39) Wie aus Luft

Gestern fühlte ich mich zeitweise, als wäre ich „Sam“ aus dem 90-er Jahre Film „Ghost“. Der jüngeren Generation wird das vielleicht nichts sagen, also ziehe ich einen weiteren Vergleich. Ich fühlte mich wie Harry Potter. Mit Unsichtbarkeitsumhang.

München, Odeonsplatz. Chaos bei der U3 und U6. Der Bahnsteig ist überfüllt, die eintreffende Bahn ebenso. Ich beschließe, auf die nächste Bahn zu warten, bringe mich und meinen Rollkoffer aber schon mal in eine bessere Position. Ich stelle mich genau dahin, wo vermutlich die Türen der nächsten Bahn sein werden, halte aber noch etwas Abstand zur Bahnsteigkante. Kaum spüre ich den Luftzug der nächsten Bahn, erscheinen plötzlich weitere Menschen und stellen sich auf die kleine Fläche vor mir. Ähm, Hallo? Ich stehe hier doch nicht zum Vergnügen! Ich muss ins Büro.

München, U6. Trotz Koffer-Handicap schaffe ich es noch in die Bahn. Festhalten brauche ich mich nicht, umfallen kann ich eh nicht. Bei einer der nächsten Stationen, wird ein Mädel gegenüber unruhig. Sie will bestimmt aussteigen und hat Angst, dass sie es nicht rechtzeitig bis zur Tür schafft, weil ich ihr den Weg versperre. Ich signalisiere ihr nickend, dass ich verstanden habe und wühle mich in Richtung Tür, um ihr Platz zu machen. Die Türen öffnen sich. Ein breiter Kerl versperrt aber den Ausgang und bewegt sich keinen Zentimeter. Nicht nur weil er über Kopfhörer Musik hört, sondern weil man ihm anscheinend das Rücksichtnahme-Gen entfernt hat. Ähm, Entschuldigung, dürfte ich mal?

München, Flughafen. Airbus 319, Platz 26E. Ich bin auf meinem Platz in der Mitte der Reihe angekommen. Eine Frau kommt dazu, setzt sich selbstsicher auf den Gangplatz neben mir. Kurz danach erscheint ein Typ, scheucht sie wieder hoch, denn er habe wohl den Platz gebucht. Ich stehe schon mal auf, um in den Gang zu treten, damit sie dann zum Fensterplatz durchrutschen kann. Sie erhebt sich auch, bleibt aber in der Fußreihe stehen und schaut mich an.  Ähm, wie soll das jetzt laufen? Soll ich durch sie durchgehen oder will die vielleicht über mich drüber krabbeln?

Berlin, Flughafen. Flugfeld Terminal C. Wir verlassen das Flugzeug und laufen zu den Bussen. Es ist wieder sehr voll. Angekommen am Terminal, öffnet der Bus die vorderen Türen. Aus dem hinteren Bereich müssen wir also alle hintereinander durch den Bus laufen, um vorn auszusteigen. Der Menge stur folgend, schupst, schiebt und drängelt es permanent hinter mir. In meinem Nacken spüren ich fremden Atem. Als hätte ich jemanden im Huckepack. Ich schaue über die Schulter und wen sehe ich hinter mir? Die Lady vom Fensterplatz. Jetzt reicht es mir aber. „Rücken Sie mir nicht so auf die Pelle, man!“  

Berlin, Bernauer Straße. Ich sitze im Taxi und denke über die Ereignisse nach. War ich wirklich in München? Oder habe ich mir das nur eingebildet? War nur mein Geist in München und mein Körper war den ganzen Tag über noch in Berlin? Oder ist das mittlerweile vielleicht sogar anders? Kommt der Geist neuerdings eher an und der Körper folgt dann später? Ich durchsuche meine Jacken-Taschen nach Beweisen. Ich finde einen Kassen-Bon vom Münchener Flughafen. Ein Helles und eine Brezel. Datiert vom 30. Januar. Es muss so gewesen sein. Ich war in München, auch wenn ich permanent ignoriert wurde. Als wäre ich aus Luft. Als existiere ich gar nicht.

Ist das ein Münchener Phänomen oder liegt es daran, dass immer mehr Menschen ernsthaft glauben, der Planet wäre exklusiv für sie geschaffen worden?

