Reisen 6.0 – Teil 7

Fortsetzung …

Noah saß vor der Liste der grünen Schieberegler, mit denen er sich seine anstehende Indien-Reise  konfigurieren sollte. Etwas hilflos begriff er nun den Unterschied zum bisherigen Reisen über die Virtual Travel Center (VTC). Diese Reisen in den frühen 2020-er Jahren boten ja immerhin noch EIN gewisses Programm an. Dieses Erlebnis hat man sich vor Ort mit anderen Mitreisenden geteilt, man hatte also EINE gemeinsame Erfahrung. Das neue Reisen über VT@Home läuft nun vollständig individualisiert ab. 200 Länder warten mit ihren hunderten Zielen, deren „Experiences“ nun noch zusätzlich über diese Schieberegler „customized“ werden müssen. „Unser Ende wird die Auswahl sein“ brummelt er, als leichte Panik in ihm aufsteigt. Soll er die Reise einfach abblasen? Aber das Fernweh und der Durst nach einem Kulissen-Wechsel begleitet ihn nun schon seit Wochen und andere Formen des Reisens sind ja verboten. Er will reisen, aber befürchtet zugleich, dass er sich mit einer falschen Einstellung den ganzen Trip versaut. Mit etwas Erleichterung entdeckt er neben der Option „Einstellungen übernehmen“ auch die Möglichkeit einer „Vorschau“. Aha. Man konnte also die Einstellungen jederzeit verändern und mit der Vorschau ausprobieren, ob einem das zu erwartende Reiseerlebnis auch zusagt, bevor man dann kostenpflichtig bucht.

Etwas planlos schiebt er alle Regler auf die eher rechte Seite und wählt „Vorschau“. Ein Countdown zählt 3-2-1, es gongt und Noah findet sich auf New Delhi’s Connaught Place wieder. Südseite, vor dem Khadi-Shop. Es ist superheiß, die Luft verqualmt und der Himmel drückt schwefelgelb von oben herab. Ohrenbetäubender Lärm dröhnt von Hupen, Bussen, Trucks, Polizei-Sirenen und Bolly-Techno. Tausende Menschen bewegen sich um ihn herum, Köter, Ratten und Schlangen wimmeln in den offen Straßengräben durch den Müll. Ein Junge ohne Beine sitzt auf einem Rollbrett und zieht ihm am Hosenbein. Ein Mädchen mit verätztem Gesicht hält die verkrüppelte Hand für ein Bakshish hin, ein alter Greis wankt auf ihn zu, breitet die Arme aus und … „raus, raus, ich will raus hier“, brüllt Noah und wählt „Vorschau abbrechen.“ Es gongt und er findet sich zu Hause vor seiner VT@Home-Box wieder. Sein Herz rast, er schwitzt und atmet schnell. Da waren die Regler wohl zu weit nach rechts geschoben. 

Für einen weiteren Versuch, schiebt er alle Regler auf die linke Seite. Wieder wählt er die „Vorschau“, das System zählt von 3-2-1, gongt und setzt ihn wieder auf dem Connaught Place ab. Wieder vor dem Khadi-Shop. Es herrschen angenehme 24°C, die Luft ist klar, der Himmel blau. Der Verkehr ist mäßig, Autos summen geräuschreduziert vorbei, wenige Menschen sind auf der Straße und überqueren sie wohl geordnet an Ampelanlagen und Fußgängerüberwegen. Über den Platz klingen zarte Sitar-Töne, an jeder Ecke gibt es kostenloses Wasser und Früchte. Polizisten tragen keine Rohrstöcke, sondern Tablets, mit denen sie für die Bürger jederzeit ansprechbar sind. Kinder spielen auf der gigantischen Grünfläche in der Mitte des Platzes, Papageien sitzen in den großen Bäumen, Wasser sprudelt aus Springbrunnen und eine weiße heilige Kuh … „stop, stop, was soll denn der Blödsinn“, schimpft Noah und bricht die Vorschau wieder ab. Dieses Erlebnis war ihm zu albern, auch wenn er den Indern diesen Wandel ja wünschen würde.

Er will es aber noch einmal versuchen. Er ordnet die Regler eher in der Mitte an, belässt die Position der Knöpfe aber leicht unterschiedlich. Ein wenig Überraschung soll ja schließlich sein. Daher verzichtet er auch auf eine weitere Vorschau, wählt „Einstellungen übernehmen“ und dann „kostenpflichtig buchen“.

Oh shit … wo bleibt Yumi eigentlich?“, flüstert er.

Aber das System zählt unmittelbar von 3 auf 1 und es ertönt der Gong.

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145) Corona-Lektionen 50

Ich habe eine Woche lang gezögert, mich an die 50. Ausgabe meiner Corona-Lektionen zu setzen. Irgendwie dachte ich, die Fünfzig ist eine bedeutende, eine runde Zahl, da muss etwas Besonderes her, aber nach den Entwicklungen der letzten Tage, gibt’s nun erst einmal einen gemischten Gefühls-Salat, gefolgt von herzhafter Maßnahmen-Suppe.

Das verstärkte Gefühl der Unsicherheit aus dem Frühjahr ist zurück. Ständig überschlagen sich Daten und neue Meldungen. Kaum habe ich mal einen halben Tag keine Nachrichten gehört, habe ich das Gefühl, drei Wochen im Urlaub gewesen zu sein. Man kommt kaum noch hinterher, das alles zu verarbeiten.

Ging es letztes Wochenende noch darum, wessen Postleitzahl denn nun gelb, orange oder rot gefärbt ist und ob man mit dieser Bürde ein Hotel nicht nur betreten, sondern auch dort übernachten darf, ist das alles schon wieder Schnee von gestern. Kurz nach Rückkehr vom Sachsen-Kurztrip sind die Beherbungsverbote nun gekippt. Und in Berliner Lokalen dürfen des Nächstens wieder Gläser gekippt werden. Na vielen Dank auch.

Auch das Gefühl, in verschiedenen Realitäten zu leben, ist wieder da. Auf der Rückfahrt hörten wir „Die Pest“ von Albert Camus. Eindrucksvolles Werk. Während wir so über die Autobahn gurkten, schaute ich mehrfach aufs Auto-Radio, um mich zu vergewissern, ob da wirklich mein Hörbuch lief oder nicht vielleicht doch ein Nachrichtensender. Es war das Hörbuch. Ein Roman. Alles gut. Einen Tag später diskutiert man hier nun die Rechtsgrundlage für eine Abriegelung einzelner Berliner Stadtbezirke. Kein Roman. Somit ist nun auch das Gefühl des enger werdenden Kragens zurück.

Gestern mahnt die Kanzlerin per Video, auf alle unnötigen Reisen und Feiern zu verzichten, Kontakte zu reduzieren und am Wohnort zu bleiben. Und sie sagt deutlich, dass es nun an uns allen ist, diesen Eintopf wieder auszulöffeln. Sonst fällt der Weihnachtsbraten aus.

In diesem Sinne. Dann nimmt sich jetzt mal bitte jeder zwei große Löffel und dann wünsche ich uns allen Guten Appetit!

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Reisen 6.0 – Teil 6

Fortsetzung…

Noah saß vor dem schwarzen Kunststoffkasten, den er vor wenigen Minuten ausgepackt und mit den ersten Einstellungen versorgt hatte. Hunderte Reiseziele warteten nun darauf, entdeckt zu werden. 

Er beschloss, nicht auf Yumi zu warten, sondern sich in dieser neuen Welt schon einmal etwas umzusehen. Er tippte auf „Entdecken“ und unmittelbar vor ihm entstand eine Weltkugel in seinem Zimmer. Mit einfachsten Gesten rollte er die blaue Kugel und überflog Länder, Inseln oder Gebirge. Er hielt kurz in Australien. Mit einem gut gelaunten „G`Day“ baut sich ein Australier vor ihm auf und beginnt, den Kontinent für eine Reise anzupreisen. Aber er rollte wieder zurück in Richtung Südostasien. Thailand … Sri Lanka … Indien. Ja warum nicht noch einmal Indien, war doch die letzte VTS-Reise mit Yumi in guter Erinnerung. Anstelle des Australiers erschien nun ein Inder, mit stolzem Bart und rotem Turban in seinem Zimmer. Auch er bewarb verschiedenste Trips und versprach höchste Individualität. Gleichzeitig nahmen Feuchtigkeit und Temperatur merklich zu. Gerüche von Gewürzen, Blüten und Sandelholz strömten aus dem Kasten. Noah gestikuliert ein OK, aber gleichzeitig zweifelt er, ob sich hinter der neuen VT@Home-Box nicht einfach die Heimvariante der bisherigen VTC verbarg. Aber nein, da schien mehr möglich zu sei. Die Konfiguration der VT@Home-Box ermöglichte neue „Experiences“, die so im Virtual Travel Center technisch unmöglich waren. Eine lange Liste von grünen Schiebereglern ließ die Reise nach Belieben „customizen“. Auf der linken Seite das europäisch vertraute, rechts dann das andere Extrem. 

