624) Die Realitätszeitung

Dass einzelne Themen über die Medien stark aufgeblasen werden, das ist hinlänglich bekannt. Von Bundesministern die eigenhändig Heizungen aus Familienhäusern reißen bis zum Eindruck, dass täglich ein Weihnachtsmarkt angegriffen wird. Auch im Sommer. Blödsinn.

Aber wie stark prägt das unsere Wahrnehmung der Realität? Wie weit klafft die „gefühlte Realität“ aus den Medien von der echten Lebensrealität der Menschen auseinander?

Solch Fragen habe ich gestern mit ChatGPT besprochen. Ich fuhr auf der Autobahn, hatte also etwas Zeit und dank Sprachsteuerung konnte ich mit der KI plaudern.

Wir „beide“ (ach wie süß) überlegten, wie denn wohl eine Zeitung, eine Nachrichtensendung oder eins News-Portal aussehen würde, wenn sie Neuigkeiten entlang der Lebensrealität präsentieren würde und sich die Anzahl der Themen an der Bevölkerungsstruktur anlehnen würde. Als ein gutes Mittelmaß haben wir uns auf 32 Seiten geeinigt, die haben wir als „Chef-Redakteure“ füllen müssten. Wer kein Bock auf Zeitung lesen hat, kann sich ersatzweise ja 30 Minuten Nachrichten-Sendung im TV denken.

Natürlich wird Realität von jedem Menschen anders wahrgenommen – geprägt von Alter, Herkunft, Umfeld und Lebenserfahrung … und auch Geldbeutel, Gesundheit und Päckchen die man so im Alltag tragen hat. Aber hier mal ein Versuch.

DIE REALITÄT – Tageszeitung für Deutschland, 7. April
(Ausgabe mit 32 Seiten – realitätsnah nach Bevölkerungsstruktur & Lebenswirklichkeit)

8 Seiten – Rentner & Senioren (25–27 %)

  1. “Rentnerpaar fährt mit dem 9-Euro-Ticket zum Bodensee – ‘Endlich mal raus!’”
  2. “Apotheken-Service bringt Medikamente jetzt direkt nach Hause”
  3. “Neues Seniorenfitness-Angebot im Stadtpark begeistert”
  4. “Rentnerin feiert 100. Geburtstag: ‘Das Leben war meistens schön’”
  5. “Pflegestufe beantragen – Was Angehörige wissen müssen”
  6. “Der Garten im April: Was jetzt zu tun ist”
  7. “Heimleiterin berichtet: ‘Wir erleben auch viel Dankbarkeit’”
  8. “Schachturnier im Seniorentreff: Ein Bauer wurde Held des Tages”

18 Seiten – Erwerbstätige & Familien (55–58 %)

  1. “Pendlerverkehr fließt trotz Baustelle – viele steigen aufs Rad um”
  2. “Kita-Platzvergabe beginnt – Stadt verspricht mehr Transparenz”
  3. „Waschmaschine kaputt? Reparaturcafés helfen kostenlos weiter“
  4. “Kollegiale Führung setzt sich durch – Büro ohne Chef funktioniert gut”
  5. “Gehälter steigen im öffentlichen Dienst – besonders in der Pflege”
  6. “Elternzeit als Vater: ‘Hätte ich viel früher machen sollen’”
  7. „Fastenmonat Ramadan: Lokale Moschee lädt Nachbarn zum abendlichen Essen ein“
  8. “Verbrauchertipp: Wann lohnt sich ein Wechsel zum regionalen Stromanbieter?”
  9. “Neue Studie: Die meisten Deutschen sind mit ihrer Arbeit zufrieden”
  10. “Ehrenamt in der Feuerwehr: ‘Es gibt nichts Erfüllenderes’”
    (Sonderkasten Feuerwehr: „Einsatz wegen brennender Pfanne – Bewohnerin hatte vergessen, den Herd auszuschalten. Kein größerer Schaden.“)
  11. “Polizei bittet um Rücksicht: ‘Einsatzfahrzeuge werden oft blockiert’”
    (“Sonderkasten Polizei: „Polizei zieht positive Bilanz zum Stadtfest: Keine größeren Zwischenfälle. Ein entlaufener Hund wurde zurückgebracht.“)
  12. “Weltblick: Was sonst noch passiert“
    • “In Portugal sinken die Strompreise – erneuerbare Energien sorgen für Entlastung”
    • “In Japan startet Modellprojekt zur Viertagewoche – erste Unternehmen berichten von besserer Work-Life-Balance”
    • “Nachbarschaftshilfe in Südafrika: Dorf baut gemeinsam neue Schule”
    • “Frankreich: Mehr Züge als Flüge – Inlandsreisen verlagern sich”
    • “UN-Studie: Bildung weltweit verbessert – doch Unterschiede bleiben groß”
  13. “Stadt stellt Konzept für fahrradfreundliche Schulwege vor”
  14. “Nachbarschafts-App bringt Menschen zusammen”
    (Sonderkasten Migration:
    „Drei Geflüchtete aus Syrien starten Ausbildung im städtischen Bauhof – ‘Endlich wieder ein geregelter Alltag’“)
  15. „Wochenmarkt zieht mehr Besucher – lokale Produkte gefragt“
  16. “Arbeitsagentur meldet stabile Zahlen – leichte Zunahme bei Teilzeit”
  17. “Online-Sprechstunde beim Hausarzt jetzt auch abends möglich”
  18. “Freitag ist Veggietag in vielen Kantinen – positive Resonanz”

