Dieser Tage reichen bereits wenige Buchstaben, um mir schlechte Laune und Ratlosigkeit zu verschaffen.
Af …
Tru …
Wah …
Friedr …
Alice …
Siegm …
Polarisi …
Social Me …
Selbst mein Schreibprogramm weigert sich, diese Wortfetzen so stehen zu lassen und will sie ständig sinnvoll auffüllen. Aber ich will das nicht!
Und dann frage ich mich immer öfter, was ich dagegen tun kann. Vielleicht sogar … müsste. Aber ich habe da noch keine Antwort drauf.
Stattdessen fokussiere ich mich auf die kleine Welt um mich herum. Ein nettes Gespräch mit dem Nachbarn, eine herzliche Plauderei an der Kasse, die Suche nach Dialog in der kleiner werdenden Familie. Tja, und ansonsten renoviere ich ein Zimmer, lasse mir damit Zeit und verliere mich in Details.
Auf den Ohren immer wieder schlaue, tiefgehende Gespräche. Menschen, die differenzieren, zuhören, nach vorne denken. Die nicht nur schreien, was alles schiefläuft, sondern nach Möglichkeiten suchen. Nach Lösungen. Nach dem, was wir tun können. Danke an Maja Göpel und Matze Hielscher.
Und während ich ihnen zuhöre, mache ich ziemlich kleine Dinge.
Ich verschließe Löcher in den Wänden. Schleife Stellen im Parkett nach und lackiere sie neu. Gleiche Stoßstellen aus, kümmere mich um Macken und Anrempelungen an den Türen, die sich über die Jahre angesammelt haben. Manches davon dauert erstaunlich lange. Schleifen, spachteln, warten, noch einmal schleifen. Genau hinschauen. Noch mal nachbessern.
Und zwischendurch fahre ich immer wieder mit der flachen Hand über das Holz und merke, dass ich diese Kleinteiligkeit gerade sehr mag.
Dazu diese warmen Stimmen, dieser klugen Menschen, die nachdenken, ohne zu verzweifeln. Die Möglichkeiten sehen, wo ich gerade oft nur Fragezeichen sehe.
Und das Schöne ist: Es wartet noch ein weiteres Zimmer auf mich. Das soll Ende November fertig sein.
Wenn man mich fragt, laufen viele Diskussionen über Reformen und Veränderungen zu sehr in Schwarz und Weiß. Das ist verständlich. Klare Positionen geben Orientierung und machen Entscheidungen scheinbar einfach. Man weiß, woran man ist. Gleichzeitig führen sie aber oft sofort zur Polarisierung und schrecken Menschen ab. Im Zweifel reicht schon ein einziges Thema, um eine Geburtstagsparty zu sprengen.
Schauen wir uns nur ein paar Diskussionen unserer Zeit an: autofreie Innenstädte, Fleisch oder vegan, Tempolimit ja oder nein, Flugzeug oder Bahn, Social Media erst ab 16. Fast jede Debatte beginnt mit einer Entscheidung zwischen zwei Extremen. Und wenn nicht alle, dann gar keiner. Und wenn sich etwas nicht zu 100 Prozent kontrollieren lässt, dann erst recht nicht. Dazwischen scheint kaum Platz zu sein.
Zwischen Schwarz und Weiß liegt jedoch so viel Raum, über den viel zu selten gesprochen wird. Dummerweise heißt er „grau“ und hat kein besonders gutes Image. Er klingt nach Unklarheit, nach halben Sachen oder sogar nach etwas, das sich am Rand der Legalität bewegt.
Dabei wünsche ich mir für den Raum zwischen den Extremen mehr Aufmerksamkeit. Wir können ihn von mir aus auch „bunt“ anmalen. Denn genau dort entsteht Veränderung.