Ein Auszug:

Reichtum—————Bittere Armut
Sauberkeit——-——Übelster Dreck
Sicherheit——-——Kriminalität
Rücksicht—————Egoismus
Null Bettler—-——Überall Bettler
Mücken———-——Kakerlaken,Schlangen

Warm——————Superheiß
Würzig———-——Mega-Scharf
Schön still————Immer laut
Fix-Preis—————Handeln

H&M——————Market
Aldi————-——-Market
DM———————Market

Noah flog über all die „Settings“. „Der Slogan Incredible India scheint durch Customizable India abgelöst worden zu sein“, brummelt er vor sich hin. Also, dass man sich seine Reise modular zusammenstellt, das gab’s ja auch schon früher bei den „alten“ Reisen, aber sich selbst das Land nach Belieben zu konfigurieren wie einen Frozen Yogurt oder Hamburger, das war nun neu.

Was soll er nun machen, fragt er sich. Alle Schieber auf links? Das wäre zu öde und dann könnte er auch gleich zum Asia-Imbiss um die Ecke gehen. All die Schieber nach rechts? Das wäre für Yumi zu viel und für VTS-Reisen wohl geschäftsschädigend. Sollte er überhaupt auch nur einen einzigen Parameter verändern? Dann hätte das kommende Reiseerlebnis ja gar nichts mehr mit der „Realität“ zu tun. Also entschied er sich für den „Standard“. Schließlich wolle er Indien so erleben, wie es wirklich ist. Aber es gab auf den ersten Blick auch keinen Button der „Standard“, „Default“ oder „Normal“ hieß. Nicht einmal „Varianten“ oder „Favoriten“ anderer User. 

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Reisen 6.0 – Teil 5

Fortsetzung …

Noah schaut unschlüssig auf das Display seines Smart Phones. Links der Button „Abbrechen“, rechts der Button „Reise buchen“. Darüber die Worte des CEO von VTS, der eine Neuorientierung im Reisegeschäft verkündet. 

Die klimabewussten Fernreisen über die Virtual Travel Center taten zwar der Umwelt gut, waren aber mit den neuen Hygiene-Vorschriften nicht mehr vereinbar. VT@Home heißt das neue Format nun.

Noah drückt auf „Reise buchen“, denn das Format „Abbrechen“ kommt für ihn nun gar nicht in Frage.

Er entscheidet sich für den Tarif „VTS Weekend“. Die App bestätigt die Lieferung der VT@Home-Box für die nächsten 60 Minuten. Und siehe da, bald klingelt es unten an der Haustür, der Fahrrad-Kurier schlägt vor, die Lieferung in den Fahrstuhl zu stellen. Natürlich. Noah überlegt kurz, ob es nicht mal langsam Zeit wäre, ein Regal im Fahrstuhl zu installieren. Bei all den LHD-Paketen und Pizza-Kartons, die wortlos auf den verdreckten Steinplatten abgelegt und die 82 Stockwerke hinauf zu ihm befördert wurden.

Die Kabinen-Tür öffnet sich und gibt den Blick auf die Lieferung frei. Ein großer Aufkleber prangt auf der Oberseite des Kartons. „Frisch desinfiziert und abflugbereit“. Während Noah die Kiste anhebt und in seine Micro-Flat trägt, wird ihm vollends klar, wie wichtig ihm das Reisen doch geworden ist. Reisefreiheit war schließlich ein Gut, was die Generation seiner Eltern auf die Straßen getrieben hat. Doch Klima und Virus verwandelten diese Freiheit nun in einen schwarzen Kunststoff-Würfel, kaum größer als ein Tissue-Spender. Mehr war außer 3rd-Hand-Pappe, Bio-Knallfolie und Tofu-Styropor nicht übriggeblieben. Und natürlich solch eine VR-Brille, die er schon von der gemeinsame Indien-Reise mit Yumi kannte und sofort aufsetzte. Yumi, ja wo bleibt sie eigentlich? Aber so konnte er sich noch etwas mit dem Setup des Würfels beschäftigen. Zunächst wurde das VTS-Profil zur Bestätigung angezeigt, dann folgten ein paar weitere Abfragen zu Präferenzen, Unverträglichkeiten und Risikoübernahmen, die im Januar nicht abgefragt wurden. Zum Ende wurde die Schrift immer kleiner und es folgte der übliche „Alles akzeptieren“-Button. Nach ein paar weiteren Einstellungen öffnete sich vor ihm eine gigantische Auswahl von Reise-Angeboten. Alle vorstellbaren Strecken, alle erdenklichen Klimazonen und Sehenswürdigkeiten. Manche Destinationen waren mit einem „Gesperrt-Symbol“ markiert und dem Zusatz „Einreise aus ihrem PLZ-Gebiet nicht erlaubt“. Bayern, Meck Pom, USA und noch ein paar andere. Immer noch. Aber egal, bleiben noch genug andere Ziele. Sollte er nun noch auf Yumi warten oder vielleicht schon einmal anfangen?

