenkupplung“, „Kolonialpolitik lernen“ oder „Freude, schöner Götterfunken“, aber das wäre langweilig.

War das Schulleben mit der Deutschen Einheit wirklich so trist geworden? Hatten die Lehrer den Eltern nichts mehr mitzuteilen? Gab es denn nichts mehr an mir herumzukritisieren, nichts mehr zu “formen“? Keine Klagen über mein Betragen zu notieren, keine Gängeleien mehr in roter Schrift, die vom Elternhaus gegengezeichnet werden mussten?

Oder hatte ich einfach nur langsam eingesehen, dass es nicht weitergeht, wenn ich nur auf „anti“ spiele?

Vermutlich war es von beidem etwas. Die Lehrer zogen sich aus dem viel beschworenen Dreieck „Schule – Elternhaus – Pionierorganisation“ zurück und überließen die Erziehung den Eltern … und dem neuen Privat-Fernsehen. Aber da zu Ende 1991 das Ost-Berliner Schulsystem umkrempelt werden sollte, musste ich mich auch etwas zusammenreißen, wenn ich mit meinen beiden „Blutsbrüdern“ R. und S. auf das selbe Gymnasium wechseln wollte.

Im Folgenden nun wieder Einblicke in mein Hausaufgabenheft, meine Einträge belasse ich „normal“, die von Lehrern/Schülern mache ich fett und heutige Kommentare gestalte ich kursiv.

<<Hausaufgaben>>
14.01.91: Essensgeld, 20 DM (Oktober 1990 waren es noch 42 M)
25.01.91: Betragen 2 (wat‘n nu ? … Neujahrsvorsätze?)
04.05.91: Betragen 3, Mitarbeit 2+, Fleiß 2 (is‘ ja widerlich)
13.05.91: Wandertag (Fahrschein 4,00 + Döner = 7,50 M) … ja Döner 3,50 kaum zu glauben

<<Auszug Geographie-Arbeit>>
…Es fehlt hauptsächlich Geld, denn mit Geld kann man den Hunger stillen, Bildung organisieren und damit das Bevölkerungswachstum verhindern. Aber bei einem Kreislauf ist es schwer anzufangen. Gibt mein Geld für Nahrung, ernähren sie auch die kleinen Kinder -> Bevölkerung wächst …
Also, sterben lassen? Das geht doch wohl nicht!

<<Auszug, Russich-Arbeit>>
… Nach der Prüfungsbewertung wäre das „5“ , da du nur eine Stunde Zeit hattest und trotzdem vieles richtig hattest, würde ich dir eine „3“ geben. Entscheide selbst ob du sie haben willst.

Ich war erste Stunde nicht da!!!

<<Zeugnis>>
T. hat in diesem Schuljahr trotz der schwierigen Lernbedingungen der Klasse erkennbar versucht, in verschiedenen Fähigkeiten sein Leistung zu steigern. … im kommenden Schuljahr selbstverständlich seinauch sein Arbeitsstil auf Gewissenhaftigkeit und systematisches Vorgehen zu überprüfen … wird in die neunte Klasse versetzt

<<Außerunterrichtliche Veranstaltungen>>
Elternversammlung am 6.3.1991, 19:00 Uhr, Aula
Thema: Perspektive der Schule

<<Mitteilungen>>
In Informatik Hefter:
16 Bit-Rechner, No Name Computer.

Betriebssystem (MS DOS)

  1. Laufwerkswechsel zum Beispiel von C: nach A:
  2. Inhaltsverzeichnis anzeigen „DIR“ (directory)
  3. Verzeichniswechsel „cd“ (change directory)
  4. Ausführer Programme COM, EXE, BAT

<<Hinweise>>
DEPECHE MODE
Pimpf
Behind the wheel
Strange Love

Never been down again.
Question of last.
Master And Servant

Just can’t get enough.
Everything Counts

… ein riesiges Meer ab musikalischen Möglichkeiten tat sich auf.

<— 11) Akteneinsicht 1991: Zwischen Heimat und System

27) Ferienlager

Denke ich so an meine Ferienlager-Fahrten als Kind zurück, habe ich sehr viele Erinnerungen. Viele davon sehr schön, nur wenige, die ich meinen Kids nicht wünschen würde.

Ein paar Bilder aus der Erinnerungskiste:

  • Ein wortkarger Hausmeister, nebst fleischiger Gattin in der Küche, mit denen man sich bereits kurz nach Ankunft schon mal gut stellen sollte.
  • Ein Speisesaal, in dem es immer etwas „eigen“ roch und der tagsüber einen Riesen-Kessel abgestandenen Wald-und Wiesentee bereit hielt.
  • Ein Bagger-See, mit Kies-Strand, Krüppel-Kiefern, Holz-Steg und zahllosen unbestätigten Sagen, die sich um dieses Gewässer rankten.
  • Eine Tischtennis-Platte, um die immer 20 Kinder standen und fürs „Chinesisch“ die nur drei vorhandenen Kellen durchreichten.
  • Ein Klub-Raum, der ein paar zerlesene Bücher, diverse Brettspiele und einen verschlossenen Fernseher mit nur zwei Sendern zu bieten hatte.
  • Eine Nachtwanderung, bei der man eine kurze Strecke „allein“ oder mit „Partner der Wahl“ gehen sollte musste, bewaffnet mit einer Taschenlampe, (wenn man jemanden kannte, der eine Lampe hatte).
  • Eine Kinder-Disco, auf der Die Ärzte, Pet Shop Boys und Depeche-Mode liefen und zum Ende noch eine „langsame Runde“ auf die ganz Mutigen wartete. Ich kann es immer noch hören. „Purple Rain“ von Prince, „Take my Breath Away“ von Berlin und „Sweet Sixteen“ von Billy Idol. Als wäre es gestern gewesen.

Ach großartig, da würde ich doch gern noch mal hin zurück.

Nehme ich heute die Ferienlanger-Anmeldung meiner Tochter zur Hand, finde ich da unter anderem folgende Passagen:

  • „…Belehren Sie bitte Ihr Kind, das es während der Reise und am Reiseort den Alkohol-und Nikotinkonsum entsprechend dem Jugendschutzgesetz beschränkt bzw. zu unterlassen hat…“
  • „…Hieb-, Stich- und Schusswaffen dürfen weder mitgenommen, noch am Reiseort erworben werden…“
  • „…Das Kind wurde darüber informiert, den Anordnungen der Betreuer Folge zu leisten. Die Haftung bei selbständigen Unternehmungen des Teilnehmers liegt auf Seiten des Teilnehmers bzw. den Sorgeberechtigten…“
  • „…Bei schwerwiegenden oder wiederholten Verstößen (z.B. Alkohol, Drogen, Gewaltdelikte oder Sachbeschädigung) kann der Teilnehmer auf Kosten der Sorgeberechtigten nach Hause geschickt werden…“

Mein lieber Scholli! Also Gruppenleiter (… oder neudeutsch „Coach“) will man da heute auch nicht mehr sein, oder?

Frühere Beiträge aus dem Leben mit Teenies: