536) Von alten Steinen lernen

Gurkt man durch Griechenland (hier speziell Peloponnes) muss man sich schon sehr blöd anstellen, um nicht an ΑΡΧΑΙΟΛΟΓΙΚΟΣ ΧΩΡΟΣ vorbeizukommen. Das ist kein Nationalgericht mit Knoblauch, sondern heisst so viel wie „archäologische Fundstätte“. Akropolis, Korinth, Olympia zum Beispiel. Und da raunt es bereits „Oaaaah neee, wie langweilig, schon wieder alte Steine“. Zugegeben, ich muss alte Steine nun auch nicht jeden Tag haben, aber eindrucksvoll sind die Anlagen schon. Und Minderjährige aus der EU zahlen keinen Eintritt. Juchuuuu, hoch lebe die EU!

Und sie zeigen, zu was Homo Sapiens in der Lage ist, selbst ohne elektrischen Strom, Baumaschinen, Planfeststellungsverfahren, 3D-Druck und WLAN.

Allein schon den Ort für solch eine Stadt auszumachen. Gefälle, Boden, Baumaterial … da scheitern viele Menschen heute schon bei der Wahl des richtigen Camping-Platzes.

Dann die durchdachte Planung für Straßen, Wege, Plätze, Zu-und Entwässerung, Versorgung, Anbau  und Verteidigung.

Und natürlich all die schweren Quader, Säulen … die zuvor irgendwer aus Stein gekloppt hat, der irgendwo aus dem Berg gebrochen, irgendwie dahin gebracht und dann mit irgendwelchen Mechanismen zu Häusern, Tempeln und sogar Badeanstalten gestapelt wurde … und am Ende noch alles zusammenpasste.

Alter Grieche, Respekt!

Es würde mich nicht wundern, wenn man hier in der Gegend noch einen Flughafen ausbuddelt.

Das alles gibt mir Hoffnung, zu was Zweibeiner mit drei Pfund Hirn zwischen den Ohren fähig sind. Gleichzeitig zeigt es aber auch, mit welch Blödsinn „wir“ uns teilweise beschäftigen und womit „wir“ uns vom Finden geeigneter Lösungen für die Herausforderungen der Zeit ablenken.

535) Bajuwaren aller Gender vereinigt euch!

Das Blöde am Internet ist, dass man selbst im Urlaub nicht vor heimischen Nachrichten geschützt ist. Früher, ja früher, da warst du wirklich zwei Wochen weg, heute verfolgen dich die Nachrichten bis ins griechische Ferien-Domizil. Und da wurde heute Morgen wirklich verkündet, dass das Gendern in Bayern von nun an doch wirklich verboten ist. Also doch kein April-Scherz, die haben das doch echt durchge … södert. Öde, öder am södersten. Ohne mich!

Dass ich mit dem Gendern etwas auf waffenfreien Kriegsfuß stehe, habe ich hier schon ein paar Mal durchklingen lassen, aber solange mich keiner zwingt, stehe ich dem eher „Technologie-offen“ gegenüber, will sagen, ich formuliere wie ich will. Mal mit, mal ohne, wie es mir gerade in den Kram passt. Bislang hat sich kein-e:r(x) aufgeregt, der/die/das weiblich und divers gelesene Leserschaft ist auch noch da.

Wo ich wirklich eine Allergie entwickle ist, wenn mir jemand eine Sprachweise aufzwingen oder verbieten will. Wer das mal nachfühlen will, kann sich ja gern mal eine Diktatur in der Nachbarschaft ansehen. „Verbieten“, das tut nun mal ganz deutlich der Söder und sein Lederhoden-Verein.

Liebe Bayern, wenn ihr nun aus eurem Heimatland flüchten wollt, kann ich das gut verstehen und dann tut das auch bitte zahlreich. Damit eure Kinder eine bessere Zukunft haben. Aber bitte nicht nach Berlin Prenzlauer Berg, da sind die Kapazitäten erschöpft, ansonsten könnt ihr gehen wohin ihr wollt. Besser wäre allerdings noch, ihr zeigt dem Marcus bei der nächsten Wahl mal, dass er sich damit hoffentlich ins Aus geschossen hat. Sprachweisen verbieten im Jahr 2024 … in Deutschland … da fehlen sogar mir die Worte.

