341) Flügelschlag eines Schmetterlings

Da sitze ich gerade in Korsikas Süden auf einem Liegestuhl und fotografiere einen anderen Liegestuhl direkt vor mir. Ich nenne ihn ab sofort den „Blogger-Genuss-Stuhl“. Und auf einmal kommt ein Schmetterling angeflattert und macht sich da breit. Auf „meinem“ Stuhl.

Er wird sogar richtig zudringlich, setzt sich auf meine blanken Zehen (den Anblick erspare ich euch nach 4 Stunden Autofahrt) und dann landet der auf dem blassen Männerbein seines Inhabers und macht einen kurzen Schlag mit den Flügeln. Ach du Scheiße. Was jetzt wohl am anderen Ende der Welt geschieht? Ein Tornado? Ein Tsunami? Ein Vulkanausbruch? Das wollte ich nicht, wirklich nicht. Glaubt mir! 

Ich wollte hier nur eine Pulle „1664 Bière Blonde“ auf die fachgerechte Entsorgung im Altglascontainer vorbereiten und dann so etwas. Also das ist mir jetzt echt unangenehm.

Aber wer sagt denn eigentlich, dass so ein Flügelschlag eines Schmetterlings woanders immer gleich eine Katastrophe ausrichten muss? Vielleicht bewässert ja ein Regen zu trockene Felder, dreht sich ein Windrad schneller und möglicherweise sorgt ein Sturm dafür, dass Jagdflieger am Boden bleiben.

Das wäre doch gut … irgendwie … oder?

PS: Jetzt nachträglich sehe ich, dass der Hersteller meines „Badelatsches“, neudeutsch „Flip-Flops“ im Bild zu sehen ist. Das war nicht beabsichtigt, normalerweise neutralisiere ich jegliche Marken auf dem Blog hier.

Sorry. Ihr müsst den nicht kaufen. Könnt ihr aber natürlich. Ich kriege kein Geld von denen.

340) Analoges Reisen

Heute will ich einen Gedanken aufnehmen, den Reiner >hier kürzlich aus Malaysia geschickt hat und den wir hier fast zeitgleich auf Korsika diskutiert hatten.

Es geht darum, wie sehr all die digitalen Helferlein das Reisen beeinflussen. Positiv und Negativ.

Natürlich will ich das Navi nicht missen, ein digitales Wörterbuch ist auch Klasse und wenn ich im Wiki ein paar Daten zu einer Stadt oder Sehenswürdigkeit finde, ist das doch großartig. In Supermärkten sind alle Preise ausgeschildert, man muss nicht mehr nach ihnen fragen. Auf der Packung sind Fotos abgebildet, ein Fehlkauf fast ausgeschlossen. Man zahlt mit VISA oder mit den EUR-Scheinen, die man zu Hause aus dem Automaten gezogen hat. Das Navi spricht deutsch, die Restaurant-Kritik kommt in Form von Sternen daher, zum Frühstück höre ich Verkehrsfunk aus der Bundeshauptstadt, Tagesschau gibt’s per Mediathek und den Rest erledigt die Datenkrake. Alles großartige Erfindungen, selbst das Bloggen auf der französischen Terrasse und die Bio-Pistazien „Thai Style“ zu meiner Linken.

Aber man muss schon aufpassen, dass man ein Land noch erlebt. Daher bringe ich heute drei Erlebnisse , die ich wohl mit einem Handy bzw voriger Online-Recherche nie erlebt hätte.