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144) Corona-Lektionen 49

„Und, dürfen wir fahren?“, fragt der Sohnemann nach dem Aufstehen. „Ja es sieht so aus“, sage ich. Er ist hellauf begeistert.

Wer denkt, es ginge nun nach Mauritius, Thailand oder Yucatan der irrt. Nee, wir fahren nach Sachsen. Und warum zum Geier nun nach Sachsen? Na weil da unsere Postleitzahl noch nicht auf der schwarzen Liste steht.

What? Also, ich lass mir ja fast alles gefallen, was dieser dämlichen Seuche den Saft abdreht, aber die neuen innerdeutschen Beherbungsverbote, halte ich für einen großen Blödsinn und das ist nur noch schwer nachzuvollziehen. 

Im Frühjahr waren Länder-Grenzen geschlossen, Flieger blieben am Boden, Hotels machten dicht, Reisen auf lange Zeit unmöglich.

Im Sommer wurden die Grenzen in der EU wieder geöffnet, bestimmte Länder aber zu Risikogebieten erklärt. Deutschland wurde als sehenswert definiert und wir genossen Fischbrötchen und Ostseestrand bei 19° Celsius. In Meck Pom durfte man nicht privat übernachten, sondern musste eine Buchungsbestätigung für ein Hotel oder Apartment mitführen!

Mit Befolgen der A-H-A-Regeln schienen wir auf dem Corona-Pfad gut unterwegs zu sein. Seit ein paar Tagen, hängt man uns gern noch ein „L“ für Lüften hinten dran und warnt vor Parties. Von mir aus. Kein Problem.

Statt die Kinder einfach weiter zu unterrichten und diese blöden Oktober-Ferien abzublasen, schickt man sie nun wieder nach Hause. Aber nun darf ich mit meiner abstandswahrenden und Maskentragenden A-H-A-Familie nicht einmal im Cabrio nach Meck Pom, Bayern oder Baden Württemberg fahren und dort übernachten!

Man könnte die Besucher wohlkontrolliert in den leerstehenden Hotels unterbringen, aber nein, man fördert nun das Couchsurfing im aerosolen Dunstkreis von Freunden und Familie. Mal davon abgesehen, dass man der Hotellerie ( … und deren Angestellten) nun das zweite Messer in den Rücken rammt. 

Da ist es dieser Tage einfacher, ins Ausland zu fliegen.

Kapier ich nicht.

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143) Corona-Lektionen 48

Vor dem Rathaus Berlin Schöneberg rief John F. Kennedy einst „Ich bin ein Berliner!“ und wurde von den Menschen bejubelt und gefeiert. Ab heute sagt man das besser nicht, denn dann kommen die anderen Länderchefs im Antlitz des berühmten Türstehers Hakan, zeigen mit dem Finger zwischen unsere Augen und sagen „Du kommst hier net rein“. Noch nicht einmal abgefahren, fühlt man sich schon als Flüchtling (… böse, sorry).

Waren vor ein paar Tagen nur einzelne Berliner Stadtbezirke mit roter Ampel geschmückt und damit von der Beherbung in anderen Destinationen ausgeschlossen, ist die Ampel nun für ganz Berlin rot. Na wunderbar.

Wer nächste Woche eigentlich noch einmal andere Tapeten in Deutschland sehen wollte, braucht nicht einmal anfangen, die Koffer zu packen. Die üblichen Fragen wie „Was nehmen wir mit?“ oder „Was ziehen wir an?“ sind heute bereits beantwortet: „Nüscht und Schlunzhose“. Auch die Frage „Wo fahren wir nun eigentlich hin“, die hat sich schon erledigt. Nach Hause. Mal wieder. Im Ideal-Fall geht‘s für ein, zwei Tagestrips ins Umland. Vielleicht aber besser mit einem Mietwagen. Wegen dem Kfz-Kennzeichen. Aber aufpassen, dass man auch nicht M- oder F- erwischt. Ganz praktisch dieser Tage wäre eher NVP oder OVP … aber da gibt‘s keine Mietwagen … aber ich schweife ab.

