652) Ach wie reizend – 3

Ging es in >Ach wie Reizend 1 und >Ach wie Reizend 2 noch um kurze, aber immerhin vollständige Wörter mit Sprengkraft, reichen gut ein Jahr später schon nur noch Anfangsbuchstaben, um viele Menschen ausrasten oder abschalten zu lassen. Ich schalte oft nur noch ab. Einmal Nachrichten am Tag nehme ich mir vor, noch vor Sport, Börse und Wetter bin ich off. Es tut mir leid für die Schicksale die ich da skippe (es sind ja eh nur die Top10 der Welt) aber ich kann das nur schwer ertragen.

Beispiele:

Drecks…

Manife…

Verhan…

Gren…

Zöll…

NAT…

Asy…

Isra…

Ira…

Ukr…

Chi…

Tru…

Tau…

Ga…

Pu…

X…

Verrückt oder? Dieser Beitrag hat nur 88 vollständige Wörter, 16 sind nur angerissen, aber die würde reichen, um auf den Plattformen mindestes 16 „Scheißstürme“ zu provozieren. Aber nich‘ mit mir. Ich mach da nich‘ mit.

Lass sie reden.

Schönen Abend

632) Sprit-Dialoge

Ich liebe es ja, wenn man irgendwo am Tresen oder Schalter steht und ergibt sich ein Wortwechsel zwischen Kunde und Mitarbeiter, der so reduziert auf‘s Wesentliche und sparsam an Worten ist. So auch heute wieder an der Tanke um die Ecke. Der Typ der da meistens Dienst hat, hat ein Tages-Budget an Worten, welches er sehr bewusst einsetzt. 

Ich lasse das Scheibenreiniger-Dings-Schwamm-Bums-Teil in den Wasser-Eimer plumpsen und laufe zwischen den Säulen und anderen Autos zum „Cash Desk“. Dabei versuche ich mir die Nummer meiner Säule zu merken und nehme mir vor, mich an der Kasse eben nicht wie ein schusseliger alter Mann nach meinem Auto und der Säulennummer umzudrehen.

Er: Morjen
Ich: Tach‘chen
(Drehe mich um, schaue nach meinem Auto, kneife die Augen zusammen und versuche die Nummer der Säule zu finden)
Ich: Die 9 bitte
Er: 76,65
Ich: Mit Karte
Er: Kannst
Ich: Ok
Es: Accepted
Er: Zettel?
Ich: Nö
Er: Jut
Ich: Danke
Er: Tschö

Ich liebe es und ich hasse Tankautomaten. Die sind immer so unpersönlich und sagen nix.

Ähnliche Beiträge:

533) Ach wie reizend – 2

Schnapszahl. 888-er Beitrag. Auweia. Wurscht. Bloß eine Zahl. Nachdem der Beitrag >Ach wie reizend viral“ gegangen ist, sagt man doch so oder?, da gab’s von euch noch ein paar Wort-Vorschläge und mir fielen dann auch noch ein paar Wörter ein. Es geht wieder darum, dass bereits ein Wort heftige Verspannungen und Shitstorms auslösen kann, ohne auch nur einen Satz zu schreiben … oder lesen zu müssen.

Los geht‘s:
Waffenlieferung
Prinz Harry. V
Wagenknecht
Frauenquote
Erwärmung
Cannabis
Schulden
Boomer
Ukraine
Graffitti
Freiheit
Bauern
Scholz
TikTok
Lügen
Söder
Kiffen
Poller
Ampel
Roller
China
Rente
Streik
Tesla
Gaza
Woke
Bahn
BSW
ZDF
Gas
24/7
2Go
4U

Sinnlosreisen schlug vor, einfach zwei Worte zu kombinieren, um die Sprengkraft zu verdoppeln.

Beispielsweise:
Putin + Wagenknecht
Klimakleber + fliegen
Heizungsgesetz + Bürgergeld
Trump + Vegan

Oder vielleicht:
Cannabis + 2Go
Klimawandel + SUV
Radweg + Poller

Auch Verben wären ratsam, um langsam auf BILD-Level anzukommen. Türlich, türlich, sicher …

Beispielsweise:
Trump gendert Putin
AfD remigriert Veganer

Oder vielleicht:
Habeck fordert Erwärmung
Tesla schuldet Frauenquote
Söder streikt Woke

Tja, und dann eigentlich nur noch ein Ausrufezeichen dahinter und schon haben wir‘s doch. So werden Schlagzeilen gemacht. Ach wie reizend.

523) Ach wie reizend – 1

Als Twitter damals an den Start ging, musste man sich noch sehr kurz fassen, 140 Zeichen standen nur zur Verfügung und trotzdem konnte man den Leser auf die Palme bringen und den Verfasser mit einem Sturm „Verdautem“ überschütten.

140 Zeichen sind circa, 4 1/2 deutsche Tastatur-Tasten mit dem Finger von links nach rechts entlang rutschen, nur die Buchstaben.

Qwertzuiopü asdfghjklöä yxcvbnm
Qwertzuiopü asdfghjklöä yxcvbnm
Qwertzuiopü asdfghjklöä yxcvbnm
Qwertzuiopü asdfghjklöä yxcvbnm
Qwertzuiopü asdf

Also krieg mal da eine halbwegs fundierte Message unter. Kaum möglich.

Aber das ist auch Geschichte. Heute braucht man viel weniger Buchstaben, um den Empfänger einer Nachricht zum Platzen zu bringen. Da reichen kurze Trigger-Worte, den Rest denkt sich derjenige automatisch dazu und hat binnen Sekunden einen Puls von 240.

Wetten? Ich probiere es mal. Sortiert nach Länge:

Grundeinkommen
Heizungsgesetz
Digitalisierung
Zuwanderung
Lastenfahrrad
Klimawandel
Nord Stream
Parteiverbot
Tempolimit
Bürgergeld
Flüchtlinge
Zahnersatz
Schnitzel
Radweg
Gendern
Indianer
Porsche
Fliegen
Trump
Böller
Vegan
Israel
Musk
Putin
Trans
Homo
Nazi
Nato
Pisa
AKW
GEZ
SUV
AfD
Q7
X5
Q
X
Z

Und kocht schon jemand? Kürzer als ein Buchstabe ist mir nichts mehr eingefallen.

—> 533) Ach wie reizend – 2

479) Nach den Regeln des Krieges

Auch wenn ich gerade im südlichsten Südböhmen bin, folge ich natürlich der Nachrichtenlage daheim. Dank WIFI und Mediathek kein Problem, großartig. Nur gestern, in der 19:00 Uhr-Ausgabe 27.10.23 von „heute“, da sagte die Moderatorin einen Satz, da musste ich erst einmal schlucken.

„Israel hat auf die Forderungen der EU bislang nicht offiziell reagiert, bekommt aber auch Druck aus den USA, sich an die Regeln des Krieges zu halten, ungeachtet seines Rechts auf Selbstverteidigung.“ What? Ich spulte noch mal zurück. „An die Regeln des Krieges“ … das klang in meinem Ohr wie … „Nach allen Regeln der Kunst“. Das hat sie natürlich nicht gesagt, aber das hallte in meinem Kopf nach. Da war der schon fast lustige Versprecher des geschätzten Journalisten kurz davor fast vergessen, als er auf den französischen Staatspräsidenten „Francois“ Macron referenzierte.

Geschenkt! Passiert, selbst den Profis.

„Regeln des Krieges“. Da hatte ich heute auf der Autobahn nach Österreich genug Zeit drauf herumzukauen.

Gibt es ein Regelwerk für Krieg? Quasi „Das 1×1 des Kriegs“?, „Krieg für Anfänger“?, „Krieg für Fortgeschrittene“?, Kriegsführerschein in zwei Wochen“? Mit Checklist, Übungsblättern und Raum für eigene Notizen?

Und wenn ja, in welchem Regal der Bücherei des Vertrauens steht es dann? Bei den „Klassikern“, bei den „Top-Sellern“ oder bei „Körper & Gesundheit“?

Also, es gibt zumindest einen Grundverständnis an „Spiel“-Regeln: Genfer Konventionen, UN-Charta, Schutz von Zivilisten, Schutz von Kulturgütern, Verbot von Massenvernichtungswaffen etc., soweit so gut.

Leider gibt es hier keine Schiedsrichter auf dem Feld. Kein Video-Assistent aus dem Keller in Den Haag. Das „Match“ kann nicht einfach abgepfiffen werden, von einem Unparteiischen in kurzen Hosen und einer Trillerpfeife im Mund.

Leider, leider geht das nicht. Nicht mal eine Halbzeit gibt es, keine Trinkpause und die Spieler machen auch nicht an vorher gezogenen Linien halt.

Bei all den Konflikten weltweit wundert es mich eigentlich, dass es noch keinen festen Slot in den Nachrichten für „Krieg“ gibt.

„Soweit zu den Nachrichten aus Deutschland, meine Damen und Herren. Wir schalten nun live rüber zur Kriegs-Redaktion, dann folgen die Börsen-News und zum Abschluss wie gewohnt der Sport und das Wetter für die nächsten Tage.
Einen schönen Abend noch.“

461) Lost in Translation

Im Vorfeld unserer Kanada-Reise habe ich mir mal wieder durch meinen Französisch-Sprachführer geblättert. Das ist so ein gelbes Büchlein der Firma Langenscheidt (keine Schleichwerbung, ist aber nun mal so), was ganz weit oben im Schrank steht und nur dann herausgesucht wird, wenn es für mich mal ins frankophone Ausland geht. Denn es mangelt mir nicht an Vokabeln, sondern an Formulierungen. Also ging ich die verschiedenen Kapitel durch und merkte dann doch recht schnell, dass bestimmte Wörter völlig antiquiert und unnütz sind oder komplett fehlen.

Kein Wunder, wurde das Büchlein zuletzt im Jahr 2000 aktualisiert:

  • Im Kapitel „Hotel“ gibt‘s Formulierungen wie …
    „Der Wasserhahn tropft“ und „Die Toilette ist verstopft.“
    Aber so etwas wie „Das WLAN spinnt“, existiert einfach nicht.
  • In der Rubrik „Flugzeug“ finde ich Worte wie „Raucher“ und „Nichtraucher“ … unglaublich. Immerhin haben die Begriffe „la sachet vomitoire“ und „le retard“ überlebt. Kotztüte und Verspätung.
  • Bei „Auto, Motorrad, Fahrrad“ wird deutlich, dass Dinge wie „Car-Sharing“, „E-Roller“, „E-Bike“ erst zwanzig Jahren später erfunden wurden. Sucht man vergebens.
  • Auf der Seite „Bus, Bahn, Taxi“ kann ich lernen, wie ich nach der nächsten U-Bahn-Station frage. Erstens frage ich grundsätzlich nie nach dem Weg und zweitens habe ich heute ein „Navi“ und notfalls rufe ich „Uber“ oder ähnliche Kutscher.
  • Das Kapitel „Speisekarte“ ist über 10 Seiten lang, für‘s „Gemüse“ musste eine Seite reichen, fürs „Tierische“ dagegen gibt es fünf Seiten. Die Worte „vegan“ oder „vegetarisch“ sucht man vergebens.
  • Auf der Doppelseite „Bild und Ton“ wird‘s nostalgisch. „Vous pouvez me placer pellicule dan‘s l‘appareil?“ Können Sie mir bitte den Film einlegen? „Haben Sie CD’s / Schallplatten von …“ und „Ich möchte die neueste Kassette von …“. Auf der folgenden Wortliste stehen die neuesten technischen Innovationen wie Camcorder VHS, Videokasette und Walkman.
  • Im Abschnitt „Post und Bank“ wird der Wandel ganz besonders deutlich. „Können Sie mir bitte sagen, wo hier eine Telefonzelle ist?“, „Können Sie für mich ein Telefax senden?“, „Kann ich bei Ihnen ein Telegramm aufgeben?“

Herrlich, oder? Nix Internet, nix Handy, nix Netflix …

Kaum vorstellbar.

420) Buchstabensuppe mit Alles – 2

Als man sich vor langer Zeit den Kopf zerbrach, welcher Monat kürzer sein soll als all die anderen, hat man sich für den Februar entschieden. Gute Wahl. Kaum auszuhalten, wenn der Februar 30 oder 31 Tage hätte.

Und was hilft da am besten. Eine warme Suppe.

Buchstabensuppe:
Nach den ersten Kommentaren zu dieser neuen Beitrags-Serie, kann ich feststellen, dass  „Buchstabensuppe“ im Allgemeinen positiv besetzt ist. Eine gute Entscheidung, dass ich nicht „Rosenkohl“ für das Format gewählt habe. Für manche ist Buchstabensuppe mit Kindheit verbunden, andere versuchen immer noch, sich ganze Wörter auf der Zunge zurechtzulegen. Danke an Clara Himmelhoch für den Tipp und das Kopfkino. Allerdings sind Buchstabennudeln irgendwie auch aus der Zeit gefallen. Sie wurden bestimmt von alten weißen Männern erfunden und müssen dringend überdacht werden. Warum? Zum einen sind sie in der Regel weiß, was ja überhaupt nicht mehr geht. Hinzukommt, dass man die Worte nicht korrekt gendern kann. Es fehlen Doppelpunkte und Schrägstriche in der Tüte. Auch Mitbürger mit Migrationshintergrund fühlen sich komplett ausgeschlossen. Es gibt keine Umlaute und Akzente, wie sollen sich Menschen mit türkischem oder slawischem Background hier jemals heimisch fühlen? Und wenn man bedenkt, dass ein Drittel der Weltbevölkerung indisch oder chinesisch ist, wäre es dann nicht angebracht Buchstabensuppe in Mandarin, Hindi, Kannada und Tamil anzubieten? Geht das technisch überhaupt? Oder gibt’s die vielleicht schon? Am besten Mal den Herrn Scholz fragen, wenn er aus Indien zurück ist.

Dachschaden:
Das Haus gegenüber wurde neu bedacht. Seit 2021 arbeitet man dran. Schon letzten Sommer fiel mir auf, dass über einem Dachfenster eine halbe Ziegel fehlt. Aber die werden schon wissen was sie tun, dachte ich mir. Da wird schon einer dran gedacht haben. Wer bin ich denn, dass ich Deutschen Edel-Handwerkern mit Fachkräftemangelhintergund einen Ratschlag erteilen kann. Nun wird die Jahrhundertbaustelle langsam aufgelöst, Mensch und Material ziehen weiter und was soll sich sagen? Mein Verdacht hat sich bestätigt, die halbe Ziegel fehlt immer noch und der Mieter, der da jemals einzieht, wird schnell Stockflecken an der Decke haben. Aber er ist froh, dass er nicht obdachlos ist. Könnte mir eigentlich egal sein, ist ja nicht mein Dach. Aber ich schaue nun mal auf dieses Dach. Jeden Tach. Und ich sehe die Lücke. Und sie schaut mich an. Fragt sich wer hier eigentlich einen Dachschaden hat. Das Haus oder ich. Also was mache ich lieber netter Onkel von gegenüber? Ich recherchierte den Verwalter des Objekts und habe ihn mit einer e-Mail bedacht. Die Firma dankt und leitet das weiter. Derweil ziehen immer mehr Bauarbeiter ab. Ich ahne schon wo das endet. Europaweite Ausschreibung, Hubschraubereinsatz und ich muss es dann noch zahlen.

