95) Doch noch nicht ganz blöd – Vol 2

Manchmal, da muss ich Texte lesen, bei denen ich mich frage, ob ich was auf den Augen oder am Kopf habe. Oder ob die zweite Halbzeit vielleicht doch schon weiter fortgeschritten ist, als ich dachte.

Drei Beispiele aus den letzten Tagen: 

1. Der Betreiber der allgemeinen Stromversorgung der hippen Hauptstadt, informiert mich mit zwei Seiten Papier, dass eine Messeinrichtung (Stromzähler) ausgetauscht wird. Dabei erklärt er alles Mögliche, aber am Ende war unklar ob und was nun eigentlich zu tun ist. Der Text las sich ungefähr so: Messeinrichtung, Messstellenbetriebsgesetz (MsbG), Messtechnik, Messstellenbetreiber, Messstellenbetrieb, Messeinrichtungen, Messsysteme, Mess-und Eichrechtskonforme Messung, moderne Messeinrichtung, intelligentes Messsystem, Messwerte, Messentgelte, Messstellenertrag, Messentgelte. Zum Schluss dann: „Sie haben die Möglichkeit, den Messstellenbetreiber frei zu wählen. Der Messstellenbetrieb kann durch einen anderen Messstellenbetreiber ausgeführt werden, sofern der andere Messstellenbetreiber den einwandfreien Messstellenbetrieb gewährleisten kann.“

Mit freundlichen Grüßen
Ganz schön vermessen, oder?
Na immerhin habe ich nun verstanden, dass man Messstelle mit 3 s schreibt.

2. Da der eine Aktien-Fonds nicht mehr so „performed“ wie mal gedacht, schiebe ich meine Millionen halt  woanders hin. Leicht gesagt. Ich will also „umschichten“ und beauftrage daher eine „Umschichtung“. Und da der Staat sehr besorgt um mich ist, muss ich zig Merkblätter, Aufklärungen und Risiken verstehen und das dann noch in einer „Geeignetheitserklärung“ bestätigen. Geiles Wort. Im Englischem wäre das wohl ein „suitability report“. Ich bin also geeignet  … suitable …für dieses Finanzprodukt. Alles klar. Oder das Produkt ist geeignet für mich. Ein „Match“ quasi. Wann kommt endlich das Tinder für Finanzprodukte?

3. Ein neuer Grill musste her. Für den Balkon. Wenn schon Elektro … dann bitte mit ordentlich Bums. Natürlich lagen wieder zig Anleitungen in vielen Sprachen dabei aber mal ganz ehrlich … so richtig … habe ich es nicht … verstanden.
Hier meine Top 3:

  • Das Gerät muss über einen Fehlerstromschutzschalter mit einem Nennfehler-Betriebsstrom (FI Schalter) von maximal 30 mA angeschlossen werden.
  • Trage beim Handhaben des Grills hitzebeständige Grillhandschuhe mit einer Kontaktwärmebeständigkeit der Stufe 2 oder höher gemäß DIN EN 407
  • Die Aufsichtsbehörde schreibt aus Sicherheitsgründen vor, dass die Halteklammer des Heizelements verwendet werden muss und nicht entfernt werden darf

Boah ich bin doch kein Nasa-Techniker. Hat der Grill keine Maus, Tastatur oder Touchscreen, so wie jedes vernünftige Ding heutzutage?

Zum Ende folgen glücklicherweise weitere Warnhinweise, die mich wieder entspannen lassen ließen. Es gibt also noch andere Menschen, die noch viel blöder sind als ich.

„Verwenden Sie keine Holzkohle oder sonstigen Brennstoffe in diesem Grill. Dieser Grill ist nicht für die Verwendung mit Holzkohle ausgelegt.“

Puhhh, Schwein gehabt.

—> weitere gesammelte Widrigkeiten des Alltags

421) Kommunikation

Was wurde über Kommunikation nicht alles schon gesagt und geschrieben wurde. Im Großen, wie im Kleinen. „Wer redet, schießt nicht“ oder „Man müsse im Dialog bleiben“ hört man ja gern auf der Weltbühne. Im familiären Kreis ist das auch nicht gerade einfach.

Da redet man gern aneinander vorbei, der eine meint eigentlich das, der andere versteht aber dies und im schlimmsten Fall wird gar nicht mehr kommuniziert und es herrscht eisige Funkstille. 

Keine Sorge, das wird hier keine Therapieeinheit heute 😉

Heute gehts mir um Kommunikation, die scheitert, weil die Kommunikationskanäle nicht mehr kompatibel sind.

Es geht um meine >kleine Omma. Wer hier schon länger folgt, hat vielleicht schon von ihr gelesen. Kleine Omma‘s gibt es ja viele, aber meine, die ist zudem auch noch steinalt. Dass die Corona-Zeit mit reduzierten Besuchsmöglichkeiten nicht gerade förderlich für die Pflege der Beziehung war, kann sich jeder denken. Aber auch andere Form von Kommunikation war und ist sehr schwierig.

Sie kann uns einfach anrufen, wir sind auf einem Speicherplatz programmiert,
Das, was ich dann aber sage, kann sie nicht verstehen, weil ihre Ohren nachlassen.

Sie hat zwar teure Hörgeräte, aber die wurden von schlauen Designern so miniaturisiert,
dass die Omma die nicht allein in ihre Ohren kriegt.

Eigentlich ist das auch Aufgabe des Pflegepersonals, natürlich,
Aber die haben bekanntermaßen auch andere Sachen zu tun.

Video-Telefonie wäre großartig, Skype, Zoom, irgendwas,
hat sie aber nicht und die Pfleger haben … siehe oben.

SMS, Chat … irgendein Kanal, um wenigsten kurze Nachrichten abzusetzen,
hat sie auch nicht und die Pfleger haben … ich wiederhole mich.

Daher schreibe ich Briefe, um von unserem Leben zu berichten,
Die kann sie aber nicht beantworten, weil die Finger völlig krumm sind.

Ich kann sie anrufen, nach mehrmaligem Klingeln nimmt sie dann auch ab,
Versteht aber meinen Namen nicht. „Wer ist da bitte?“, „Halloooo?“

Und dann stelle ich mich in Abstellkammer oder Bad, schließe die Tür und brülle ins Telefon.
ICH BIN ÄÄÄÄÄS. DER SO-UND-SOOOOOOOOOO.
ICH KOMME MORGEN VORBEI … UUUM ÖÖÖÖÖÖÖLF. MORGÄÄÄÄÄÄÄÄNS.
SAAAAAAAAAMSTAAAAG.

Nach 5 Minuten Brüllen, weiß nun die ganze Straße von meinem Vorhaben, aber zum Schluss, da höre ich ein Glänzen in ihren Augen. Sie hat‘s verstanden. Freude an beiden Enden der Leitung.

Meine Güte, unsere Welt ist voller Technologie, aber die passt einfach nicht zusammen. Das sind zwei völlig verschiedene Kommunikationsuniversen. Ich könnte Briefe schreiben und sie könnte mir auf den Anrufbeantworter antworten. Das würde gehen. Aber mach’ ihr das mal klar. Da komme ich mir vor wie Mark Watney auf dem Mars. 

Ich könnte zum Nachrichtensprecher oder Volksmusikanten umschulen und dann regelmäßig zu ihr sprechen, singen und winken. In Lautstärke 100, durchs Plastikgehäuse der Flimmerkiste. Aber selbst dann, würde ich sie ja nicht hören. Auch doof.

Also Leute, redet miteinander solange es nur geht.

Eigene Nase.
Anfassen.
Natürlich.
Auch.

Schönes Wochenende
T.