510) Job-(KI)ller?

Befasst man sich mit den Themen künstliche Intelligenz und Digitalisierung, kommt man relativ schnell zur Frage, was das wohl alles mal mit uns Menschen und insbesondere den heutigen Jobs machen wird. Da gibt es die zwei Extreme, die einen erdenken dystopische Horrorszenarien, die anderen winken mit der Hand ab. Vermutlich liegt die Wahrheit wie immer in der Mitte. Na klar, werden künstliche Kompetenzen unsere Arbeit erleichtern, und dafür bin ich auch ganz dankbar.

Kaum ein Beruf wird wohl davon verschont bleiben aber dass dadurch ein ganzer Berufszweig ausstirbt, da mache ich mal noch drei Fragezeichen dran. Die KI-Systeme bedienen heute „nur“ Nischen, das können sie erstaunlich gut. Es gibt aber keine allumfassende KI, die für einen ganzen Arbeitstag unterschiedlichster Herausforderungen ausgebildet ist.

Und selbst wenn, ist das ja auch nichts neues. Aktuell bin ich in Indien und sehe jeden Tag zu Hauf die Arbeitskräfte, die wir in Europa über die Zeit schon wegrationalisiert haben, vielleicht nicht mit Digitalisierung und AI, aber mit klassischer Automatisierung.

Hier mal ein paar Beispiele:

  • Straßenkehrmaschinen habe ich hier noch nicht gesehen, wohl aber Straßen-FegerInnen.
  • An der Kasse sitzen Menschen, am Laden-Ausgang kontrollieren Angestellte, ob man das was man mitnimmt, auch bezahlt hat.
  • An der Tankstelle tankt man üblicherweise nicht selbst, das machen Menschen, inklusive Check der Reifen.
  • Das Auto lässt man üblicherweise manuell waschen, nicht von Automaten.
  • Kein Mensch räumt hier sein Tabletts selber ab, dafür gibt es Personal, in der Kaffeeküche der Firma stehen drei Mitarbeiter, die permanent die dreckigen Kaffeetassen entgegennehmen und auch Kaffee in die Besprechungsräume bringen. Man nennt sie „Buttler“.
  • An der Bahnsteigkante der Metro stehen Ordner und weisen den Weg, Verkehrspolizisten versuchen den irren Verkehr hier in Bengaluru zu managen.
  • Im Frühstücksraum des Hotels stehen sich fünf Mitarbeiter die Beine in den Bauch, während ich als erster Gast um 07:30 ein Masala Omelette verdrücke.
  • An der Hotelrezeption stehen selbst zu Nebenzeiten drei Mitarbeiter, für mich unklar wer hier das Sagen hat. Nennen wir es mal „geteilte Verantwortung“.
  • Meine Kollegen bevorzugen eher „Domestic Service“, sie haben keine Spülmaschine oder Waschmaschine, stattdessen kommt täglich jemand um zu fegen, zu wischen und zu kochen.
  • Wie hier jemals selbstfahrende Autos steuern sollen, ist mir schleierhaft, stattdessen braucht es nervenstarke und geübte Fahrer, die Busse, Taxis oder Tuk-Tuks durch das Gewimmel lenken.

Warum ich das so detailliert schildere?

Ich will sagen, dass wir in Europa bereits solch einen Job-Abbau hatten und trotzdem eigentlich heute keiner Däumchen drehen muss, wenn er es nicht will oder muss. Die Jobs sind verschwunden, völlig neue sind hinzukommen, speziell im Dienstleistungsbereich. Trotzdem herrscht Mangel an Arbeitskräften. Die Digitalisierung wird sicherlich unsere Jobs beeinflussen, auch die in höheren Gehaltsklassen. Die Frage ist wie schnell und disruptiv die Technologien in den Arbeitsmarkt eintreten. Bei einem verantwortungsvollen Tempo, lassen sich Aufgaben neu sortieren, Menschen mit traditionell analogen Tätigkeiten gehen in Rente, jüngeres Personal tritt mit neuen Kenntnissen in den Arbeitsmarkt ein. Das klingt nachvollziehbar, funktioniert aber nur, wenn man sich dieser Aufgabe auch stellt, wenn man sich von alten Ausbildungsprofilen und Studiengängen löst und nicht krampfhaft an konventionellen Jobs festhält (z.B. Kohlebergbau, konventioneller Auto-Bau) und diese sogar noch staatliche subventioniert und als erwiesenes Auslauf-Modell künstlich am Leben hält. Die Arbeitspolitik sitzt wie das Kaninchen, vor der KI-Schlange und klappert mit den Zähnen.

Dabei gibt es doch so viel zu tun!

  • Unmengen Solar-Panels müssen auf Dächern verschraubt, Windräder aufgestellt werden, Wärmepumpen installieren sich nicht von selbst.
  • Wir suchen händeringend Lehrpersonal, qualifizierte Leute, die Schulen mit IT ausstatten. Bei der Integration von Flüchtlingen oder neuen Staatsbürgern ist man vollends unterbesetzt, Sprachkurse sind überfüllt.
  • Parks, Grünflächen und Sportanlagen sehen teilweise aus wie Sau, für einen Termin beim Amt kann man sechs Wochen warten.
  • Und ich kenne auch keine AI, die Straßen instandhält, Brücken, Schulen und Wohnungen baut oder endlich mal ein paar mehr Funkmasten im Land verteilt.
  • Und ganz nebenbei, der Politik würden ein paar Quereinsteiger aus der Praxis auch ganz gut tun.