6 Seiten – Kinder, Jugendliche & Schule (16–18 %)

  1. “Schüler pflanzen Bäume für den Klimaschutz”
  2. “Schulprojekt gegen Mobbing zeigt Wirkung – ‘Wir reden jetzt mehr miteinander’”
  3. “Erfolgreiche Mathe-Olympiade: Drei Schüler aus Bayern im Finale”
  4. “Jugend musiziert: Violine trifft Beatboxing”
  5. “Digital Detox: Was Jugendliche selbst über ihre Handynutzung sagen”
  6. “Bäckerei sucht Azubi: ‘Wir brauchen wieder Leute mit Lust auf Handwerk’”

Und? Das liest sich doch schon ganz anders, oder?

Aber vermutlich will das keiner lesen … 😉

PS: Kursiv formatierte Teile von ChatGPT

604) Top-Thema Migration ?

Am 06.02.25 trafen Politiker von AfD, BSW, CSU, FDP, Grüne und Linke zum sogenannten „Schlagabtausch“ im ZDF aufeinander. Ich nehme mal an, damit soll den „kleineren“ Parteien die Möglichkeit gegeben werden, ihr Wahlprogramm zu vertreten, während heute Abend die beiden „großen“ CDU und SPD ihre Kanzlerkandidaten ins TV-Duell schicken. Die Worte „groß“ und „klein“ kratzen mir allerdings etwas im Abgang, wenn man sich die aktuellen Umfragen anschaut und damit leider auch die stabile Position 2 für die AfD.

Dass die CSU mit Alexander Dobrindt (Ex-Bundesminister für Verkehr und Digitale Infrastruktur) dabei sein durfte, obwohl sie eigentlich im heutigen TV-Duell über die Union repräsentiert wird, bescherte mir Fragezeichen, aber sei’s drum … man hatte damit immerhin mal einen Mitverantwortlichen für marode Brücken und weiße Flecken auf der Mobilnetz-Landkarte in der Sendung … aber diesen Ball leider nicht gespielt.

Dass das Publikum überdurchschnittlich jung war und bei Statements der Linken und Grünen besonders applaudiert hat, fiel schnell auf. Laut ZDF wurden die Gäste aber nicht gecasted, sondern man habe im Vorfeld der Sendung verschiedene Berliner Institutionen kontaktiert, um die Anreise zu vereinfachen und die Plätze zu füllen. „… unter anderem das J.F.K.-Institut für Nordamerikastudien, Politik- und Kommunikationswissenschaften der Freien Universität, die Hertie School of Governance, die Humboldt-Universität, der Tönissteiner Kreis und die Familienunternehmen e. V.“ (Quelle: zdf.de) Nun, das hätte man auch etwas ausgewogener hinkriegen können. In Berlin gibt es durchaus Berufs-, Polizei- und Fahrschulen, Kasernen und Fußballvereine … das Klatschverhalten wäre sicher anders gewesen.

Aber das sind alles Nebensächlichkeiten. Was mich echt gestört war, dass von 90 Minuten Sendezeit satte 45 Minuten auf das Thema Migration verwendet wurden. 50%! Als gäbe es nicht genügend andere Baustellen, die Aufmerksamkeit verdienen würden. Und es erweckt den Eindruck, dass die Deutschen die Hälfte ihrer Freizeit an nichts anderes denken würden. Und das glaube ich nicht! Ja, das Thema Migration ist nicht einfach, es (über)fordert Finanzen, Sicherheit, Bildung und Wohnwesen, aber es dominiert doch nicht den Alltag! Meinen zumindest nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich im Kuschel-Bezirk Prenzlauer Berg lebe, der eher für Latte Macchiato und Lastenräder bekannt ist, als für Flüchtlingsheime, mag sein. Aber auch Menschen, die in anderen Stadt-Bezirken wohnen, haben doch vermutlich auch andere Sorgen, die nichts mit den drei Millionen Flüchtlingen zu tun haben.

Wenn ein Zuzug von 3 Mio Menschen unser Land angeblich an den Rand eines „Notstands“ bringt, dann liegt doch die Ursache nicht bei den 3 Mio Gästen, sondern an systemischen Problemen. Es zeigt leider sehr deutlich, dass Deutschland  nicht resilient genug ist, nicht so „erfinderisch“, „zackig“, „pünktlich“, „weltmeisterlich“ wie es sich gern selber darstellt, sondern ziemlich … durchschnittlich.

Wirkt auf mich wie ein Schüler, der gepennt hat, nun droht den Anschluss zu verlieren und ganz unzufrieden mit sich selbst nun die Schuld bei all „den anderen“ sucht, obwohl er insgeheim weiß, dass er mal dringend zur Nachhilfe gehen müsste.

Ja, tut weh, ist aber so.

602) Das wird man doch wohl noch schweigen dürfen!

Nach >9) Akteneinsicht 1990: Umbruch hatte ich einen netten Kommentarwechsel mit Belana Hermine, aus dem nun der folgende Beitrag entstanden ist.

Irgendwann im Leben kapiert man, dass man eine Meinung haben kann … und damit ist man dann erst einmal überfordert. So war ich es beispielsweise Anfang der 90-er Jahre. Junge Leute werden das heute aber auch noch bestätigen, vielleicht noch intensiver, weil es so viele Informationen gibt.

Aber wenn man sich dank unzähliger Quellen eine eigene Meinung bilden und sie sogar noch offen aussprechen kann, ist das eine großartige Errungenschaft, die es zu verteidigen gilt!

Nur heißt „Meinungsfreiheit“ denn automatisch auch, dass man zu allem eine Meinung haben muss?

Nein, heißt es nicht. Es heißt ja schließlich Meinungsfreiheit und nicht Meinungspflicht. Ich denke, man muss nicht zu allem eine Meinung haben. Ich will spätabends in der Kneipe keinen Standpunkt im Nah-Ost-Konflikt herleiten müssen, nicht mal am Tage. Ich muss auch nicht in Außenwirtschaft und Ein/Ausfuhrbeschränkungen abtauchen, damit ich die Zoll-Drohungen des orangen Mannes in Florida diskutieren kann. Es muss auch okay sein, bei heißen Themen wie z.B. Gentechnik, Tierversuche, Energiewende, E-Mobilität, Staatsfinanzen, Ukraine, Kryptowährung (noch) keine Meinung gebildet zu haben.

Und selbst wenn man dann eine Meinung entwickelt hat (herzlichen Glückwunsch), dann heißt das noch lange nicht, dass man sie überall herumposaunen muss.

Es täte uns manchmal gut, wenn Hinz und Kunz, und auch Alice und Elon, nicht jederzeit, zu jedem Thema ihre Meinung kundtun würden. Wo führt das sonst hin? Zu riesigen Meinungs-Datenbanken auf gigantischen Meinungs-Servern? Und was ist danach dann anders … geschweige besser? Nichts. Irgendwann gehen sich alle an die Gurgel.

Es gibt die Redensart „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“. Ja. Darf man ja auch. Aber doch nicht so einen Blödsinn.

Das muss man dann aber auch mal schweigen dürfen.

Und ja natürlich gehört die AfD in die Spree … logisch

560) Was machen, wenn kein Fußball mehr ist?

„Was machen, wenn kein Fußball mehr kommt?“, so ähnlich schwebten wohl viele  Fragezeichen in deutschen Wohnzimmern nach dem EM-Finale.

Also was tun?

