5) New Work – Teil 2

Fortsetzung …

Gong. “Noah, Dein Frühstück steht an der Tür bereit“, spricht die Stimme aus der Zimmerdecke. Er verlässt das Bad und öffnet die Tür seiner Micro-Flat.

Auf der Fußmatte vor seinen Füßen rangiert eine autonom fahrende Thermophore auf Rädern. Ein koffeinhaltiges Heißgetränk, ein Power-Bagel und ein Syntex-Ei erwarten ihn jeden Tag um 06:15 Uhr an dieser Stelle. Er geht einen Schritt beiseite, und lässt die Thermophore durch sein Zimmer und weiter direkt zur Arbeitsecke rollen.

Er stellt das Gerät auf seinem Multi-Desk ab und beginnt, direkt aus der Kiste zu essen. Seitdem ihn die Betriebskantine auf diese Weise dreimal täglich versorgt, konnte er weitere 90 Minuten Arbeitszeit täglich generieren. Kein zeitraubendes Tischdecken mehr, kein Abwasch und Geschirrordnen. Der damit zusätzliche Verzicht von zehn Quadratmeter Mietfläche für eine kleine Küche kommt ihm auch sehr gelegen.

Während er über die Thermophore gebeugt sein Frühstück einnimmt, lässt er sich vom Ultra-Short-Message-Service (USMS) vorlesen. Dieser Dienst vermitteltet ihm täglich die Nachrichten der Prioritätsklasse 2 auf extrem kompakte Weise und er hat dabei die Hände frei für sein Frühstück. Früher hatte er sich morgens bei Twitter informiert, aber das Scrollen und Lesen der langen Texte war dann auf Dauer eher  zeitraubend und ineffizient.

Gegen 06:25 Uhr legt er einen Fitness-Belt um seine Hüften. Die Betriebskrankenkasse hat ihm den verordnet. Seit der Klima-Krise in den 2020-er Jahren, ist der Individual-Verkehr in der Stadt stark eingeschränkt worden. Human-Ressourcen seiner Klasse fahren seither nicht mehr ins Büro, sondern arbeiten nur noch von zu Hause. Um den Bewegungsmangel zu kompensieren, stimuliert der Gürtel nun das Gewebe in der Bauchgegend. Er soll in Form bleiben und weiterhin in seinen jetzigen Overall passen.

Wehmütig denkt er 06:27 Uhr kurz an die 2010-er Jahre zurück. Eine Zeit, als man begann andere Arbeitsformen zu diskutieren. New Work hieß das damals. Mehr Flexibilität sollte her, mehr Geschwindigkeit, mehr Agilität. Zunehmend selbständiges Handeln der Human-Ressource, weniger Zeit und Kommando-Strukturen in den Firmen. Mobile Work, Virtual Meetings, Collaboration Platforms, Desk Sharing, Job-Rotation, Gig Economy und Clickwork. Und natürlich auch eine verbesserte Work Live Balance.

„Ach wie romantisch. Und was ist draus geworden?“, fragt er sich.

Fortsetzung unten …

—> New Work – Teil 3

<— New Work – Teil 1

4) New Work – Teil 1

Gong. „Guten Morgen Noah, es ist Dienstag 06:00 Uhr, wir haben den 19. November, du musst aufstehen“, säuselt eine Frauenstimme von der Zimmerdecke und fährt mit dem alltäglichen Briefing fort.

„Nachrichten der Prioritätsklasse 1: Textilfabrik in Indien explodiert, Jahrhundert-Sturm in Florida, Frankreich geht in die nächste Fraxit-Verhandlung, letzter Mensch verlässt für immer Bangladesh. Relevanz für deinen heutigen Arbeitstag: Keine

Nachfolgend die Incidents des gestrigen Abends: Die Kollegen in USA melden ein Severity 1-Issue mit dem Upload, das Team in Mexico erwartet Unterstützung beim Test, in Brasilien gab es Probleme bei der Migration der Daten.

Ausblick auf den Tag: Erstes Meeting in T minus 30. Australien erbittet Support, nur Severity 2, aber seit drei Tagen unbeantwortet. Weitere Holo-Cons folgen dann jede halbe Stunde. Reminder und Dossiers liefere ich wie üblich jeweils zwei Minuten vorher. Das Briefing für den Nachmittag erfolgt 12:30 Uhr während deines E-Lunchs.“

Er steht auf und schlurft zum Bad nebenan. Er ist sehr glücklich über seine Micro-Flat, erspart sie ihm doch viele Laufwege, die sich in der alten Wohnung über den Tag doch zu einer nennenswerten und unproduktiven Zeitverschwendung von ca. 30 Minuten aufsummierten. Große Wohnungen sind eh aus der Mode gekommen. Seitdem eigentlich nur noch gestreamt wird und das Anschaffen von CD’s, DVDs, Büchern eher etwas für Messis und Nostalgiker geworden ist, braucht auch er keinen Platz mehr für all das Zeug.