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104) Postkarte aus Athen

„Weiße Rosen aus Athen, sagen dir „komme recht bald wieder, sang einst ist die Nana, die einen Nachnamen trägt, der an ein griechisches Ofengericht erinnert. „7–10: Sonntagmorgen in Spreeathen“ … so hieß mal eine Radiosendung, damals wo in meiner Welt alles noch schwarz-weiß war und das Auto nicht mehr als 100 km/h fuhr. Heute fahren Autos über 100, aber das ist auch wieder doof.

Aber mittlerweile kann man nach Athen fliegen … schäm schäm … ick weiß … aber eine Bahnverbindung habe ich auf Anhieb nicht gefunden. Die Idee, nach Athen zu reisen, hatten andere Menschen auch. Das Internet muss in den letzten Tagen nur so mit Duck Face – Fotos von der Akropolis geflutet worden sein. Hier nich‘. Hier jib‘s heute Fotos (fast) ohne Menschen druff …

Oben auf dem Hügel wird kräftig gebaut, das Ding wird stellenweise abgebaut und zerbröselte Stellen werden wieder auf aufgefüllt. Die Steine werden am Rand zwischengelagert, irgendwer hat da hoffentlich noch den Durchblick.

Und selbst Lego kommt zum Einsatz. Hier der 10-er Block weiß und 5-er Streifen flach in weiß und beige.

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Mit den Verboten nehmen es die Griechen noch genauer als die Deutschen. Nüscht darf man mehr. Nicht sprayen, zelten , grillen … Schildkröten klauen auch nich‘. Man oh man. Am nächsten Tag auf dem Weg zum Panathinaikos Stadium haben wir doch glatt so ein Urviech gesehen.

Das alte Stadion ist schon irgendwie packend, nur warum da unten schwarzer Tartan-Belag kleben muss … ich weiß ja nich‘. Schotter, Sand oder so, hätte ich erwartetet.

Zeitgleich zu unserem Aufenthalt hier, gabs wohl mehrere Erdbeben, haben wir von zu Haue erfahren. Ich habe gut geschlafen, aber die Stadt sah danach schon wirklich übel aus. Kein Stein mehr lag auf dem Anderen, aber die Katastropennschutzbehörden der Stadt stellten umgehend große Kerzen auf.

Ansonsten liegen die Griechen eigentlich nur so rum, zeugen viele Kinder und wenden sich dann genervt ab. Das WLAN im Hotel ist etwas dünn, nix Netflix.IMG_9225

Auch bei der Handwerkskunst beweisen sie „großes“ Geschick und Detail-Versessenheit, wenn es darum geht, Flaschen zu öffnen.

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Athen ist eine Reise wert, hat mir sehr sehr sehr gut gefallen.

Ick‘ komm‘ bestimmt mal wieder.

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94) Kennt jemand einen Sitz?

Ich dachte ja schon, der >Kauf von Jeans sei das absolute Grauen. Aber es ist noch zu toppen. Der hiesige Minister für Liegenschaften und Infrastruktur brachte im Familienrat den Vorschlag ein, die Klobrillen auszutauschen. Die Ministerin für Familie, Kultur und Außenbeziehungen hatte nichts einzuwenden und der Finanzminister bewilligte, außerordentlich freigebig, das nötige Budget. Auf eine Ausschreibung wurde verzichtet, es solle bitte gute deutsche Wertarbeit beschafft werden, damit die Umrüstung ohne weiteren Schaden und Zeitverzug vollzogen werden kann. Der Familienbeauftragte für Beschaffungswesen machte sich alsbald an die Arbeit, recherchierte mehrere Abende das halbe Internet leer. Hunderte Modelle, Formen und Abmessungen. Aber Fehleranzeige. Nichts zu finden, was dem heutigen Deckel entspricht und zu den Löchern der WC-Schüssel passt. Kaum zu glauben.