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38) Nervensäge in der Luft

Es ist Sonntag 06:45 Uhr, ich besteige meinen Flieger und freue mich auf eine Stunde Ruhe. Der Wecker hat heute schon 04:15 Uhr geklingelt, das ist echt zu früh fürs Wochenende, also vielleicht kann ich über den Wolken noch etwas schlafen. Nach dem ich es mir auf meinem Platz halbwegs gemütlich gemacht habe, betritt eine Großfamilie den Flieger. Auf einmal herrscht viel Getöse, ich verstehe kein Wort von dem, obwohl der Vater so laut ruft, als befehlige er eine ganze Kompanie. Die Meute läuft hintereinander den Gang entlang und sucht die Sitzplätze. Umso weiter sie das Flugzeug erobern, umso lauter quäkt es aus einem schlechten Lautsprecher. Irgendwelche Kinder-und Monsterstimmen schreien sich an, scheinen sich zu jagen. Ich kann das noch gar nicht zuordnen.

Der Vater hält abrupt an der Reihe vor mir und stoppt den Zug. Och nöö, bitte nicht. Hinter mir ist doch auch noch viel Platz. Hinter dem breiten Vater wird der Rest der Sippe sichtbar. Alle genauso übergewichtig, ganz wie ihre bunten Koffer, die sie als „Handgepäck“ hinter sich herziehen. Ein dicker Sohn um die 14 Jahre, eine dicke Tochter so um die 10 und dann noch ein kleiner Sohn, 5 Jahre alt würde ich mal sagen. Nicht dick. Noch nicht. Er hält Handy an sein Ohr, aus dem diese Stimmen schreien. Hat der Bengel denn keine Kopfhörer?

Sie verteilen ihre Roll-Schränke in den oberen Fächern, der größte von ihnen guckt noch 10 Zentimeter aus dem Fach heraus. Als eine Flugbegleiterin den Vater darauf hinweist, dass die Klappe so niemals zugeht, tut der so als kapiere er das nicht. Das Handy des kleinen Sohns schreit pausenlos, ringsherum schütteln Passagiere schon mit dem Kopf. Aber keiner schreitet ein. Ich auch nicht. Gilt man dann gleich als Kinder-Hasser, wenn man da mal etwas sagt? Wird der Fratz dann noch lauter und dreht erst recht durch, wenn er nichts mehr aus dem Sprechkasten hören darf? Als der Flieger auf den Runway einbiegt, schalten sie das Gerät zum Glück ab. Es wird plötzlich ruhig vor mir in der Reihe. Vielleicht ist er jetzt ja müde und schläft noch mal ein? Ich vielleicht auch?

Aber kaum ist der Flieger in der Luft und es gongt, will der kleine auf die andere Seite des Ganges zu seiner Mutter wechseln. Neben ihr ist noch ein Platz frei, den der Racker lautstark erklimmt. Das Flugzeug ist noch in Schräglage, die Anschnallzeichen leuchten, aber die Nervensäge hält Sitz und Rückenlehne für eine Hüpfburg mit Rutsche. Die Eltern unternehmen nichts. Als der Tyrann auf diese Weise keine Aufmerksamkeit erlangen kann, nimmt er sich seinen Vordersitz vor. Klapp-Tisch runter, Klapp-Tisch rauf, Klapp-Tisch runter, Klapp-Tisch rauf, Trommel-Wirbel mit den Schuhen gegen die Lehne vor ihm. Sein Vordermann bekommt kein Auge zu, würde er aber gern, so wie er aussieht. Nach 15 Minuten kommt endlich der Getränkewagen, das lenkt das nervende Balg etwas ab. Der Steward fragt die Familie nach ihren Getränke-Wünschen ab. Zwei Cola, zwei Fanta und eine Sprite für den kleinsten. An einem Sonntagmorgen um 07:15 Uhr. Na Großartig, dann kriegt der jetzt noch einmal einen Energie-Schub.

Nachtrag, Mittwoch, 16. Januar, Dubai:

Mein Kollege und ich gehen zum Frühstück. Wir suchen uns einen ruhigen Platz am Fenster. Kaum sitzen wir, schreit und quietscht es schon wieder aus einem Lautsprecher. Ich zucke zusammen. Ist die Familie aus dem Flieger etwa auch hier abgestiegen? Aber nein. Am Nachbartisch sitzen 3 Erwachsene und ein Kind. Alle vier Frühstücken. Einer von ihnen spielt dabei lautstark auf dem Handy. Wer?

