767) Arbeit

Freitag, 1. Mai 2026.

Und was mache ich nun mit diesem freien Tag? Diesem „Frei“tag.

Die Familie ist ausgeflogen. Ich hätte eigentlich den Arsch voll zu tun, könnte den ganzen Tag arbeiten, darf ich aber nicht. Es würde diesen Tag ad absurdum führen. Sieht das Gesetz so vor. Nur kritische Infrastruktur darf an diesem Tag arbeiten … und der Döner-Mann natürlich.

Also setze ich mich morgens um 10:00 aufs Fahrrad und fahre über Prenzlauer Berg, runter nach Mitte, Richtung Regierungsviertel, dann weiter nach Friedrichshain und zurück rauf in die Hütte. Das ist auch Arbeit.

Die Stadt ist leer, zumindest um diese Uhrzeit. Die Straßen sind breit. Viele sind für den Autoverkehr gesperrt wegen anstehender Demonstrationen und Veranstaltungen. Ein Eldorado für Radfahrer. Und für mich, der sich treiben lässt.

Es gibt viele schöne Motive. Aber zum Fotografieren müsste ich stehen bleiben und darauf habe ich keine Lust. Die Bäume werden wieder grün, die Spielplätze sind voll, die Springbrunnen sind in Betrieb. Das Leben kehrt zurück. Die Menschen sind freundlich, kaum Irre zu sehen. Die Stadt wirkt äußerst attraktiv, sauber, klar, weitläufig und positiv. Ungewohnt.

Tja, Arbeit …

Entweder man hat gar keine.

Oder man muss miese Arbeit machen, um über die Runden zu kommen.

Oder man hat so viel, dass man kaum weiß, was man zuerst machen soll.

Und Arbeit ist irgendwie negativ konnotiert. Am Sonntag stöhnt man, dass man am Montag wieder arbeiten „muss“. Man „muss“ noch mal in die Firma oder man „muss“ noch ein paar E-Mails arbeiten. Die Regierung wird nicht müde zu betonen, dass Deutschland mehr arbeiten muss. Muss. Muss. Muss.

Dabei ist auffällig: Wenn von „mehr arbeiten“ die Rede ist, ist fast immer nur Erwerbsarbeit gemeint. Der berühmte Acht-Stunden-Block „Freizeit“ scheint als arbeitsfrei zu gelten. Dabei steckt genau dort eine Menge Arbeit drin. Familie, Kinder, Pflege, Haushalt, Beziehung, Ernährung, Reinigung, Transporte, Organisation, Logistik, Reparaturen, Papierkram, Garten, Verein. All das ist „Arbeit“, wird aber nicht so benannt, sondern vielleicht als individuelle Freizeitgestaltung geführt. Na, vielen Dank auch.

Und obwohl Arbeit kein besonders gutes Image hat, brauchen wir sie irgendwie. Es ist das einzige legale Modell, neben Lottogewinn und Zinsen, um Geld zu verdienen. Also setzen wir alles daran, sie bloß nicht zu verlieren … und ordnen uns in die Maschinerie ein. Wir Pendeln unzählige Lebensstunden. Überfüllen den ÖPNV, kaufen entsprechende Klamotten und Geräte. Halten uns fit, fliegen mit der letzten Maschine aus dem Urlaubsort zurück … für die Arbeit.

Dabei ist Arbeit eigentlich etwas Positives.

Im besten Fall werden bleibende Werte geschaffen, Zustände werden verändert, Menschen, Tiere und Umwelt profitieren davon. Idealerweise beschäftigt uns Arbeit sinnvoll und sie erfüllt uns. Jeden auf seine Weise.

Und da liegt der nächste Punkt: Vieles der Erwerbsarbeit ist genau das nicht. Sondern stupide, repetitive, „schon immer so gemachte“ Tätigkeiten, die vor allem dazu dienen, Arbeitsplätze zu erhalten. Und es wird nicht besser, wenn man davon einfach noch „mehr“ macht.

Zeitgleich gibt es so viel Arbeit in anderen Bereichen, die ständig zu kurz kommt.

Zum 1. Mai 2026 wünsche ich mir weniger Diskussion darüber, wie viel und wie lange wir arbeiten müssen,  sondern darüber, was wir tun und wofür wir unsere doch so kostbare Arbeitskraft einsetzen.

Bloggerei ist übrigens auch Arbeit.

Schönen Feiertag!

643) Vier-Tage-Woche und Work-Live-Balance?