  • Also zunächst sind ja erst einmal noch die Olympischen Sommerspiele.
  • Und wenn da nix kommt, dann schalten wir live in den nahen Osten. Da ist immer was los.
  • Und wenn da gerade Trinkpause ist, zappen wir in die Ukraine und schauen mal auf die Verlängerung.
  • Wenn dort alle Zeitlupen gesehen sind, brennen sicher Feuer in Kanada oder Kalifornien.
  • Sollte da Flaute sein, säuft bestimmt gerade ein Dorf in Europa oder eine Insel in Asien ab.
  • Nach Sendeschluss können wir zusehen, wie sich zwei alte weiße Männer in den Staaten an die Gurgel gehen.
  • Und wenn die endlich umgekippt sind, dann gibt’s immer noch ein Sommer-Interview mit Rechtsextremen oder die besten 30 Sommerhits der letzten Jahre.

Oder wir fahren in den Urlaub … und schalten mal ab.

554) Ein Dutzend Jahre

Neulich habe ich mal den Schuppen an der Villa aufgeräumt. An der Stelle wo Grillanzünder, Kohlenzange und die Schürze mit integriertem Flaschenöffner liegen, fand ich auch eine vergilbte Zeitung, die gegebenenfalls als Anmachhilfe dienen sollte. Der Stapel Papier entpuppte sich als Bild am Sonntag vom 27.05.2012. Wie kommt die denn hierher? Und warum liegt die noch da? Also wenn wir sie 12 Jahre nicht benötigt haben, dann kann die auch in den Müll. Aber bevor ich das „Döpfner-Papier“ seiner Bestimmung zuführen konnte, musste ich da noch mal schnell reinschauen.

Und siehe da, so viel hat sich in 12 Jahren eigentlich nicht geändert. Schon traurig.

Eine Fußball-EM beschäftigt das Land, altbekannte Gesichter, nur jünger.

So manch Überschrift kratzt heute etwas im Abgang.

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Sogar von einer Auferstehung Schumi‘s war damals die Rede, noch vor seinem schlimmen Umfall. Armer Kerl.

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Andere Themen gab es einfach noch nicht in dem Maße wie sie heute besprochen werden. Die equadorianische Botschaft in London hatte noch eine Gästewohnung frei, keine laute Klima-Debatten, keine E-Mobilität im großen Stil, keine Wärmepumpe, kein Heizungs-Hammer, keine Migration, kein Ukraine-Krieg, keine AfD, kein TikTok, kein Covid-19, keine Spaltung der Gesellschaft. Man könnte meinen, alles war so friedlich … so friede-freude-eierkuchig … war es aber auch nicht.

Und vielleicht ist auch gut, dass wir die Dinge nun breiter diskutieren, auch wenn es manchmal anstrengend ist.

544) Haushaltslöcher stopfen mit den Bayern

Heute spielte mir die Tagesschau eine 15-sekündige Flanke vor das Tor, ich muss jetzt eigentlich nur noch den Fuß hinhalten und das Ding reinhauen. Danke. Ich freue mich, wenn sich Nachrichten-Profis beim Schreiben meiner Blog-Beiträge beteiligen. 

Nach dem Wetter, zum Ende der Sendung, hieß es da:

Zitat: „Um 22:15 Uhr berichten die Tagesthemen mit Jessy Wellmer über den neuen ARD-DeutschlandTrend, mit der Frage, welche Sparvorschläge die Bürger für das Haushaltsloch machen.

Und es geht um die immer schwieriger werdende Trainersuche beim FC Bayern.“

Also wenn mich jemand als Bürger fragen würde … ich hätte da ja jetzt eine Idee 😉