  1. Mitte der 90-er Jahre in Tarifa (Südspanien), kurzer Ausflug über die Grenze nach Gibraltar (britisch). Geld zu wechseln halten wir für übertrieben, wir wollen ja nicht lange bleiben. Nur einmal den Affenfelsen hinauffahren und dann wieder runter zurück nach Spanien. Gesagt getan, fahren wir also die enge Bergstraße bergauf und stehen irgendwann vor einer Schranke mit Kassenhäuschen. Shit! Kein Geld. Die Schranke blieb unten und hinter uns folgten immer mehr Autos. Gehupe. Geschimpfe. Emotionen. Aber die Schranke bewegte sich nicht. Unseren Vorschlag ans dortige Personal, uns wenigstens erst einmal aufs Gelände zu lassen, um die Straße freizumachen wurde abgelehnt. Also blieb irgendwann nur eins: Eindrucksvolle Dreipunkt-Wendung am Abgrund, einer rennt die Straße wieder runter und warnt den nachrückenden Verkehr, der andere fährt die Einbahnstraße entgegengesetzt wieder herab. Mit Licht. Großes Kino, liebe Kinder.
  2. Frühe 2000-er Jahre. Wir sind dabei, Havanna mit dem Mietwagen schweißgebadet zu verlassen und suchen die A1, Kubas einzige Autobahn nach Osten. Oder besser Schnellstraße. Die Beschilderung ist saumäßig bzw. gar nicht existent. Wir navigieren mit Kompass, Sonne und Karte und verfransen uns immer wieder. Wir sind allein auf der Straße, also wende ich einfach da wo es geht. Ein Motorrad-Polizist fand das aber gar nicht witzig und stoppte uns. Er trug eine verspiegelte Sonnenbrille, hielt die Hand auf dem Holster und mir einen Vortrag auf Spanisch. Was tun?  Dumm stellen und nerven. Also kramte ich mein Reise-Spanisch hervor und reduzierte es noch einmal zu einem dummen „Donde A uno?“, „Donde A uno?“  Ich wollte auf keinen Fall vernehmungsfähig klingen. Es hat geklappt, der Typ wies uns den Weg und lies uns in Ruhe.
  3. Mitte der 2000-er Jahre. Ich mache eine Männer-Tour mit meinem Busen-Kumpel J. ins Verdon-Tal. Mutig melden wir uns bei einer Canyoning-Tour an. Bisschen Planschen, Rutschen, wird wohl ganz nett werden. Dass ich am Ende in einer Felswand hänge und eine Abseilstrecke von 50 Metern mache und dabei 300 Meter tief auf die Stadt Moustier blicke während mir von oben der Wasserfall auf die Schädelplatte drömmelt, nee, das hätte ich mit ausgiebiger Online-Recherche niemals getan. Nie. Nie. Nie. 

Tja, liebe Kinder und genau deshalb sollte man das Telefon einfach ab und zu mal in der Unterkunft liegen lassen, dann müsste ich mir jetzt auch keinen Kopf machen, wie ich es nun wieder trocken kriege 😉

Und wer mal so echt virtuell verreisen mag, der kann ja mal hier anfangen zu lesen, wie sich mein Alter Ego Noah so anstellt

—> Reisen 6.0 – Teil 1 und dann die weiteren jeweils am Ende verlinkt 😉

339) Feuer

Wie bekommt man einen gut gelaunten Sommerstrand für einen Moment zum Schweigen? Na? Ganz einfach. Man fliegt mit einem Löschflugzeug drüber. Dann entsteht eine kurze Schweigeminute, bevor der Klangteppich wieder gelöster und amüsanter wird.

Man sieht aber auch nachdenkliche Gesichter hoch hinauf zu den Hängen blicken. Den Nachrichten über Feuerwalzen, die erst am Strand haltmachen, kann man sich nicht entziehen. Ich schaue auf die Uhr und tue es erneut, als das Flugzeug wieder und wieder im Tiefflug über unsere Köpfe donnert. Im Schnitt dauert es jedes Mal 6-7 Minuten bis es wieder da ist. Ziehe ich mal 1 Minute für das Aufnehmen von Wasser ab, bleiben 6 Minuten für Hin-und Rückflug. Ich krame in meinem Hirn und finde in der Schublade „Flugwesen“ ein Halbwissen zur Geschwindigkeit von Propeller-Flugzeugen … und überschlage eine Entfernung zum Einsatzort von … uuups … nur … 15 Kilometern. Diese Information teile ich beim Abendessen besser nicht mit, aber es spricht sich in Social Media rum. Beim „Gesichtsbuch“ wird schon drüber geschnattert. Irgendwann am Abend kamen keine Flugzeug mehr.

Also entweder …

  • Ist der Brand unter Kontrolle, die Gefahr gebannt.
  • Der Pilot ist im gewerkschaftlich erstrittenen Feierabend.
  • Man hat die Region aufgegeben. Bonne nuit. Fin.

Schön war‘s, bisschen kurz vielleicht

Das große Kind recherchiert, dass Deutschland kein einziges Löschflugzeug hat. Brandbekämpfung ist Ländersache. Mhm. Na gut.

PS: An alle besorgten Mitleser in der Heimat. Keine Sorge, alles gut hier. Der Himmel am Morgen war blau, nicht schwarz.

78) App in den Urlaub

Bastia Airport, Samstag 21:30, Warteschlange vor dem Mietwagenanbieter mit den markigen Sprüchen. Es sind nur sechs Väter vor mir, es sollte also zügig gehen. Nach und nach betreten die französischen Daddys die Vermietungsbaracke, das Einzige was an flüssiger Abfertigung hindert, ist die südfranzösische Arbeitsteilung. Zwei Mädels bearbeiten Kunden, die zwei anderen sind einfach „nur da“ und daddeln auf ihren Telefonen. Sorry … Klischee … ich weiß … aber ein Bisschen ist was dran 😉 Aber kein Grund zur Aufregung, ich bin ja im Urlaub.

Bei den beiden Teutonen vor mir dauerte es schon mal deutlich länger, Kopfschütteln, Achselzucken, Armrudern, Ehefrau und Freundin am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Oh je, bestimmt Stress mit der Kreditkarte. Kann mir nicht passieren, denn ich habe alles schon bezahlt, habe alle Daten online erfasst, incl Führerschein etc. Ich bin ja ein Schlauer, mag es gar nicht, unvorbereitet zu sein.

Eine halbe Stunde später wurde ich mit dem Stammhalter in den Container gewunken. Der eine Teutone fluchte immernoch und diskutierte mit der Dame am Counter nebenan. Bei uns ging es zunächst recht flott. Buchung war da, Auto war da. „Siehst’de mal mein Sohn, alles kein Problem, wenn man alles im Griff hat.“

„Sir, there should now a notification arrive on your phone. You just need to approve it. Not a payment, just a deposit in case of any damage.“ Na ja und den weiteren Verlauf könnt ihr euch ja denken. Nüscht kam an und ich war nun der Teutonen-Clown der den weiteren Daddys hinter mir weiche Knie und Angstschweiß verursachte. Sackgasse. Alle Banking-Apps gescheckt, alle PIN-TAN-APP-Geschichten die man so hat. Nüscht. Die letzte Rettung war die VISA-Karte unserer Ministerin für Inneres, Familie und Soziales, wobei ich wenig Hoffnung hatte, denn die Karte ist vom gleichen Kreditinstitut. Aber diese Karte funktionierte anstandslos. „Wie hast du das gemacht?“ fragte ich. „Keine Ahnung, da kam halt so `ne Meldung, habe ich bestätigt“. 

Ah ja.

Und nun der ärgerliche Teil, den ich noch mit dem Kutschenvermieter diskutieren will. Um die Karte der Ministerin für Inneres, Familie und Soziales zu akzeptieren, musste sie als zweiter Fahrer hinterlegt werden, wobei sie zwar durchaus fahren kann, aber gar nicht fahren wollte. Und dieses Eintragen eines zweiten Fahrers kostet mal eben 190,— Mäuse.

Und das alles, weil …

  1. Ich das Auto schon vorher vollständig bezahlt habe
  2. Es sich nur um eine Kaution handelte, für den Fall eines Kratzers
  3. Und es doch eigentlich scheißegal sein sollte, welche Kreditkarte als Sicherheit hinterlegt wird. Warum muss die Kreditkarte denn anwesend sein?