Wer Menschen dazu bringen will, ihr Verhalten zu ändern, muss ihnen einen Weg anbieten, den sie auch gehen können. Niemand legt von heute auf morgen seine Gewohnheiten komplett ab. Aber viele sind bereit, einen ersten Schritt zu machen, wenn sie dabei nicht das Gefühl haben, ihre gesamte Lebensweise infrage stellen zu müssen.
Warum testen wir eine Steuerreform nicht zunächst in einer Kommune? Warum probieren wir neue Verkehrskonzepte nicht zunächst in einer einzelnen Region aus? Warum sammeln wir nicht Erfahrungen mit neuen Schulmodellen? Auf diesem Weg werden die Effekte gemessen, anschließend kommuniziert und, wenn sie überzeugen, kann man den nächsten Schritt gehen. Oder eben nicht. Auch das wäre vollkommen in Ordnung.
Stattdessen wird jahrelang über gigantische Reformen diskutiert. Da bekommt jeder Amtsinhaber kalte Füße, weil er befürchten muss, damit seine Karriere und sein politisches Vermächtnis aufs Spiel zu setzen.
Ich nenne diesen Ansatz inkrementelle Transformation. Keine Ahnung, ob es den Begriff schon gibt. Für mich beschreibt er ziemlich genau, was ich meine.
Ich meine, Dinge im Kleinen auszuprobieren und, wenn sie funktionieren, zu skalieren, statt sie vorschnell ideologisch niederzumachen. Aus einem Versuch wird Erfahrung. Aus Erfahrung entsteht Vertrauen. Und aus Vertrauen kann am Ende eine Veränderung werden, die viel mehr Menschen mittragen.
Wir brauchen weniger Schwarz und Weiß. Und mehr Räume dazwischen.
PS: Titelbild via KI, meine Güte, was für ein Krampf, dem zu verklickern was ich haben will. Alles muss man selber machen … 😉
Nachdem ich nun den Entwurf für mein „Wahlprogramm“ veröffentlicht habe, der sicher nicht vollständig ist und vielleicht irgendwann noch einen Nachschlag bekommt, weiß ich zumindest, wie ich mir die Zukunft des Landes vorstelle.
Das kann jeder anders sehen. Und das ist auch völlig in Ordnung. Der Nörgler wird sagen: „Zeitverschwendung. Du Träumer. Das wird sowieso nichts.“ Darum ging es mir aber gar nicht. Mir war wichtig, meine Gedanken einmal schwarz auf weiß festzuhalten und transparent zu machen.
Genau das ist übrigens auch etwas, das mir in der Kommunikation unserer Regierung total fehlt und ich hatte mit Annuschka dazu einen kurzen Kommentarwechsel … schönen Gruß an dieser Stelle.
In den Medien werden ständig Einzelthemen diskutiert. Zahlen, Kennwerte und Detailfragen werden rauf und runter debattiert. Was mir dagegen fehlt, sind ein paar klare Sätze darüber, wo wir mit diesem Land eigentlich in fünf oder zehn Jahren stehen wollen.
Und um es gleich klar zu sagen: Ich meine keinen Fünfjahresplan sozialistischer Prägung. Ich meine auch keine Parteilosung, die wir auf Wimpel drucken und am 3. Oktober in die Luft halten, während der Bundeskanzler den marschierenden Massen zuwinkt. Das kenne ich zur Genüge.
Aber solche Ziele gibt es durchaus. Man muss nur auf bundesregierung.de nachschauen.
Dort werden fünf Schwerpunkte genannt:
● Neues Wirtschaftswachstum und gute Arbeit
● Wirkungsvolle Entlastungen, stabile Finanzen, moderner Staat
● Verantwortungsvolle Außenpolitik und ein geeintes Europa
Unter jedem dieser Punkte finden sich fünf bis sieben Ziele.
Aber mal ehrlich: Wer kennt die? Wer hat sie gelesen? Wer könnte auch nur einen Teil davon nachts um drei aufzählen? Kennt irgendjemand einen übergeordneten Satz, ein Credo oder eine Vision für unser Land?