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Frust:
Vor ein paar Tagen war ich beim Doc. Ein Routine-Check und eine gute Gelegenheit, mit der  Schwester zu quatschen, während ich da auf der Liege sitze. Auf die Frage wie es denn so läuft, klagt sie, dass die Patienten immer lauter, gereizter und pampiger werden. In 2023 wohlgemerkt, nicht in in 2021 und 2022, als die Stimmung teilweise sehr aufgeheizt war. Was macht die Leute so aggressiv? Was haben die falsches gegessen? Und warum lassen die ihren Frust an Krankenschwestern aus?

Aber ich will den Beitrag nicht so negativ enden lassen. Denn wenn man so auf die Titelseiten schaut, gehts uns doch eigentlich ganz prima hier, im Land der Lichter und Banker.

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73) R.I.P. Gespräch

Noch ist es zu früh, den letzten Gruß unter den Nachruf zu setzen. Aber man kann sich schon mal ein paar Notizen machen, damit es dann schneller geht, wenn es wirklich mal so weit ist.

Nein, es geht hier nicht um den Eisbär, auch nicht um den Regenwald oder einen Gletscher. Heute geht‘s … um … das Gespräch. Genau. Das Gespräch.

Vor tausenden Jahren wurde aus einem urzeitlichen Grunzen ein Wort, daraus ein Satz und später ein Dialog. Die Menschen saßen am Feuer, hatten weder Zeitung, noch Glotze, Netflix und What’s App. Also Reden.

Und wie ist das heute? Tja, wir bewegen uns wieder rückwärts:

  • Das Flug-oder Bahnvolk sitzt zwar stundenlang Schulter an Schulter, bekommt aber nicht mal ein „Guten Tag“ über die Lippen. Stattdessen hängen sie nur über Laptop, Handy oder Tablet. Der längste Satz von Mitreisenden ist: „Ich muss mal da durch“. Gern‘ doch, bitte sehr! Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da hatte man mangels Daddel-Kasten wirklich fremde Menschen auf dem Nachbarsitz angesprochen. „Na, und wollen sie hin?“ oder „Was machen sie denn so beruflich?“ oder „Saßen Sie nicht schon letzte Woche hier?“ Da würde man heute bereits wegen Social Engineering verklagt.
  • In den großen Politik-Talk-Shows müssen die Kontrahenten in kürzester Zeit ihren Standpunkt rüberbringen und dem politischen Gegner noch einen Leberhaken austeilen, bevor die Redezeit zu Ende ist. Eigentlich ist es die Aufgabe des Moderators, inhaltsloses Gelaber der Gäste zu beenden und wieder aufs Thema zu lenken. Mittlerweile grätschen die aber schon nach den ersten Sätzen in die Argumentation, werfen mit Fakten-Check, Video-Schnipseln und Social-Media-Zitaten um sich. Gruselig.
  • Am Freitagabend, ab 22:00 Uhr dagegen, soll es etwas lockerer zugehen. Prominente plaudern aus ihrem Leben. Das lässt sich zwar leicht verdauen, kann aber auch sehr ermüdend sein. Zum einen, weil man nicht weiß, ob der interessante Gast, bereits dran war oder erst kurz vor Mitternacht sprechen darf. Zum anderen, weil sich kein vernünftiges Gespräch ergibt. Während ein Gast antworten darf, hocken sieben andere daneben, trinken Wein, naschen Käsecracker und tun ganz interessiert.

Zum Glück gibt es noch wenige Formate, die da hoffen lassen. Da treffen sich zwei Menschen, sitzen gegenüber und reden eine Stunde lang. Das Gespräch gewinnt an Tiefe. Keine Werbung, keine MAZ, einfach nur so reden. Wie früher am Feuer. Großartig, erhellend und inspirierend. Mehr davon bitte!

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72) Wortwahl: Erzen und Unsen

Das Siezen und Duzen ist allbekannt ein komplexes Thema. Ein paar Buchstaben machen einen Riesen Unterschied aus. Mit ihnen schwingen Respekt, Altersunterschied, Nähe, Sympathie, Amt und Status durch den Raum. 