Na bloß gut, dass die Ministerin ihren Führer:Innen-schein dabei hatte.

Auflösung: Heute Morgen vor dem Frühstück, checkte ich die Einstellungen meiner Banking-App und sah dort zwei hinterlegte mobile Geräte für Zahlungsfreigaben. Mein Handy und mein Tablet. Ja, so soll es auch sein. Ich bin gern flexibel. Leider stand das Tablet ganz oben, mit dem kleinen Hinweis, dass immer das Gerät für Zahlungsfreigaben genutzt wird, was zuletzt im Banking aktiv war.

Merde! 

338) Kalt und Heiß

Verfolgt man die Nachrichten dieser Tage wird einem kalt und heiß zugleich. Auf dem Teller mag ich solche Kompositionen ja sehr gern, aber im News-Cocktail komme ich gerade nicht mit.

Während sich Deutschland mit Blick auf den Winter unbedingt einfallen lassen muss, wie es die Grundversorgung mit Strom und Heizenergie sicherstellen und sich der Stammtisch schon überlegt, welches Mobiliar man gegebenenfalls verfeuern kann, ächzt Süd-West-Europa unter einer Hitzewelle und das Land der Teutonen kriegt auch bald was von ab. Deshalb denkt man nun über die Öffnung von Notfallbrunnen und … Wärmehallen … nee … warte mal … Kältehallen … nach.

Früher wurde es im Sommer auch schon mal sehr warm, aber da war man mit hitzefrei, Speiseeis und Dusche/ Rasensprenger ganz gut aufgestellt. Nach ein paar Tagen war es dann ja auch vorbei. Der eigentliche Feind der Deutschen war eigentlich immer die Kälte.

  • Obdachlosen wurden im Winter „gnädigerweise“ die Türen der Bahnhöfe geöffnet.
  • Ein Wärmebus fuhr durch die Stadt und Ehrenamtliche verteilten heiße Getränke.
  • Klingelte ein Gast an der Tür, bat man ihn herein und sagte, er solle sich doch erst einmal aufwärmen.

Von nun an alles anders?

  • Dürfen Obdachlose bald im Sommer in die Bahnhöfe, um sich abzukühlen?
  • Gibt es neben Kältehallen, bald Kältebusse und Kühlpilze?
  • Sind die Dachgeschosswohnungen, die aktuell geschaffen werden, lebensbedrohliche Backöfen?
  • Wird vormals so beliebte Südbalkon eine no-go-Area, denn wer es sich leisten kann, hockt im hochpreisigen Altbau-Keller?

Oh oh … da kommt was auf uns zu … und sowohl das Heizen im Winter, also auch das Kühlen im Sommer … kostet einen Haufen Energie … und wir sind überhaupt nicht drauf vorbereitet.

Schönen Sommer!

Andere Beiträge zum Thema:

337) Wichtige Informationen zu Ihrer Reise 😳

Solch eine e-Mail erreichte mich heute mit einem aufdringlichem „Bling“ und ließ mir im Virtual Meeting die Knie weich werden. Denn wir hatten aus dem Familienkreis schon von spontanen „Cancellations“ ein oder zwei Tage vor Abflug gehört.

Ein Albtraum wenn so etwas auf eine Familie zukommt. Eigentlich hatten wir bislang Hoffnung, dass es uns nicht erwischt, da Berlin nicht ganz oben auf der Liste der aktuell problematischen Flughäfen steht und weil man zu unserem Ziel verdammt schlecht mit der Bahn oder dem Auto kommt. 

Also überflog ich die ersten Zeilen.

„Wir freuen uns schon, in wenigen Tagen nach … zu fliegen.“ 

Puh. Erleichterung. 

Weiter unten boten sie sogar schon den Check-In an, das würden die doch hoffentlich nicht tun, wenn der Flieger nicht abheben würde. Ich bin noch vorsichtig, aber Check-In is completed und die erste Hürde also gemeistert.

