74) Berliner Digitalverhalt

Alle zwei Jahre muss ich mir einen neuen Anwohner-Parkausweis besorgen. Ihr ahnt es bestimmt schon, es ist mal wieder soweit. Ein nerviger Verwaltungsakt, aber auch eine beliebte Gelegenheit, um zu schauen, welche Fortschritte es in der digitalen Verwaltung gibt.

Da ich ab Oktober keinen Strafzettel riskieren wollte, begann ich bereits sehr früh mit dem Zusammenstellen der Unterlagen. Fahrzeugschein, Kopie Personalausweis, Antrag in PDF-Form, manuell unterschrieben und wieder eingescannt. Und da lief ich schon auf das erste Problem, mein Personalausweis war abgelaufen, >siehe Beitrag hier. Ich also ganz schlau, fülle den Antrag so aus, dass er von der hiesigen Ministerin für „Familie, Inneres und Kultur“ erfolgt, schließlich wohnt sie ja hier und fährt auch mit dem Auto. Gesagt, getan, per e-mail verschickt.

Die E-Mail kam nach einer Woche zurück, die Bearbeiterin schrieb, es wäre doch „einfacher“, wenn wirklich der Fahrzeughalter … wegen Namensgleichheit … sonst… Überlassungserklärung … nachreichen … nerv.

Da ich ja nun wieder einen gültigen Ausweis habe, machte ich mich heute Morgen auf die Suche nach dem PDF Formular im Netz und stieß auf den Hinweis, dass es dafür ja auch ein „Online Verfahren“ gibt. Ach ja stimmt, habe ich ja vor zwei Jahren schon mal gemacht. >Beitrag hier. Hätte die Bearbeiterin ja auch mal drauf hinweisen können.

Also stürzte ich mich voller Begeisterung ins „Online-Verfahren“ und stellte schnell fest, dass die Usability immer noch genau so grottig ist. Irgendwie verfahren. Ein Screen-Design wie Mitte der 90-er Jahre, eigenartige Fehlermeldungen, gewisse Buttons, die ich klicken sollte, die es aber gar nicht gab. Meine Adresse wurde als „nicht existent“ abgewiesen, aber als ich dieselbe Adresse aus einer Liste auswählte, wurde sie bestätigt. Und komischerweise, die Kopie meines Ausweises, wollte keiner mehr haben. Na, immerhin, musste ich nichts mehr drucken und konnte mit Kreditkarte zahlen.

Man o man, immer dieser Heckmeck. Warum kann ich diesen blöden Anwohnerausweis nicht einfach abonnieren? Von mir aus auch auf mein Risiko, dass sich Preise ändern oder ich mal umziehen werde. Was soll dieser Blödsinn?? 

Mit welchen Nebensächlichkeiten sich Bürger und Ämter hier beschäftigen müssen, meine Güte. Hätten wir nicht eigentlich dickere Bretter zu bohren?

Ich erfinde mal einen Witz:
Geht eine Hauptstadt zum Arzt
„Wie geht‘s Ihnen denn?“, fragt der Doktor.
„Na geht so, ich kann nicht … mehr richtig … sie wissen schon … digitalisieren“, stammelt sie peinlich berührt“
„Ach, da sind sie nicht alleine. Das nennt man akuter „Digitalverhalt“. Alles nur eine Frage des Willens. Probieren sie weiter und dann stellen Sie sich in zwei Jahren wieder vor, ok?“

„Gut, ja, ich gebe mir Mühe“ sagt die Stadt und verlässt erleichtert die Praxis.

PS: nun sollte ich zum Schluss vielleicht noch den eigenartigen Titel erklären. Ich habe ja auch jüngere Leser/Innen oder Leser aus dem Ausland. Ein „Verhalt“ ist ein veraltetes Wort für einen Zustand, bei dem man etwas nicht mehr vorwärts bekommt. Etwas klemmt oder stockt. Beispiele aus der Medizin: 

„Harnverhalt“ oder „Stuhlverhalt“. Sicher kein Vergnügen, aber herrlich dicht an den Wörtern „Verwaltung“ und an „veraltet“.

201) Aus der digitalen Mottenkiste – Teil 3

Ding Dong. Bitte alle einsteigen, wir reisen noch einmal zurück ins letzte Jahrtausend. Es muss 1996 oder 1997 gewesen sein, da entdeckte ich ein Icon auf meinem Arbeitsrechner, dass nannte sich Netscape Navigator*.