Bleibt mehr Zeit für Literatur also: H. hat neulich das Buch „Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger empfohlen. Ich höre es derzeit als Hörbuch und gerade in diesen pandemischen Tagen, mit Blick auf die Adventszeit, kann ich es nur empfehlen. Eigentlich  schon in 2015 veröffentlicht, aber erst im März 2020 (…hört hört) ins Deutsche übersetzt, ist es aktueller denn je. Und macht Hoffnung.

Worum es geht? Sag‘ ich nich‘.

Selber lesen oder hören 😉

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142) Corona-Lektionen 47

Verfolgt man die Nachrichten der letzten Tage, könnte man meinen, es ist Anfang März und wir gehen auf den Corona-Frühling zu.

Aber nein, es ist Oktober, Herbst und Winter liegen also vor uns. Die düstere, kalte Jahreszeit. Das an sich reicht ja schon, um anfälligen Gemütern die Stimmung zu vermiesen.

Aber die dicke Packung wird gerade noch zusammengestellt:

Weil Corona-Maßnahmen auf Staaten-Ebene zu weit greifen, bezieht man sie seit einiger Zeit eher auf Bundesländer, Landkreise und Gemeinden. Dies führt nun aktuell dazu, dass bestimmte Berliner Stadtbezirke auf der Liste der Risiko-Gebiete stehen. Dabei zählt der Wohnsitz wohlgemerkt, nicht der Ort wo man arbeitet, wo man lebt, liebt oder anderen Interessen nachgeht. Ein paar Meter Asphalt entscheiden nun über „Glück“ oder „Pech“. Prenzlauer Berg gehört verwaltungstechnisch zu Pankow und das wiederum reicht bis an die Stadtgrenze. Glück gehabt. Pankow ist nicht so dicht besiedelt, hat weniger Eventflächen und viel Grün. Menschen in Friedrichshain, Mitte und Neukölln dagegen leben in einem Kessel und sind nun in bestimmten anderen Bundesländern nicht mehr erwünscht. Und eigentlich, dürfte man da eigentlich aus Prenzlauer Berg auch nicht mehr hinfahren. Denn vernünftigerweise würde man rückwärts von Tram oder Fahrrad direkt auf Quarantäne umsteigen. Haben wir vor ein paar Tagen noch 30 Tage Wiedervereinigung gefeiert, gibt es hier nun wieder solche und solche … Zonen.

Aber nun is’ Schluss mit lustig! Sperrstunde von 23:00 bis 06:00 Uhr, keine Clubs, keine Kneipen oder Restaurants. Kein Alkohol vor den Späti’s. Oaaaaaahhh, wie schade!!! Ein Berliner Kulturgut geht kaputt. Nicht mehr feiern bis kein Arzt kommt. Kein Lagerfeuer, kein Grillfest im Stadtpark.

Familien, die in den kommenden Herbstferien vielleicht noch mal etwas durch Deutschland gurken wollten, können ihre Pläne vermutlich schon wieder abblasen. Oder werden abgelehnt. Selber Schuld oder? Da haben die wohl zu viel gefeiert, die „Berliner“ da.

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141) Corona-Lektionen 46

Morgen beginnt meine 29. Woche im Home Office. Zeit, mal wieder ein paar Worte zur Pandemie zur verlieren.

