73) R.I.P. Gespräch

Noch ist es zu früh, den letzten Gruß unter den Nachruf zu setzen. Aber man kann sich schon mal ein paar Notizen machen, damit es dann schneller geht, wenn es wirklich mal so weit ist.

Nein, es geht hier nicht um den Eisbär, auch nicht um den Regenwald oder einen Gletscher. Heute geht‘s … um … das Gespräch. Genau. Das Gespräch.

Vor tausenden Jahren wurde aus einem urzeitlichen Grunzen ein Wort, daraus ein Satz und später ein Dialog. Die Menschen saßen am Feuer, hatten weder Zeitung, noch Glotze, Netflix und What’s App. Also Reden.

Und wie ist das heute? Tja, wir bewegen uns wieder rückwärts:

  • Das Flug-oder Bahnvolk sitzt zwar stundenlang Schulter an Schulter, bekommt aber nicht mal ein „Guten Tag“ über die Lippen. Stattdessen hängen sie nur über Laptop, Handy oder Tablet. Der längste Satz von Mitreisenden ist: „Ich muss mal da durch“. Gern‘ doch, bitte sehr! Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da hatte man mangels Daddel-Kasten wirklich fremde Menschen auf dem Nachbarsitz angesprochen. „Na, und wollen sie hin?“ oder „Was machen sie denn so beruflich?“ oder „Saßen Sie nicht schon letzte Woche hier?“ Da würde man heute bereits wegen Social Engineering verklagt.
  • In den großen Politik-Talk-Shows müssen die Kontrahenten in kürzester Zeit ihren Standpunkt rüberbringen und dem politischen Gegner noch einen Leberhaken austeilen, bevor die Redezeit zu Ende ist. Eigentlich ist es die Aufgabe des Moderators, inhaltsloses Gelaber der Gäste zu beenden und wieder aufs Thema zu lenken. Mittlerweile grätschen die aber schon nach den ersten Sätzen in die Argumentation, werfen mit Fakten-Check, Video-Schnipseln und Social-Media-Zitaten um sich. Gruselig.
  • Am Freitagabend, ab 22:00 Uhr dagegen, soll es etwas lockerer zugehen. Prominente plaudern aus ihrem Leben. Das lässt sich zwar leicht verdauen, kann aber auch sehr ermüdend sein. Zum einen, weil man nicht weiß, ob der interessante Gast, bereits dran war oder erst kurz vor Mitternacht sprechen darf. Zum anderen, weil sich kein vernünftiges Gespräch ergibt. Während ein Gast antworten darf, hocken sieben andere daneben, trinken Wein, naschen Käsecracker und tun ganz interessiert.

Zum Glück gibt es noch wenige Formate, die da hoffen lassen. Da treffen sich zwei Menschen, sitzen gegenüber und reden eine Stunde lang. Das Gespräch gewinnt an Tiefe. Keine Werbung, keine MAZ, einfach nur so reden. Wie früher am Feuer. Großartig, erhellend und inspirierend. Mehr davon bitte!

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72) Wortwahl: Erzen und Unsen

Das Siezen und Duzen ist allbekannt ein komplexes Thema. Ein paar Buchstaben machen einen Riesen Unterschied aus. Mit ihnen schwingen Respekt, Altersunterschied, Nähe, Sympathie, Amt und Status durch den Raum. 

Man weiß nicht so genau, wer zuerst das „Du“ anbieten kann oder sogar soll, also wartet man auf die nächste Weihnachtsfeier. Mit Glühwein auf der Zunge, fällt uns das anscheinend leichter.

So richtig verwirrend ist aber das sogenannte „Erzen“:

Wenn mir mein Fahrlehrer damals Anweisungen gab, sprach er mich immer in der dritten Person an.

  • Kann er mal rechts abbiegen?
  • Hat er ganz gut gemacht!
  • Er darf mal bitte rechts halten.
  • Da sollte er aber in den Spiel schauen!
  • Muss er denn immer noch im dritten Gang fahren?

Vielleicht bin ich deshalb durch die praktische Prüfung gefallen, weil ich nicht wusste von wem er eigentlich die ganze Zeit spricht.

Wikipedia sagt: Im 17. und 18. Jahrhundert war auch die Anrede mit Er, das Erzen, in unterschiedlichem Kontext in weitem Gebrauch. Es konnte durch Vorgesetzte und Standeshöhere verwendet werden, um eine gewisse Geringschätzung oder einen Vorwurf zu vermitteln.

Na vielen Dank auch Herr Fahrlehrer!

Auch sehr lustig, is die Ansprache in der Wir-Form:

  • Etwa beim Zahlen: Ham‘wa denn `ne Kundenkarte?
  • Oder beim Pförtner: Wen suchen `wa denn?
  • Gar beim Doktor: Na, wie gehts uns denn heute?

