92) Hatz, Hast und Hetze

Über Hass und Hetze wird viel geschrieben. Zurecht, denn da gibt es ein paar sehr gefährliche Entwicklungen. Aber heute will ich mal über Hatz, Hast und Hetze in Berlin schreiben.

Denn gerade wenn man nach längerer Zeit wieder zurück nach Berlin kommt, merkt man sofort, wie scheinbar irre hier doch alle sind.

Hat man sich im Ausland irgendwann damit abgefunden oder sogar angefreundet, mit 90 km/h unterwegs zu sein, hat man das Laissez-faire und eine gewisse Langsamkeit genossen, ist das spätestens mit dem Überfahren der Berliner Stadtgrenze vorbei.

Man fragt sich unweigerlich: Habe ich vielleicht die Benimmregeln am Ortseingangsschild übersehen?

 

Achtung, Sie betreten den Sektor Berlin.

Ab sofort eilen Sie mit Tunnelblick durch die Straßen. Schauen Sie dabei möglichst griesgrämig drein und/oder auf Ihr Handy.

Gehen Sie bloß nicht zu langsam. Die Richtgeschwindigkeit beträgt mindestens 20 Prozent über normal.

Blockierte Rolltreppen dürfen ausdrücklich mit Schnaufen, Augenrollen oder der Aufforderung „Ick hab ja Zeit“ geräumt werden. Im Zweifel quetschen Sie sich einfach vorbei. Ob dabei jemand vornüberkippt, ist zweitrangig.

Sollten Sie irgendwo warten müssen, machen Sie durch hektisches Schauen, Seufzen und demonstratives Kontrollieren der Uhr deutlich, dass Ihre Zeit wertvoller ist als die aller anderen Herumirrenden.

Wird im Supermarkt zögerlich eine zweite Kasse aufgerufen, verlassen Sie unverzüglich die bisherige Schlange und arbeiten sich in Wayne-Rooney-Manier durch das Mittelfeld nach vorn zum Ziel. Wer zuerst an der neuen Kasse steht, hat gewonnen.

Erwachsene Radfahrerinnen und Radfahrer sind gehalten, bevorzugt die Fußwege zu nutzen. Das verschafft einen zeitlichen Vorteil und schont auf dem vorkriegszeitlichen Berliner Straßenpflaster Fahrrad, Handgelenke und unteren Rücken.

Ampelsignale sind ab sofort weitgehend irrelevant, bestenfalls Empfehlungen. Auch wenn Kinder am Straßenrand stehen, müssen Sie selbstverständlich kein Vorbild sein.

Wenn eine Bahn das Abfahrtssignal gibt, werfen Sie sich mit aller Kraft gegen die Türen. Blockieren Sie diese mit Rucksäcken, Taschen oder allem anderen, was Sie gerade dabeihaben. Sie haben schließlich einen Anspruch auf genau diese Bahn.

Sollte die Bahn trotzdem abfahren, hämmern Sie wütend gegen die Türen, spucken Sie gegen die Scheiben und flippen Sie ruhig ein wenig aus.

Nimmt Ihnen jemand die Vorfahrt, steigen Sie aus, gehen Sie zum Fenster des anderen und drohen Sie ihm Prügel an. Vergessen Sie dabei bitte nicht, ordentlich zu blöken. Schließlich müssen auch alle anderen Verkehrsteilnehmer und Anwohner erfahren, dass Ihnen gerade Unrecht widerfahren ist.

Und sollten Sie dieses Schild übersehen haben: Keine Sorge.

Es ist ansteckend. Sie werden sehen.

Willkommen in Berlin.

 

PS: Titelbild via KI

799) Europa – Australien non stop

Ein Airbus A350 mit Zusatztank hat es kürzlich nonstop von Toulouse nach Sydney geschafft. In knapp über 24 Stunden, über zwei Ozeane und mit zwei Sonnenaufgängen.

Rein technisch gesehen ist das schon ein Knaller. Ökologisch dürfte es auch etwas besser sein, weil nur noch einmal gestartet wird. So weit, so gut. Aber was soll ich da oben 24 (!) Stunden eingesperrt in einer Metallröhre machen?

Start und Landung brauchen ungefähr 1,5 Stunden.
Drei- oder viermal essen: vielleicht 3 Stunden.
Toilette inklusive Anstehen: 30 Minuten.
Drei Nickerchen: optimistische 5 Stunden.
Umherwandern, stretchen und im Gang herumstehen: 1 Stunde.

Bleiben immer noch … 13 Stunden!

Das wären ungefähr sechs Filme. Da weiß ich am Ende doch gar nicht mehr, ob Shah Rukh Khan gegen Apollo Creed in Rocky II gewonnen hat oder ob es doch Stallone oder am Ende der Costner war, der mit der hübschen Deepika durchgebrannt ist, um anschließend farbenfroh durch Bollywood zu tanzen, bevor die Lakota-Sioux auf ihre Weise mit dem Wolf getanzt haben. Da kriege ich ja “vierecksche Oochen”, wie mein lieber Großvater immer sagte.

Gut, ich könnte mir etwas zum Arbeiten mitnehmen. Dafür bräuchte ich allerdings eine Powerbank so groß wie ein Tetrapak Milch, Highspeed-Internet, einen höhenverstellbaren Schreibtisch, zwei Bildschirme, eine Kaffeemaschine in Reichweite und ein Whiteboard.

Und vorher müsste ich vermutlich noch beim Arzt und im Sanitätshaus vorbeischauen. Schmerztabletten, Halskrause, Ganzkörper-Thrombosestrümpfe bis über die Ohren, eine Monatspackung Augentropfen, Beruhigungspillen und vielleicht noch einen kleinwüchsigen Physiotherapeuten im Handgepäck.

Oder ich schaue vorher mal an den einschlägigen Ecken in Berlin vorbei. Vielleicht gibt’s da ja etwas unter der Hand, das mich einfach für ein paar Stunden ausschaltet. Aber bitte mit Garantie und Kassenbon. Denn so, wie ich mich kenne, wache ich erst kurz nach dem Start des Rückflugs wieder auf.

Ich glaube, ich würde dann doch den Zwischenstopp wählen …

Frühere Beiträge aus Melbourne:

—> Postkarte aus Melbourne 1

—> Postkarte aus Melbourne 2

—> Schlaflos in Melbourne

PS: Titelbild via KI

724 ) Blick auf die Uhr

Uhren gehören vermutlich zu den meist betrachteten Objekten der Neuzeit. Jeder hat gleich mehrere im Umfeld oder weiß zumindest, wo die nächste zu finden ist. Vielleicht nicht auf den abgelegenen Inseln der Andamanen oder Papua-Neuguineas, aber selbst die Menschen dort haben irgendeine Art von „Uhr“, sei es der Mond, die Sonne oder die Gezeiten. Auch wenn sie kein Netflix haben oder um 5:30 Uhr den Bus kriegen müssen, werden sie doch wahrscheinlich ihren Tag mit bestimmten Zeitimpulsen strukturieren.

Tja, und dann schauen wir also alle mehrere Dutzend Male am Tag auf Uhren, ganz beiläufig, nur eine kleine Bewegung aus dem Handgelenk oder dem Augenwinkel. Die Gründe und Emotionen, die damit einhergehen, sind jedoch völlig verschieden.

  • Da wird ein Kleinkind zur Mittagsruhe verdonnert, schaut alle paar Minuten auf die große Uhr am Swimmingpool und wartet darauf, dass die Kinderanimation endlich wieder öffnet.
  • Ein Vater packt das Nötigste ins Auto und wirft einen Blick auf die Tacho-Uhr, denn nur noch eine letzte Fähre wird die Insel vor dem großen Sturm verlassen.
  • Eine Raucherin sitzt auf Platz 14A und starrt auf die Anzeige im Sitz vor ihr. Von sechs Stunden Flugzeit ist erst eine Stunde geschafft.
  • Ein Manager wacht nachts auf, geht ins Bad, wirft einen Blick auf die Uhr über dem Spiegel und kriecht mit einem Lächeln wieder unter die Bettdecke.
  • Ein Paar steht verliebt am Bahnhof; bald werden sie für längere Zeit getrennt leben müssen. Sie klammern einander, schmusen und zwischendurch wandern ihre Blicke immer wieder hoch zur Bahnhofsuhr.
  • Eine Abiturientin sitzt über viel Papier gebeugt und blickt auf die Uhr über der Tür. In wenigen Minuten wird die Aufsicht die Prüfungsblätter einsammeln.
  • Eine Astronautin sitzt festgeschnallt an der Spitze einer Rakete. Der Countdown läuft, unter ihrem Sitz beginnt ein heftiges Vibrieren.
  • Ein Patient tritt aus der Klinik, schaut auf die Uhr und atmet tief aus. Er war am Morgen mit größter Angst gekommen und geht nun erleichtert nach Hause.
  • Eine Großmutter lehnt am Fensterbrett und sieht zur Kuckucksuhr hinüber. Morgen sollen die Kinder zum Kaffee kommen.
  • Eine Musikband gibt ein Abschlusskonzert, klitschnass und erschöpft. Das Stadion tobt. Der Drummer hebt die Sticks und eröffnet den letzten Song der Tournee.