Ich jedenfalls nicht.
Stattdessen sitzen wir oft wie das Kaninchen vor der Schlange. Wir mutmaßen darüber, was KI, Demografie, Klimawandel oder geopolitische Krisen wohl mit uns machen werden, wann sie uns treffen und wie hart die Folgen sein könnten. Oft tun wir nicht einmal das, wir lassen es geschehen und dann ist das Geschreih groß.
Vermutlich können wir eher die nervige Müsli-Werbung aus dem Odenwald mitsprechen oder den Werbespruch, man solle „doch einfach zu Netto gehen“.
Vermutlich ist genau das der schwierige Teil. Denn eine echte Vision bedeutet auch, Zielkonflikte offen anzusprechen. Man muss Prioritäten setzen. Man kann nicht alles gleichzeitig haben. Genau deshalb wäre sie so wichtig.
Ich glaube, genau so etwas würde würde uns mal guttun. Ein gemeinsames Bild davon, wo wir hinwollen. Denn nur über ein solches Bild kann man diskutieren. Man kann dafür werben, Kritik üben oder Verbesserungsvorschläge machen. Aber wenn kaum jemand dieses Ziel kennt, wie sollen wir dann gemeinsam dort ankommen?
Dabei gibt es für genau solche Situationen seit Jahrzehnten einen Begriff: Change Management.
Veränderungen kommen nicht überraschend. Man kann sie kommen sehen, Ziele formulieren, Menschen mitnehmen und den Wandel aktiv gestalten. Genau das machen Unternehmen jeden Tag. Warum sollte das für ein ganzes Land nicht funktionieren?
Im Moment wirken wir dagegen häufig passiv. Wir reagieren auf das, was uns technologische Entwicklungen, globale Trends oder ein durchgedrehter Staatschef irgendwo auf der Welt vor die Füße werfen.
Oft wird der Politik vorgeworfen, die Corona-Pandemie nicht ausreichend nachgearbeitet zu haben. Halte ich für richtig. Die Pandemie konnte niemand vorbereiten, sie war einfach da. Die Transformation, die jetzt vor uns liegt, dagegen schon. Auf sie kann man sich einstellen. Man kann sie erklären. Und man kann sie gestalten.
Der oft gehörte Satz „Wir müssen mehr arbeiten“ reicht dafür jedenfalls nicht. Das ist keine Vision, sondern höchstens die Peitsche.
Liebe Regierung, jetzt erklärt doch den Menschen einmal, wo wir eigentlich hinwollen. Welche Herausforderungen auf uns warten. Welche Opfer nötig sein werden. Und welche Chancen darin liegen.
Nicht alles rosarot malen. Sondern ehrlich sein. Hose runter. Die Probleme offen auf den Tisch. Es kommen einige harte Brocken auf uns zu, das wissen Sie alle.
Das kann man doch gemeinsam gestalten, anstatt Woche für Woche nur auf Konjunkturzahlen, Arbeitslosenquote oder das nächste Politikbarometer zu schauen und anschließend mit den Schultern zu zucken.
Vielleicht gelingt es dann auch, Menschen zurückzugewinnen, die sich politisch längst auf ein anderes Gleis begeben haben.
Denn wer Menschen mitnehmen will, muss ihnen zuerst zeigen, wohin die Reise überhaupt gehen soll. Ohne ein gemeinsames Zielbild entsteht kein Aufbruch. Dann bleibt am Ende nur das Gefühl, von Krise zu Krise zu stolpern.
PS: Titelbild via KI, aber ich bin in den letzten fünf Wochen durch hunderte Kreisverkehre gefahren. Ich weiß, wovon ich rede.
Im Westen Deutschlands brechen gerade mehrere Welten zeitgleich zusammen.
