82) Abseits – Vol 4

Noah setzte den Blinker und ging vom Gas. Laut Navigationssystem sollte in 100 Metern der Abzweig zum Čertoks-See folgen. Und tatsächlich: Ein Holzschild wies nach links zum Waldsee.

Er bog ab und folgte langsam dem Schotterweg. Er ließ die Fenster herunter. Das machte er immer so. Er hatte dann das Gefühl, näher an der Außenwelt zu sein. Außerdem liebte er das Knirschen der Steine unter den Reifen.

Etwa hundert Meter weiter tauchte ein kleiner Parkplatz auf. Kein anderes Auto hatte sich hierher verirrt. Noah schloss die Fenster wieder und stellte den Motor ab.

Nur wenige Meter trennten ihn vom See. Tatsächlich war er komplett allein. Da er gut in seinem Zeitplan lag, entschied er sich, einmal um den See zu laufen.

Der See war klein. Und tief. Und schön.

Auf dem einen Ohr hörte Noah das Zwitschern der Vögel, auf dem anderen das Quaken der Frösche. Er ging in Richtung der Frösche.

Meistens kann man Frösche gut hören, aber nur schwer sehen. An diesem Tag geschah jedoch etwas Besonderes.

Ein kleiner grüner Frosch sprang direkt vor Noahs Füße auf den Weg. Noah blieb abrupt stehen. Schließlich wollte er ihn nicht zertrampeln.

Der Frosch schaute Noah in die Augen und begann zu sprechen.

Frosch: Was machst du’n hier?

Noah: Nur mal gucken.

Frosch: Und wieso?

Noah: Na, ist doch schön ruhig hier. Ganz allein, kein Lärm. Die Vögel singen, ihr Frösche quakt, überall Wasser und Wald. Ist doch herrlich.

Frosch: Herrlich?

Noah: Ja klar. Oder etwa nicht?

Frosch: Ich sag dir mal eins. Immer dieses scheißkalte Wasser an den Schenkeln, der Lärm der Nachbarn, das ständige Gehabe der jungen Männer hier, meine Kinder, die permanent irgendetwas wollen, und dann das ganze Viehzeug rundherum, das uns an die Gurgel will. Und weißt du, was am schlimmsten ist?

Noah: Nee, sag mal.

Frosch: Na, dieser ganze Konkurrenz-Mist.

Noah: Konkurrenz?

Frosch: Ja, Konkurrenz. Jeder gegen jeden. Wer quakt am lautesten, wer schnappt sich den besten Platz, wer kriegt die Damen, wer kommt zuerst an die Fliege. Immer geht es darum, sich durchzusetzen und zu beweisen.

Noah: Hier auch?

Frosch: Vor allem hier. Wenn du nicht mithältst, bist du weg. So einfach ist das.

Noah: Oh. Ich fahr dann besser mal weiter.

Frosch: Na dann viel Glück. Meld‘ dich mal wenn du …

Noah: Na klar doch.

Der Frosch sprang ins Wasser und Noah ging zum Auto.

PS:

Inspiration, Idee und Umsetzung: T.Head

Kursive Textteile: KI

771) Glückskeks-Zettel zum ernst nehmen


Irgendwann zu COVID-Zeiten. Mit diesem Satz beginnen vermutlich viele Geschichten. Es war eine besondere Zeit, in der irgendwie alles stillstand. Man verlor das Gefühl für Zeit und trotzdem ging das Leben weiter. Jeder hat wohl seine eigenen Erinnerungen daran.

Irgendwann während dieser Zeit waren wir in einem China-Buffet. Mit all den Sicherheitsvorkehrungen, 3G und allem, was damals noch dazugehört hat. Tisch reservieren, mit Stoff vor der Schnute zum Buffet laufen und schnell wieder zurück an den Platz.

Dort zog ich einen Glückskeks-Zettel mit der Aufschrift: „Enjoy life now.“ … Also: „Das Leben jetzt genießen.“ Diesen Zettel habe ich mitgenommen und seitdem trage ich ihn im Münzfach meiner Brieftasche mit mir herum. Und genau so sieht er inzwischen auch aus. Arg mitgenommen.

Bevor er endgültig in seine atomaren Bestandteile zerfällt, habe ich das große Kind gebeten, ihn zu laminieren. Jetzt habe ich einen plastikgeschützten Denkanstoß, den ich vermutlich noch sehr lange mit mir herumtragen werde. Es sei denn, jemand klaut mir die Brieftasche oder Plastik wird plötzlich knapp. Eher unwahrscheinlich.

Der Zettel soll mich daran erinnern, dass das Leben jetzt stattfindet und nicht irgendwann später, wenn man endlich mal Zeit hat oder der Ruhestand beginnt. Leider gibt es viele traurige Geschichten von Menschen, die nach einem hektischen Arbeitsleben endlich in die Rente entlassen wurden und wenige Wochen oder Monate später mit irgendeiner beschissenen Krankheit für immer abreisten.

Sollte es im Himmel WLAN geben und dieser Beitrag dort lesbar sein:

Seid gegrüßt, ihr Lieben.

Ich nehme das sehr ernst und versuche, daraus zu lernen.

75) Abseits – Vol 3

Noah aktiviert die automatische Antwort, die von nun an jedem Absender geschickt werden würde, der ihm in den nächsten Wochen eine E-Mail schreibt. Er fährt den Laptop herunter und klappt den Deckel zu. Ein wenig brummt das Gerät noch nach, dann aber verstummt der Lüfter im Inneren und es ist endlich Ruhe. Das Headset hängt er an einen improvisierten Nagel in der Gipswand. In diesem Moment denkt er an ein Sprichwort.

Er atmet einmal laut ein und aus, greift die Henkel der kleinen Reisetasche, in der er am Tag zuvor ein paar Dinge zusammengepackt hatte.

Wechselsachen, Reisepass, Kreditkarten, Notizbuch, ein paar Kabel … alles Andere würde sich unterwegs ergeben.

Er lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen, ruft den Aufzug, betritt die leere Kabine und stellt sich vor den zerkratzten Spiegel. Der Aufzug setzt sich in Bewegung und Noah schaut sich in die Augen. „Soll ich das wirklich machen?“ fragt er flüsternd. Das Gesicht im Spiegel scheint zu nicken.

Unten auf der Straße wartet ein älterer VW-Bus, den er sich für die nächsten Wochen geliehen hat. Er ist vollgetankt und ein dicker Europa-Atlas liegt auf dem Beifahrersitz. Hinten gibt es eine höher gelegte Pritsche, darunter Stauraum für Vorräte, Getränke und Material. Kein Luxus, aber genauso, wie er es sich immer vorgestellt hat. Mehr braucht er nicht.

Er nimmt hinter dem Lenkrad Platz, steckt den Zündschlüssel und bittet den Anlasser, das zu tun, wofür er geschaffen wurde. Nach etwas Meckern springt der Bus an und scheint auf weitere Anweisungen zu warten. Auf das Betätigen von Hebeln und Pedalen oder das Drehen am schwergängigen Steuer. Aber Noah zögert, denn eine Frage ist noch unbeantwortet, seit dem Moment, als er sich diese Fahrt in den Kopf gesetzt hatte.

„Wohin eigentlich?“

Egal.

Er verlässt die Parklücke, folgt der Ausfallstraße hinaus aus der Stadt und dem Schild „Alle Richtungen“. Dann fährt er auf einen vierstrahligen Kreisverkehr zu, orange Blinklichter lassen eine Baustelle vermuten. Der Kreisverkehr ist aber befahrbar, nur haben sie alle Richtungsanzeiger entfernt. Noah fährt in den Kreis ein, dreht ein paar Runden und verliert schnell die Orientierung. Ein klappriger Kompass auf dem Armaturenbrett dreht sich eifrig und kommt kaum hinterher. „Hier?“ „Oder besser hier?“ murmelt Noah vor sich hin.

Egal.

Noah umklammert das Lenkrad, schließt die Augen, zählt langsam von 10 auf 0 herunter, öffnet die Augen wieder und nimmt die nächste Ausfahrt.

Kurz darauf empfängt er eine Nachricht von Nuomi.

Yumi: Wo bist du?
Noah: Auf der Straße.
Yumi: Und wohin geht‘s?
Noah: Mal sehen.

<— Abseits – Vol 2

PS: Titelbild via ChatGPT

557) Camper

In den Straßen unseres Kiezes fallen mir immer mehr geparkte Camper auf. Nicht nur, dass sie ordentlich Stellfläche verbrauchen, frage ich mich natürlich auch, was die hier auf einmal alle machen?

Also wat is da los?

  • Sitzt da ein Geheimdienst unten vor der Tür, zieht mir irgendwann einen Sack über den Kopf und zerrt mich in den Bus?
  • Gehört es zum Einmaleins der Prepper-Szene, immer ein gepacktes Wohnmobil vor der Tür zu haben, mit dem man dann flüchten kann, wenn das Böse vor den Toren der Stadt steht?
  • Vielleicht wohnt da jemand drin? Ist es das Geheimrezept, dem knappen Wohnraum zu begegnen?
  • Oder ist es das neue Konzept für gescheiterte Ehen? Muddi schläft oben bei den Kindern, Vaddi geht mit Schlappen, Kulturbeutel und Handtuch über der Schulter für die Nacht in den Camper?
  • Oder ganz anders, das Personal pennt da im Bus. Ja, so ist das. All die Logopäden, Osteopathen, Psychotherapeuten und Coaches, die sich um die Kinder kümmern, müssen ja 24/7 in der Nähe sein. Nur für den Fall.

Wer weiß, wer weiß. Aber eigentlich find ich so‘n Ding ja schon sehr schnittig und es macht auch was mit mir. Eine dicke Mobil-Funk-Antenne aufs Dach, ein Solar-Panel dazu und dann geht‘s ab. Einfach losfahren. Da wo es schön ist anhalten, bisschen was arbeiten und dann die Handbremse lösen und weiterfahren.  

66) Abflug

Nach der freitäglichen Satire-Sendung leerte Noah sein Weinglas und tappte ins Bad. Manchmal wusste er nach solchen Sendungen gar nicht mehr, ob er lachen oder weinen soll. Er setzte sich aufs Porzellan und ließ die vergangene Arbeitswoche vorbeiziehen. Dabei schaute er sich erst auf die Füße, dann auf den fusseligen Badvorleger vor ihm. In der Matte regte sich etwas. 

Mhm, was ist das? Ein Tierchen? Eine Fliege? Der Wein?

Sitzend beugte er sich nach vorn, fummelte durch die Fransen der Matte und auf einmal saß ein Marienkäfer auf seinem rechten Zeigefinger. Sofort kamen Erinnerungen aus der Kindheit hoch. Schöne Erinnerungen. Bei Marienkäfern galt es immer, die Punkte auf dem Rücken zu zählen und sie dann freizulassen. Noah grinste und wollte dieses Ritual umgehend durchführen. 

Nur gab es ein Problem. 

Er saß ja noch auf dem Porzellan. Um das bodentiefe Badfenster öffnen zu können, müsste er sich vom Klo erheben und es wäre auch angebracht, die Hose hochzuziehen, schließlich brannte im Bad das Licht und draußen war es stockdunkel. Nur saß auf dem rechten Zeigefinger immer noch der Käfer und für das anstehende Befreiungsmanöver wären freie Hände von Vorteil. Zumindest mal die rechte Hand. Also bugsierte Noah den Käfer auf die linke Hand, befreite sich vom Klo und zog improvisiert die Hose hoch. Dann öffnete er das Fenster, senkte die linke Hand in Richtung des Geländers, in der Hoffnung der Käfer würde es sich dort bequem machen oder von der Brüstung abfliegen. Aber nein. Egal was Noah anstellte, der Käfer lief immer wieder aufwärts in Richtung Handrücken. Was tun? Könnte er ihn von da oben vielleicht sachte „wegschnipsen“? Schließlich kann er fliegen, aber wer möchte schon Freitag 23:00 vom fünften Stock geschnipst werden?

Der Käfer witterte wohl die Gefahr, machte einen Satz zurück uns Bad und landete auf dem Boden. „Na toll. Das Badfenster steht sperrangel weit auf und ich robbe hier im Flutlicht auf allen Vieren über den Boden, um diesen Käfer zu retten“, dachte er sich. Egal. Noah nahm ein Blatt Toiletten-Papier, schob es vorsichtig unter den Käfer und trug ihn ohne so wieder an die Brüstung. „Los flieg“, sprach er zu dem Käfer. Der aber machte keine Anstalten abzuheben. Noah manövrierte das Papier an die weiße Fassade des Hauses, der Käfer wechselte tatsächlich an die Hauswand und hielt dort kurz Inne. „Jetzt aber Ablug Kleiner, ich will ins Bett“. 

Der Käfer nickte dankend und flog ab.

Noah schloss das Fenster, schaltete das Licht ab und beendete den Tag mit einer Liedzeile.

„Ich wär so gern mitgeflogen“

63) Abseits – Vol 2

Bevor Noah die Tür öffnete, um nach draußen in den Sturm zu treten, legte er Kopfhörer und Auto-Schlüssel auf den kleinen Flurschrank. Beide würde er da, wohin er nun hingehen wollte, nicht brauchen. Er zog die Kapuze drüber, steckte die Hände in die warmen Taschen und machte sich auf den Weg zu den Dünen. Zunächst steuerte er das große Seezeichen an, aber eigentlich zog es ihn innerlich an die Südspitze der Insel.

Er hat wohl einen Faible für Südspitzen, dachte er sich, als er das Seezeichen auf einem Hügel erreichte. Er suchte nach einer Erklärung dafür, denn alles hat einen Grund, ihm fiel aber keine Bessere ein, außer dass es wohl auf der Erde einfacher sei, Südspitzen zu erreichen, als Nordspitzen. Und attraktiver.

Der Tag war aber schon fortgeschritten, so meldete sich ein nervender Wesenszug in ihm. Soll er es heute noch zur Spitze wagen? Oder besser doch wieder umkehren? Wäre es nicht vernünftiger, wenn …? Schließlich wird es in einer Stunde dunkel. Vernunft. Immer diese scheiß Vernunft.

Aber er folgte den Trampel-Pfaden, die wie Narben in Richtung Süden führten. So lief er durch die Dünen und kämpfte dabei gegen Sand und Wind an. Doch umkehren? Man könnte ja vielleicht auch morgen noch mal. Besser von der aktuellen Position, wo noch alles unter Kontrolle ist, als von der Südspitze. Kontrolle. Immer diese scheiß Kontrolle.

Weiter ging er, einen Fuß vor den anderen. Nach Süden. Die Wolken wurden dunkler und es begann zu regnen. Er konnte das Ziel eigentlich schon sehen und wieder meldete sich seine innere Stimme zu Wort. Und wenn es da keine ordentlichen Wege gibt? Oder alles weggespült ist? Und die Flut. Oh ja die Flut, setzt ja auch bald ein. Wäre es nicht klüger, jetzt besser umzukehren? Klugheit. Immer diese scheiß Klugheit.

An der Südspitze angekommen, riss die Wolkendecke auf, der Regen ging in eine Pause und die Sonne brach durch.

Gut, dass er weitergegangen ist.

<— Abseits – Vol 1