Also bestellte er bei einem markenunabhängigen Universalhersteller, aber die Lieferung entpuppte sich bald als Fehlkauf, die Halterung passte nicht zu den Löchern in der Keramik.

Ein weiterer Online-Kauf hatte zwar eine passende Halterung im Karton, allerdings überragte der Deckel die Schüssel. Der Anblick erinnerte an Donald Trump mit Base-Cap.

Also wurde der Verkehrsminister zum nächstgelegenen Baumarkt geschickt, da kam er aber bald kopfschüttelnd wieder raus. Nur WC-Witz, kein WC-Sitz. Nichts.

Er fuhr einen zweiten Baumarkt an, eine ganze Wand hing voller Deckel, aber nur einer entsprach ungefähr dem, was ihm aufgetragen wurde, zu finden. Und dabei ging es nur um die Maße, nicht um Design, Farbe oder halblustige Aufdrucke.

Er eilte zurück zum Palast zurück und übergab den über Budget liegenden Schatz, dem Familienbeauftragten für Beschaffungswesen. Der öffnete die Packung, entnahm schützende Schaumstoffe und musste feststellen, dass die Klappmechanik aus Hartplastik mehrfach zerbröselt war.

Er tobte: „Ich raste aus! Ich bring‘ noch einen um heute! Ich sprenge das ganze Klo weg! Von mir aus gehen die alle auf einen Eimer! Ich hau’ ein Loch in die Erde und nagele einen Balken drüber! Oder ich stell da ein Campingklo hin! Ich hab die Faxen dicke! Keine Lust mehr, mich damit zu beschäftigen!!!!!!!

Der Verkehrsminister wurde wieder zum Baumarkt geschickt, um den Klodeckel umzutauschen. Dafür stellte er sich artig an der Schlange an, um dann festzustellen, dass er den falschen Kassenbon bei sich trug. Er eilte zurück zur Limousine, durchsuchte den Kofferraum nach dem richtigen Kassenbon und stellte sich wieder an der Schlange an. Der Umtauschprozess verlief ohne Komplikationen, die Sonne zeigte sich hinter einer Regenwolke, der Tag schien ein gutes Ende zu nehmen. Wieder zurück am Objekt,  übergab er die Packung dem Beauftragten für Beschaffungswesen, der prüfte die Qualität, nickte und reichte sie weiter an den Minister für Infrastruktur und Liegenschaften. Der nahm dann die Montage vor, schimpfte, fluchte, wer sich denn „diesen Mist hat einfallen lassen“ und friemelte den Deckel irgendwie auf die Schüssel.

Nun musste noch ein weiterer Deckel fürs zweite Klo beschafft werden und er ahnte, dass noch nicht das Ende der Geschichte ist.

534) Sonderkündigungsrecht wegen Digitalisierung

Im folgenden Beitrag geht es nicht darum, die Deutsche Bahn zu „bashen“. Ich werde mich an keinen Wortgefechten zu Pünktlichkeit und Streik beteiligen. Denn darum geht es hier nicht. Es ist nur so ein schönes Beispiel dafür, wie deutsche Dienstleistungsunternehmen gerade zwischen analoger und digitaler Welt stecken. Irgendwo im Niemandsland. Zwar abgefahren, aber noch nicht angekommen. Baustelle halt.

02.03.24
Die Bahn schickt mir einen Brief und stellt mir ein weiteres Jahr BahnCard in Rechnung. Ich soll das doch bitte bis Anfang April per Banküberweisung erledigen. Per Banküberweisung? Hab ich die beim letzten Mal nicht per Kreditkarte bezahlt? Warum ziehen die das nicht einfach ab? Wieso soll ich jetzt eine Überweisung auslösen? Da habe ich keine Lust zu. Bei Rückfragen bitte Telefon, E-Mail-Adresse und freundliche Grüße. Der Brief kommt erst einmal auf einen Haufen.

