739) Willkommen im Systembruch

Im Westen Deutschlands brechen gerade mehrere Welten zeitgleich zusammen.

Das Konstrukt der Volksparteien (plus der „nervigen“ Grünen) trägt nicht mehr, nationalistische Parteien ziehen in Parlamente ein, erfolgreicher als Republikaner, DVU oder NPD es jemals waren.

Industrie und Mittelstand stehen unter Druck. Aus Fernost kommen günstige Preise und aggressive Innovationen, aus Fernwest drohen Zölle, Inflation und wirtschaftliche Unberechenbarkeit. Mit Social Media wird das Nachrichten- und Deutungsmonopol dezentralisiert, der Staat zieht sich schrittweise aus sozialen Projekten zurück und den Kirchen laufen die Mitglieder davon. 

Der Ostblock ist nicht mehr der eine klare Feind. Der Russe ist es zwar „schon wieder“, doch selbst aus dem Inneren der EU wird der Staatenbund attackiert. Der Diesel ist verpönt, der gute alte VW mutiert zum Tablet auf Rädern, und das Land wird mit Windrädern zugestellt. Frauen sollen bestenfalls gleich verdienen, aber bitte trotzdem die Care-Arbeit zu Hause im Blick behalten. Jobs geraten durch KI unter Druck, während man einem Gas-Wasser-Scheiße-Monteuer inzwischen fast demütig hinterhertelefoniert. Und zu guter Letzt kündigt der reiche Onkel aus den USA die Freundschaft, vielleicht sogar den NATO-Abwehrschirm.

Prost Mahlzeit.
Das muss man erst einmal verdauen.

Und warum „nur“ im Westen Deutschlands?
Findet das nicht auch im Osten statt? Natürlich tut es das.

Der Unterschied ist: Der „Ossi“ hat seine Zeitenwende bereits erlebt, damals, als um ihn herum die „Seitenwände“ abgebaut wurden. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung folgte für viele erst einmal eine Talfahrt im eigenen Mikrokosmos. Kein Stein blieb auf dem anderen. Biografien wurden entwertet, Sicherheiten gelöscht, die Spielfigur auf „Anfang“ gesetzt.

Hinzu kamen der zweite Golfkrieg, der Jugoslawienkrieg und der Zerfall der Sowjetunion. Die Zahl der Asylsuchenden stieg, ebenso wie die Umsätze für Springerstiefel und Baseballschläger.

Man könnte also meinen, der „Ossi“ habe so etwas schon einmal erlebt.

Dass er sich ein dickeres Fell zugelegt, Resilienz entwickelt, vielleicht sogar so etwas wie „Krisenkompetenz“ aufgebaut hat.

Leider gelingt es dem „Ossi“ nicht, diese Kompetenz einzubringen.

Es gibt keinen Markt dafür, kein Plenum, keine Bühne. Erfahrung zählt nur, wenn sie theoretisch gerahmt, akademisch zertifiziert oder westdeutsch moderiert ist. Gelebter Kontrollverlust gilt nicht als Expertise, sondern als biografischer Makel.

Was von den ostdeutschen Verwerfungen der 90er-Jahre tatsächlich überlebt hat, ist überschaubar: Ampelmännchen. Rechtsabbiegerpfeile. Rotkäppchen Sekt. Und eine höhere Kindergartendichte.

Der Osten durfte liefern, was folkloretauglich war.
Erfahrung war nicht gefragt.

Wo sind all die neuen Coaching-Läden?

 

Ähnlicher Artikel in der Berliner Zeitung

https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/wie-das-westdeutsche-modell-kollabiert-und-der-osten-weiss-was-kommt-li.10015626

PS: Titelbild via ChatGPT


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10 Kommentare zu „739) Willkommen im Systembruch

    1. Auf jeden Fall, Klamotten abklopfen und weitermachen …
      sag ich jetzt mal so, der damals zum Glück noch zu jung war, um unter die Räder zu kommen und alt genug, das Geschehen zu registrieren

  1. sehe ich als „Ostpflanze“ ähnlich. Wie fühlt sich das für eine „Westpflanze“ an? Die Coaching-Laden-Idee hat was!

    1. Problem ist, glaube ich, dass die Generation, die damals am meisten unter die Räder gekommen ist, heute im guten Rentenalter ist.

      Ich wäre im richtigen Alter jetzt, war aber damals noch zu jung, um es am eigenen Leib gespürt zu haben, ich hab’s ja nur beobachtet

  2. „Was von den ostdeutschen Verwerfungen der 90er-Jahre tatsächlich überlebt hat, ist überschaubar: Ampelmännchen. Rechtsabbiegerpfeile. Rotkäppchen Sekt. Und eine höhere Kindergartendichte.“ … Genau! Und jetzt noch neu die Schwierigkeit, eine Wohnung und Handwerker zu finden.

    1. Ja … ist nicht einfach … aber der Ossi ist, da, glaube ich auch zu ehrlich und zu vorsichtig. andere Menschen mit solchen Erfahrungen hätten schon lange ne Firma aufgemacht, und dieses Wissen verhökert

  3. Man steht bei solchen Verwerfungen, genauer der Doppelschlag von Feb 22 und Feb 25, erstmal benommen da. Alles geht schnell und im Tagestakt. Ich erinnere mich an die Schlagzeilen im Verlauf von 1990, die ich in weiter Ferne mitbekam. Auch da kratzten wir Expats uns am Kopf, ohne eine Ahnung zu haben, was das „vor Ort“ bedeutete. Aus der Ferne alles ziemlich abstrakt. Der nächste politische Erdrutsch steht uns dieses Jahr bevor: hier vor der Haustür – 40 km östlich.

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