37) Virenschleuder und Kniescheiben-Spalter

Bislang drehte es sich hier in dieser Kategorie im Wesentlichen um egoistisch handelnde Menschen oder Organisationen, die allein auf den eigenen Vorteil aus sind. Dabei glauben sie allen Ernstes, sie leben ganz allein auf dieser Welt. Aber neben diesen „Egoisten“, gibt es eben auch noch die „Ignoranten“ (siehe dazu bitte auch noch einmal das Exoismus-Lexikon), die durchaus wissen, dass da noch andere Säugetiere auf der blauen Kugel unterwegs sind. Trotzdem sind ihnen die scheißegal. Auch wenn Gesundheit oder Wohlbefinden der anderen Erdbewohner drunter leiden. Dazu wieder zwei Beispiele aus der Fliegerei:

Kniescheiben-Spalter:

Ich habe meinem Sitz in den hintersten Reihen erreicht, verstaue mein Gepäck und setze mich auf meinen Platz. Dann sortiere ich meine Extremitäten und wenn dann noch etwas Zeit ist, nehme ich mein Tablet auf den Schoß und schreibe noch ein paar Zeilen. Das geht solange gut, bis ein 90 Kilo-Kerl den Platz vor mir erspäht hat. Der Grobmotoriker verstaut seine Sachen und tut sonst noch so, was er für wichtig hält. Zu guter Letzt setzt er sich hin… beziehungsweise… er fällt. Er ist anscheinend nicht fähig seine Arsch-und Oberschenkelmuskeln zu einem „sanftem Landen“ zu befehlen. Also krachen seine 90 Kilo in den Sitz vor mir. Seine Sitz-Lehne schnellt nach hinten, zertrümmert fast mein Tablet und prellt meine Kniescheiben. Ob ich jemals wieder laufen kann? Das werde ich erst nach der Landung in circa einer Stunde wissen. Immerhin kann ich noch tippen.

Virenschleuder:

Auf dem Mittelplatz neben mir, nimmt ein anderer Mann seinen Platz ein. Dem gelingt das Hinsetzen mehr koordiniert und sanfter. Allerdings vollendet er die Einnahme des Sitzplatzes damit, seinen Naseninhalt lautstark nach oben zu ziehen. Anschließend hustet er mit viel Wucht über die nächsten Sitz-Reihen direkt vor ihm. Noch vor dem Start wiederholt er das mehrfach. Auch während des Fluges schnieft und hustet er vor sich hin. Der Mann scheint krank zu sein. Tut mir Leid. Das kann jedem von uns passieren, aber wir haben doch hoffentlich alle gelernt, wie man die Mitmenschen um sich herum nicht auch noch mit der Seuche überzieht. Hand oder Ellenbogen vor den Mund und Taschentücher benutzen, oder? Ich überlege, für die nächsten 60 Minuten das Atmen einzustellen, breche das aber aus gesundheitlichen Gründen ab. Stattdessen ziehe ich mir meinen dünnen schwarzen Schal über Mund und Nase bis hoch zu den Augenlidern und hoffe, dass die Viren nicht durch die Maschen passen. Ich sehe aus wie ein Flugzeugentführer. Hoffentlich geht das gut und ich überstehe die Zeit bis Weihnachten ohne Erkältung. 

36) Berliner Landschaften

„Landschaftsarchitektur“, nennt sich die Disziplin, die sich mit „Entwurf, Planung und Umgestaltung“ von nicht bebautem Raum beschäftigt. So steht’s geschrieben im großen weltweiten Internet-Lexikon. Genauer gesagt, geht es um Parks, Freizeitanlagen, öffentliche Plätze und Gärten im ländlichen und urbanen Raum.

Früher hieß es wohl auch mal „Landesverschönerung“ oder „Landschaftsplanung“. Egal welchen Begriff man nimmt, es klingt kreativ, gut durchdacht, bestens geplant und nach preußischer Genauigkeit zügig umgesetzt. Meint man.

Nachstehend ein paar Beispiele, bei denen ich aber ernsthaft ins Zweifeln komme:

Am höchsten Punkt des nahegelegenen Saefkow-Parks befindet sich eine Grünfläche mit Kinderspielplatz. Am anderen Ende der Ebene hat man zwei grüne Volleyball-Netz-Pfosten in die Erde gerammt. Das Netz fehlt. Das muss man mitbringen. Und falls wirklich jemand mal ein Netz da hoch schleppt und dort jemals Volleyball gespielt würde, wäre das Spiel schnell wieder vorbei. Die Volley-Ball-Zone befindet sich direkt am Rand des Hügels an einem 1,20 Meter hohen Zaun. Man müsste schon sehr viele Bälle mit nach oben nehmen oder ständig einen Balljungen den Hügel herunterschicken.