Im Bad setzt er sich aufs Klo. Das Urinieren im Stehen wäre zwar effizienter, wurde aber bereits vor Jahren zu Gunsten der Geschlechtergerechtigkeit von seiner Firma verboten. Sensoren in den Bodenfliesen melden Verstöße an den Arbeitgeber und Vermieter und führen zu unnötigen Minus-Punkten auf seinem Social-Credit-Konto.

Um die Zeit auf dem Klo etwas besser zu nutzen, beginnt er schon einmal, sich die Zähne zu putzen. Er fragt sich, warum immer noch keine Technologie erfunden wurde, um die Dauer dieses lästigen Vorgangs unter eine Minute zu bringen. Solange das Zähneputzen drei Minuten dauert, lässt es sich schlecht mit dem Wasserlassen parallelisieren.

Bei der Haarpflege hingegen gab es bereits deutliche Verbesserungen. Noah setzt sich eine Haube auf den Kopf und in Windeseile rasieren Nano-Roboter sein Gesicht, stutzen ihm die Haare und epilieren Härchen in Ohren und Nase. Die Haube wurde vom Arbeitgeberverband konzipiert und verschafft der Human-Ressource ein ordentliches Aussehen. Zusätzlich eine tägliche Zeitersparnis von durchschnittlich 13,5 Minuten und Frisörbesuche während der Arbeitszeit sind unnötig.

Die Kleidung wechseln muss er nicht. Human-Ressourcen seiner Klasse tragen rund um die Uhr einen Overall. Spezielle Textilfasern sorgen dafür, dass Dreck nicht an ihnen haftet und der Geruch von Körperflüssigkeiten neutralisiert wird. Das Anschaffen, Reinigen und Ordnen von Kleidung entfällt vollends. Bei durchschnittlich 364 Arbeitstagen im Jahr bringt der Verzicht auf wechselnde Kleidung einen Arbeitszeitzuwachs von 182 Stunden p.a. plus Einsparung der Fläche für Kleiderschrank, Waschmaschine und Wäscheständer.

Fortsetzung hier …

—> New Work – Teil 2

23) Zeitumstellung auf Korfu

Habe ich nicht kürzlich erst darüber geschrieben, wie nervig es ist, die Zeit unserer analogen Geräte von Hand für den Winter umzustellen? Habe ich darin nicht gelobt, dass das all die smarten Geräte ganz selbständig machen? Ja, habe ich. Und zwar hier zum NACHLESEN.

Warum nun noch ein Beitrag dazu? Ganz einfach. Aber der Reihe nach:

Samstag 27.10.2018:

  1. 19:00 Uhr: Wir sind beim Abendessen und sprechen darüber, dass in der folgenden Nacht die Uhren umgestellt werden. Zumindest in Deutschland. 
  2. 19:02 Uhr: Uns trifft es aber nicht, denn wir sind in Griechenland. Wir müssen halt bei Rückkehr einfach nur zwei Stunden statt einer Stunde zurückstellen. Punkt. Thema beendet.

Sonntag 28.10.2018:

