46) Krümel-Kaffee und Mikro-Welle

Sao Paulo, Dienstag 03:30 Uhr: Ich bin wach, kann nicht mehr schlafen und beschließe, die Qual zu beenden und mich der Arbeit zu widmen. Das Hotel-Zimmer hat sogar eine kleine Küchenzeile und ich meine, dort bei Ankunft sogar kleine Kaffee-, Zucker-, und Creamer-Tütchen gesehen zu haben. So ein Kaffee wäre jetzt genau das Richtige. Also checke ich die Mini-Küche. Zwei Tassen, zwei Gläser, 1 Besteck und eine Mikro-Welle. Wasser-Kocher = Fehlanzeige. Wie kriege ich jetzt bloß Wasser heiß? Meine Augen bleiben bei der Mikro-Welle hängen. Habe ich noch nie gemacht, aber müsste doch gehen, oder? Tief im Gedächtnis habe ich einen Informationsfetzen gespeichert, dass die schnelle/heiße Erwärmung zu einem Problem führen kann, kriege es aber nicht mehr zusammen. 

Probieren geht über Studieren:

  1. Versuch: Ich kippe etwas von meinem restlichen Mineralwasser in eine Tasse, stelle sie in die Mikro-Welle und drücke auf die „Milch-Taste“.  Dadurch erwarte ich eher eine schonende Erwärmung. Und siehe da, 200 Watt liegen an. Nach 1:40 Minuten ist die Tasse schweineheiß, aber das Wasser immer noch kalt. So wir das nichts.
  2. Versuch: Ich kippe Mineralwasser in eines der Gläser, das sollte doch die Mikro-Wellen viel besser durchlassen als die Tasse. Wieder drücke ich die „Milch-Taste“. Nach Ablauf das „Milch-Programms“ ist das Wasser sichtlich heiß. Es sprudelt nicht. Aber es sieht so aus, als wollte es irgendwo hin ausbrechen. Ich kippe ein Tütchen Instant-Kaffee-Pulver drauf und dann auch noch Zucker. Auf einmal beginnt ein energisches Sprudeln, der Kaffee wird immer mehr und geht ab wie eine geschüttelte Cola. Der Kaffee schwimmt in der Mikro-Welle.
  3. Versuch: Basierend auf Versuch Nummer 2, nehme ich nun Wasser ohne Sprudel aus der Mini-Bar. Diesmal mache ich das Glas nur halbvoll, starte wieder das „Milch-Programm“. Das Wasser wird heiß. Ich kippe das zweite Kaffeetütchen drauf. Die Eruption bleibt aus. Den Zucker werfe ich hinterher. Dann noch mehr Wasser oben drauf, aber eben nicht bis ganz voll, denn oben muss ich das Glas irgendwie noch anfassen können.

Bing! Kaffee ist fertig. Na geht doch. Ich bin zwar in einem Hotel in Sau Paulo, es fühlt sich aber an wie auf dem Zeltplatz. Nachdem ich ja nun Erfahrung damit habe, könnte ich gegen 04:30 Uhr glatt noch einen zweiten Kaffee vertragen, aber das Päckchen hatte sich ja leider in Schaum aufgelöst und schwimmt in der Mikro-Welle.

Frühere Beiträge aus dem Hotel-Leben:

18) Postkarte aus Mittelfranken

Wer mal das Bedürfnis verspürt, die heimische Tapete gegen frische Luft und Grünzeug zu tauschen, dem kann ich ein paar Tage in Mittelfranken empfehlen.

Man muss dazu auch kein CO2 in die Luft pusten, man kann bequem mit der Deutschen Bahn anreisen. Das klingt irgendwie unspektakulär und nach Bratwurst mit Sauerkraut, Mittelfranken hat aber durchaus ein paar schöne Flecken zu bieten. Und auch die ein oder andere Kuriosität konnten wir erleben.

Tag 1: Wanderung durch die Schwarzachklamm und entlang dem Ludwig-Donau-Main-Kanal (23 km), weitestgehend flach, etwas überlaufen da Feiertag

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Tag 2: Wanderung durch den Sebalder Reichswald (19 km), flach mit leichten Steigungen, schön ruhig, wenig Trubel, selbst Albrecht Dürer saß hier schon und malte

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Tag 3: Höhlenrundweg rund um Hirschbach (16 km), etwas kürzer, dafür aber rauf und runter, Paradies für Kletterer und Höhlen-Freaks

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Und nun zu den Kuriositäten:

Für die Hinfahrt hält die deutsche Bahn ein Überraschungspaket für mich bereit. Statt 13:37 Uhr fuhr die Bahn bereits um 13:00 Uhr ab. Ohne mich. Im Reisezentrum belehrte man mich, dass doch Bauarbeiten stattfinden und man das im Internet nachlesen könne. Aha. Auf meine Frage, warum die DB-Navigator-App meinen Zug immer noch als „pünktlich“ darstelle, antwortete die Dame am Schalter, dass man das wohl noch nicht aktualisiert hatte. Korrekt. Ich nehme mir vor, das Bahnfahren noch etwas mehr zu üben.