08.03.24
Ein neuer Brief der Bahn liegt im Kasten. Er enthält meine neue BahnCard, genau die, die ich noch nicht mal bezahlt habe. Und was passiert wenn ich jetzt nicht zahle? Folgen Mahnungen und wird die Karte gesperrt?

13.03.24
Ich erhalte eine E-Mail der Bahn, in der großen Tamtam verkündet wird, dass nun Schluss mit der Plastikkarte sei und es die neue BahnCard nur noch digital gäbe. Prima. Ich glaube, ich habe die vorige Plastikkarte noch nicht einmal benutzt. Aber hatte ich nicht erst vor wenigen Tagen eine neue Plastikkarte bekommen? Ja, beim genauen Lesen der Mail stellte sich heraus, dass dies erst für Karten mit Ausstellung ab Juni 24 gilt. Ich stelle die E-Mail wieder auf „ungelesen“.

19.03.24
Ich zahle die BahnCard mal lieber jetzt. Nicht, dass die Mechanismen hier vollkommen durcheinander geraten.

22.03.24
Ich lese die E-Mail der Bahn noch mal gründlicher. Man braucht ein DB Konto, die Navigator-App und ein Smartphone. Habe ich, denn genau liegt ja bereits meine vorige digitale BahnCard. Ich wäre soweit.

Wenn man kein Smartphone hat, kann man sich im Zweifel ein Ersatzdokument zum Ausdrucken herunterladen. Jut. Ok.

Und weiter geht‘s:

Gültige BahnCard 25/50 Plastikkarten können bis zu dem aufgedruckten Gültigkeitsende weiterhin genutzt werden. Im Falle eines Verlusts kann ab dem 09.06.2024 keine Plastik-Ersatzkarte mehr ausgestellt werden.

Für BahnCards mit Gültigkeitsbeginn ab dem 09.06.2024 oder später haben Sie aufgrund der Digitalisierung ein Sonderkündigungsrecht. Sie können dieses Sonderkündigungsrecht wahrnehmen, indem Sie innerhalb von vier Wochen nach Zugang dieses Schreibens in Textform gegenüber der DB Fernverkehr AG (z. B. über das Kündigungsformular) kündigen

Herzlich willkommen in Deutschland. Es ist an alle gedacht!

Wenn ich alles richtig überrissen habe, hatten wir nun wirklich alle Kommunikationskanäle, Zahlweisen und Medienbrüche, die es nur geben kann. Briefe, E-Mail, Call-Center, Kündigungsformular, Banküberweiser, Kreditkarte, Download, Smart Phone, App und DB-Konto. Und immer mit zwei gescannten Unterschriften. Aber immerhin, eine Fax-Nummer konnte ich nicht mehr finden. Und nächstes Jahr kommt bestimmt noch ChatBot „Bahni“ dazu.

Ick‘ freu‘ mir.

533) Ach wie reizend – 2

Schnapszahl. 888-er Beitrag. Auweia. Wurscht. Bloß eine Zahl. Nachdem der Beitrag >Ach wie reizend viral“ gegangen ist, sagt man doch so oder?, da gab’s von euch noch ein paar Wort-Vorschläge und mir fielen dann auch noch ein paar Wörter ein. Es geht wieder darum, dass bereits ein Wort heftige Verspannungen und Shitstorms auslösen kann, ohne auch nur einen Satz zu schreiben … oder lesen zu müssen.

Los geht‘s:
Waffenlieferung
Prinz Harry. V
Wagenknecht
Frauenquote
Erwärmung
Cannabis
Schulden
Boomer
Ukraine
Graffitti
Freiheit
Bauern
Scholz
TikTok
Lügen
Söder
Kiffen
Poller
Ampel
Roller
China
Rente
Streik
Tesla
Gaza
Woke
Bahn
BSW
ZDF
Gas
24/7
2Go
4U

Sinnlosreisen schlug vor, einfach zwei Worte zu kombinieren, um die Sprengkraft zu verdoppeln.