482) Klick, rumms und das Haus ist weg

Ich schaue nur wenig Nachrichten dieser Tage. Ich bin nicht verdrossen oder verschließe die Augen, nein, nein. Es ist nur schwer anzusehen und das reicht dann auch einmal am Tag, besser nach dem Essen. Gräueltaten die Menschen an anderen Menschen vollbringen und sich in dem Moment so nahe sind, dass sie sich in die Augen schauen können. Oder das Töten aus der fernen Distanz. Man sieht ein Haus von oben, in Grautönen, ohne Ton, jemand drückt irgendwo einen Knopf und wumms ist das Gebäude samt Mobiliar, Haustechnik und menschlichen Körperteilen in Rauch aufgelöst. Eine graue Wolke verzieht sich und dann ist da nur noch ein Loch  im Straßenviertel. Wirkt recht chirurgisch. Und auch nicht so laut. In einem Kommentarwechsel unter Reiners Beitrag >Zeit, sich umzustellen haben wir diskutiert wie selbstverständlich solche Bilder schon geworden sind.
  • „Früher“ als ich mich langsam zum Nachrichten-Konsument entwickelte, gab es eher mündliche Berichte. „In der vergangenen Nacht ist an der Grenze von X und Y zu heftigen Kämpfen zwischen A und B gekommen. Das Verteidigungsministerium von A spricht von 650 Toten, B dementiert dies bislang“. Maximal gab‘s noch ein Bild dazu, fertig. Details blieben eher verborgen.
  • Zu Beginn des zweiten Golfkriegs Anfang der 90-er konnte man schon auf der Couch sitzen und in der Chips-Tüte rascheln, während Nachrichtensprecher von den ersten Raketeneinschläge berichteten. Live und in Farbe, aber immer noch mit viel Abstand. In den Mund gelegt: „Und hier sehen wir noch mal ein schönes Exemplar wie es in den Himmel steigt, es fliegt und fliegt, was für ein Schweif … oahhh … schööööön … und Treffer! Noch eine bitte. Papa haben wir noch mehr davon?“
  • Im Irak-Krieg zum Anfang der Nuller Jahre kam der Begriff „Embedded Journalism“ in mein Nachrichten-Leben. Journalisten liefen mit Soldaten mit und kommentierten das aktuelle Geschehen vor Ort, eingebettet in die Kampfhandlungen. Die Kamera war oft verwackelt, Audio-Kommentare nicht immer zu verstehen und das Risiko für die Presse-Leute nicht gerade klein, erwischt zu werden.
  • Tja und nun gibt‘s Luftaufnahmen von oben. Ein Haus, ein Dachgarten. Man sieht nicht was die Menschen in dem Haus tun. Ob sie auf dem Klo sitzen, an den Füßen pulen oder Essen kochen. Oder fiese terroristische Pläne aushecken, die Lage besprechen und die nächsten Angriffe planen. Wir Zuschauer wissen es nicht. Dann macht irgendwer irgendwo Klick, rumms und das Haus ist weg.
  • Ich frage mich was wohl als Nächstes kommt? Kamera-Drohnen die vorher in die Häuser fliegen und auch mal die Perspektive von Innen zeigen? Vielleicht könnte man die Playstation-Controller der Kids auch noch irgendwie mit einbinden? Und Werbung. Werbung fehlt auch noch. „Dieser Abschuss wurde ihnen präsentiert von Petersthaler. Ein Bier so herrlich prickelnd und explosiv.“ oder „Der nächste Treffer erfolgt mit freundlicher Unterstützung von Nut-Cracker, denn wir knacken jede Nuss.“ Und  nun kommen die Disclaimer:
    • PS1: nein ich schreibe jetzt keinen Disclaimer, dass ich ich mich nicht lustig machen will. Das ist ja wohl logisch.
    • PS2: es gibt einen guten Film mit Ethan Hawkes, nennt sich Good Kill, aus dem Jahre 2014. Zehn Jahre alt nur.
    • PS3: das Titelbild ist keine Bildaufnahme von einem solchen Angriff, stattdessen habe ich heute mein Handy aus dem Auto gehalten und die Wolken über der A13 fotografiert und das dann stümperhaft verändert. So … alles gesagt?

444) Lass sie kleben

Sitzen ist das neue Rauchen, sagt man. Kleben ist das neue Impfen, glaubt man. Es gibt kaum ein Thema, was die Deutschen so sehr aufzuregen und zu polarisieren scheint.

Menschen, die sich für konsequenten Klimaschutz auf der Kreuzung festkleben und damit Autofahrer an den Rand des Wahnsinns treiben. Juhu, ich habe es schon geschafft. Des Lesers Puls hat sich bereits verändert. Wetten?