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Der Chinese nahe dem Hotel empfängt uns mit 100 Prozent Chinesischen Genen und  herzhaft fränkischem Dialekt. Als 10 Minuten später eine Chinesische Reisegruppe an der Tafel neben uns platziert wird, entschuldigt er sich schon einmal vorab. Es wird laut werden, aber nur ein halbe Stunde dauern. Und so soll es dann auch sein. Nach 30 Minuten ist der Spuk vorbei. Die Tafel war mit einer großen Einweg-Tischdecke geschmückt, die in Windeseile zusammengerollt und entsorgt wurde. „Nu‘ herrscht wieder Ruh“, sagt der Chinese

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Zum Ende der Höllentour … ähm Höhlentour… laufen wir etwas durch den Ort Hirschbach zurück zum Parkplatz. Dass die Franken gerne deftig essen und auch gern ein Schnäpchsen trinken, ist ja allseits bekannt. Dass sie damit jedoch so offen und ehrlich umgehen, überraschte mich dann trotzdem.

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Also liebe Leser, viele Grüße aus Franken, die nächste Postkarte folgt in Kürze…

Frühere Postkarten mit mehr CO2 gibt es hier: Postkarten-Sammlung

 

12) Prekarte nach Indien

Ab und zu veröffentliche ich ja hier auf meinem Blog auch digitale Postkarten, um über Eindrücke und Kuriositäten in der Ferne zu schreiben. Postkarten heißen vermutlich deshalb Postkarte, weil man sie mit der Post verschickt. Irgendwie naheliegend. Vielleicht deutet aber auch das Wörtchen „Post“ darauf hin, dass die Karte immer erst „nach dem“ Erlebnis folgt.

So wie in posttraumatischer Belastungsstörung. Nur halt positiver. Alles nicht sprachwissenschaftlich belegt und etwas an den Haaren herbeigezogen, beschäftigt mich es aber nun doch. Wenn wir also auf einer Reise ein paar Impressionen nach Hause schicken, dann könnte man das doch eigentlich auch vor der Reise tun, oder? Abgeleitet von dem Begriff Postkarte, würde man quasi eine Prekarte schreiben. Die verschickt man nicht an die Heimat, sondern an das Reiseziel. Ganz einfach. 

Schon mal gemacht? Ich nicht. Aber ich probiere es heute einfach mal aus.

Liebes Indien,

Viele liebe Grüße senden wir aus Berlin. 

Das Wetter hier ist absoluter Mist, die Verpflegung aber gut, Personal habe ich allerdings schon länger nicht mehr gesehen. Wir haben die Nase voll vom Winter und wollen endlich in die Sonne!

Wir alle sind schon sehr aufgeregt. Manchmal sprechen wir beim Essen über schwierige Fragen. „Wie lange werden wir fliegen? Wieviel davon über Wasser? Fliegen wir auch über Syrien? Wird es solch eine Boing sein, über die man dieser Tage in den Nachrichten spricht?“ Als Vielflieger versuche ich dann mit statistisch/technischem Halbwissen zu überzeugen.

In den letzten Wochen haben wir unserem Hausarzt und der Pharma-Industrie kräftige Umsätze verschafft. In unseren Impfausweisen haben wir nun ein paar Aufkleber mehr, insbesondere auf den exotischen Seiten im hinteren Bereich des gelben Heftes. In den nächsten zwei Jahren sollten wir am besten wieder nach Asien reisen, damit sich das  mehrfach rechnet. Ich schaue mich schon einmal nach Reisezielen um.

Aber nun zurück zu dir. Zunächst wollen wir uns also etwas in deiner Hauptstadt herumtreiben. Dann besuchen wir dein berühmtes Taj Mahal. Wieder zurück in Delhi möchte ich noch ein paar Orte sehen, die bei meinem letzten Besuch in 2015 zu kurz gekommen waren. Und wir werden A. und ihre Familie besuchen! Das wird sicher ein unvergessliches Erlebnis. Zu guter Letzt geht es dann noch ans Meer, um die tausenden Bilder im Kopf zu sortieren und die Seele baumeln zu lassen.