Also das soll mir doch bitte keiner sagen, es gebe nichts zu tun!

Man muss es aber angehen


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14 Kommentare zu „510) Job-(KI)ller?

  1. wie eine Reise den Blick weiten kann – das, was dort massenhaft (noch) funktioniert, wäre hier oft deutlich unter Niedriglohnsektor und ist aber Lebensgrundlage vieler Menschen – meist ohne soziales Netz (außer der Familie) – und wir leisten uns über 2 Mio, die nicht können, nicht wollen, nicht dürfen.
    Viele Grüße nach Bengaluru und weiter interessante Einblicke

    1. soziale Absicherung / Wahrung des Existentsminimums ist eine Errungenschaft, da können wir schon stolz drauf sein. Allerdings, so ganz ohne Gegenleistung stößt mir das auch etwas sauer auf, zumindest mal solange es doch so viel zu tun gibt

  2. Mein Chef hatte mich mal gebeten, ich möge mir doch eine Meinung darüber bilden, ob so ein neues Hypethema für uns als Firma nützlich wäre: Neuronale Netzwerke. Das war vor etwa 35 Jahren. Ich hatte damals abgewinkt.
    Inzwischen sieht das anders aus. Ich persönlich glaube, bei KI wird es irgendwann einen Kipppunkt geben. Wenn die Programme so gut sind, dass sie sich ohne menschliche Hilfe weiter entwickeln können, dann werden die Fähigkeiten in kurzer Zeit explodieren. Also eher disruptiv in den Arbeitsmarkt einschlagen. Ob das verkraftbar sein wird? Mal sehen. Aufhalten lässt es sich wohl nicht, denn irgendein Unternehmen oder Staat wird das knallhart durchziehen und sich so Wettbewerbsvorteile sichern. Also werden alle mitmachen müssen.
    Ich bin jedenfalls froh, dass ich nicht mehr direkt als Arbeitnehmer betroffen bin. Aber ich denke, das wird uns trotzdem alle stark betreffen. Und zwar bald.

    1. Ich glaube auch, dass das kommt, aber da muss man sich drauf vorbereiten und zwar im großen Stil, und mit einem Vorlauf von Jahren. Wenn ein Gewitter / Sturm kommt trifft man doch auch vorher Maßnahmen und nicht erst wenn einem das Haus wegfliegt.
      Bin gespannt wo das noch hinführt.

  3. Der letzte Satz…👍! Aber selbst, wenn es jemanden gibt, der es angehen will, dann wird ihm gleich die Pest an den Hals gewünscht und es gibt Proteste „Aber nicht bei (hier x-beliebige Branche einfügen)!“
    Danke für die lebendigen Einblicke in den indischen Alltag.

  4. Das hast Du alles mal wieder sehr gut erfasst und auf den Punkt gebracht. Eine so rasante Zeit mit so vielen Veränderungen miterleben zu dürfen ist sehr spannend, und es gibt soooo viel zu bedenken. Ich wünschte manchmal, ich wäre ein Vampir und könnte erleben, wie es weiter geht… und weiter geht es immer irgendwie. Herzliche Grüße ins Ferne Indien! Deine Sovely

    1. Dane Sovely, ich glaube, wenn ich nur EINE Zeitreise machen dürfte, würde tendenziell auch eher in die Zukunft reisen. Aber welche Zukunft? Die nahe oder die ferne?? Darüber werde ich mal nachdenken 😉 Grüße aus Bengaluru

  5. Ja, Wandel hat es in der Jobwelt schon immer gegeben, und das wird auch nie anders sein. Die Welt dreht sich halt weiter. Es macht keinen Sinn, sich gegen Veränderungen zu stemmen. Sie kommen, mit all ihren Vor- und Nachteilen.

  6. Gut beobachtet, manches davon gilt auch hier in Malaysia (Autowaschanlagen z.B. sind immer noch „Human“). Ich erinnere mich Mitte der 1980er Jahre, als in indischen Banken und bei der staatlichen Eisenbahn erste Computer eingeführt wurden (ich habe damals sogar was in der FAZ dazu geschrieben, auf Jahr und Tag vor 40 Jahren). Der Aufruhr im „Dienstleistungssektor“ war groß: Hunderttausende „Clerks“ in den Hinterzimmern der Bankfilialen und Reservierungsschaltern an Bahnhöfe, die manuell Listen und Konten verwalteten, würden arbeitslos. Heute wissen wir: Viele, jedenfalls ihr Kinder, wurden Software-Entwickler und Programmierer. Der Mechanismus ist ganz einfach: So lange manuelle Arbeit billiger ist als die Investitionen in Maschinen, so lange bleibt sie erhalten. Effizienz ist ja nicht so sehr ein indisches Thema. Übrigens gestern in einem indischen Restaurant in einer Nachbarstadt (Muar im Bundesstaat Johor). Die Bedienung stand sich die Beine in den Leib, aber einer brachte dann mit einem Roboter meine Sweet Lassi, in dem er stolz neben dem Automaten herlief 🙂

    1. In diesem Zusammenhang habe ich aus einem Buch einen Witz aufgeschnappt. In der Fabrik der Zukunft braucht es eigentlich muss noch zwei Lebewesen. Erstens einen Menschen, der sich auskennt und zweitens einen Hund, der den Menschen daran hindert, die Maschine anzufassen. Oder so ähnlich 😉

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