Beispielsweise:
Putin + Wagenknecht
Klimakleber + fliegen
Heizungsgesetz + Bürgergeld
Trump + Vegan

Oder vielleicht:
Cannabis + 2Go
Klimawandel + SUV
Radweg + Poller

Auch Verben wären ratsam, um langsam auf BILD-Level anzukommen. Türlich, türlich, sicher …

Beispielsweise:
Trump gendert Putin
AfD remigriert Veganer

Oder vielleicht:
Habeck fordert Erwärmung
Tesla schuldet Frauenquote
Söder streikt Woke

Tja, und dann eigentlich nur noch ein Ausrufezeichen dahinter und schon haben wir‘s doch. So werden Schlagzeilen gemacht. Ach wie reizend.

532) BreadGPT mit OpenEI

Keine Zeit zum Essen? Und deshalb soll ich mir so eine Chemo-Brühe mit Bananen-Geschmack reinschütten, während ich arbeite oder unterwegs bin? Welche überbezahlte Werbe-Agentur mit Kickertisch und Obstkorb war da denn schon wieder am Start? Das ist ja völlig realitätsfremd. Wer heutzutage ordentlich was auf sich hält, hat auch keine Zeit zum Trinken.

Bei der Arbeit gehören gefälligst beide Hände an die Tastatur und vor der Gusche befindet sich ein Mikrofon. Unterwegs sind alle zehn Finger im Dauerstress, weil auf irgendeinem Device irgendwer was will. Da ist für einen Bananen-Dings-Bums-Drink keine Zeit. 

Wann erfinden die Food-Designer endlich mal etwas Praktikables?

  • Schicker Infusions-Beutel mit Firmenlogo am Rollständer (mit WLAN).
  • Versorgung mit Flüssigkeit über Luftbefeuchter im Großraum-Büro
  • Nährstoffaufnahme durch Mikro-Injektionen an den Maustasten.

Und wo sind eigentlich die Software-Giganten im Ernährungsbusiness?

  • Wann wird es microsoftes Wasser geben? 
  • Die Margarine einfach Meta schmecken?
  • Uns der Apple mal mit Birnen versorgen?
  • Und mit Google-Hupf zum Download?
  • Gibts endlich BreadGPT mit OpenEI?
  • Und Download einer Tüte Bing?
  • Mit Brei for You aus der Tube?
  • Ne Schachtel TikTok Mint?
  • Mit zehn Gramm Insta?
  • Und ein Teller voll X?

Wann kommt endlich das nächste LLM, das Large Lunch Modell?

Guten Appetit!

531) Von Bettel-Bias und Bias Battles

Bei den Diskussionen um Rassismus, Sexismus und Vorurteile (engl. Bias) fragt man sich bestimmt auch mal, wie man bei dem Thema so unterwegs ist. Ich zumindest. Zunächst kommt mir da schnell ein „Ich doch nicht“ in den Kopf, im Alltag ertappe ich mich dann doch ab und zu, nicht ganz frei von solchen Denkmustern zu sein.

Hier ein Beispiel aus meinem Alltag.

Vor dem Supermarkt an der Ecke bittet täglich jemand um Kleingeld. Dabei herrscht wenig Fluktuation, der Platz scheint saisonal erstritten oder „vergeben“ zu sein. Die Menschen, die dort auf ein paar Euro hoffen, bleiben längerfristig und da ich fast täglich in den Laden stolpere, kenne ich ihre Gesichter. Gelegentlich werfe ich eine Münze in einen Becher oder lasse einen Pfandbon da. Mir fällt aber auf, dass ich dabei je nach Nase unterschiedlich spendabel war.