Das Konstrukt der Volksparteien (plus der „nervigen“ Grünen) trägt nicht mehr, nationalistische Parteien ziehen in Parlamente ein, erfolgreicher als Republikaner, DVU oder NPD es jemals waren.
Industrie und Mittelstand stehen unter Druck. Aus Fernost kommen günstige Preise und aggressive Innovationen, aus Fernwest drohen Zölle, Inflation und wirtschaftliche Unberechenbarkeit. Mit Social Media wird das Nachrichten- und Deutungsmonopol dezentralisiert, der Staat zieht sich schrittweise aus sozialen Projekten zurück und den Kirchen laufen die Mitglieder davon.
Der Ostblock ist nicht mehr der eine klare Feind. Der Russe ist es zwar „schon wieder“, doch selbst aus dem Inneren der EU wird der Staatenbund attackiert. Der Diesel ist verpönt, der gute alte VW mutiert zum Tablet auf Rädern, und das Land wird mit Windrädern zugestellt. Frauen sollen bestenfalls gleich verdienen, aber bitte trotzdem die Care-Arbeit zu Hause im Blick behalten. Jobs geraten durch KI unter Druck, während man einem Gas-Wasser-Scheiße-Monteuer inzwischen fast demütig hinterhertelefoniert. Und zu guter Letzt kündigt der reiche Onkel aus den USA die Freundschaft, vielleicht sogar den NATO-Abwehrschirm.
Prost Mahlzeit. Das muss man erst einmal verdauen.
Und warum „nur“ im Westen Deutschlands? Findet das nicht auch im Osten statt? Natürlich tut es das.
Der Unterschied ist: Der „Ossi“ hat seine Zeitenwende bereits erlebt, damals, als um ihn herum die „Seitenwände“ abgebaut wurden. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung folgte für viele erst einmal eine Talfahrt im eigenen Mikrokosmos. Kein Stein blieb auf dem anderen. Biografien wurden entwertet, Sicherheiten gelöscht, die Spielfigur auf „Anfang“ gesetzt.
Hinzu kamen der zweite Golfkrieg, der Jugoslawienkrieg und der Zerfall der Sowjetunion. Die Zahl der Asylsuchenden stieg, ebenso wie die Umsätze für Springerstiefel und Baseballschläger.
Man könnte also meinen, der „Ossi“ habe so etwas schon einmal erlebt.
Dass er sich ein dickeres Fell zugelegt, Resilienz entwickelt, vielleicht sogar so etwas wie „Krisenkompetenz“ aufgebaut hat.
Leider gelingt es dem „Ossi“ nicht, diese Kompetenz einzubringen.
Es gibt keinen Markt dafür, kein Plenum, keine Bühne. Erfahrung zählt nur, wenn sie theoretisch gerahmt, akademisch zertifiziert oder westdeutsch moderiert ist. Gelebter Kontrollverlust gilt nicht als Expertise, sondern als biografischer Makel.
Was von den ostdeutschen Verwerfungen der 90er-Jahre tatsächlich überlebt hat, ist überschaubar: Ampelmännchen. Rechtsabbiegerpfeile. Rotkäppchen Sekt. Und eine höhere Kindergartendichte.
Der Osten durfte liefern, was folkloretauglich war. Erfahrung war nicht gefragt.
In genau drei Monaten wird das Weihnachtsfest zum Glück vorüber sein, und wir stolpern auf das Jahresende zu. Und während 2025 auf dem Weg ins Regal „Hätte besser laufen können“ ist, klopfen vielleicht die Vorsätze von Ende 2024 an und verlangen einen Zwischen-Statusbericht.
Uuuuuuups da war ja noch was:
Mehr Sport machen: check, erledigt, sogar übererfüllt.