Neu-Bundeskanzler Merz ist nun die dritte Woche im Amt und ein Zitat beschäftigt die Nachrichten, Podcasts, Gewerkschaften und Arbeitnehmer.

„Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance allein werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können“.

Da haben Sie Recht Herr Merz, aber was wollen Sie uns mit diesem Satz sagen? 

Wollen Sie etwa sagen, dass die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung aktuell die Hängematte ausbalanciert? Wollen sie kommende neue Arbeitszeitmodelle verhindern oder erreichte Flexibilisierungen der Arbeitszeit gar wieder abschaffen?

Die Deutschen leisten im Vergleich zu anderen EU-Ländern weniger Arbeitsstunden als andere Länder, so heißt es. Der statistische Grieche schuftet mehr, das mag sein, der Vergleich hingt aber, Griechenland und Deutschland lassen sich strukturell nicht vergleichen. Außerdem haben die Griechen weniger Feiertage und eine niedrigere Teilzeitquote.

Die Jungs vom Podcast „Lage der Nation“ haben das in Folge 432 schön auseinandergenommen und ich denke auch, bevor man über eine 50 Stunden-Woche nachdenkt (die viele Menschen heute schon haben), sollte man doch erst einmal bekannte Maßnahmen umsetzen, in denen verfügbare Arbeitsstunden schlummern, ohne das Soll für die heutigen Arbeitnehmer zu erhöhen.

Zum Beispiel:

  • Menschen die arbeiten können, zum Arbeiten bringen
  • Asyl-Gäste und Migranten schneller arbeiten lassen
  • Müttern in Teilzeit die Rückkehr in Vollzeit vereinfachen
  • Ganztags-Kinderbetreuung ausbauen, Fahrwege reduzieren
  • Ehegattensplitting a.k.a. „Herd-Prämie“ abschaffen

Aber selbst die fünf Maßnahmen zielen nur darauf ab, die verfügbaren Arbeitsstunden zu erhöhen, was mir da aber noch zu kurz kommt sind die Fragen „Wofür eigentlich“ und „Wie eigentlich“ wird Arbeitszeit geleistet?

Wofür wird die Arbeitszeit eingesetzt?

Wenn Arbeitskräfte knapp sind, ist es dann sinnvoll krampfhaft am konventionellen Auto-Bau festzuhalten, wenn sich E-Autos viel aufwandsärmer fertigen lassen? Muss man sich im Straßen-, Landschafts- und Wohnungsbau derart detailverliebt austoben, so dass der Ausbau einer Schule, eines Sportplatzes, eines Radweges mittlerweile drei Jahre dauert?

Versteht Herr Merz unter „Wohlstand“, dass man sich nachts um drei ein Stück Butter bestellen kann und irgendwelche prekär bezahlten Night-Workers währenddessen die Akkus an den E-Rollern tauschen? Könnte man diese vergeudeten Arbeitsstunden nicht sinnvoller einsetzen? Hätte der Pizza-Fahrer nicht schon längst mal zum Busfahrer ausgebildet werden können?

Wie verbringen Menschen ihre Arbeitszeit?

Wenn ich sehe, mit welchem Blödsinn sich so manch Beamte/r, Lehrkraft, Sachbearbeiter/in zeitweise beschäftigen muss, wie da im Öffentlichen Sektor aber auch in der Privatwirtschaft seit Jahren ein Schema „F“ durchgezogen wird und immer mehr Bürokratie oben draufkommt. Ist das produktive Arbeitszeit? Nein, das ist Anwesenheit gegen Geld. Das ist weder effizient noch effektiv. Es ist Verschwendung von Arbeitszeit. Ganz einfach.

Wenn ich sehe, wie Betonwege aufgebrochen werden und dann Straßenbauer tagelang auf Knien robben, um diesen Fußweg nun mit kleinen Steinen zu bepflastern … dann frage ich mich, ob das „Innovations-Land“ keine bessere Möglichkeit finden kann, diese Arbeits“zeit“ und Arbeits“kraft“ einzusetzen. Entsiegelung von Flächen ist wichtig keine Frage, aber so?

Allein das Potenzial, was durch ausbleibende Automatisierung, Digitalisierung und Komplexitätsreduzierung in Regeln, Gesetzen, Vorschriften ungenutzt bleibt, würde doch eher eine 32 Stunden-Woche rechtfertigen oder eben die Vier-Tage-Woche.

Also, Herr Merz, bei mir brauchen sie wegen höherer Arbeitszeit nicht anklopfen.

PS: Titelbild via ChatGPT