Und was können wir uns da herrlich aufregen:

  • Auf einmal scheint der Großteil der Berliner neuerdings Klempner zu sein oder dringende Arzneimittel zu transportieren.
  • Und alle Nicht-Berliner sind plötzlich zu Berlinern geworden und dreschen auf die Klebe-Geister ein. Weil das ja „dem eigentlich doch positivem Ansinnen schadet“. Die völlig falsche Protestform … na wenn das mal nicht nach hinten losgeht.
  • Und die Gemälde. Auh weija. Ja da ist eine rote Linie übertreten. Wir lieben ja unsere Gemälde. Jeder kennt eines. Schade um die schönen Gemälde, die haben ja mit Klimaschutz überhaupt nichts zu tun. 
  • Und das Grundgesetz erst. Das stand da immer so schön getafelt an der Spree. Und nun wurde es schon mehrfach beschmutzt. Unser schönes Grundgesetz, das uns sonst ja so heilig ist. Jeder Deutsche kann nachts geweckt werden, die Abseitsregel erklären und das Grundgesetz aufsagen. Ja genau.
  • Und der Moderator, des von mir eigentlich sehr geschätzten Radiosenders, der seit mehreren Tagen über nichts anderes mehr reden mag, weil er selber ständig im Stau steht. Schlimm, so schlimm.
  • Und der 80-jährige Opa, der vom Flughafen BER drei Stunden in den Berliner Norden gebraucht hat und weder eine Flasche Wasser und noch eine mobile Toilette dabei hatte. Das geht an die Menschenrechte. Das ist ja schon kriminell. Dagegen muss man vorgehen.
  • Und die Abgase, die dabei entstehen. Allein schon dadurch werden doch Staus gefördert. Furchtbar. Drei Stunden Klimaanlage im Dauerbetrieb, das Auto-Radio läuft und das Handy muss man ja auch mal laden. Das verhagelt uns ja nun völlig die Klima-Bilanz. Das macht ja alle Anstrengungen zunichte.
  • Und all die Rettungswagen im Besonderen, die ja früher quasi durch die Stadt flogen und nun ständig feststecken. Die armen Menschen, die da tagtäglich im RTW verrecken. Stell dir das mal vor. Dramatisch.
  • Und überhaupt, die normalen Bürger, das sind doch die völlig falschen Adressaten. Das sollte man doch lieber die Regierung … oder die Industrie … oder die … Bonzen und die alle blockieren … das sind doch die … die Schuld sind. 
  • Und dieser schnöselige Tasten-Clown hier, der hat ja gut reden! Der sitzt ja den ganzen Tag in seinem Yuppie-Homeoffice. Der muss ja nicht jeden Tag mit dem Auto zu Arbeit fahren.

Stoooooopp! Ich habe die Schnauze voll, ich kann es nicht mehr hören. Diese Jammerlappen hier. Wie will man Veränderungen voranbringen … wenn viele Menschen zwar gern Bundestrainer … ansonsten aber … Weicheier … sind. Sorry. Tut mir Leid.

Gut tausend Kilometer von hier, da kleben Kinder auf der Straße. Tote Kinder oder was von ihnen übrig ist. Knochen, Gedärm, Hirn, eine Niere garniert mit Zahnspange und Teddy-Bär-Gemüse. Eine zähe Masse. Und das klebt vielleicht das Zeug. Kriegt man kaum wieder ab von der Straße. Hilft auch kein Sonnenblumen-Öl.

Wisst Ihr, was mich mal interessieren würde? Welches inhaltliche Ziel eigentlich eine Bewegung verfolgen müsste, damit der Großteil der Heulsusen hierzulande mit den unbequemen Sitzblockaden fein wäre. Bratwurst für alle? Freibier? Fußballweltmeister?

Schönen Sonntag
T.

412) 99 Luftballons … schon wieder?

Kaum war am 25.01.2023 die Lieferung von 14 Deutschen Panzern zugesagt, da war mal einen Moment Ruhe in der Raubtierabteilung des Medien-Zoo‘s. Die Puma‘s, Leoparden und Füchse hatten kurz Sendepause. Aber die hielt nicht lange an. Denn ein oder zwei morgendliche Zahnbürsten später, wurden im Radio bereits die nächsten Informations-Haubitzen in den Äther geschoben.

Welches Land denn wohl bereit wäre, Kampfflieger zu schicken, welche nicht und welche das zumindest mal „nicht kathegorisch ausschließen“. 

Hah! Dies mal bin ich ganz vorn dabei. Von Tag 1 der öffentlichen Diskussion. Ich bin ein Early Adopter, ein Front Runner, ein Pionier sozusagen. Diesmal renne ich der Entwicklung nicht hinterher und schaue doof zu, diesmal werde ich mich vorab informieren und „Schritt halten“. 