Drei Kilo abnehmen: auweia, komplett vergessen, kann man noch schaffen
Gehaltserhöhung einfordern: ahhhhh, doof, Chef ist im Urlaub
Weniger Nachrichten konsumieren: easy, fällt nicht schwer
Eine Fremdsprache beginnen: immerhin App schon heruntergeladen
Termin beim XYZ-Doc machen: der ist im Januar auch noch da
Mal was in der Wohnung verändern: Kartons wurden schon geliefert
Mehr Netzwerken: nachträglich von den Vorsätzen gestrichen
Wieder Bücher lesen: gibt‘s vielleicht auch als Hörbuch
Besser mit dem Partner kommunizieren … Ui … also … dis is’n bisschen zu kurzfri … also wie soll man denn das jetzt noch schaffen???
Dass Deutschland ganz große Reformen vor der Brust hat, ist nichts Neues. Jeder weiß das … das hat man ja schon immer gesagt … also da müsste man mal … man sollte auf jeden Fall … denn wenn nicht … Versäumnisse der Vergangenheit … Herausforderung … Zuständigkeit … Bund … Länder und so weiter und sofort. Das kommt auch jeden in den Nachrichten, Talk Shows und Podcasts. An Worten mangelt es nicht, auch nicht an Baustellen.
Ich bin die letzten Tage mal nur (!) in die Herausforderungen „Demografie“ und „Sozialstaat“ eingestiegen … und das auch nur als stiller Gast, habe anderen dabei zugehört wie sie die Probleme mal auseinandergenommen und über Lösungen gesprochen haben.
Ich will hier auch gar keine Details daraus zitieren oder diskutieren, aber selbst wenn nur die Hälfte davon relevant wäre … würde ich sagen, der gute alte Herkules wäre heute vollkommen überfordert. Herkules hatte damals ein chilliges Leben. Hängematte! Langeweile! Nasebohren! Herkules IV!
Ja natürlich,
Herkules musste zwar Löwen erlegen, Ställe ausmisten und Köpfe von Hydra-Schlangen abhacken – klar, das klingt blutig und schweißtreibend.
Aber:
• Überschaubare Zahl an Aufgaben: Zwölf Stück, danach war Schluss.
• Klare Zieldefinition: „Mach das, dann bist du frei.“ Kein Vergleich mit Reformbaustellen, die nie „fertig“ sind.
• Individuelle Verantwortung: Er allein musste es schaffen, keine Koalition, keine Lobbyisten, kein Föderalismus.
• Keine Nebenkriegsschauplätze: Keine Schlagzeilen, keine Umfragen, keine Social-Media-Shitstorms.
Und wenn ich jetzt mal zu den beiden oben genannten Themen noch Dinge ergänze wie zum Beispiel … Rentensystem, Gesundheitswesen, Fachkräftemangel, KI & Automatisierung, Geopolitik, Verteidigung, Klimawandel, Migration, Bildung, Infrastruktur … dann ist mir, echt schleierhaft, wie das in „näherer Zeit“ klappen soll. Zumal die auch noch heftig miteinander zu tun haben.
Als jemand, dem große Organisationen, komplexe Prozesse, politische Spielchen und IT vertraut sind, habe ich manchmal echt große Lust, da irgendwie mitzuhelfen.
Im selben Moment, zucke ich aber zurück und denk mir: Bloß nicht. Nicht allein gegen Windmühlen. Da gehst du kaputt.
Vielleicht, wenn wirklich ein ernsthaftes Interesse da ist, Mittel freigemacht werden und auch der Mut und das Mandat von „ganz oben“, alte Zöpfe abzuschneiden, zu hinterfragen und radikal zu vereinfachen, dann vielleicht.
Aber das wird nicht passieren, denn das tut irgendwem ein bisschen weh, geht ja mal gerade nicht und überhaupt, müssen erst mal die anderen ihre Hausaufgaben machen.
Wo ist nur dieser Herkules? Und ich meine einen, der das ernsthaft und gestalterisch betreibt, nicht mit der Kettensäge. Deshalb habe ich meinem Herkules mal die Keule etwas kleiner gepromptet und andere konstruktivere Materialen an die Hand gegeben.