Da würde ich am liebsten antworten: „Gut soweit und selbst so?“

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66) Wortwahl: In die Luft gesprengt

Dieser Tage wird viel über die Wahl unserer Worte diskutiert. Brutal, hässlich und beleidigend geht es da streckenweise im Netz zu. Korrekt. Das muss sich ändern.

Manchmal fallen mir aber auch andere, zunächst harmlos erscheinende Formulierungen auf, die wir, aber auch selbst die Nachrichten, völlig selbstverständlich nutzen.

Zum Beispiel:Der Attentäter hat sich in die Luft gesprengt“ oder so ähnlich. Da zucke ich jedes Mal zusammen, wenn ich das höre. Warum “in die Luft”? Ist das wichtig? Spielt das eine Rolle?

    1. Soll es die Sache verniedlichen? Ist es etwa so wie bei Tom und Jerry, dass man gerade hoch in die Luft fliegt, dort oben kurz verharrt, doof in die Kamera schaut, dann wieder pfeifend auf den Boden fällt und sich eine Beule einfängt?
    2. Ist es vielleicht unsere christlich geprägte Vergangenheit, die hinter dieser „Luft“ nahtlos den ersehnten Himmel erwartet? Aber der Himmel würde doch hoffentlich für den Attentäter die Tür verrammeln oder?
    3. Oder sind solche Explosionen wirklich so stark, dass nichts außer Staub und „Luft“ übrigbleibt. Glaube ich eher nicht.

Nun bin ich weder Sprengstoffexperte noch Forensiker, aber ist es nicht eher so, das Körperteile abgerissen, durchgerissen und im Umkreis der Explosion überall verteilt werden? Sorry, für die unappetitlichen Bilder, die sich in den Köpfen bilden, aber wenn es so ist, dann sollte man das auch sachlich formulieren. Keine Ahnung wie. Aber jemanden „in die Luft“ sprengen oder gar „jagen“ oder „gehen zu lassen“ wird dem Übel nicht gerecht.

„Der Attentäter hat sich selbst und zehn umstehende Menschen mit Sprengstoff getötet.“ Punkt. Schlimm genug, aber das ganze Drumherum macht‘s doch nicht besser.

Gerade zufällig im Internet gefunden:

„DIE WASSERLEICHE AUS DER ELBE IST NOCH NICHT IDENTIFIZIERT
Der unbekannte Tote hat sich in die Luft gesprengt“
http://www.kreiszeitung-wochenblatt.de/stade/c-blaulicht, 19.08.2019

What?

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23) Ohne Worte

Der neue Spüli tat zwar schon Tagen seinen Küchendienst, sah aber noch etwas „roh“ und „industriell“ aus. Ihm fehlten Deckel und Front. Mangels Zeit, hatte ich ihn nur dürftig mit Wasser und Strom versorgt, die komplette Montage in die Einbau-Küche aber erst einmal vertagt. Denn das kleine gedruckte Handwerker-Männchen auf der Montage-Anleitung drohte mit 2-3 Stunden Aufbauzeit. Ach du meine Güte! Heute hatte ich mich nun dazu durchgerungen. Als ich die Aufbau-Anleitung vor mir ausbreitete, hätte ich sie am liebsten gleich wieder zusammengefaltet und das Vorhaben abgebrochen. Das Papier maß stolze 60 x 60 Zentimeter. Und bestand nur aus Bildern. Ich meine, ich bin ja durchaus ein Freund von Bildern, sagen sie doch bekanntermaßen mehr als tausend Worte. Aber nur Bilder? Und dann noch so viele? Vom Schwedischen Standard-Regal kennen wir das ja alle schon, aber einen Spüli passgenau, inclusive Front, in die Küche zu integrieren, ist eine andere Liga, als „Billy“, „Hemnes“ oder „Liatorp“ mit einem Inbus-Schlüssel zum Leben zu erwecken. Schon nach den ersten Bildchen traten Widersprüche auf und Fragezeichen schwirrten über mir. Manche gedruckten Symbole, Handschläge und Werkzeuge machten irgendwie keinen Sinn bzw. fehlte mir einfach ein klarer Imperativ. „Nimm Schraube 4b und versenke sie in Loch B“, zum Beispiel. Zum Glück waren am Rand der Anleitung QR-Codes gedruckt, die zu kurzen Filmchen führten. Schon mal viel besser, aber auch die waren ohne Ton und bei den anspruchsvollen Stellen sehr hastig und ungenau. Der Hersteller macht es sich einfach, er muss nichts mehr übersetzen. Das Abenteuer ist auf unsere Seite und versüßt uns das Wochenende. Schönen Restsonntag noch!

Frühere Beiträge zu weißer Ware und deren Eigenwillen

PS: auf anderen, weniger komplexen Produkten, findet man durchaus noch Wörter in allen möglichen Sprachen gedruckt, auch wenn es immer dieselben sind 😉

 

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