Jeder schaut anders auf die Uhren und was die Menschen dabei letztlich empfinden, können wir nur erahnen … und wir können uns auch täuschen.

PS: Titelbild via ChatGPT

 

395) Winter? Gar nicht meins

Habe ich schon mal gesagt, dass ich kein Fan von Winter bin? Ich meine nicht den Winter im Winder Wonderland … klingeling … Ski … Party … Schlittenparadies … Jucheewieschön. Nein, ich meine den Winter hier in der Großstadt. Grau, feucht, kalt, rau, ruppig, widerlich, unfreundlich, ungemütlich.

Und überhaupt, früher war mehr Weihnachten, es war nich‘ so kalt und es gab noch Lametta 😉 … sidekick.

Das Wetter schlägt mir auf‘s Gemüt, jedes Jahr. Kann ich drauf warten. Jetzt schon, wo noch nicht mal Januar ist. Das zieht mich runter, bremst meinen Antrieb und fesselt mich in der Höhle. 

Heute war ich 15:30 Uhr mal vor der Tür, eine Besorgung im Schreibwarenladen machen und siehe da, etwas „Blau“ schimmerte durch die grauen Wolken über der Kreuzung. Kaum zu Sehen, aber ein Lichtblick. Heute ist der 21. Dezember, wir haben den kürzesten Tag des Jahres, ab heute geht’s bergauf. Na endlich!!

Und ich komme immer wieder zu dem Schluss, dass ich auch gern im „Warmen“ leben könnte. Der Gedanke nagt beharrlich an mir. So nett die Trips nach >Schweden und >Norwegen auch waren, ich könnte da nur den Sommer überstehen, dann muss ich irgendwo anders hin. Ins Licht.

Neulich habe ich eine Doku über ein Paar gesehen, die hoch im Norden überwintert haben. Nie und nimmer. Mach ich nich‘, für kein Geld der Welt. 

Warum bloß gibt‘s für Menschen noch keinen Winterschlaf … ich wüsste da einen … der würde das glatt mal probieren. Also ich frag‘ für `nen Freund 😉

Andere Beiträge zum Thema:

222) Innehalten

Neulich wurde mir ein Messgerät angelegt, welches in festen Zeitabständen das tun sollte wozu es gebaut wurde. Messen. Das Gerät mag aber nicht messen, wenn man unruhig ist oder zappelt.

Dann verstärkt es seine Bemühungen oder bricht den Vorgang ganz ab. Um es dann ein paar Minuten später erneut zu versuchen. Sturer Computer! Nun hatte ich aber überhaupt keine Lust, meinen Tag in so kleine Einheiten zu schneiden, dass es dieser Maschine in den Kram passt. Die Messungen sollten schließlich realistisch sein, also soll sich dieses Ding doch bitte nach mir richten und nicht andersherum. Also erledigte ich was nötig war, drinnen wie draußen. Innerhalb der eigenen vier Wände, konnte ich meine Aufgaben jederzeit unterbrechen.

Draußen war das aber anders:

  • Da lief ich fast allein auf dem Fußweg, auf einmal piepte das Gerät und kündigte seine nächste Messung an. Ich lief natürlich weiter, denn ich konnte ja nun nicht einfach stehen bleiben. Keine Zeit. Die Messung brach ab und wenig später holte das Gerät zu einem weiteren Versuch aus. 
  • Da überquerte ich aber gerade eine Ampel, da konnte ich ja nun unmöglich anhalten, sonst würde in Kürze ein Hup-Konzert einsetzen. 
  • Ich ging also weiter, wenig später folgte der nächste Versuch, hinter mir liefen Fußgänger und unterhielten sich angeregt. Wenn ich nun auf einmal zum Stillstand käme, würden die mir hinten drauf laufen. 
  • Der nächste Versuch dann mitten auf einem Platz. Diesmal hielt ich an, genau in der Mitte. Kam mir dabei total doof vor. Da stand ich nun, einfach so und liess die Messung geschehen. Da kreuzte ein Passant auf und glotze mich fragend an. Ich zog mein Handy, gab mich beschäftigt.
  • Später am Tag dann noch einmal eine Messung. Diesmal war der Fußweg knacke-voll, die einzige Möglichkeit einen Grund zum Stehenbleiben zu suggerieren, war der Blick in das nächstgelegene Schaufenster. Ein Coaching-Laden offerierte „Familienberatung – Sexualberatung – Suchtberatung“. Na wunderbar. Eingehend studierte ich also die Flyer und Poster im Schaufenster, dann war die Messung abgeschlossen.

Stell‘ ich mich da nur so an? Warum können wir Menschen (… oder zumindest ich …) nicht einfach mal zum Stillstand kommen und für einen Moment innehalten? Einfach so. Was ist daran so schwer? Könnt Ihr einfach so stehen bleiben? Ohne aus Verlegenheit irgendetwas zu tun? Einfach nur dastehen und in die Luft gucken?

Schon mal gemacht?

Ähnliche Beiträge:

163) Zeit 2

Neulich hat die Sanduhr des Brettspiels den Geist aufgegeben. Sie verlor Sand. Also Zeit für die Spieler. Und nur während des Spiels. Die Zeit um uns herum lief ja weiter.

Ein schöner Anstoß, um mal etwas über die Zeit nachzudenken:

Häufig ist uns Zeit zu knapp bemessen. Dann hetzen wir von A nach B, versuchen noch die Bahn zu bekommen oder pünktlich zu einem Termin zu erscheinen.

Sportler und Logistikunternehmen werden sogar dafür belohnt oder bezahlt, dass sie für ihre Aufgabe so wenig Zeit wie nur möglich benötigen.

Häufig ist die Zeit ausschlaggebend für das Ergebnis. Denken wir an verbrannten Kuchen, labbrige Pommes oder Zeitschinderei beim WM-Finale.

Manchmal haben wir kurzfristig zu viel Zeit. Meistens dann, wenn wir auf irgendetwas warten und uns nicht beschäftigen können. Statt sie zu genießen, wird sie dann zur Qual.

Im gleichen Moment rennt sie anderen davon, wenn sie schwerkrank wissen, dass sie ihre Augen bald für immer schließen werden und sich vielleicht nicht einmal verabschieden können. Ein furchtbarer Gedanke. 

Die Ökonomen haben die Zeit sogar dem Geld gleichgesetzt, so dass alles, was irgendwo unproduktiv herumsteht (sei es Mensch oder Material) Geld kostet und ausgemerzt werden muss. Ganze Berufszweige verbringen damit Zeit und verdienen wiederum ihr Geld, um diese Sekunden zu finden.

All die Menschen, die aktuell nicht arbeiten können, haben unerwünscht zu viel Zeit. Während Mieten, Pachten und Gehälter weiter gezahlt werden müssen, fehlt es nun an Einkommen und es geht ihnen an die Substanz.

Ob man verlorene Zeit wieder aufholen kann, wird sich noch zeigen. Kann man doppelt so viel ins Kino gehen, verreisen und im Hotel übernachten? Wird im nächsten Jahr über Tag und Nacht Theater und Geige gespielt? Siehe auch Beitrag >Postpandemische Belastungsstörung

Aber selbst wenn man Geld wie Heu hat, kann man sich Zeit nicht erkaufen. Man kann zwar Leute beschäftigen, um währenddessen etwas anderes tun zu können, aber wirklich mehr Zeit entsteht ja dadurch auch nicht. Der Tag hat weiterhin 24 Stunden.

Zeit wird immer nur „weniger“, sie nimmt nicht zu, oder? Man kann nicht mehr Zeit generieren, es sei denn man fliegt von Tonga nach Samoa, aber dann musst du unbedingt rechts lang fliegen, sonst machst du sogar noch Miese, oder? Und du müsstest in Samoa bleiben, darfst nie wieder zurück.

Also, es wird Zeit, ich muss weiter.

Euch eine schöne Zeit!

Macht was draus.

125) Corona-Lektionen 34

Sind seit dem letzten Beitrag dieser Reihe (>hier) wirklich schon wieder drei Wochen vergangen? Mensch, die Zeit rast doch, oder? War das eigentlich vor Corona auch schon so? Viele sagen ja, sie hätten kein Gefühl mehr für die Zeit, die so vergeht.

Andere berichten, sie fühlen sich in einer anderen Realität. In mehreren Realitäten sogar. So geht’s mir auch. Und solche Realitäten, die sollen heute mein Thema sein.

Widmet man sich den Nachrichten, gibt’s aktuell verschiedene Realitäten:

  • Da gibt‘s Berichte aus Ländern, die verstanden haben, dass sie ein ernsthaftes Corona-Problem, aber immerhin drastische Maßnahmen eingeleitet haben.
  • Da sind Länder, die zögerlich wieder öffnen und eine Riesen-Angst vor dem Schulbeginn haben, wenn die Corona-Souvenirs auf dem Schulhof getauscht werden.
  • Da gibt’s Regierende, die Corona immer noch als „Blödsinn“ abtun und mit Thumbs up in die Kamera grinsen, während ich mich frage, ob der Virus vielleicht doch mal an deren Haustür klopfen könnte.

Dann folgt der dünne Sport, die Lotto-Zahlen und das Wetter. Immerhin Wetter gibt’s noch.

Wenn ich danach zufälligerweise in Filme, Serien oder Werbung hineinzappe, fühle ich mich völlig fehl am Platze:

  • Da schippern Kreuzfahrtschiffe durch die Karibik und Kripo-Beamte untersuchen einen Mordfall im Rotlicht-Milieu.
  • Da gibt es Game-und Talkshows vor Publikum, meistens Retorte. Wenn die Ränge leer sind, kommt der Applaus vom Band.
  • Und auch die Werbung zwischendurch führt uns durch eine heile Welt. Nix Virus, nix Maske, nix Abstand, sondern alles beim Alten.

Ist es vielleicht das Sommerloch? Oder müssen sie die alten Gerichte wieder warm machen weil seit März nichts mehr produziert oder synchronisiert wurde? Bringt man einfach dieselbe Sauce immer wieder, um die Leute bei Laune zu halten? Bis dann mal alles wieder „so wie früher“ wird?

Vielleicht schaue ich ja zu wenig TV, um mir ein vollständiges Bild zu machen. Aber wo ist der elegante Geheimagent im Smoking, der mit Mund-Nase-Schutz eine Dame rettet? Wo ist die gelbe Comic-Figur, die sich die Hände desinfiziert, wenn sie vom Skateboard steigt? Wann sehen wir endlich die erste Vorabend-Serie mit Homeoffice, Seifenspender und Glasscheibe an der Kaffee-Bar?

Das ist doch die Realität! Oder bin ich im falschen Film?

Frohes Nachdenken! Kommentare gern hier unten drunter!

<— Corona-Lektionen 33

—> Corona-Lektionen 35

15) New Work – Teil 6

Fortsetzung …

Gong: „Guten Morgen Noah, es ist 5:30 Uhr“, klingt es aus der Zimmerdecke und beginnt sofort mit dem täglichen Briefing.

„Dein Meeting um 7:00 Uhr wurde abgesagt, das nächste ist für 08:00 Uhr geplant. Die frei gewordene Zeit ist dir als persönliche „reflection time“ zugeordnet worden. Man bittet um sofortige Umsetzung dieser Maßnahme. Weitere Instruktionen folgen um 7:45 Uhr.“

Noch etwas überrascht über diese Ansage, liegt er auf seiner Schlafmatte vor seinem Arbeitsplatz und reibt sich die Augen. Er beschließt, etwas liegen zu bleiben und über die letzten Wochen nachzudenken. Für ihn persönlich hat sich ja eigentlich in dieser ganzen Corona-Zeit nicht viel verändert. Zumindest was die Arbeit angeht. Die vielen Holo-Cons, die vollgepackten Tage, all das war vorher schon an der Tagesordnung.

Ein paar Veränderung gab es aber schon, resümierte er:

  • Zunächst das permanente Klopfen dieser Drohnen an der Fensterscheibe, die zweimal am Tag die Arbeitnehmer um einen Corona-Test baten. Es galt das Fenster zu öffnen und den Mund weit zu öffnen. Die Drohne flog in den Rachenraum, nahm einen Abstrich vor und verschwand wieder. Da war ihm sehr unangenehm, so als hätte er einen Käfer verschluckt.
  • Als es dann durch einen Softwarefehler zu unverhältnismäßig vielen Abstürzen dieser Drohnen kam, wurden die Postboten des Versandhandels in die Testung eingebunden. Denn die waren schließlich eh permanent in den Häusern unterwegs. Es war schon vor Corona störend, wenn ständig jemand an der Tür klingelte, um Pakete bei ihm abzugeben. Aber nun, baten sie ihn auch noch, jedes Mal den Mund zu öffnen, um einen Abstrich vorzunehmen. Das war nicht ganz einfach mit den Konferenzgesprächen via Holo-Con.
  • Die Holo-Cons haben sich nicht wesentlich verändert. Wechselweise erschienen verschiedene Kollegen aus aller Welt in seiner Micro-Flat und besprachen mit ihm die Dinge, die zu besprechen waren. Allerdings erwartete sein Arbeitgeber das Tragen eines Mundschutz, alleine aus Respekt gegenüber den Nationen, bei denen die Infektionen immer noch anstiegen.
  • In seinem Team kamen neue Meeting-Formate auf. „Virtual Coffee Breaks„ und „Tele-Lunchs“ wurden anberaumt, um die Kollegen vernetzt zu halten und etwas Small Talk unter ihn zu fördern. Ein paar Mal war er anwesend, dann schwänzte er immer häufiger. Er hatte keine Lust mehr, die Töpfe seiner Kollegen klappern zu hören und schon gar nicht, sie in Jogging-Hose beim Mittag zu sehen.
  • Die IT-Abteilung sensibilisierte anfänglich noch, des Überspringen des Virus von Mensch auf Computer unbedingt zu vermeiden. Dies stelle ein großes Risiko für die IT Infrastruktur dar, hieß es. Mittlerweile hatte man diese Angst relativiert. Ja man fordert sogar dazu auf, diesen Virus endlich zu digitalisieren, dann könnte man ihn wenigstens mit den herkömmlichen Mitteln bekämpfen.

Gong: „Noah, es ist 07:45 Uhr. Hier nun das Briefing für das anstehende Meeting.“

… Fortsetzung unten

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<— New Work – Teil 5

—> New Work – Teil 7

120) Zeit 1

Vor ein paar Tagen habe ich mir ein neues Hörbuch gekauft. Ein Jugendbuch. Ein Buch, dass schon auf einigen Blogs angesprochen wurde, mir sagte der Titel aber gar nichts. Bildungslücke? Einfach übersehen? Oder bisher keine Zeit gehabt? Vermutlich Letzteres.

Also fix heruntergeladen und beim Joggen angehört. Es begann aber „sehr gemächlich“, der Sprecher strahlte eine Gelassenheit aus, die in mir sehr schnell Unruhe entfachte. Sehr bald schaltete ich in der Hörbuch-App auf Tempo 1 1/4 und konnte dem Stoff immer noch gut folgen. Ein Amphitheater vor den Toren der Stadt, spielende Kinder, Phantasie-Spiel und so weiter. Mhm… passiert da noch etwas? Kann ich mit meiner Zeit nicht etwas Besseres anstellen? Ich überlegte abzubrechen, hörte aber weiter. Bis zum Kapitel 19, als die „grauen Herren“ die Bühne betraten. Und da hörte ich dann genauer hin, denn es ging um die Zeit. Ich muss sagen, ich gehöre auch zu den „von der Zeit getriebenen“. Vermutlich hört mein Umfeld folgende Sätze mehrfach am Tag von mir und rollt die Augen:

  • Ist noch Zeit?
  • Lass dir ruhig Zeit!
  • Los jetzt, wir müssen gehen!
  • Dafür habe ich nun echt keine Zeit!
  • Ich weiß nicht, was ich zuerst machen soll!
  • Das mache ich, wenn ich irgendwann mal Zeit habe!
  • Wann geht es los? Wie lange dauert das? Wann ist Schluss?
  • Und so weiter ….

Nun bin ich bei Kapitel 61 angekommen. Keine Ahnung was noch kommt. Aber ich freue mich drauf und frage mich, ob ich auch so einer von den „grauen Herren“ bin.

Wie das Buch heißt? Na, ich denke die eingefleischten Bücherwürmer haben es schon erraten, oder? Es ist nicht Pipi, auch nicht Lala und nicht Mini.

Es ist Momo 😉

Lesen, wer‘s noch nicht getan hat!