  • POTUS und FLOTUS sind am Virus erkrankt. Das musste ja irgendwann sein. Und schon lässt sich herrlich drüber spekulieren. Ist er überhaupt erkrankt? Und wenn ja, wird er danach ein anderer Mensch sein, seine Corona-Politik gar überdenken? Oder wollte er nur die Wahl hinauszögern? Oder vielleicht Joe Biden ausschalten? Mit einem Brüllosol-Angrif im Fernsehstudio? Und wenn es wirklich ernst um ihn stünde, würde er sich eigentlich von Putin eine Dosis „Sputnik V“ verpassen lassen? Oder dann doch lieber von Mr. Gates. Mhm.
  • Auf jeden Fall bringt Corona nicht nur Husten, Atemnot und Geschmacksverlust, sondern auch Müdigkeit. Man sieht sie den Menschen an, wenn sie mit Stoff im Gesicht in der Bahn sitzen. Sie haben es satt. Keine freche Nase, kein sinnlicher Mund. Nur Augen, die erschöpft und ausdruckslos über den Stoffrand schauen. Und Corona verleiht hellseherische Kräfte. Ich zum Beispiel, weiß schon ganz genau, wie die Sendung „Highlights 2020“ abläuft und werde daher nicht zuschauen.
  • Die Reiseplanung für die Oktober-Ferien ist schon lange nicht mehr vom „Wo wollen wir denn gern mal hin?“ oder „Wo ist es nun noch ein bisschen warm?“ bestimmt. Nee. Sie wird dadurch definiert, ob das Ziel in einem Risiko-Gebiet liegt oder ob man aus einem solchen anreist. Nach 30 Jahren Einheit, wird die Herkunft wieder entscheidend für das Reiseziel. Die wichtigsten Instrumente für die Reise werden nicht Navi und Reiseführer sein, nein nein. Es wird der Corona-News-Ticker. Ist es eigentlich verantwortlich hierzu sein? Sollten wir besser einen Bogen drum machen, um keinen Stress bei der Rückkehr zu haben? Die Fahrt gen Süden und zurück, wird eine einzige Fluchtroute.

Oh, das klingt alles düster an einem Sonntag, oder? Soll es aber nicht. Wir können froh sein, hier zu leben, denn es gibt da so ein paar Flecken auf dieser Erde, wo ich gerade nicht sein will.

In diesem Sinne, einen schönen Sonntag
T.

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140) Hinten raus

„Hinten raus“, das klingt irgendwie oll, oder? Fast so wie „Hintern“. Oder „Hinterteil“.

Aber „Hinterhaus“ und „Hinterhof“ auch. Schmuddelig, düster, eng. Auf jeden Fall einfach. Um so weiter hinten, umso mehr. Und „Seitenflügel“ dagegen, klingt zwar leicht und edel, macht’s aber nicht besser. Heute sagt man „Gartenhaus“.

Da wo ich groß geworden bin, gab es viele solcher Höfe und ich denke gern an sie zurück. In den zwei, drei Höfen hintereinander, konnte man viele Abenteuer erleben. Die Höfe waren frei zugänglich, es gab keine Wechselsprechanlangen oder Video-Kameras, die den Zugang versperrten. Im Sommer waren die Einfahrten und Durchgänge angenehm kühl. Im Winter dann duster und arschkalt, es roch nach Ofenheizung, Eintopf und Bohnerwachs. So konnten wir ewig über die Höfe tingeln, auch die Türen der muffigen Kellersysteme in den Altbauten standen meist offen. Großartige Verstecke gab es dort unter der Erde. Bis der Suchtrupp keine Lust mehr hatte, zu suchen. Oder der Gesuchte keine Lust mehr, noch länger zu warten. Wir kletterten über Ziegel-Mauern, erklommen Garagen-Dächer und experimentieren mit Streichholz, Klebstoff und Zündplättchen von der Rolle.

„Macht, dass ihr weg kommt da, sonst bin ick glei‘ unten!“ rief es oft von oben.

Und wenn 18:00 Uhr die Kirche läutete, war es Zeit zu gehen.
Nach Hause. Zum Abendessen. 
Und, wie war‘s heute?“ 
„Jut, war nüscht besonderes.“

Der morbide Charme ist vergangen, die Schornsteine qualmen nicht mehr … 

 

139) Mit Zettel und Stift 2

Man könnte meinen, die Mitmenschen glotzen nur noch auf Displays und tippen auf Tastaturen. Aber mit Zettel und Stift wird doch immer noch eine ganze Menge kommuniziert hier in der großen Stadt.

Ob Hilferufe, politische Statements oder kriminaltechnische Kreidemarken. Jeden Tag gibt es etwas Neues zu lesen. Den ersten Teil habe ich im Dezember 2019 veröffentlicht. Kaum zu glauben, es scheint eine halbe Ewigkeit zu sein.

Und weiter geht‘s!

Sie können verwirrend sein …
… auch irgendwie vergessen …
… oder hochaktuell ….
… oder herzzerreißend …
… und beängstigend … was ist hier geschehen …
… zu guter Letzt aber irgendwie auch wieder gut!

Und liebe Leute? Gut gewesen? Oder irgendwie doof? Feedbacks und Kommentare gern unten drunter.

Schönen Sonntag!
T.

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