781) Lieferroboter gründen Betriebsrat

In Tallinn und Helsinki habe ich sie gesehen: diese rollenden Kisten, die autonom durch die Stadt fahren. Nein, es sind keine Mondroboter auf der Suche nach Gesteinsproben. Es sind Lieferroboter, die „nur“ Essen ausfahren. Also im Grunde das, was sonst indische oder pakistanische Pizza-Fahrer erledigen. Mit dem Unterschied, dass die Roboter sich an die Straßenverkehrsordnung halten und während der Fahrt nicht lauthals telefonieren.

Die Fahrer in ihren dicken Jacken und Handschuhen müssen sich womöglich bald Sorgen um ihren Job machen. So schnell kann es gehen. Erst hat die Plattformökonomie das klassische Restaurantgeschäft umgekrempelt, nun folgt bereits die nächste Stufe.

Erstaunlich ist, wie zielstrebig und flott diese Kisten unterwegs sind. Tallinn und Helsinki sind schließlich keine beschaulichen Dörfer. Die Roboter müssen Verkehrsinseln, Kreisverkehre und Zebrastreifen meistern, dazu kommt in beiden Städten auch noch Straßenbahnverkehr. Trotzdem scheint das erstaunlich gut zu funktionieren.

Und wenn sie Pizza liefern können, warum nicht auch Medikamente? Kleine Amazon-Sendungen? Oder gleich die Pfandflaschen mitnehmen? Vielleicht bringen sie irgendwann sogar das Neugeborene in die Kinderkrippe, damit Mutti ihren Beitrag zum dringend benötigten BIP-Wachstum leisten kann.

Heute Morgen in Helsinki entdeckten wir gleich zwei Exemplare dicht beieinander am Rand eines Spielplatzes.

Was machen die da?

Sofort sprang die Fantasie an.

Verticken die da etwas Drogen?

Haben die sich verirrt?

Lästern sie über den Chef?

Oder über die Kollegen?

Müde? Burnout? Akku alle?

Mittagsschlaf, Power-Nap?

Machen sie gemeinsam Pause?

Gründen sie etwa einen Betriebsrat?

Sind sie ineinander … verkabelt … ihr wisst schon?

Oder läuft das inzwischen alles über Bluetooth?

Sonderbar.

Und warum scheint das hier zu funktionieren? Vermutlich weil hier alle etwas chilliger und nicht mit Ellbogen unterwegs sind. Lieferroboter haben schließlich keine Ellenbogen. Und weil hier die E-Roller nicht kreuz und quer im Feld stehen sondern an markierten Stellen auf der Straße. Und weil hier nicht monatelang der Fußweg aufgerissen ist. Und weil man hier Bock auf Innovationen hat und nicht Bock auf Gründe dagegen.

146) Postkarte aus Estland (Tartu, Peipsiveere, Kõrvemaa, Tallinn)

Bevor es morgen schon wieder über die nächste Grenze geht, will ich doch schnell eine Postkarte aus Estland in den digitalen Briefkasten werfen.

Sie beginnt mit der zweitgrößten Stadt des Landes namens Tartu. Nettes Städtchen, wenngleich ich zugeben, muss dass mich soviel Stadt auf einmal doch etwas gefordert hat.

Am Folgetag ging es weiter östlich, so weit es technisch und politisch für mich geht. Am späten Vormittag stand ich dann vor dem Peipus-See und es ging definitiv nicht weiter. Ein „See“, der schon fast wie ein kleines Meer wirkt. Sechsmal größer als der Bodensee behauptet die schlaue KI, die auch an dem Ende der Welt über flottes 5G erreichbar ist.

Diesem großen Stück Wasser folgte ich dann in Richtung Norden und zog dann wieder nach Westen in Richtung Tallinn ab.

Zwischenstopp in Kõrvemaa. Da gibt es eine riesige Moor-Landschaft. And even more of that … ha ha …(zu lange allein Auto gefahren). Eine junge Familie war ungefähr zeitgleich mit mir da, ansonsten niemand. Ich hätte jeden Moment Schildkröte Morla erwartet, aber die hatte wohl besseres zu tun.


Dann ging es weiter zum Flughafen Tallinn, um meinen Reisebegleiter für die nächsten vier Tage einzuladen.

In Tallinn angekommen, hatte ich noch keine Lust auf wuseliges Altstadt-Treiben, also blieb noch Zeit für Kunst, Kultur und Kreativität.

In den Stadtvierteln Kalamaja und am Hafen Noblessner haben sie alte Hafen-und Wehranlagen für alternative Nutzung freigeben. Sehr charmant. Es erinnert an die 90er Jahre in Berlin, wo ich auf solch Geländen neue Dinge entwickeln. Cafés, Restaurants, Ausstellungen, eine Sauna-Dorf und aber eben auch neuer Wohnraum. Gut gelöst. Side kick Berlin Tempelhofer Feld.

Ähnliches Bild im Viertel Telliskivi, aber eben noch charmanter. Ein ehemaliges Bahngelände wurde komplett neu gedacht. Es erinnert ans Berliner Tacheles oder RAW Gelände nur halt irgendwie … besser, weil die Infrastruktur dort nicht einfach abgenutzt sondern neu gestaltet und nach vorn gedacht wurde.

Unweit des Hafens steht ein gigantischer Beton-Komplex, ähnelt einem Bunker, sind aber die Überreste einer Mehrzweck-Arena Linnahall, die anlässlich der Olympischen Spiele 1980 in Moskau hier errichtet wurde.

Und nun zur Altstadt. Und wat soll ick‘ sagen. Is‘ schön. Sowohl oben auf dem Hügel … als auch unten. Schön, dass es noch viel Subtanz gibt.

Neben o.g. Kalamaja und Telliskivi gibts noch das Rotermans-Virtel. Auch hier wurden alte Werksgebäude sehr gekonnt mit neuer Architektur zusammengebracht und es passt alles bestens zusammen und nichts verliert dabei.

So, dass soll jetzt mal reichen, ihr sollt auch noch genug Grund haben herzukommen.

Na, der hier vielleicht noch.

Na gut, noch einer, aber dann ist wirklich Schluss.

Und wenn ihr euch fragt, was ich hier mache … eat this

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