Eine gefühlte Ewigkeit fährt Noah nun schon gen Norden. Niemand fährt vor ihm, keiner hinter ihm, vorhin lief mal “King of the Road“ im Radio … nun gibt es nur noch Rauschen. Er wird müde, denn er hat nicht viel zu tun. Die Geschwindigkeit des Campers regelt der Wagen selber, das System, das die Spur halten soll, hält die Spur. Das Navi macht was es will, die Kompass-Nadel kreiselt in einer Tour. Ob er denn wirklich nach Norden fuhr, das fragte er sich vorhin einmal, aber es muss so sein, denn die Straße verläuft schließlich schnurgeradeaus.
Nach weiteren Kilometern erblickt er in der Dämmerung ein Straßenschild und verlangsamt die Fahrt. Oben ist ein verblichenes Symbol zu erkennen – ein Rechteck mit zwei Rädern, vermutlich ein Camper, darunter der Schriftzug OMVÄND.
Keine Ahnung, was das heißen soll. Klingt irgendwie nordisch. Vielleicht ein Stellplatz. Oder ein Ort. Ein Aussichtspunkt.
Er setzt den Blinker, nicht weil er das Wort entschlüsselt hat, sondern weil es für heute genug sein soll. Er folgt einem enger werdenden Kiesweg, nach einigen Kurven kommt er direkt vor einem See zum Halt. Er stellt den Motor ab und genießt den kurzen Moment, in dem die Maschine bebend zur Ruhe kommt. Er atmet aus, öffnet die Wagentür und steht am Ufer. „Bingo“ …flüstert er. Das Wort OMVÄND wird er wohl nie mehr vergessen können. Das verbleibende Tageslicht nutzt er, um den Camper für die Nacht vorzubereiten und eine Suppe aufzuwärmen. Eine Suppe, ein Stück Brot, mehr braucht er nicht. Nun noch eine Zigarette und ein Gläschen dieses Whiskys, den er für viel Geld beim staatlichen Systembolaget erstanden hatte.
Er sitzt auf einem Klappstuhl und starrt auf den dunklen See.
Ein Froschkonzert setzt ein. Zunehmend lauter, zunehmend mehr, zunehmend näher. Meine Güte, was haben die alle zu erzählen. Reden die miteinander? Übereinander? Über ihn? Mit ihm?
Noah erhebt sich von dem wackeligen Klappstuhl und steigt in den Camper. Er will sein Telefon suchen, vielleicht kann er eine kurze Nachricht an Yumi absetzen. Ein kurzes Lebenszeichen, mehr nicht. Das Telefon scheint vom Klapptisch gefallen zu sein, aber er kann es zwischen zwei Sitzauflagen finden und steckt es in die Hosentasche. Der Camper wirkt leicht geneigt, mehr als vorhin – aber vielleicht täuscht das. Für eine Nacht wird das schon gehen.
Er setzt sich wieder, gönnt sich noch einen Schluck von dem Whisky und lauscht dem Quaken der Frösche. Es ist noch zu hören, aber anders irgendwie.
Nicht mehr von vorn, nicht mehr vom See. Jetzt eher von den Seiten. Sogar schon von hinten. Scheinbar abklingend. Alles wollten sie nur noch … Verlassen. Verreisen. Abreisen.
In dem Moment erhält er eine Nachricht von Yumi.
Yumi: Hej, gehts noch aufwärts? Noah: Gerade nicht Yumi: Bären, Elche? Noah: Frösche eher Yumi: Süß Noah: Weiß nicht Yumi: Wieso? Noah: Die hauen ab Yumi: Und du? Noah: Ich fahr‘ weiter … nach Norden. Morgen.