Also, wir freuen uns auf deine Menschen, deine heiligen Kühe, den allgegenwärtigen Trubel, den chaotischen Straßenverkehr und das pausenlose Gehupe in der Stadt. Wir sind gespannt auf deine Tempel und Moscheen, auf deine Farben und Gerüche. Auch wenn nicht alles immer farbig sein und gut riechen wird. Ganz klar. Vieles wird zum Himmel stinken und schwer zu erklären sein. Manches wird wütend und hilflos machen. Das wissen wir. Trotzdem freuen wir uns und zählen die Tage schon rückwärts.

Also, mach‘s gut, wir sehen uns ja. bald. Ach so … und noch etwas. Wäre echt cool, wenn wir bei der Einreise nicht ewig warten müssen und der Taxi-Fahrer den Weg ins Hotel kennt. DANKE

 

So, das war nun meine erste Prekarte. Noch etwas ungewohnt, aber durchaus ein interessantes Format. Habe ich nun der eigentlichen Postkarte vorgegriffen? Gibt es denn überhaupt noch Stoff für weitere Postkarten aus Indien? Irgendwie bin ich mir sicher, dass es genug zu berichten geben wird…

Frühere Postkarten aus Asien:

39) Wie aus Luft

Gestern fühlte ich mich zeitweise, als wäre ich „Sam“ aus dem 90-er Jahre Film „Ghost“. Der jüngeren Generation wird das vielleicht nichts sagen, also ziehe ich einen weiteren Vergleich. Ich fühlte mich wie Harry Potter. Mit Unsichtbarkeitsumhang.

München, Odeonsplatz. Chaos bei der U3 und U6. Der Bahnsteig ist überfüllt, die eintreffende Bahn ebenso. Ich beschließe, auf die nächste Bahn zu warten, bringe mich und meinen Rollkoffer aber schon mal in eine bessere Position. Ich stelle mich genau dahin, wo vermutlich die Türen der nächsten Bahn sein werden, halte aber noch etwas Abstand zur Bahnsteigkante. Kaum spüre ich den Luftzug der nächsten Bahn, erscheinen plötzlich weitere Menschen und stellen sich auf die kleine Fläche vor mir. Ähm, Hallo? Ich stehe hier doch nicht zum Vergnügen! Ich muss ins Büro.

München, U6. Trotz Koffer-Handicap schaffe ich es noch in die Bahn. Festhalten brauche ich mich nicht, umfallen kann ich eh nicht. Bei einer der nächsten Stationen, wird ein Mädel gegenüber unruhig. Sie will bestimmt aussteigen und hat Angst, dass sie es nicht rechtzeitig bis zur Tür schafft, weil ich ihr den Weg versperre. Ich signalisiere ihr nickend, dass ich verstanden habe und wühle mich in Richtung Tür, um ihr Platz zu machen. Die Türen öffnen sich. Ein breiter Kerl versperrt aber den Ausgang und bewegt sich keinen Zentimeter. Nicht nur weil er über Kopfhörer Musik hört, sondern weil man ihm anscheinend das Rücksichtnahme-Gen entfernt hat. Ähm, Entschuldigung, dürfte ich mal?

München, Flughafen. Airbus 319, Platz 26E. Ich bin auf meinem Platz in der Mitte der Reihe angekommen. Eine Frau kommt dazu, setzt sich selbstsicher auf den Gangplatz neben mir. Kurz danach erscheint ein Typ, scheucht sie wieder hoch, denn er habe wohl den Platz gebucht. Ich stehe schon mal auf, um in den Gang zu treten, damit sie dann zum Fensterplatz durchrutschen kann. Sie erhebt sich auch, bleibt aber in der Fußreihe stehen und schaut mich an.  Ähm, wie soll das jetzt laufen? Soll ich durch sie durchgehen oder will die vielleicht über mich drüber krabbeln?

Berlin, Flughafen. Flugfeld Terminal C. Wir verlassen das Flugzeug und laufen zu den Bussen. Es ist wieder sehr voll. Angekommen am Terminal, öffnet der Bus die vorderen Türen. Aus dem hinteren Bereich müssen wir also alle hintereinander durch den Bus laufen, um vorn auszusteigen. Der Menge stur folgend, schupst, schiebt und drängelt es permanent hinter mir. In meinem Nacken spüren ich fremden Atem. Als hätte ich jemanden im Huckepack. Ich schaue über die Schulter und wen sehe ich hinter mir? Die Lady vom Fensterplatz. Jetzt reicht es mir aber. „Rücken Sie mir nicht so auf die Pelle, man!“  

Berlin, Bernauer Straße. Ich sitze im Taxi und denke über die Ereignisse nach. War ich wirklich in München? Oder habe ich mir das nur eingebildet? War nur mein Geist in München und mein Körper war den ganzen Tag über noch in Berlin? Oder ist das mittlerweile vielleicht sogar anders? Kommt der Geist neuerdings eher an und der Körper folgt dann später? Ich durchsuche meine Jacken-Taschen nach Beweisen. Ich finde einen Kassen-Bon vom Münchener Flughafen. Ein Helles und eine Brezel. Datiert vom 30. Januar. Es muss so gewesen sein. Ich war in München, auch wenn ich permanent ignoriert wurde. Als wäre ich aus Luft. Als existiere ich gar nicht.

