76) Wenn ick sage aussteigen, dann meine ick aussteigen

Heute hat es mich mal in die City getrieben. Etwas für den Einzelhandel tun, das BIP stärken. Gegen 12:00 ging es los und wir tingelten durch einige Geschäfte. Leider konnten wir nicht alles von der Liste abarbeiten, es ist halt „Einzelhandel“, nicht „Alleshandel“. Dafür hatte ich fünf Stunden Zeit, die Berliner Innenstadt zu „erleben“, was durchaus mal eine Abwechslung ist und für mich als humanressourcender Höhlen-Worker ein echtes Erlebnis war. Höhepunkt des Tages war sicher ein Tram-Fahrer der Linie M4 kurz vor 17:00 Uhr. Wir stiegen am Hackeschen Markt in die Bahn ein, ein Kinderspiel, Zielgerade, wohl bekanntes Scenario, würde ich besoffen mit verbunden Augen und Kopfhörern meistern. Aber die Bahn fuhr nur einige Meter.

Dann folgte eine weibliche Stimme vom Band:

  • „Dim – Düm -Dim … sehr geehrte Fahrgäste … wir müssen ihnen mitteilen, dass … knorcks … rausch … knister … wegen eines technischen … knack … bitte … Station … raschel … viel zu leise … was sagt die da? … aussteigen … bitten … Verständnis.
  • Achseln Zucken. Wir bleiben erst mal hier sitzen. Die Berliner Art eben, mit so etwas umzugehen.

An der nächsten Station sprach dann der Tram-Fahrer übers Micro:

  • „Nuschel … bitte … nuschel …alle … ins Brötchen beißend … aussteigen … dieser Zug … mampf … hier.
  • Die Einheimischen standen auf, verließen die Tram und stellten sich artig an der Bahnsteigkante auf.
  • Dann wieder der Tram-Fahrer: „Ich wiederhole … bitte … allet aussteijen, dieser … endet … hier. Zwei Fahrgäste blieben sitzen. Eine ältere Dame und eine junge Asiatin.
  • Ich wedelte von draußen mit den Händen, versuchte der Asiatin klarzumachen, dass sie rauskommen soll. What? Me? Why?
  • Der Tram-Fahrer öffnete die Tür und brummelte über seine Schulter: „Wenn ick sage aussteijen, dann mein ich auch aussteigen. Wat is‘n daran so schwer?“.

Dann konnte ich mich nicht zurückhalten:

  • Ich: „Vielleicht sagen sie das auch mal auf englisch, dann würden die das auch verstehen.“
  • Tram-Fahrer: „Wat? Ja wo sind wir denn hia?“
  • Ich: „In einem Touristen-Hotspot?“
  • Tram-Fahrer: „Ick hör‘ ja wohl nich‘ richtig … brabbel … brubbel … mecker.“

Die Damen stiegen aus, ich entschuldigte mich für diesen Vollhonk. „Sorry … this train … defect … you know … just wait here … this guy … gaga … I‘m sorry … next tram should come … in 3 minutes.“

Er bekam Signal, schloß seine blöde Tür und musste anfahren, um die nachfolgenden Bahnen nicht aufzuhalten.

Was fürn Arsch.

Welcome to the hippe Hauptstadt!

PS: Streitdialog mit dem Tram-Fahrer aus dem Gedächtnis nachempfunden und etwas ausgeschmückt


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16 Kommentare zu „76) Wenn ick sage aussteigen, dann meine ick aussteigen

  1. Mein erstes Berlin-Erlebnis beim Vorstellungsgespräch war genau so was. Es war allerdings ein Busfahrer am Potsdamer Platz. Na ja, ich habe die Stelle trotzdem genommen und bin tapfer 10 Monate geblieben.

  2. Erinnert mich an einen Polizistenwitz aus DDR-Zeiten: 2 Polizisten laufen Streife auf´m Alex. Kommt ein Ausländer und fragt auf englisch etwas; verstehen sie nicht, Ausländer fragt auf Spanisch und versucht es sogar noch auf Französisch: sie können ihm/ihr nicht helfen, geht ab.
    Der Eine: bo eh, der konnte drei Fremdsprachen!
    Der Andere: …und wat hat et ihm jenutzt?

    Alte Zeit und heute bestimmt eher selten, bis auf Ausnahmen in der Tram.
    Aber wenn ich in London, Paris oder New York eine/n Poli… oder Busfahrer auf Deutsch frage? (Vergleich hinkt; Deutsch ist halt keine Weltsprache)

    1. Der Witz passt wie die Faust aufs Tram-Fahrer -Auge.

      Wenn Berlin eine Multi-Kulti-Metrope sein will .. und damit ja nun auch wesentlich Geld verdient … dann sollte das BVG-Personal vielleicht mitspielen

  3. In Berlin hat sich schon einiges verbessert, aber nicht alles. Der Tramfahrer war sicherlich ein Ur-Ost-Berliner. Die kennen vielleicht als Fremdsprache noch russisch aber englisch ist keine Stammessprache in den Vororten von Berlin und Pankow. Das war vor dem Bau der Mauer in West-Berlin so ahnlich. Fremdsprachen wurden nur in auslandischen Diensten gesprochen. „Wat Sie sprechen englisch dann abeiten sie wohl beim Ami.“ Ahnlich war das auch bei der Bezahlung mit Kreditkarte. „Wat sie haben son Plastikding, dat nageln wir hier anne Wand.“

    1. Keine Ahnung wo der geboren wurde. Diese Ost-Berlin-Argumentation wird zwar gern angeführt, wackelt aber zunehmend. Wenn ich es richtig erinnere, wurde die Mauer vor über 30 Jahren niedergerissen. Wenn der Herr damals schon Tram-Fahrer oder berufstätig war, dann müsste er nun Mitte 50 sein und hoffentlich bald Teil eines Frühverrentungsprogramms. Dann kann er Platz machen für Tram-Fahrer aus Syrien, Afghanistan oder so … die können wenigstens Englisch und bocken nicht so rum.

      1. Ich schatze mal dieser Herr ist Jahrgang 1969. Dann war er 20 Jahre alt als die Mauer geoffnet wurde. Er spricht den Berliner Dialekt und ist als Ureinwohner zu betrachten. Als er zur Schule ging hatte die russische Sprache Vorrang. Er muss noch 13 Jahre arbeiten bis zum Renteneintritt. Ob dann Syrer seinen Job ubernehmen wollen ist fraglich. Es gibt doch so viele andere Tatigkeiten in Berlin die viel eintraglicher sind. Auch die Rentenerwartungen sind gering. Laut Bildzeitung ist das Burgergeld besser als die deutsche Rente. Da lohnt es sich fur unsere Freunde doch gar nicht eine sozialversicherungspflichtige Tatigkeit aufzunehmen.

      2. Wenn er die polytechnische Oberschule genossen hat, dann hat er von der 7. bis zu 10. Klasse Englisch-Unterricht gehabt. Das sollte reichen, um einem Fahrgast, notfalls mit Händen und Füßen, klarzumachen, dass er doch „bitte“ den Zug verlassen soll.

        Mir gehts eigentlich nicht um seine Sprachkenntnisse, mich nervt diese innere Haltung, diese egozentrische Gehabe. Leider kein Einzelfall im Berliner ÖPNV.

        Selbst wenn ich kein Suaheli spreche, hätte ich dem Fahrgast verklickern können auszusteigen … weil es mir ein Anliegen ist, die Leute nicht absolut nichtsahnend im Zug sitzen zu lassen. Das ist Willkür und Machtgehabe in diesem Moment und absolut unpassend.

  4. Ist es der Unwille der Leute oder einfach die fehlende Chance einer entsprechenden Ausbildung? Unsere Firma hat sich „international“ auch ganz fett auf die Fahnen geschrieben, aber die Verwaltung versteht auch nur Bahnhof, wenn ausländische Klienten was wollen…
    Vielleicht ist es egal, wem hier der/ein Vorwurf zu machen wäre. Aber wie kriegt man das geradegebogen?

    1. Ich mache dem Herren ja gar nicht den Vorwurf, dass er nicht ausreichend Englisch kann. Mir geht‘s um die hochnäsige, arrogante, ignorante Art a la, „Ja wo sind wir denn hier?“

      Natürlich ist es Aufgabe der BVG ihre Leute sprachlich auf Vordermann zu bringen, statt nur in hippe Marketingsprüche zu investieren. Man will Hauptstadt sein, mit den großen Metropolen mithalten … träumt sogar wieder von Olympia. Hah!

      Na gut, hoffentlich haben wir 2036 eine andere Generation auf dem Fahrersessel sitzen.

      1. Oh ja, sorry. Ich hatte bei Sprachen angefangen und dann hat es mich etwas abgetrieben…
        In der Tat kann ein bisschen mehr Höflichkeit und etwas weniger Empathiefreiheit durchaus nicht schaden. Was 2036 anbetrifft, wollen wir mal hoffen, dass es zu diesem „geschichtsträchtigen“ Ereignis NICHT kommt.

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