Bleibt nur noch …

  • Transfer zum Airport
  • Abgabe das Gepäcks
  • Sicherheitskontrolle
  • Pünktlicher Takeoff
  • Mietwagen vor Ort
  • Unterkunft finden

… eigentlich ein Klacks … aber mal sehen.

Morgen noch etwas arbeiten und Samstag bin ich dann mal weg und melde mich von „da“.

Wenn ich mich vorher melde … dann gibts ein Problem … 😉

Houston…

Nachtrag 15.07.22 08:45: Soeben erreichte mich wieder solch eine e-Mail, was zu kurzzeitigem Herzstillstand führte. Aber die Airline will uns nur noch mal auf die rechtzeitige Ankunft am Airport hinweisen. Jaaaaaa doooooch, man! Jetzt nervt mich nicht.

336) Blick in die G(l)askugel

Verfolge ich die jüngsten Entwicklungen zur Energie/-Gasversorgung hier bei uns im Lande, erinnere ich mich an die Situation im Januar/ Februar 2020 zurück. Irgendwas rollte da auf uns zu, etwas Unbekanntes, etwas wovon wir nicht wussten wie sich das entwickelten würde und wo wir vielleicht insgeheim drauf hofften, dass es wohl nicht so „dicke“ kommen würde. 

Nach 2,5 Jahren sind wir nun schlauer, wie es dann mal eben doch kommen konnte. Fokussierung auf kritische Infrastruktur, Schließung von Betrieben, mehrfaches Herunterfahren/ Reduzieren des öffentlichen Lebens, gefolgt von Kurzarbeit und Lieferkettenproblemen, Absage gegenüber Kultur, Sport und Tourismus, Unzufriedenheit, Freiheitsgemaule, Sturm auf die Treppen des Reichstags … und so weiter. Muss ich nicht alles noch einmal aufführen, mag ich rückwirkend auch gar nicht kommentieren. Will eh keiner mehr hören. Denn jetzt ist erst einmal Sommer. „Und wir haben Spaß, haben Spaß, geben Gas, geben Gas.“

Besucher mit angeschlagenem Gemüt sollten jetzt vielleicht eine andere Lektüre wählen.

Ich will hier echt nicht den Miesepeter geben oder gar Panik verbreiten. Aber jetzt nur mal angenommen, es kommt zu einer nennenswerten Verknappung in der Energieversorgung. Durchlaufen wir dann im Prinzip alles noch einmal? Ist es das worauf wir uns einstellen sollten, in der Hoffnung, dass es schon nicht „so dicke“ kommt. Oder kommt es eben vielleicht doch dicker, weil dieser Herausforderung mit „Kino zu“, „Kneipe dicht“ und „Drei Wochen Kerzen im Advent“ nicht zu entgegnen ist? 

Ich meine, dass „Virus“ war ja eigentlich im Vergleich zum „Bären“ noch recht beherrschbar. Man konnte Maßnahmen probieren, drei bis vier Wochen beobachten und dann ggf nachsteuern. Auf Sicht fliegen halt. Aber geht das denn bei dieser aktuellen Herausforderung?

Besser ich packe die G(l)askugel wieder in den Schrank und schließe mit zwei Strophen aus „Ich will Spaß“ von Markus.


Will nicht spar’n, will nicht vernünftig sein
Tank nur das gute Super rein
Ich mach Spaß

Ich geb Gas, ich geb Gas


Und kost‘ Benzin auch drei Mark zehn
Scheiß egal, es wird schon geh’n
Ich will fahr’n
Ich will fahr’n, ich will fahr’n

Zwar in einem anderen Kontext geschrieben, aber irgendwie wieder aktuell.

Wie geht‘s euch damit? Auch etwas beunruhigt oder noch ganz entspannt und gechilled? Das Dach voller Solarzellen genagelt? Eine Bohrung zum Erdkern begonnen? Schon durchgerechnet, wieviele Klo-Papier man kaufen muss, um damit zu heizen?