Ist das ein Münchener Phänomen oder liegt es daran, dass immer mehr Menschen ernsthaft glauben, der Planet wäre exklusiv für sie geschaffen worden?

Frühere Beiträge zum Thema:

7) Bilder-Berge

Wer ein Smartphone nutzt, der weiß, wie einfach man damit Photos machen kann. Vielleicht nun nicht gerade prämierte Meisterwerke, dafür aber schnell und umso mehr. Man kann gleich mehrfach auf den Auslöser drücken, nur für den Fall, dass der erste Versuch verwackelt oder falsch fokussiert ist. Kostet ja erst einmal nichts. Man kann mit Blitz, Filter und Panorama spielen, bis der Akku qualmt.

Schnell sammeln sich auf diese Weise in einem Urlaub tausend Bilder an. Reist man mit Familie und mehrere Menschen knipsen gleichzeitig, wird es noch mehr. Erinnern wir uns da mal an die analogen Zeiten zurück. Da hatte man drei 36-er Filme mitgenommen, die Motive sorgsam gewählt und beim Abdrücken die Luft angehalten. Wollte man noch mehr Photos machen, musste man halt einem lokalen Halsabschneider einen Film abkaufen, der schon seit Jahren in der Sonne eines Schaufensters lag. War man zurück zu Hause und hat die entwickelten Bilder beim Foto-Laden abgeholt, konnte man die Hälfte wegschmeißen. Verwackelt, unterbelichtet, langweilig. Es blieben also noch ungefähr 70 Bilder übrig, davon schafften es 30 ins Familien-Album. Reicht ja auch.

Heute ist das anders. Im guten Falle löscht man bereits auf dem Rückflug all die verwackelten Bilder direkt vom Smartphone. Hat man etwas mehr Zeit, sollte man die Bilder erst einmal nach irgendeiner Logik auf diverse Festplatten, auf den Home-Server oder in die Cloud schieben, um das dann „irgendwann“ einmal anzugehen. Die absolute Kür ist, die besten Bilder in einem Photo-Buch zusammenzustellen. Meinen vollen Respekt dafür.

Wie man es aber auch angeht, es werden sich über die smarten Jahre tausende Bild-und Video-Dateien angesammelt haben und der Bestand wird stetig wachsen. 50.000 Dateien in 10 Jahren sind bestimmt nicht übertrieben. Waren früher manche Fotos einer Kaffee-Tasse, einem Wasserschaden oder einem Wohnungsbrand zum Opfer gefallen, war man natürlich traurig. Die Bilder waren schwer beschädigt oder gar verloren, wenn es die Negative auch erwischt hatte. Es war aber nicht zu ändern. Die digitalen Bilder werden uns hingegen bald über den Kopf wachsen.

Wenn man die Bilder nicht löschen will, dann muss man sich Gedanken machen, was damit eigentlich geschehen soll. Überschlage ich nur mal die Zeit bis zur Rente (…der frühestmögliche Zeitpunkt, mich damit zu beschäftigen…), wird der Bestand auf 200.000 Bilder angewachsen sein. Angenommen, ich würde pro Bild 30 Sekunden benötigen, um es zu sichten, zu entscheiden, zu drehen und zu ordnen, dann wäre ich mit der Aufgabe ein knappes Jahr beschäftigt. Unterbrochen nur von Schlaf. Nur für das Sortieren! Da ist noch kein Film draus entstanden oder gar ein Photo-Buch. Und nun?

Wie so oft in dieser Kategorie hier, gibt es auf all das keine Antworten, sondern eher Fragen:

  1. Wäre es nicht an der Zeit eine Software zu erfinden, die diese Bilder-Berge sichtet? Oder gibt’s die vielleicht schon? Kennt ihr eine?
  2. Angenommen, die Bilder-Berge lösen sich auf einmal in Luft auf. Irgendein fieser Virus frisst die alle auf. Ohne Ankündigung. Was dann?
  3. Was passiert, wenn all die Bilder mal in ein neues Format konvertiert werden müssen? Ein Multi-Trillionär ist der, der einen solchen Konverter gegen kleines Geld anbietet.
  4. Was ist eigentlich, wenn wir mal ins Altersheim müssen und gern ein paar Papier-Photos mitnehmen wollen. Welche denn? Und wer sucht die aus den Bilder-Bergen heraus?
  5. Vererbt man eigentlich digitale Bilder an die Hinterbliebenen und wenn ja wie? „Liebe Kinder, im Keller stehen drei Server mit Photos, seht zu was ihr draus macht! Wir sind dann mal offline. Eure Eltern. ROFL, LOL ;-)“