In einem vergangenen Sommer saß ein Junge mit europäischen Wurzeln auf diesem Platz. Nennen wir ihn hier einfach mal „Mike“. Er war blond, hatte einen Hund an seiner Seite. Dieser Mike schien in Berlin gestrandet zu sein.
… was sitzt der hier rum? Ich hab’ den Arsch voll zu tun. Der kann doch arbeiten? Wenn er Geld für einen Hund hat, dann … 

Mike wurde irgendwann abgelöst durch einen Afrikaner. Der war groß, stämmig und nun ja halt … dunkel. Der verbrachte einen ganzen Winter dort, stand bei Wind und Wetter vor dem Supermarkt. Nennen wir ihn hier einfach „Kofi“ (um gleich mal das nächste Klischee zu bedienen), bei Kofi ging ich selbstverständlich davon aus, dass er geflohen war.
 … aus Afrika, man oh man. Bei dem Scheißwetter. Fernab der Heimat. So ein weiter Weg. Versteht die Sprache nicht, arbeiten darf er nicht. Was soll der hier auch anderes machen …

Aber auch Kofi war dann irgendwann weg. Dann stand eine Weile ein Mann dort, um den alle Passanten einen Bogen machten. Speckiger Mantel, ungepflegte Haare, zotteliger Vollbart, redete mich sich selbst oder mit seinem imaginären Gefährten. Die Finger, die seinen Becher hielten, waren schwarz, nicht weit von ihm stand immer eine Flasche. Welchen Namen geben wir ihm? Tja, da geht‘s schon mal los. Wie heißt „so einer“ denn? Cornelius, Maximilian, Jonathan? Oder Kevin, Randy, Mike? Kommen solche Menschen namenlos auf die Welt?
 …ich würd‘ dem ja was geben. Aber dann kauft der davon nur Sprit. Das hilft ihm ja auch nicht aus der Misere, so kommt der auch nicht auf die Beine. Aber ich kann dem doch jetzt auch keinen Prenzlauer-Berg-Öko-Vegan-Bio-Smoothie in die Hand drücken …

Der Mann ohne Namen war Ende 2023 verschwunden. Seitdem sitzt ein junge Frau dort auf den Steinplatten. Rein optisch würde ich ihre Herkunft „irgendwo“ rund um‘s Schwarze Meer vermuten. Sie hatte auch schon mal eine Zeit bei der Sparkasse die Türen aufgehalten. Nennen wir sie hier im Beitrag einfach „Mariana“.
…armes Mädel. Die sollte hier nicht sein, holt sich noch was weg, wenn die da so sitzt. Das kann man doch nicht mit ansehen …

Vier Menschen, die am selben Platz dasselbe tun. Einen Becher halten und auf Kleingeld hoffen.

Nun notiere ich meine Kleingeld-Gaben zwar nicht, aber wenn ich die nach Höhe und Name sortieren müsste, dann ergäbe es wohl folgendes Ranking … 

1. Mariana, weil Frau
2. Kofi, weil Afrikaner
3. Mann ohne Namen, weil Mitleid
4. Mike bekam nix, weil faul

… ziemlich sexistisch, rassistisch und vorurteils-beladen …
… ohne auch nur ein Wort mit denen gewechselt zu haben.

Oder?

(Titelbild mit freundlicher Unterstützung von DALL-E)

530) Are you content?

„Don’t be Content“. An diesem Schild lief ich während meines längeren Aufenthalts in >Bangalore jeden Tag vorbei. Das Schild stand auf dem Parkplatz einer Pizzeria in der Nähe des Hotels. „Don‘t be content“? Was soll das denn heißen? Ich soll nicht „Inhalt“ sein. Was wäre ich denn ohne Inhalt? Sowohl hier auf dem Blog als auch im Job. Aber irgendwann hab ich’s dann auch kapiert, “content“ kann auch „zufrieden“ heißen, „contentment“ die Zufriedenheit. Ich soll also nicht zufrieden sein, oder mich nicht zufrieden geben. Damit kann ich was anfangen.

Aber was macht Zufriedenheit eigentlich aus? Wohlstand? Karriere? Selbstverwirklichung? Freiheit? Familie? Soziale Kontakte? Gesundheit? Oder in der anderen Reihenfolge? Und muss das Streben noch mehr Zufriedenheit automatisch immer „mehr“ von irgendwas bedeuten, sondern kann „mehr“ Zufriedenheit auch aus „weniger“ entstehen? Sicher doch.