Fragen…

335) Soweit alles gut!?

Ihr kennt das sicher auch. Da hat man seit Längerem mal wieder Kontakt zu jemandem, den man 1 oder 2 Jahre nicht mehr gehört hat und dann kommen euch Fragen wie diese entgegen:

  • Und, sonst alles ok?
  • Wie geht‘s euch denn so?
  • Wie ist es euch ergangen?

Ich hatte neulich so eine Kommunikation, aber um ihm das alles zu erklären, hätte ich Stunden gebraucht, also antwortete ich ganz kurz mit:

„Soweit, alles gut.“

Kurz danach habe ich mich etwas über meinen Satz „geärgert“. Denn es ist ja nicht alles gut und besonders die letzten zwei Jahre waren doch kein Spaziergang.

Also warum habe ich das so kurz abgetan?

  • War ich einfach zu faul, das ausführlicher zu beschreiben? Hatte ich keine Lust, das alles noch einmal zu sagen, zu schreiben, hochzuwürgen?
  • Vielleicht hielt ich es auch für eine Small Talk-Floskel, bei dem der/die andere nicht wirklich eine Antwort erwartet?
  • Möglicherweise war da auch eine Bescheidenheit im Spiel, andere Leute nicht noch mit unseren „Sorgen“ zu belämmern?
  • Oder ist es einfach genau so wie ich es geantwortet habe? Es ist gut. Ja „Gut“. Kein „Ja geht so“, kein „Man wurschtelt sich so durch“, kein „Na ja, könnte besser sein“, sondern einfach „Gut“. Wir sind gesund, haben keine nennenswerten Schäden erlitten und fliegen demnächst in den Urlaub, also was will man mehr?

Ist in der Retrospektive auf einen Zeitraum meistens alles gut? Auch wenn einzelne Tage oder Krisen in dieser Zeit, alles andere als „Gut“ waren. Übertünchen wir Menschen die Vergangenheit gerne mit einem „Gut“-Filter? Und was heißt „Gut“ überhaupt? Ist „Gut“ vergleichbar zu einer Schulnote 2,0? Oder ungefähr 80% von “amazing“ und „awesome“ oder vielleicht sogar 180% im Vergleich zu einem Familienvater aus Burkina Faso oder Luhansk?

Und jetzt mal angenommen, es ist wirklich alles „Gut“ aktuell, was würde ich ihm in einem Jahr antworten, wenn wir wieder Kontakt haben? 

Soweit, alles gut?

66) Postkarte aus Plau am See

Nein, ich bin nicht blau am See. Ich bin in Plau am See, in Meck Pomm. Das war eigentlich als Wochenende zu zweit geplant, aber das Virus hatte andere Pläne für uns. Und da das Zimmer nicht mehr stornierbar war, wohne ich den Zimmerpreis nun allein ab. Und damit ich bloss nicht auf die Idee komme, den Arbeitsrechner hochzufahren, miete ich mir 09:30 Uhr ein Fahrrad. Model „Dame“, weiß, 10 EUR. Die Frage des Fahrradvermieters, ob ich nicht lieber mit E-Unterstützung fahren möchte, winke ich lächelnd ab.

Am Vorabend habe ich recht schlampig mögliche Touren recherchiert und habe mich dann einfach für eine Umfahrung des Plauer See‘s entschieden. Da muss man nicht viel Karte lesen, einfach immer in der Nähe des Wassers bleiben. Dass der Plauer See, der siebtgrößte Deutschlands ist, habe ich erst danach im Wiki erfahren.

Hier ein paar Eindrücke und natürlich wieder auch einige Skurrilitäten:

Zunächst begann die Tour recht locker. Gegen den Uhrzeigersinn in Richtung „Stuer“. Da war ich noch munter und sprach mit mir selber. „Jetzt sei doch mal nicht so stuer!“ Auf der Strecke entdeckte ich einen ausgedienten Rettungsschwimmer-Turm aus alten Zeiten. Sehr hoch, der Blick aufs Wasser mittlerweile verwachsen. Da wären David Hasselhoff und Pamela Anderson von Baywatch nie hochgekommen.