Man weiß nicht so genau, wer zuerst das „Du“ anbieten kann oder sogar soll, also wartet man auf die nächste Weihnachtsfeier. Mit Glühwein auf der Zunge, fällt uns das anscheinend leichter.

So richtig verwirrend ist aber das sogenannte „Erzen“:

Wenn mir mein Fahrlehrer damals Anweisungen gab, sprach er mich immer in der dritten Person an.

  • Kann er mal rechts abbiegen?
  • Hat er ganz gut gemacht!
  • Er darf mal bitte rechts halten.
  • Da sollte er aber in den Spiel schauen!
  • Muss er denn immer noch im dritten Gang fahren?

Vielleicht bin ich deshalb durch die praktische Prüfung gefallen, weil ich nicht wusste von wem er eigentlich die ganze Zeit spricht.

Wikipedia sagt: Im 17. und 18. Jahrhundert war auch die Anrede mit Er, das Erzen, in unterschiedlichem Kontext in weitem Gebrauch. Es konnte durch Vorgesetzte und Standeshöhere verwendet werden, um eine gewisse Geringschätzung oder einen Vorwurf zu vermitteln.

Na vielen Dank auch Herr Fahrlehrer!

Auch sehr lustig, is die Ansprache in der Wir-Form:

  • Etwa beim Zahlen: Ham‘wa denn `ne Kundenkarte?
  • Oder beim Pförtner: Wen suchen `wa denn?
  • Gar beim Doktor: Na, wie gehts uns denn heute?

Da würde ich am liebsten antworten: „Gut soweit und selbst so?“

<— Noch mehr aus der verrückten Welt

66) Wortwahl: In die Luft gesprengt

Dieser Tage wird viel über die Wahl unserer Worte diskutiert. Brutal, hässlich und beleidigend geht es da streckenweise im Netz zu. Korrekt. Das muss sich ändern.

Manchmal fallen mir aber auch andere, zunächst harmlos erscheinende Formulierungen auf, die wir, aber auch selbst die Nachrichten, völlig selbstverständlich nutzen.

Zum Beispiel:Der Attentäter hat sich in die Luft gesprengt“ oder so ähnlich. Da zucke ich jedes Mal zusammen, wenn ich das höre. Warum “in die Luft”? Ist das wichtig? Spielt das eine Rolle?

    1. Soll es die Sache verniedlichen? Ist es etwa so wie bei Tom und Jerry, dass man gerade hoch in die Luft fliegt, dort oben kurz verharrt, doof in die Kamera schaut, dann wieder pfeifend auf den Boden fällt und sich eine Beule einfängt?
    2. Ist es vielleicht unsere christlich geprägte Vergangenheit, die hinter dieser „Luft“ nahtlos den ersehnten Himmel erwartet? Aber der Himmel würde doch hoffentlich für den Attentäter die Tür verrammeln oder?
    3. Oder sind solche Explosionen wirklich so stark, dass nichts außer Staub und „Luft“ übrigbleibt. Glaube ich eher nicht.

Nun bin ich weder Sprengstoffexperte noch Forensiker, aber ist es nicht eher so, das Körperteile abgerissen, durchgerissen und im Umkreis der Explosion überall verteilt werden? Sorry, für die unappetitlichen Bilder, die sich in den Köpfen bilden, aber wenn es so ist, dann sollte man das auch sachlich formulieren. Keine Ahnung wie. Aber jemanden „in die Luft“ sprengen oder gar „jagen“ oder „gehen zu lassen“ wird dem Übel nicht gerecht.

„Der Attentäter hat sich selbst und zehn umstehende Menschen mit Sprengstoff getötet.“ Punkt. Schlimm genug, aber das ganze Drumherum macht‘s doch nicht besser.

Gerade zufällig im Internet gefunden:

„DIE WASSERLEICHE AUS DER ELBE IST NOCH NICHT IDENTIFIZIERT
Der unbekannte Tote hat sich in die Luft gesprengt“
http://www.kreiszeitung-wochenblatt.de/stade/c-blaulicht, 19.08.2019

What?

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