Weniger Arbeit, weniger Ärger, weniger Stress, weniger Hab und Gut. Und ist es nicht auch extrem abhängig davon, wo man sich gerade befindet, in welcher Situation man gerade ist? Mein Streben nach Zufriedenheit sieht doch bestimmt anders aus, als dass eines Familienvaters in der Ukraine oder als das eines Kokosnusshändlers in Bengaluru. Mehr Frieden, weniger Tote? Mehr verkaufte Kokosnüsse, weniger Verluste? Die Frage muss sich also jeder selber beantworten.

Und? Bin ich eigentlich „content“?

Eigentlich bin ich häufig unzufrieden und strebe nach Veränderung. Da um mich herum im Wesentlichen alle gesund sind, mir es an nichts Wesentlichem fehlt und mir keine Raketen in die Küche fliegen … dann ja, dann kann ich doch wohl sehr „content“ sein. Aber Zufriedenheit ist eben nicht da erreicht, wo die Bedürfnispyramide (nach Maslow) oben endet.

Vielleicht fängt sie da ja erst langsam an.

PS: im Nachgang habe ich herausgefunden, dass dieses Schild auf eine Marken-und Textberatungs-Agentur im Haus der Pizzeria deutete. Ich habe mit denen nichts zu tun, kriege auch kein Geld dafür, dass ich ihr Logo hier zeige, danke aber für den Denkanstoß.

529) Mit Zettel, Stift und Tastatur – 14

Habe heute nur wenig Bock, etwas Eigenes zu schreiben, also „kuratiere“ ich einfach ich mal wieder, was andere so schreiben, drucken, kleben. Aufmerksame Leser haben festgestellt, dass ich den Namen der Reihe etwas verändert habe. Mit „Zettel und Stift“ wird jetzt ergänzt um „Tastatur“, denn in Berlin wird immer weniger per Hand geschrieben, sondern gedruckt. Wir müssen halt mit der Zeit gehen.

Los gehts:

Fangen wir mit dem hier an. Wenn es dir dein Auto-Dach zerhaut, dann nimmst‘de halt ´ne Umleitung und dann gehts wieder.

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Weiter mit dem Titel-Bild. Aufgenommen gegenüber einem S-Bahn-Steig. Links, die Jugend, knackig, jeder für sich, best in shape. Rechts, die Alten, schrumpelig, aber kommunikativ und glücklich. Meine Generation findet nicht statt, oder arbeitet derweil. Nachdenk…

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Und nun zu einem Relikt meiner Kindheit. Traurig. Immerhin den Kasten gibt‘s noch.

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Party darf heute auch sein, schließlich kommt das Wochenende. Endlich können wir feiern, bis zum Umfallen. Am Montagmorgen hängen wir uns an den Infusionsbeutel um den Hals und dann geht’s ab in die Teams-Konferenz. —>Erfrischende Video-Konferenzen

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Nun zur Rubrik „Untenrum“. Milfs? Einen ganzen Klein-Bus voll? Oah, nee, danke.

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Fenster mit Stil? Was für Fenster? Ach da hinten. Und die Dame baut die dann fachmännisch ein? Toll, Mädels, super. Es entwickelt sich doch ganz prächtig für euch!

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Das leidige Thema Wohnungsmangel gibts natürlich auch heute wieder. Hier wird ein läppisches Trinkgeld gezahlt … also da muss er schon ein bisschen mehr bieten. —> Wohnopoly

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Und die Dame fordert gleich neuen „Lebensraum“, für sich und ihren … Deutschen Schäferhund … In. Lebensraum, ei … ei … darf man das schon wieder sagen? Ist er „wieder da“?

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Apropos „wieder sagen“. Manches sollte man bitte einfach in der Zeit lassen, wo es entstanden war … und Gutes bewirkt hat.

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<— Mit Zettel und Stift – 13