Aus irgendeinem Grund habe ich in den letzten Wochen einen Sensor für das Wort „normal“ entwickelt. Und zwar genau dann, wenn „normal“ den Status Quo beschreibt und das andere, dass unnormale, für die eigentliche Innovation oder Verbesserung gewählt wird. In Zeiten, wo jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, fände ich eigentlich gut, wenn man das etwas neutralisieren würde. Nein, ich will nicht die Sprach-Polizei spielen, aber warum denn eigentlich …
Redet man von normalem Bier und alkoholfreiem Bier? (Ich auch …)
Sprechen selbst Bundesminister von dem normalen Bürger, der eine Gasheizung installiert hat?
Unterscheidet man normalen Burger und Veggie-Burger?
Wählt man zwischen normaler Gurke und Bio-Gurke? Ist denn nicht eigentlich die Bio-Gurke die normale Gurke?
Gibt es normale Autos und E-Autos?
Kennen wir normale Zigaretten und E-Zigaretten, Normal-Benzin und E-Fuels, normale Brötchen und die „dunklen“ …
…
Bin mal gespannt, wann all das „unnormale“ zum „normalen“ wird, und wie die Welt dann aussehen wird.
Nach meinem Beitrag der >Der perfekte Prompt, gab es einige Kommentare dahingehend, das solche Entscheidungen … leider … glücklicherweise … je nach dem … immer noch durch Menschen gemacht und umgesetzt werden müssen. Danke dafür. Und ja, natürlich, solange der Mensch das Heft des Handelns in der Hand behält … um so besser.
Aber, ich wage mal die steile These, mich eingeschlossen, dass viele Menschen vermutlich eher auf solch einen Knopf „jetzt umsetzen“ klicken würden, statt sich selber damit auseinander zu setzen … und nicht in die Schuhe zu kommen. Und damit meine ich nicht aus Faulheit, sondern aus Unentschlossenheit? Zögern? Zaudern? Angst?
Ein paar kleinere Beispiele aus dem Alltag, aber ich denke, die passen schon:
Wer nimmt sich nicht ewig vor, den Keller aufzuräumen, wäre aber eigentlichdankbar, wenn der ganze Mist einfach über Nacht abbrennt?
Wer tut sich nicht schwer, für einen Zahnarzt-Termin anzurufen und ist erleichtert, wenn die Zahnarztpraxis selber anruft und einfach nur den Termin mitteilt?
Wer ist nicht ein bisschen enttäuscht, dass ein Coach nur Fragen stellt, statt endlich mal die Probleme zu lösen?
Und woher kommen die Redewendungen, „jemanden ins kalte Wasser zu werfen“ … oder „zu seinem Glück zu zwingen“?
Spätestens bei der letzten Frage wird doch eigentlich schon klar, dass wir manche Entscheidungen nicht treffen wollen, aber insgeheim schon ganz froh währen, wenn es jemand anders tut.
Jetzt mal angenommen, es gäbe eine solche App, die Ideen, Träumereien einfach umsetzt. Die so genannte „Execute“-App oder die „Let me do it for You“-App.
Hand aufs Herz … wer würde den Button klicken?
… außer mir … meine ich 😉
(C) Titelbild mit freundlicher Unterstützung von DALL-E
Üblicherweise komme ich beim Joggen an dieser Häuserwand (Titelbild) vorbei. Kein Schmuckstück gewiss, in die Jahre gekommen, man müsste mal was dran machen. Über die Zeit ist immer mehr Farbe abgeblättert, mittlerweile erinnert mich der Anblick an eine Weltkarte unserer Erde auf der wir hausen.
Gewissermaßen auch nicht immer ein Schmuckstück, in die Jahre gekommen und man müsste mal was dran machen.
Man muss kein Geografie-Experte sein, um zu sehen, dass auf dieser Weltkarte durchaus Einiges ins Rutschen gekommen sind. Süd-Asien ist abgesoffen, Grönland ist um ein Vielfaches größer, Nord-Afrika ist futsch und da wo wir wohnen, steht uns das Wasser auch bis zum Hals. Tolle Aussichten.