Beim Joggen komme ich immer an einem Spielplatz an der Friedenstraße vorbei. Große Kletter-Anlagen aus Holz, beschäftigten die kleinen Entdecker dort jahrelang. Pünktlich zur Eröffnung der Spiel-Saison im Frühjahr wurde der Spielplatz mit einem Bauzaun gesperrt, dann hat man den ganzen Sommer und Herbst an dem Spielplatz gebaut und vor ein paar Tagen, um den ersten Advent herum, erfolgte nun endlich die Abnahme und Eröffnung der Anlage. Es sind nun frische 5°C im Park, na dann viel Spaß beim Spielen.

Auch der Piraten-Spielplatz um die Ecke war lange gesperrt. Das kreative Holz-Piratenschiff war wohl nicht mehr sicher genug, also hat man es abgerissen und mit Spielgeräten aus dem Katalog ausgetauscht. Kann ich ja verstehen, bei Holz ist halt irgendwann mal Ende. So weit so gut. Obwohl nun aber die neuen Geräte endlich aufgestellt waren, zog sich die endgültige Eröffnung noch bis in den Herbst hin. Warum? Ja, weil jemand auf die Idee gekommen ist, die Wege auf dem Spielplatz mit kleinen Berliner Steinen zu pflastern. Alles Handarbeit! Dauert ewig und ist zudem vermutlich das teuerste Stück „Landschaft“ auf dem ganzen Gelände. Und die Kids sind bestimmt sehr dankbar dafür. Solch einen Pflasterweg haben die sich schon immer gewünscht.

In der benachbarten Schule ist man schon ewig damit beschäftigt, das tiefer liegende Erdreich unter dem Schulhof von Kriegstrümmern zu befreien. Anschließend soll der Schulhof wieder neu hergerichtet werden. Existierende Tischtennis-Platten und Fußball-Tore wurden daher abgebaut und an die Seite gestellt. Die Kids mussten sich halt für die Hofpause etwas anderes einfallen lassen oder den Bauarbeitern beim Arbeiten zuschauen. Heute lief ich mal wieder dort vorbei. Auf dem Hof tat sich etwas. Große Betonteile und NEUE (!) Tischtennis-Platten wurden geliefert, die bisherigen Platten standen immer noch am Rand. Im Vorbeigehen warf ich einen Blick auf das große Bauschild, um mal zu sehen, wann die fertig sein wollen. Da steht allen Ernstes geschrieben: „Bauzeit 2017-2019“. Oh man, die armen Kids und Lehrer. Ich meine, wir reden hier von einem Schulhof, oder? Nicht von einem Autobahn-Kreuz!

Zu guter Letzt die selbe Schule noch einmal. Sie wurde vor Jahren saniert, hatte damals neue Dämmung und eine weiße Fassade bekommen. Über die Zeit wuchsen Sträucher und kleinere Bäume immer dichter an das Gebäude heran. Alles war schön grün und hielt die Sprayer von der Fassade weg. Selbst wenn sie dort aktiv geworden wären, hätte es keiner sehen können. Und das wollen die Idioten mit den Dosen ja nun auch wieder nicht. Nun aber kam ein schlauer Mensch auf die Idee, all das Grünzeug rund um die Schule abzuholzen. Keine Ahnung warum. Von Heute auf Morgen stand das weiße Schulgebäude auf einmal ungeschützt am Straßenrand und strahlte einladend vor sich hin. Ein Geschenk aller Steuerzahler an die Farbdosen-Lobby. Gut gemacht Ihr Experten. Jetzt sieht die Grundschule aus wie eine Lagerhalle in der Bronx. Großartig. 

Ich wage vorauszusagen wie es weiter geht. „Entwurf, Planung und Umgestaltung“ der Fassade …  mit Wettbewerb, Ausschreibung und einem neuem Bauschild von 2020 bis 2022? 