Ich freue mich über Kommentare und eine angeregte Diskussion

Frühere Beiträge zu Smartphone und Co:

10) Postkarte aus Dubai

Im Januar 2019 hatte ich Gelegenheit, nach Dubai zu reisen. Trotz der vollen Agenda konnten wir ein paar Highlights sehen und etwas von der Stadt spüren. Neben den wohl bekanntesten Sehenswürdigkeiten Burj al Arab, Burj Khalifa, Palm, Wüste und den riesigen Märkten in der Altstadt, konnten wir auch ein paar Skurilitäten entdecken oder haben sie aus Gesprächen mit dortigen Kollegen erfahren.

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Dubai ist sauber und sicher. Die Standards entsprechen westlichem Niveau, oftmals liegen sie drüber. Ein guter „place to live“ so sagen alle, die wir hier treffen. Absolut verständlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Menschen hier aus Indien, Pakistan, Afghanistan oder dem kalten Europa stammen. Dubai schillert an allen Enden, aber genauso widersprüchlich ist es auch an vielen Ecken.

Geld, Events und Luxus:

In der Marina liegen teure Yachten. Die wenigsten Eigner fahren vermutlich selbst, sondern lassen sich samt Party-Gästen vor die Küste schippern. Da gehts dann richtig zur Sache. Entlang der Marina gibt es nette Lokale, wo man sich durchaus mal gern auf ein Bierchen hinsetzen würde. Leider dürfen nur wenige Lokale Alkohol ausschenken. Und wenn man ein Pint in die Hände bekommt, kann es gut und gern 8-11 EUR kosten. Prost!

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Man besitzt hier gerne teure Limousinen und Sportwagen, das Maxium auf dem Highway liegt aber bei nur 140 KM/h. Also bleibt nichts anderes übrig, als die Flitzer beim JBR-Beach zur Schau zu stellen. Tür auf, Musik an und hoffen das jemand einsteigt.

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Die Personaldichte ist hier sehr hoch. Die Einwohner Dubais kochen kaum selbst, putzen selten selber. Im kleinen Shawarma-Grill erwarten uns 7 Service-Kräfte, in der Kaffee-Küche nahe unseres Meeting-Raums wuseln ständig drei Menschen und wischen uns die Zucker-Krümel und Milch-Tropfen nach. An der Tankstelle springen lauter Helferlein zwischen den Säulen hin und her,  man wird grundsätzlich betankt. Unser Kollege am Steuer gibt zu, dass er eigentlich gar nicht weiß, wie so ein „Betankungsvorgang“ eigentlich funktioniert. Immerhin weiß er wo das Tankloch (früherer Beitrag) seines SUV ist.

Energie, Bau und Umwelt:

Die Gebäude sind angestrahlt, alle Häuser haben Aircondition, selbst viele Bushaltestellen sind gekühlt. Die Mall of Dubai zählt zu den größten der Welt und bietet mal eben auch eine Ski-Abfahrts-Piste mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden und Sessel-Lift. Für die Kleinen gibt es auch eine Rodel-Bahn. All das wird von riesigen Power-Plants versorgt, an denen man stadtauswärts kilometerlang vorbei fährt.

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In der Stadt wird gebaut was das Zeug hält. Nicht bedarfsgetrieben, sondern einfach drauf los. Um so höher, um so besser. Ob das jemals alles bewohnt wird, steht in den Sternen. Die Zeichnungen zukünftiger Projekte deuten auf komplett neue Städte. Und ein neuer Super-Turm entsteht und natürlich eine Mega-Mall.

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Obwohl doch so hoch entwickelt, gibt es kein Recycling System in Dubai. Alles fliegt in den Müll, Plastik-Flaschen, Plastik-Tüten, sogar die großen Wasser-Gallonen von den Wasser-Spendern sind hier Hausmüll. Der Sprit kostet gerade mal ungefähr 0,30 EUR pro Liter, der Fahrstil bringt den Drehzahlmesser an den Anschlag und beim Tanken lässt man den Motor laufen. Sonst geht die Klimaanlage aus.

Die Dubai Mall gehört zu den größten Shopping-Malls der Welt und beherbergt neben Shops und Food Cord auch Riesen-Aquarien und Eislaufflächen.