  1. Ich werde kurz wach, öffne ein Auge und sehe, dass es schon hell ist. Na klar, die Klo-Tür steht offen, es dringt Tageslicht ins verdunkelte Zimmer. Deshalb ist es hier so hell. Mir egal, meine Frau und die Kids schlafen noch. Augen wieder zu.
  2. 08:13 Uhr: Ich schaue auf die Uhr meines Handy und raffe mich dann doch mal auf. Eine innere Unruhe treibt mich an. Meine Frau liegt neben mir und liest ein Buch. Die Kids schlafen aber noch. Alles schön friedlich hier, so muss ein Sonntag sein. Ich gehe derweil mal duschen und höre übers WLAN mein Berliner Radio. Da hat sich aber nicht viel verändert. Die üblichen Baustellen, eine Straßensperrung und eben die Zeitumstellung in Deutschland. Wie zu erwarten. Weit weg.
  3. 09:00 Uhr: Mit Blick auf meine Handy-Uhr treibe ich die Herde zum Frühstück, ich habe Hunger. Mein Sohn auch. Das ist eigentlich ungewöhnlich, aber irgendwie auch wieder logisch. Er hat wenig gegessen am letzten Abend.
  4. 09:05 Uhr: Auf dem Weg zum Restaurant fällt mir auf, wie angenehm warm es schon ist. Da haben wir wohl echt Glück für die letzten beiden Tage hier auf Korfu.
  5. 10:30 Uhr: Wir starten ein paar Runden Tischtennis und Billard. Viel mehr gibt es auch nicht mehr im Angebot hier. Die Hotel-Anlage ist wie ausgestorben, man geht auf das Saison-Ende zu. Es wirkt, als wären alle anderen Gäste in eine andere Zeit gereist und hätten uns hier vergessen.
  6. 12:00 Uhr: ich schaue wirder auf die  Handy-Uhr und bin erstaunt, dass schon wieder „Lunch time“ ist. Wieder treibe ich die Sippe an, denn wir wollten am Nachmittag Korfu’s Norden erkunden.
  7. 13:00 Uhr: Letzter Blick auf mein Handy, wir verlassen den Hotel-Parkplatz in Richtung Norden
  8. 14:20 Uhr: Ich schaue auf den Tacho des Fiats und die kleine rote Uhr darunter. Häähhh? Wie geht das denn? Wir sind doch gerade erst losgefahren. Wie kann es schon 14:20 Uhr sein? Gab’s hier etwa doch eine Zeitumstellung? Nein, das kann ja gar nicht sein. Die Uhr im Fiat ist ja „weiter“ als alle unsere anderen Handy-Uhren und zum Winter wird doch immer „zurück“ gestellt. Na ja, ist halt ein Fiat… Egal. Wir fahren weiter. Wir lassen uns die Zeit nicht von einem kleinen Fiat diktieren!
  9. 15:00 Uhr im Tacho: Wir durchfahren Korfu-Stadt und haben noch ein ganzes Stück Fahrt vor uns. Aber egal, es ist ja erst 14:00 Uhr. Also haben wir genügend Zeit.
  10. 16:00 Uhr im Tacho: Wir kämpfen uns mit dem kleinen Auto auf den höchsten Berg Korfus hinauf. Es wird dunkler. Ein Unwetter zieht auf , das wird der Grund sein.
  11. 16:10 Uhr im Tacho: Wir brechen die Befahrung des „Pantokrator“ kurz vor dem Gipfel ab. Die Sache wird uns zu heikel. Nebel, Sturm und wackelnde Bäume lassen Vernunft und Verantwortung siegen. Wir beschließen, zurück zu fahren. Läuft alles nach Plan, sind wir in knapp 90 Minuten zurück im Hotel und können die Beine lang machen.
  12. 17:30 Uhr im Tacho: Wir biegen zum Hotel links ab und wundern uns über die Lichter in der Einfahrt. Wie kann das sein, es ist doch erst 16:30 Uhr? Egal. Geschafft von all den Serpentinen, freuen wir uns alle auf zwei Stunden individuelle „Chill-Out-Time“. Irgendwie sind wir alle ganz schön platt von der Fahrt. Kein Wunder, ist halt ein kleiner Fiat.
  13. 18:30 Uhr: Ich schaue wieder auf mein Handy und bemerke, dass es anscheinend schon wieder Zeit fürs „Dinner“ ist. 
  14. 18:31 Uhr: Meine Frau antwortet, dass es draußen auch schon stockdunkel ist.
  15. 18:32 Uhr: Wir fragen uns alle, warum sich die Chill-Out-Time so kurz anfühlte und gehen zum Essen.
  16. 20:30 Uhr: Ich fange an, diesen Beitrag zu schreiben.
  17. 21:30 Uhr: Es wird plötzlich sehr ruhig im Zimmer, die Kids reiben sich schon die Augen. Was ist nur los hier?? Ich fühle mich auf einmal wie zurück in die deutsche Zeit versetzt. Aber welche deutsche Zeit? Die von vor der Abreise? Die Zeit von gestern?  Oder die deutsche Zeit von heute? Oh je….

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21) Zeitumstellung

Kaum werden die Tage kürzer, droht schon wieder die Zeitumstellung für den Winter. Ich mag die Zeitumstellung nicht. Mir geht es aber gar nicht um diese eine Stunde, die uns mal geschenkt oder mal entzogen wird. Damit komme ich ganz gut klar. Das kommen wir doch alle, wenn wir für den Urlaub durch die Welt fliegen, oder? Was mich nervt, ist eher die Umstellung der Zeit bei uns zu Hause. Alle neuen smarten Geräte lösen das irgendwie selbständig. Großartig. Die analogen Uhren an den Wänden allerdings, sind da weniger smart. Nach und nach klappern wir also die Zimmer ab, klettern auf Stühle und Hocker, um an sie heranzukommen. Kaum hat man eine Uhr abgenommen, hat man schon wieder vergessen, welche Zeit man gerade auf der vorigen eingestellt hat. Außerdem ist die Zeit ja schon weiter vorangeschritten, das muss man ja berücksichtigen. Also läuft man wieder zurück oder man schreit die aktuelle Zeit durch die Wohnung. Ist das dann abgeschlossen, entdeckt man nach und nach weitere Mini-Uhren, die auch noch umgestellt werden wollen. Zum Beispiel im DVD-Player, in diversen Weckern, in der Mikro-Welle, in der Pulsuhr und natürlich auch im Auto. Den wiederkehrenden Höhepunkt bildet aber unser Backofen. Auf dem Tastenfeld ist nicht wirklich zu erkennen, wie man nun die Uhrzeit einstellt. Man kann sich nur durch verschiedene Zeitsymbole durchschalten und raten was sie bedeuten sollen. Das erste Symbol sieht aus wie die Startzeit, das zweite soll vielleicht die Laufzeit darstellen, das dritte könnte ein Countdown sein, dann folgt so etwas wie die Abschaltzeit und zum Schluss endlich die Uhrzeit. In der folgenden Nacht lauschen wir, ob der Backofen anspringt und am nächsten Morgen stellen wir fest, dass alle Uhren leicht abweichen. Mal sehen, vielleicht ist ja bald Schluss damit.

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