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35) Low Cost Service

Egal wo man hinschaut, man trifft auf immer mehr Low Cost Anbieter, die Waren und Dienstleistungen zu irrsinnig geringen Preisen anbieten. Und da geht es mir heute gar nicht so sehr um die bekannten Filialen, die einem Produkte für wenige Euro (oft sogar darunter) hinterherwerfen. Nein, es geht mir eher um die Dienstleistungsbranche, die uns mit ihren Low Budget Konzepten umwirbt und unsere Geiz-Muskeln massiert. Zum Beispiel finden wir so etwas in der Fliegerei, in der Hotellerie oder auch im Fitnesbereich. Ein Flug nach Palma zum Beispiel für 33 EUR, ein Hotelzimmer für 29 EUR oder eine Mitgliedschaft im Fitness-Center für 20 EUR im Monat. Das ist geil. 

Aber was war da eigentlich zuerst da? War es in dem Fall das Angebot oder die Nachfrage? Wer war zuerst auf dem Ego-Trip. War es etwa der Kunde? Weil er schon immer mal für 33 EUR nach Palma fliegen wollte und deshalb die Anbieter so lange genervt hat, bis endlich Low Cost erfunden war? Das glaube ich nicht. Oder vielleicht waren es doch eher die neuen Anbieter, die mit ihren disruptiven Konzepten die Branchen aufrüttelten, um letztlich auch nur Marktanteile zu gewinnen? Ganz aus Nächstenliebe tun die das sicher auch nicht. 

Nun sind die Low Cost Anbieter nun mal da und müssen aufpassen, dass sie sich nicht selbst ruinieren. Die Käufer nehmen die Angebote gern an und machen sich allein durch das vorhandene Angebot frei von jeglicher Verantwortung. Wenn der Flug für 33 EUR angeboten wird, dann muss man das ja schon fast in Anspruch nehmen. Da kann man ja dann nichts für. Man müsste eigentlich 3 mal im Jahr nach Palma fliegen, damit es sich lohnt. Da wäre man ja schön blöd, wenn man es nicht täte.

Aber so einfach ist es nicht und wir sollten auch nachdenken, wie die Preise solcher Anbieter eigentlich zu Stande kommen:

  • Konsequentes Weglassen bestimmter Details
  • Zunehmende Eigenleistung der Kunden
  • Deutlich weniger Personal
  • Fragliche Vergütung, dubiose Arbeitsverträge

Das Weglassen von Einzelheiten, die nicht unbedingt zum Kern der Leistung gehören, gefällt mir eigentlich ganz gut. Könnte fasst von mir sein. Beim Aspekt Eigenleistung muss man aber schon echt aufpassen, dass man nicht irgendwann den Service selbst erbringt und dann trotzdem dafür zahlt. Beim Thema Personal, Vergütung und Absicherung stehen die Gewerkschaften schon auf die Bühne. Aber wir Konsumenten sollten da auch unsere Rolle wahrnehmen. Wir haben es in der Hand, diesen Trend zu beschleunigen oder abzubremsen. Also nur zu!

Bis dahin werde ich beobachten, wie die Anbieter weiter ihren Service reduzieren, ihren Preis bis zur Selbstzerstörung drücken und das dann noch kreativ in Werbebotschaften verpacken.

Ein paar Ideen für das Flugwesen:

  • „No seat but meet“: Stehplätze mit Halteschlaufe, ganz wie in der S-Bahn
  • „Camp is champ“: Klapp-Stühle zum Ausleihen
  • „It’s your safety“: Schwimmwesten bitte selber mitbringen 
  • „Unchained pleasure“: keine Gurte mehr am Sitz
  • „Two4One“: Kollege sitzt auf dem Schoß 
  • „Fly smart“: keine Piloten mehr, man wird von einer App geflogen
  • „Joy ride“: Außenplatz wie bei der Indischen Eisenbahn
  • Habt ihr noch andere Ideen? Dann bitte einfach unten kommentieren!!!