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Draußen werden Einwohner und Gäste mit Lightshows, Fun-Parks und Wasser-Fontänen bei Laune gehalten. So ungefähr muss es im alten Rom auch gewesen sein.

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Fazit: Sehenswert auf jeden Fall, auf jeden Fall auch mit Familie. Man sollte nur nicht zu viel drüber nachdenken, ob die Welt das alles braucht, und was dort wäre, wenn all das eben nicht dort wäre

PS: dies ist mein erster Beitrag, den ich über den Wolken veröffentliche! Irgendwo zwischen Bukarest und Budapest.

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Frühere Postkarten:

38) Nervensäge in der Luft

Es ist Sonntag 06:45 Uhr, ich besteige meinen Flieger und freue mich auf eine Stunde Ruhe. Der Wecker hat heute schon 04:15 Uhr geklingelt, das ist echt zu früh fürs Wochenende, also vielleicht kann ich über den Wolken noch etwas schlafen. Nach dem ich es mir auf meinem Platz halbwegs gemütlich gemacht habe, betritt eine Großfamilie den Flieger. Auf einmal herrscht viel Getöse, ich verstehe kein Wort von dem, obwohl der Vater so laut ruft, als befehlige er eine ganze Kompanie. Die Meute läuft hintereinander den Gang entlang und sucht die Sitzplätze. Umso weiter sie das Flugzeug erobern, umso lauter quäkt es aus einem schlechten Lautsprecher. Irgendwelche Kinder-und Monsterstimmen schreien sich an, scheinen sich zu jagen. Ich kann das noch gar nicht zuordnen.

Der Vater hält abrupt an der Reihe vor mir und stoppt den Zug. Och nöö, bitte nicht. Hinter mir ist doch auch noch viel Platz. Hinter dem breiten Vater wird der Rest der Sippe sichtbar. Alle genauso übergewichtig, ganz wie ihre bunten Koffer, die sie als „Handgepäck“ hinter sich herziehen. Ein dicker Sohn um die 14 Jahre, eine dicke Tochter so um die 10 und dann noch ein kleiner Sohn, 5 Jahre alt würde ich mal sagen. Nicht dick. Noch nicht. Er hält Handy an sein Ohr, aus dem diese Stimmen schreien. Hat der Bengel denn keine Kopfhörer?

Sie verteilen ihre Roll-Schränke in den oberen Fächern, der größte von ihnen guckt noch 10 Zentimeter aus dem Fach heraus. Als eine Flugbegleiterin den Vater darauf hinweist, dass die Klappe so niemals zugeht, tut der so als kapiere er das nicht. Das Handy des kleinen Sohns schreit pausenlos, ringsherum schütteln Passagiere schon mit dem Kopf. Aber keiner schreitet ein. Ich auch nicht. Gilt man dann gleich als Kinder-Hasser, wenn man da mal etwas sagt? Wird der Fratz dann noch lauter und dreht erst recht durch, wenn er nichts mehr aus dem Sprechkasten hören darf? Als der Flieger auf den Runway einbiegt, schalten sie das Gerät zum Glück ab. Es wird plötzlich ruhig vor mir in der Reihe. Vielleicht ist er jetzt ja müde und schläft noch mal ein? Ich vielleicht auch?

Aber kaum ist der Flieger in der Luft und es gongt, will der kleine auf die andere Seite des Ganges zu seiner Mutter wechseln. Neben ihr ist noch ein Platz frei, den der Racker lautstark erklimmt. Das Flugzeug ist noch in Schräglage, die Anschnallzeichen leuchten, aber die Nervensäge hält Sitz und Rückenlehne für eine Hüpfburg mit Rutsche. Die Eltern unternehmen nichts. Als der Tyrann auf diese Weise keine Aufmerksamkeit erlangen kann, nimmt er sich seinen Vordersitz vor. Klapp-Tisch runter, Klapp-Tisch rauf, Klapp-Tisch runter, Klapp-Tisch rauf, Trommel-Wirbel mit den Schuhen gegen die Lehne vor ihm. Sein Vordermann bekommt kein Auge zu, würde er aber gern, so wie er aussieht. Nach 15 Minuten kommt endlich der Getränkewagen, das lenkt das nervende Balg etwas ab. Der Steward fragt die Familie nach ihren Getränke-Wünschen ab. Zwei Cola, zwei Fanta und eine Sprite für den kleinsten. An einem Sonntagmorgen um 07:15 Uhr. Na Großartig, dann kriegt der jetzt noch einmal einen Energie-Schub.