Kompanieeeeee. Vorwärts!

  • Ich gucke mal im Spielzeughandel ob ich da nicht solche Quartettkarten mit Kampfjets finde. Dann kann ich die mit dem Stammhalter spielen und wissen wir bestens Bescheid übers fliegende Gerät. Flügelspannweite? Geschwindigkeit? Gewicht? Fähigkeiten? Waffensysteme? Hah, das wird ein Spaß.
  • Wir bestellen ein Modell eines schicken Tarnkappen-Bombers, den basteln wir zusammen, während wir den Soundtrack von Top Gun hören und Pop Corn knabbern.
    „Highway to the Danger Zone
    Ride into the Danger Zone“
  • Ach toll, da baut sich das Kriegsgerät gleich viel beschwingter auf, man bekommt gar gute Laune bei der Aufrüstung des Kinderzimmers. Eine Miniatur-Mig könnten wir eigentlich auch noch bestellen, aber bloß kein neues Modell, denn da verdient der Putin bestimmt an Lizenzen mit. Besser wir organisieren etwas „second hand“ über einen Dritthändler.
  • Am Abend verkleiden wir uns und ziehen uns dann noch beide Top Gun-Filme rein, um zu bestaunen wie wendig die Flieger im Himmel doch sind. Und Tom Cruise und Kelly McGillis unter der Bettdecke noch waren. „Take my breath away.“ Großartig.
  • Und dann schwelge ich in Erinnerungen, mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich nur daran denke, wie romantisch es doch als Kind war, auf einer Tribüne zu sitzen und hinter sich einen Senkrechtstarter in die Luft gehen zu hören. Oder wie sie uns am Tag der offenen Tür in ihre Panzer krabbeln lassen haben. „Wollt’ da mal anfassen?“.Und selbst heute noch, wenn man über die Mecklenburger Seen paddelt und plötzlich ein Eurofighter im Tiefflug über die Köpfe donnert und der Gegend dort endlich einen Sinn gibt.

Ach und jetzt bin ich gerade so in Schreiblaune, ich versuche mich mal einem Drehbuch für Top Gun 3. In der Deutschen Fassung. Elyas M`Barek spielt den „Maverick“, Karoline Herfurth wird die Ausbilderin „Charlie“ übernehmen. Den neuen Verteidigungsminister übernimmt Heino Ferch … der muss dafür nicht mal in die Maske. Für den Bundeskanzler dachte ich kurz an den Lauterbach … also den Heiner … aber der scheint mir für die Rolle zu draufgängerisch. Mal sehen wer den Job übernehmen will.

Aber eins ist schon klar. Ich übernehme Nick „Goose“ Bradshaw. 

Top!

411) Im Kontext

Gestern erreichten mich über den ganzen Tag einzelne Nachrichten und Info-Fetzen, da hätte man schnell denken können, alles hängt zusammen und jemand dreht aber mächtig an den Knöpfen des Weltgeschehens, wie an einem Mischpult sozusagen.

Aber seht selbst:

  • Bangalore hat Fieber und Rückenschmerzen
  • Keine Flüge vom Berliner Flughafen
  • Weltweite Störung bei Microsoft
  • Attacke in Schleswig Holstein
  • Deutsche Panzer an die Ukraine
  • Kein Strom in Florida
  • Thüringen ohne Heizung und Warmwasser

Bevor sich Herzinfarkt, Massenpanik und Verschwörungstheorie entwickeln, sollte man aber im Kontext lesen und auch die Worte davor und danach mitnehmen …

Und dann liest sich das schon anders:

  • Mein Kollege in Bangalore hat Fieber und Rückenschmerzen, er meldet sich krank
  • Warnstreik bei Verdi am 25.01.23, Keine Flüge vom Berliner Flughafen
  • Weltweite Störung bei Microsofts Online Diensten Teams gegen Mittag behoben
  • Messer-Attacke in Schleswig Holstein-er Regionalexpress
  • 14 zugesagte Deutsche Panzer an die Ukraine frühestens Ende März
  • Nach Wintersturm teilweise Kein Strom in Florida
  • Ein Hotel in Thüringen ohne Heizung und Warmwasser

Jede Nachricht für sich natürlich nervig, unangenehm, enttäuschend, sogar tragisch und traurig, aber eben ohne Zusammenhang.