Mit den Rettungsschwimmern von Malibu im Kopf verspürte ich große Lust auf eine Erfrischung. Also sprang ich in den See, tauchte hier und da und fand sogar noch eine Rettungsboje. Die Farbe der Boje war schon etwas abgeblättert, aber ich denke, ich kann mich durchaus noch sehen lassen, oder?

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Das folgenden Bilder habe ich gegen 11:00 / 11:30 gemacht, da hatte ich vielleicht gerade mal ein Viertel der Strecke hinter mir und mir tat schon der Hintern weh. Bald folgte aber ein Ausblick auf‘s Paradies. Wer oder was da wohl auf mich warten würde … ? Das beflügelte ein kurzes Stück, hielt aber nicht lange an.

Die nächste Gelegenheit für „Brause und Bocki“ hatte leider Ruhetag. Im „Lenzer Krug“ etwas später sah es zwar ganz nett aus, aber da hätte ich mindestens 30-45 Minuten gesessen und wäre vermutlich komplett eingerostet. Also stoppte ich gegen 13:00 im „Dörpladen“ in Alt Schwerin für eine verdammt leckere Gulasch-Suppe. Die Mädels am Tresen sagten, ich könne mich auch gern hinsetzen. Danke, ich mag aber lieber stehen 😉

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Weiter ging’s durch Wald, über Wiesen und Felder, auf allmöglichen Untergründen. Nicht selten wurde ich von Senioren mit E-Antrieb überholt. Immerhin haben sie nicht geklingelt. Fahrt nur Leute, irgendwann geht euch der Saft aus und dann habt ihr mich … mit meinem weißen Damenrad … im Nacken!

Bei einem Bungalow-Dorf entdeckte ich einen verlassenen Kiosk. Er erinnerte mich an die frühen 90-er Jahre. Über Nacht wurden damals Westwaren in die Regale geräumt und jede freie Fläche mit Werbung vollgeklebt. Beim Blick durch die trüben Scheiben kann man sehen, dass es dort mal leckeren „Gyros Burger“ von Iglo Snackeria gab. Für 3,80 … DM vermutlich

Zum Ende der Fahrt baute meine Fitness erheblich ab. Ich war am Limit. Und bei dem nächsten Schild wurde mir auch klar warum. Vermutlich hatte ich eine Abzweigung verpasst und nun … da haben wir den Salat. Zu weit gefahren und kein Visum dabei.

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Gegen 15:00 stieg ich vom Rad, wie John Wayne vom Pferd. Bei der Fahrradvermietung fragte man:

  • „Und, war es schön? Alles gut gegangen?“
  • „Ja, alles schön, reicht aber auch.“
  • „Das glaube ich.“

Füße vertreten im Ort und dann mal ein Lübzer auftreiben 😉

Lektionen des Tages:

  • 1. Der Großstädter sollte nicht immer so übermütig sein.
  • 2. Der Großstädter sollte sich vorher besser informieren.
  • 3. Der Großstädter muss kapieren, dass er auch keine 30 mehr ist

334) Rückkehr ins Büro – Teil 5

Ich wollte euch ja noch an meinen ersten beiden Dienstreisen in Zeiten des New Normal teilhaben lassen 😉

Also, in KW 25 bin ich mit der Bahn nach Franken gefahren. Gähn. Laaaangweilig. Ja, im Prinzip schon, aber für mich war das eine Prämiere. Meine erste Dienstreise seit März 2020.

Die Vorbereitung ging recht locker von der Hand, beim Blick auf die Business-Klamotten im Schrank konnte ich mich aber auch nur zu Jeans, Hemd und Sakko durchringen. Mit einem Anzug würde ich mir dort wie ein Gockel vorkommen. Es ist vorbei. Den schwarzen könnte ich noch aufheben, den Rest … weg.