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34) Kids Drive in

Ab und zu ist es noch nötig, dass wir die Kids mit dem Auto in die Schule bringen. Das Schulgebäude liegt in einem Wohngebiet, direkt an einer Einbahnstraße. Wenn man aber nicht erst kurz vor Schulbeginn kommt, hat man eigentlich ganz gute Chancen, einen legalen Parkplatz zu ergattern. Manchmal ist dazu auch eine weitere Ehrenrunde nötig oder man findet halt eine Lücke um die Ecke. Dann läuft man halt mal 100 Meter. Alles klein Problem. Wenn die Zeit knapp ist, halte ich auch mal in der zweiten Reihe und lasse die Kids von dort aus dem Auto aussteigen. Bestimmt nicht ganz STVO-konform, aber wenn man ehrlich ist, ist es die schnellste und auch ökologischste Form. Der Vorgang dauert max 30 Sekunden und wirklich stören oder behindern tut man dort niemanden. Andere machen es sich aber noch einfacher. Sie halten direkt vor der Schuleinfahrt. „Was für ein Zufall, hier ist ja noch Platz“. Also schalten sie den Warnblinker ein, verabschieden in aller Ruhe die Gören und quatschen dann noch mit Bekannten aus der Nordic-Walking-Gruppe. Man hat ja Zeit. Deutlich weiter oben auf der Egoismus-Skala rangieren aber Eltern, die glauben, die Schulzufahrt gehört allein ihnen. Kurz vor 08:00 Uhr erreichen sie die Schule, kreuzen den Fußweg und fahren die Zufahrt hoch. Dann verlassen sie das Auto und bringen ihre Brut in das Schulgebäude. So selbstverständlich, als hätten sie dort ihren angemieteten Stellplatz. Als würde dort ein Schild, mit ihrem KFZ-Kennzeichen drauf, stehen. Am Nachmittag sieht man eine ähnliche Situation auf dem nahegelegenen Sportgelände. Dort führt eine kleine Sackgasse bis hinter zum Fußballplatz. Am Ende der schmalen Gasse befindet sich eine ausgewiesene Zufahrt und Rangierfläche für Feuerwehr und Rettungskräfte. Und natürlich der zweite Stellplatz für den Boliden von „Spieler-Mama“ (…oder auch „Spieler-Papa“). „Was soll man machen, war ja sonst kein Platz mehr zu kriegen“. Sollte es dort jemals ein Feuer geben oder ein Krankenwagen kommen müssen, wäre es besser, die kämen per Lösch-Flugzeug oder Helikopter, denn da ist jetzt für 90 Minuten kein Durchkommen mehr. Erst nach dem Training der Jungs lichtet sich das wieder. Also ehrlich Leute, nun seid doch mal nicht so faul und lauft halt mal ein paar Meter! Das wird den Kids auch guttun. Oder wollt Ihr eure künftigen Weltmeister noch bis an die Mittellinie fahren, um sie dort an den Trainer zu übergeben?

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33) Kiezladen

Den Bötzow-Kiez habe ich noch ganz anders in Erinnerung als er heute ist. Baufällige Häuser, Einschuss-Löcher in den Fassaden, Etagen-Klo und Kohlenheizung überall. Kopfsteinpflaster auf der Straße, ein Kohlenhandel auf der Ecke und ein Kinderzahnarzt im Vorderhaus (knarrende Treppe, zweite Etage links. Gruselig.) Heute ist das aber ganz anders. Fast alle Wohnungen sind mittlerweile saniert, oft findet man wunderschönen Stuck an den Wänden und nach Kohle riecht es schon lange nicht mehr. Und auch die Struktur der Läden hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Ein paar Geschäfte von damals halten sich noch immer wacker. Die tragen auch noch keine künstlichen Namen über dem Schaufenster, sondern nur ein Schild mit der Aufschrift „Frisör“, „Bäcker“ oder „Farben-Handel“. Auch die Kneipe gegenüber gibt es immer noch. Neu hinzu gekommen sind sehr exklusive Geschäfte, in denen man aber nur selten wirklich Kundschaft sieht. Ein Lampen-Geschäft bietet edle Designer-Lampen an, eine Holz-Manufaktur fertigt Möbel auf Maß und ein Wasser-Geschäft verkauft Wasserflaschen. Für mich alles etwas fragwürdig, aber gut. Immerhin kann man da noch etwas kaufen und es dient dem Stadtbild. Viel bedenkenswerter finde ich allerdings, dass die Ladenkultur dort immer mehr von „Services“ ersetzt wird, die einzig und allein dazu da sind, unseren körperlichen und seelischen Verfall zu bremsen. Oder auch unserem Nachwuchs, Business und Eheleben etwas auf die Beine zu helfen. 

Läuft man die Bötzow-Straße vom Kino her bergauf, findet man dicht an dicht die folgenden „Anbieter“: 

  • Nummer 10: Naturheilkunde, Ernährungsberatung, Akupunktur
  • Nummer 12: Physiotherapie
  • Nummer 14: Ingwer-Bar… es gibt dort auch „health“ und „wellbeing“
  • Nummer 24: Naturkosmetik, Körperarbeit, Massagen
  • Nummer 28: Kunststoffblenden für die nicht mehr ganz so hübschen Zähne 
  • Nummer 28: Vollkeramische Lösungen nach der Probefahrt mit den Kunststoffblenden auf den alten Zähnen
  • Nummer 28: Führungs- & Team Coaching, Eltern & Familiencoaching, Gründercoaching
  • Nummer 36: Logopädie & Ergotherapie
  • Nummer 41: Anti Aging, Lifting, Ultraschall, Wimpern und vieles mehr

Das kleine Nähgeschäft hat erst kürzlich dicht gemacht, das Kaffee mit der Spielecke schon etwas länger. 

Ich bin gespannt, welche neuen „Provider“ dort nun einziehen.

  • Vielleicht eine Vermittlung freier Seniorenheim-Plätze am Goldstrand
  • Eventuell regelmäßige Performance-Gespräche für Erst-Klässler?
  • Möglicherweise doch noch eine Konfliktberatung für Haushaltsroboter und deren Eigentümer?

Ich werde berichten und wage vorherzusagen, dass es hier in zwei Jahren die ersten Wochenend-Gutscheine für den Bötzow-Kiez zu kaufen gibt. 

„Lassen Sie ich ein Wochenende lang verwöhnen oder mal etwas restaurieren! Für nur 1.999 EUR genießen Sie Messer, Nadel, Botox und eine inspirierende Tasse Tee mit dem Coach ihrer Wahl. Kinder unter 10 Jahren zahlen die Hälfte. Bei Nichtgefallen gibt’s Geld zurück.“

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32) Gelb macht aggressiv

Gelbe Linien im Straßenverkehr heben temporär die normalen weißen Linien auf. Das ist allgemein bekannt und in bestimmten Situationen macht das auch Sinn. Begründet ist das im §39 der StVO, der sich aber nicht zur Menge des zu verwendenden Materials äußert und auch nicht zu Art und Weise, wie das gelbe Zeugs zu verwenden ist. Das Straßenbau-Amt in Berlin scheint selber Großaktionär bei der Firma zu sein, die diese gelben Rollen herstellt. In Berlin da wird nicht gekleckert, da wird richtig geklotzt…ähhh…geklebt. Sogar einzelne kurze weiße Streifen werden sorgfältig mit einem preußisch akkuraten Kreuz überklebt. Auch Pfeile, Sonderzeichen und Haltelinien werden hübsch mit gelb verziert.

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Und da die Stadt Berlin in ihrem Fahrrad-Wahn derzeit massenhaft Radwege auf die Straßen malt (siehe hier), werden nun auch diese Rad-Spuren temporär mit gelber Farbe in neue Bahnen gelenkt.

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Meine Tochter sagte heute dazu: „Auf Korfu, da wo wir im Urlaub waren, da haben die noch nicht mal weiße Streifen auf der Straße“. Dem braucht man eigentlich nichts hinzufügen.

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Außer vielleicht doch noch ein paar Recherche-Ergebnisse, die ich über die gewöhnliche Suchmaschine gefunden habe.

  • 100 m Fahrbahnmarkierungsfolie, 120 mm breit = 265,90 EUR
  • 1 Folienandruckrolle für kurze Strecken = 98 EUR
  • 1 Folienverlegesystem für längere Wege = 1.720 EUR

Natürlich alles ohne Projektierung, Ausschreibung, Arbeitsleistung, Abnahme, späterer Entfernung und fachgerechter Entsorgung.

Die haben doch einen Knall!

Tippe ich in dieselbe Suchmaschine  „gelb macht…“ ein, bekomme ich die ersten zwei wie folgt:

  • Gelb macht glücklich
  • Gelb macht aggressiv

In dem Sinne…

31) SUV im Prenzlauer Berg

Es ist schon erstaunlich, wie viele SUVs man so bei uns im Viertel sehen kann. Für die überzeugten Fußgänger und Radfahrer unter den Lesern sei erklärt, dass ein SUV so ein riesiges Auto in Glanzlack ist, dessen Kühlergrill sich auf Höhe des eigenen Brustkorbs befindet. Oder auf Höhe eines Kinder-Kopfes. Je nach dem. Für die Karosserie verbraucht man anscheinend schon so viel Material, dass für das Typen-Schild nur wenig übrig bleibt. Deshalb tragen sie meistens sehr kurze Namen, oft nur einen Buchstaben gefolgt von einer Zahl. Ein Vertreter dieser Gattung zum Beispiel, ist mit einer 3.0 TDI-Maschine schon ab 60.000 EUR zu haben. Geht doch, oder? In Zeiten von chronischem Parkplatzmangel und Abgas-Diskussion frage ich mich, ob es den Zweitwagen für die Gattin nicht auch eine Nummer kleiner gab. Aber vielleicht ist die vermehrte Ansammlung solcher Off-Roader auch die logische Konsequenz daraus, dass manche Einwohner aus den Wäldern Süddeutschlands stammen und im Volkspark Friedrichshain mittlerweile schon am Tage die Füchse zu sehen sind. Da kommt der Forst-und Jagd-Instinkt schnell wieder hoch. Außerdem stört das Kopfsteinpflaster aus den 20-er Jahren beim Fahren und der Straßen-Verkehr in der Tempo-30-Zone lässt sich mit normalem PKW kaum noch überblicken. Da braucht man schon etwas „Größeres“ mit etwas mehr Überblick und Geländetauglichkeit. Diese Metallic-Panzer sehe ich dann oft vor dem „Bio-Markt“ stehen, vor dem „Coaching-Laden“, genauso wie vor dem „Koscher-Vegan-Öko-Fair-und-was-sonst-noch-Bäcker“. Oder auch gern in der Zufahrt zu Schule und Kita … aber das ist einen eigenen Beitrag wert.

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30) Graffiti-Teddy

Das Berliner Schmuddel-Graffiti breitet sich aus wie eine Seuche. Das Geschmiere ist nicht lesbar, beschädigt fremdes Eigentum und hat nichts mit Kunst oder Street Art zu tun. Und da zu ebener Erde kaum noch eine freie Fläche zu finden ist, wechseln die Idioten nun in die Höhe. Von den Häuserdächern aus bemalen sie die Wände jetzt von oben. Das sieht noch beschissener aus, weil es anscheinend kopfüber oder mit einer Farbrolle am Stiel getan werden muss. Noch schlimmer trifft es aber den „Teddy“. Je nach dem wo man aufgewachsen ist, weiß man, dass nicht nur Theodore Roosevelt so genannt wurde, sondern auch Ernst Thälmann. Dieser Teddy wiederum war Widerstandskämpfer gegen die Nazis, zeitweise KPD-Chef und hat seine Überzeugung mit dem Leben bezahlt. August 1944 im KZ-Buchenwald erschossen. So haben wir das gelernt. Heute diskutiert man die Person Thälmann kontroverser. Man führt ihn auch als  Paramilitär und Stalinisten. Keine Ahnung, wo da nun die Wahrheit liegt. Aber darum gehts mir hier nicht. Bei uns im Kiez steht dieser Teddy immer noch fest auf einem Sockel. Eine schwere Bronze-Statue zeigt sein Profil, er ballt noch immer die Faust und hinter ihm weht symbolisch die Arbeiterfahne. Da doch fast alle dieser Denkmäler nach der Wende in Berlin abgerissen wurden, hat man ihn entweder vergessen oder weiß nicht, wie man ihn abtransportieren soll. Vielleicht will man sich auch nicht positionieren und überlässt die Entscheidung einer künftigen Generation. Soll die doch über seine Verdienste diskutieren und richten. Was der Teddy aber, meiner Meinung nach, nun echt nicht verdient hat, ist, dass er das ganze Jahr über mit Farbe beschmiert wird. Einmal jährlich im April wird Teddy dann aber wieder geputzt, denn am 16. April hat er Geburtstag. Die Putz-Maßnahme wird terminlich ganz dicht an den 16. April gelegt, damit niemand kurz vorher noch seine Dose entleert. Vermutlich wird sogar ein Wachschutz für die letzte Nacht organisiert. Am Geburtstag selbst, finden sich dann ein paar weißhaarige Menschen mit roten Fahnen vor dem Denkmal ein. Jemand spricht ein paar Worte, die Menschen legen Blumenkränze ab und dann löst sich die Menge schon wieder auf. Tschüß, bis zum nächsten Jahr und Rot Front! Schon am Tag darauf sieht Teddy wieder aus wie vorher. Lackiert bis unter die Kinnlade. Jeder Mensch, der sich für eine bestimmte Sache engagiert und hofft, man würde ihm später mal ein Denkmal setzen, sollte sich zumindest das mit dem Denkmal noch mal überlegen…

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