Nach einem Doppelklick öffneten sich mehrere Seiten Text und Bilder, die Produkte und Filialen meines Brötchengebers beschrieben. Da dämmerte es mir, dass das wohl dieses „Internet“, das Tor zu Welt sein musste.

Erinnerungen:

  • Die Internet-Adressen von anderen Firmen konnte man nur raten und man musste noch jedes Mal die nervigen Buchstaben http://www. davorschreiben. Dann hangelte man sich einfach von Link zu Link. Unsere Mausfinger mussten aber noch lernen, dass ein einfacher Klick im Internet bereits ausreiche und ein Doppeklick nicht unbedingt schneller ans Ziel führt.
  • Yahoo* galt als das Einstiegstor ins globale Dorf und ordnete Websites nach Kategorien, bei Excite* konnte man sogar nach Schlüsselwörtern suchen. Hatte man dann eine interessante Website gefunden, wurde die erst einmal „gebookmarked“, denn es war sehr unsicher, ob man die je wiederfinden würde.
  • Die Verwaltung der eigenen Bookmarks war eine Wissenschaft für sich, jeder entwickelte für sich ein anderes System und wehe, die waren bei einem Browser-Update mal weg. Da war man verloren. Kein Mensch würde sich heute den Aufwand machen, hunderte von Bookmarks / Favoriten zu pflegen.
  • Das private Surfen in der Firma war ein Vergehen und wurde schwer geahndet. Ich erinnere mich an einen Fall, da wurde ein Mitarbeiter abgemahnt, weil der vom Dienstrechner auf Schmuddelseiten unterwegs war. Und da so eine Abmahnung ja auch hieb-und stichfest sein muss, zitierte die Personalabteilung genüsslich die „schärfsten“ Internet-Adressen aus den Server-Logs.
  • Aber man musste ja quasi in der Firma surfen, denn von zu Hause war das eher eine Qual. Mit einem 56k-Modem wählte man sich quietschend ins Netz (den Klang vergesse ich nie) und war derweil nicht per Telefon erreichbar. Um das Surfen zu beschleunigen, konnte man das Laden von Bildern deaktivieren, das Ergebnis sah dann zwar etwas zerstört aus, aber eine Postleitzahl konnte man auch ohne Bilder suchen.
  • Irgendwann begann ich dann selber Webseiten zu basteln. Mit dem html-Gefummele wurde ich aber nie so richtig warm, deshalb war ich dann froh als die ersten WYSIWYG-Editoren zu bekommen waren. Ich erinnere mich da an MS Frontpage* und Adobe Golive*, mit denen ging das schon viel schneller zur Hand. Texte und Bilder konnte man so komfortabel einbauen und es gab „coole“ Effekte wie blinkende Texte, routierende Icons, animierte GIFs. Aber es galt eine Faustregel: Solche Bilder sollten unter 30KB Größe bleiben, um die Nerven der Leser mit schlechter Internetverbindung zu schonen. 30KB für ein Bild(!)
  • Ein Kumpel riet mir, doch mal in einem Chat mitzumachen. Da betrat man einen virtuellen „Raum“ und konnte anonym mit wildfremden Leuten schnattern. Die versierten User hatten schräge Tastenkürzel drauf, um ihre Emotionen auszudrücken. Klammern, Semikolons, Punkte und Doppelpunkte wurden so angeordnet, dass dabei kleine Gesichter entstanden und davon gab es etliche Kombinationen zu lernen.
  • Handel und Dienstleistung diskutierten eifrig, ob man denn auch Produkte über diese Webseiten verkaufen könnte. Da gab es Unternehmer, die weigerten sich doch glatt, die Verkaufspreise ins Internet zu setzen, denn das machte ja die eigenen Kalkulationen transparent und würde von der Konkurrenz ja dann auch gesehen. Diese Firmen sind heute mega-transparent … weil es sie nicht mehr gibt.

Tja …  damals … Mitte der Neunziger Jahre … als das Internet wirklich noch „Neuland“ war. 😉

*) eingetragene Warenzeichen, deren Nennung im Text nötig war, ich kriege aber kein Geld von denen

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