797) Räume zwischen schwarz und weiß

Wenn man mich fragt, laufen viele Diskussionen über Reformen und Veränderungen zu sehr in Schwarz und Weiß. Das ist verständlich. Klare Positionen geben Orientierung und machen Entscheidungen scheinbar einfach. Man weiß, woran man ist. Gleichzeitig führen sie aber oft sofort zur Polarisierung und schrecken Menschen ab. Im Zweifel reicht schon ein einziges Thema, um eine Geburtstagsparty zu sprengen.

Schauen wir uns nur ein paar Diskussionen unserer Zeit an: autofreie Innenstädte, Fleisch oder vegan, Tempolimit ja oder nein, Flugzeug oder Bahn, Social Media erst ab 16. Fast jede Debatte beginnt mit einer Entscheidung zwischen zwei Extremen. Und wenn nicht alle, dann gar keiner. Und wenn sich etwas nicht zu 100 Prozent kontrollieren lässt, dann erst recht nicht. Dazwischen scheint kaum Platz zu sein.

Zwischen Schwarz und Weiß liegt jedoch so viel Raum, über den viel zu selten gesprochen wird. Dummerweise heißt er „grau“ und hat kein besonders gutes Image. Er klingt nach Unklarheit, nach halben Sachen oder sogar nach etwas, das sich am Rand der Legalität bewegt.

Dabei wünsche ich mir für den Raum zwischen den Extremen mehr Aufmerksamkeit. Wir können ihn von mir aus auch „bunt“ anmalen. Denn genau dort entsteht Veränderung.

Wer Menschen dazu bringen will, ihr Verhalten zu ändern, muss ihnen einen Weg anbieten, den sie auch gehen können. Niemand legt von heute auf morgen seine Gewohnheiten komplett ab. Aber viele sind bereit, einen ersten Schritt zu machen, wenn sie dabei nicht das Gefühl haben, ihre gesamte Lebensweise infrage stellen zu müssen.

Warum testen wir eine Steuerreform nicht zunächst in einer Kommune? Warum probieren wir neue Verkehrskonzepte nicht zunächst in einer einzelnen Region aus? Warum sammeln wir nicht Erfahrungen mit neuen Schulmodellen? Auf diesem Weg werden die Effekte gemessen, anschließend kommuniziert und, wenn sie überzeugen, kann man den nächsten Schritt gehen. Oder eben nicht. Auch das wäre vollkommen in Ordnung.

Stattdessen wird jahrelang über gigantische Reformen diskutiert. Da bekommt jeder Amtsinhaber kalte Füße, weil er befürchten muss, damit seine Karriere und sein politisches Vermächtnis aufs Spiel zu setzen.

Ich nenne diesen Ansatz inkrementelle Transformation. Keine Ahnung, ob es den Begriff schon gibt. Für mich beschreibt er ziemlich genau, was ich meine.

Ich meine, Dinge im Kleinen auszuprobieren und, wenn sie funktionieren, zu skalieren, statt sie vorschnell ideologisch niederzumachen. Aus einem Versuch wird Erfahrung. Aus Erfahrung entsteht Vertrauen. Und aus Vertrauen kann am Ende eine Veränderung werden, die viel mehr Menschen mittragen.

Wir brauchen weniger Schwarz und Weiß. Und mehr Räume dazwischen.

PS: Titelbild via KI, meine Güte, was für ein Krampf, dem zu verklickern was ich haben will. Alles muss man selber machen … 😉


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