Nachtrag, Mittwoch, 16. Januar, Dubai:

Mein Kollege und ich gehen zum Frühstück. Wir suchen uns einen ruhigen Platz am Fenster. Kaum sitzen wir, schreit und quietscht es schon wieder aus einem Lautsprecher. Ich zucke zusammen. Ist die Familie aus dem Flieger etwa auch hier abgestiegen? Aber nein. Am Nachbartisch sitzen 3 Erwachsene und ein Kind. Alle vier Frühstücken. Einer von ihnen spielt dabei lautstark auf dem Handy. Wer?

37) Virenschleuder und Kniescheiben-Spalter

Bislang drehte es sich hier in dieser Kategorie im Wesentlichen um egoistisch handelnde Menschen oder Organisationen, die allein auf den eigenen Vorteil aus sind. Dabei glauben sie allen Ernstes, sie leben ganz allein auf dieser Welt. Aber neben diesen „Egoisten“, gibt es eben auch noch die „Ignoranten“ (siehe dazu bitte auch noch einmal das Exoismus-Lexikon), die durchaus wissen, dass da noch andere Säugetiere auf der blauen Kugel unterwegs sind. Trotzdem sind ihnen die scheißegal. Auch wenn Gesundheit oder Wohlbefinden der anderen Erdbewohner drunter leiden. Dazu wieder zwei Beispiele aus der Fliegerei:

Kniescheiben-Spalter:

Ich habe meinem Sitz in den hintersten Reihen erreicht, verstaue mein Gepäck und setze mich auf meinen Platz. Dann sortiere ich meine Extremitäten und wenn dann noch etwas Zeit ist, nehme ich mein Tablet auf den Schoß und schreibe noch ein paar Zeilen. Das geht solange gut, bis ein 90 Kilo-Kerl den Platz vor mir erspäht hat. Der Grobmotoriker verstaut seine Sachen und tut sonst noch so, was er für wichtig hält. Zu guter Letzt setzt er sich hin… beziehungsweise… er fällt. Er ist anscheinend nicht fähig seine Arsch-und Oberschenkelmuskeln zu einem „sanftem Landen“ zu befehlen. Also krachen seine 90 Kilo in den Sitz vor mir. Seine Sitz-Lehne schnellt nach hinten, zertrümmert fast mein Tablet und prellt meine Kniescheiben. Ob ich jemals wieder laufen kann? Das werde ich erst nach der Landung in circa einer Stunde wissen. Immerhin kann ich noch tippen.

Virenschleuder:

Auf dem Mittelplatz neben mir, nimmt ein anderer Mann seinen Platz ein. Dem gelingt das Hinsetzen mehr koordiniert und sanfter. Allerdings vollendet er die Einnahme des Sitzplatzes damit, seinen Naseninhalt lautstark nach oben zu ziehen. Anschließend hustet er mit viel Wucht über die nächsten Sitz-Reihen direkt vor ihm. Noch vor dem Start wiederholt er das mehrfach. Auch während des Fluges schnieft und hustet er vor sich hin. Der Mann scheint krank zu sein. Tut mir Leid. Das kann jedem von uns passieren, aber wir haben doch hoffentlich alle gelernt, wie man die Mitmenschen um sich herum nicht auch noch mit der Seuche überzieht. Hand oder Ellenbogen vor den Mund und Taschentücher benutzen, oder? Ich überlege, für die nächsten 60 Minuten das Atmen einzustellen, breche das aber aus gesundheitlichen Gründen ab. Stattdessen ziehe ich mir meinen dünnen schwarzen Schal über Mund und Nase bis hoch zu den Augenlidern und hoffe, dass die Viren nicht durch die Maschen passen. Ich sehe aus wie ein Flugzeugentführer. Hoffentlich geht das gut und ich überstehe die Zeit bis Weihnachten ohne Erkältung. 

8) Postkarte aus Singapur 2

Singapur ist immer eine Reise wert, gern auch mehrfach. War ich beim letzten Besuch im Juni 2017 dort, hatte ich diesmal das Vergnügen Ende November 2018. Während die „Lieben daheim“ schon in Advent-Stimmung waren, ging es für mich noch einmal an den Äquator zu 32°C und 85% Luftfeuchte.

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Und auch diesmal gab es wieder ein paar Skurilitäten zu entdecken:

Findige Geschäftsleute und Wirte haben verstanden, dass man mit der Deutschen Weihnachtlichkeit und auch ganz gut Geld verdienen kann. Europäische Expats kommen so in den Genuss von Braten, Bier und schweren Soucen. Sehr gewöhnungsbedürftig für mich … habe ich mich doch so sehr auf asiatisches Essen freut.

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Überhaupt, kann man trotz Wärme und Exotic auf mehr Weihnachten treffen, als man vielleicht meint. Es glich eher New York zu dieser Jahreszeit. Sogar auch in den beiden gekühlten Domes an der Marina Bay machen sich zwischen den Palmen und fleischfressenden Pflanzen schon die Christ-Bäume und allerhand Disney-Kitsch breit.