Oder hören … beim Joggen … auf Englisch. Dann ist‘s gleich dreimal produktiv 😉

8) New Work – Teil 5

Fortsetzung …

„Ende der Konferenz einleiten!“, kann er am Rand seiner Holo-Con-Brille lesen. Schon knapp 90 Minuten spricht er bereits mit den Mexikanern, die vor ihm in seinem Zimmer schweben.

Er bringt das Gespräch zu Ende, die Kollegen lösen sich in Luft aus und er nimmt die Brille ab. Ihm grummelt es im Magen. Normalerweise rollt um 18:00 Uhr die Thermophore in seine Wohnung und versorgt ihn mit exakt 400 kcal für den Abend.

Gong. „Noah, dein Business-Dinner wurde vertagt, zur Sicherstellung der Performance, bitte ersatzweise zwei Dosen Perpetuol 2000 einnehmen“, klingt es aus der Zimmerdecke. Er kippt die blaue Flüssigkeit hinunter. Sie ist nicht besonders schmackhaft, aber es ist ein wahres Wunderzeug. Schießt es doch schlagartig Energie in Hirn, Augen und Hände. Die drei wichtigsten Organe der Human-Ressourcen seiner Klasse.

Gong. „Noah, es ist 18:30 Uhr, dein niedriger Social-Networking-Score erreicht in Kürze Melde-Pflicht“. Er hat sich da bereits zwei Tage nicht blicken lassen und müsste wieder etwas aufholen, um ein weiteres Sensibilisierungs-Training zu vermeiden. Also wählt er sich im Social Network der Firma ein und „liked“ und „praised“ wahllos umher. Es ödet ihn so an. Nach dem er auf diese Weise ein paar positive Spuren in der Firma hinterlassen hat, wechselt er zu den anderen Karriere-Netzwerken im Internet. Hier wird etwas mehr Teilnahme erwartet. Der Arbeitgeber erwartet aktive Mitwirkung und positive Kommentare. Also schreibt er fleißig „Great!“ oder „Congrats“ oder „proud2be“ unter nicht gelesene Beiträge.

Bis zum letzten Meeting des Tages hat er noch 13 Minuten Zeit. Keine Stimme aus der Decke, keine neuen Anweisungen. Stille. Noah erhebt sich, geht zum Fenster, schaut auf die Häuserzeilen seines Viertels und wälzt einen gut bekannten Gedanken. Soll‘s das sein? Will er ewig so weiter machen? Aber welche Optionen gibt es denn? Um sich von seinem Arbeitgeber zu lösen, müsste er eine beachtliche Kaution zurückzahlen und auch die Micro-Flat abgeben. Und selbst wenn? Was soll er dann machen? Viele der Jobs, für die er qualifiziert wäre, gibt es seit Jahren nicht mehr. Auftrieb haben aktuell nur Altenpfleger, Grundschullehrer und Psychiater, alles nichts für ihn.

Gong. „Noah, das Meeting 19:00 Uhr beginnt in wenigen Minuten. Das Dossier liegt zum Download bereit“. Er überfliegt es kurz. Es geht um die USA. Die sind zwar etwas nervig, aber wenigstens wissen sie was sie wollen. Und schon erscheinen die Amerikaner in seinem Zimmer. Nach kurzem Smalltalk kommen sie sofort zur Sache, platzieren ihre Forderungen und versuchen Noah mit einem „Deal“ festzunageln. Er gibt sich geschlagen, er kann nicht mehr. Er überlegt, ob die Ami’s nur deshalb zur Wirtschaftsmacht wurden, weil die Verhandlungspartner in Europa bereits müde sind, wenn sie mit ihnen verhandeln. Das Meeting geht zügig vorüber und die Cowboys verschwinden wieder aus seinem Zimmer.

Gong. „Noah, es ist 19:23 Uhr, die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit ist für heute abgeleistet“. Er seufzt erleichtert. Um etwas Privatsphäre zu haben, schickt er seinen Computer und das Holo-Con-System in den Stand By. Eine Abschaltvorrichtung gibt es nicht. Er nimmt den Fitness-Belt ab und legt sich auf seine Schlafmatte.

Gong. „Noah, es ist 19:30 Uhr, die Flex-Time beginnt, Nachtruhe wird ab 22:00 Uhr eingeleitet. Ausgewählte Artikel aus der Fachpresse, Best-Practice-Berichte und Benchmark-Studien liegen zum Download bereit. Schönen Feierabend.“

…Fortsetzung unten

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