Im Zug saß ich zunächst allein, bei Leipzig setzte sich dann ein Ingenieur von BMW zu mir und startete sofort seine Video-Konferenz. Ich weiß nun alles über Robots in der Auto-Fertigung und habe dabei viele BMW-ler kennengelernt. Vermutlich war ich auch die ganze Zeit auf deren Bildschirmen zu sehen, aber da ich FFP2-Schmuck trug war mir das erst mal noch egal. Mal sehen, wie das läuft, sollten die Masken mal fallen. Ich glaube, da könnte ich zickig werden.

Auf der Etage, wo das Meeting stattfinden sollte, traf ich auf erfreute Gesichter. Manche Kollegen breiteten ihre Arme zur Begrüßung aus. Mir war das viel zu viel Körperkontakt, aber den asozialen Eigenbrödler wollte ich nun auch nicht geben.

In dem Meeting-Raum wo wir verabredet waren, wurde anscheinend ordentlich aufgerüstet in den letzten 2 Jahren. Ein Gigantischer Flat Screen, eine Kamera die der Stimme folgt und Lautsprecher in der Decke. Trotzdem saßen wir uns halt zu sechst gegenüber und es gab unweigerlich Situationen, wo man sich dann halt doch mal näher kam.

Beim Checkout im Hotel zückte ich meine Firmenkreditkarte und erst in diesem Moment fragte ich mich, ob die denn überhaupt noch funktioniert. Aber ja, sie tat es und verlangte gleich mal den PIN. Ach du Scheiße. Da war ich dann erst einmal ratlos. Aber dank top-geheimer Notizen in meinem Telefon, ging es nach kurzer Panikattacke weiter.

Bevor ich dann in dieser Woche meine zweite Dienstreise >in die Provinz nach NRW starten wollte, wurde ich erst einmal zurückgeworfen. Da hieß es für mich eine Woche „Green-Office“ im „Corona-Wartezimmer kurz vor Polen“, damit ich dem heimischen „Abklingbecken“ nicht zu nahekam. Also quälte ich den Mobile Hotspot des Handys und hätte parallel ein Spiegelei drauf braten können, so warm war das Ding teilweise. Aber ich will nicht meckern, die Verbindung war sehr stabil, trotz Dauerkonferenz und Kamerabetrieb.

Am Vorabend meines Trips kamen dann leise Zweifel hoch. Soll ich fahren? Doch absagen? Meine Selbsttests waren zwar weiterhin negativ, aber ich hätte vielleicht doch blinde Passagiere in mir tragen können. Und was die anderen Kollegen so von zu Hause mitbringen würden, wüsste ich schließlich auch nicht. 

Am 05.07. im Morgengrauen ging es dann aber los. Vom „Corona-Wartezimmer kurz vor Polen“ mit dem Regio nach Berlin, dann per ICE nach Bielefeld und dann weiter per Regionalbahn zu meinem Zielort an der Pader. Beim Meeting hielten wir viel Abstand, das Dinner gab‘s im Freien. Was man halt so macht, um nicht den eigenen Urlaub kurz vorher zu gefährden. 

Zurück ging es heute wieder mit der Regionalbahn zunächst nach Bielefeld, dann per ICE nach Berlin und dann mit einem proppevollen und verspäteten 9-EUR-Regio wieder ins „Corona-Wartezimmer kurz vor Polen“. Eijentlich oooch schön hier.

Sechs Bahnfahrten an zwei Tagen aufeinander … das reicht mir dann erst einmal.

Was ich da alles schon wieder gesehen und gehört habe, so viel kann ich gar nicht schreiben 😉

Und wem das mit dem „Abklingbecken“ und „Corona-Wartezimmer“ etwas gaga klingt, der kann ja noch mal hier nachlesen

—> Marotten-Bingo im Corona-Wartezimmer – Vol.1

—> Marotten-Bingo im Corona-Wartezimmer – Vol.2

<— Rückkehr ins Büro – Teil 4

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