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Ich wollte die fleischfressenden Pflanzen zum zunehmenden Veganismus in Europa befragen.  Aber ich wurde mit einem Schild gewarnt, an sie verfütternd zu werden, wenn ich ihnen auch nur zu nahe komme. Hier weht noch ein anderer Wind.

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Hat man diese lebensgefährliche Situation überstanden und auf dem Rückweg ins Hotel noch einmal die Teutonen-Kost ignoriert, endet der Tag mit lecker Food beim Chinesen um die Ecke. So muss das!

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Frühere Postkarten:

35) Low Cost Service

Egal wo man hinschaut, man trifft auf immer mehr Low Cost Anbieter, die Waren und Dienstleistungen zu irrsinnig geringen Preisen anbieten. Und da geht es mir heute gar nicht so sehr um die bekannten Filialen, die einem Produkte für wenige Euro (oft sogar darunter) hinterherwerfen. Nein, es geht mir eher um die Dienstleistungsbranche, die uns mit ihren Low Budget Konzepten umwirbt und unsere Geiz-Muskeln massiert. Zum Beispiel finden wir so etwas in der Fliegerei, in der Hotellerie oder auch im Fitnesbereich. Ein Flug nach Palma zum Beispiel für 33 EUR, ein Hotelzimmer für 29 EUR oder eine Mitgliedschaft im Fitness-Center für 20 EUR im Monat. Das ist geil. 

Aber was war da eigentlich zuerst da? War es in dem Fall das Angebot oder die Nachfrage? Wer war zuerst auf dem Ego-Trip. War es etwa der Kunde? Weil er schon immer mal für 33 EUR nach Palma fliegen wollte und deshalb die Anbieter so lange genervt hat, bis endlich Low Cost erfunden war? Das glaube ich nicht. Oder vielleicht waren es doch eher die neuen Anbieter, die mit ihren disruptiven Konzepten die Branchen aufrüttelten, um letztlich auch nur Marktanteile zu gewinnen? Ganz aus Nächstenliebe tun die das sicher auch nicht. 

Nun sind die Low Cost Anbieter nun mal da und müssen aufpassen, dass sie sich nicht selbst ruinieren. Die Käufer nehmen die Angebote gern an und machen sich allein durch das vorhandene Angebot frei von jeglicher Verantwortung. Wenn der Flug für 33 EUR angeboten wird, dann muss man das ja schon fast in Anspruch nehmen. Da kann man ja dann nichts für. Man müsste eigentlich 3 mal im Jahr nach Palma fliegen, damit es sich lohnt. Da wäre man ja schön blöd, wenn man es nicht täte.

Aber so einfach ist es nicht und wir sollten auch nachdenken, wie die Preise solcher Anbieter eigentlich zu Stande kommen:

  • Konsequentes Weglassen bestimmter Details
  • Zunehmende Eigenleistung der Kunden
  • Deutlich weniger Personal
  • Fragliche Vergütung, dubiose Arbeitsverträge

Das Weglassen von Einzelheiten, die nicht unbedingt zum Kern der Leistung gehören, gefällt mir eigentlich ganz gut. Könnte fasst von mir sein. Beim Aspekt Eigenleistung muss man aber schon echt aufpassen, dass man nicht irgendwann den Service selbst erbringt und dann trotzdem dafür zahlt. Beim Thema Personal, Vergütung und Absicherung stehen die Gewerkschaften schon auf die Bühne. Aber wir Konsumenten sollten da auch unsere Rolle wahrnehmen. Wir haben es in der Hand, diesen Trend zu beschleunigen oder abzubremsen. Also nur zu!

Bis dahin werde ich beobachten, wie die Anbieter weiter ihren Service reduzieren, ihren Preis bis zur Selbstzerstörung drücken und das dann noch kreativ in Werbebotschaften verpacken.

Ein paar Ideen für das Flugwesen:

  • „No seat but meet“: Stehplätze mit Halteschlaufe, ganz wie in der S-Bahn
  • „Camp is champ“: Klapp-Stühle zum Ausleihen
  • „It’s your safety“: Schwimmwesten bitte selber mitbringen 
  • „Unchained pleasure“: keine Gurte mehr am Sitz
  • „Two4One“: Kollege sitzt auf dem Schoß 
  • „Fly smart“: keine Piloten mehr, man wird von einer App geflogen
  • „Joy ride“: Außenplatz wie bei der Indischen Eisenbahn
  • Habt ihr noch andere Ideen? Dann bitte einfach unten kommentieren!!!

Frühere Beiträge zum Thema Angebot, Nachfrage und Konsum: