61) Laubsauger

Noch ein Beitrag zum Herbst, bevor der nun bald wieder vorbei ist und wir direkt in den Frühling übergehen und wieder angrillen können!

Schon vor Jahren waren die ersten Laubbläser in Straßen und Parks zu sehen. Orange gekleidete Männer der Stadtreinigung trugen diese Ungetüme von der Schulter baumelnd, bliesen Laub von links nach rechts und dabei ausreichend CO2 in die Luft. Sie sahen aus wie Außerirdische und fabrizierten einen Höllen-Lärm. All der Dreck wird dabei auf die Straße gepustet, dann kommt ein LKW mit großen Bürsten und sammelt alles auf. Klassische Straßenfeger sieht man nun immer seltener. Hälfte Personal, doppelt Laub. Faktor 4. Stadtkämmerer happy!

Im Stadtpark sehe ich nun immer häufiger Autos, die das Laub gar nicht mehr nur durch die Gegend blasen, sondern direkt von der Wiese absaugen. Klingt im ersten Moment logisch, oder?

Aber umso mehr ich das wilde Treiben … äh Saugen … beobachte … frage ich mich:

  • Ist das so gut, wenn Laub, Insekten, Mikro-Teilchen und anderes Gewimmel regelmäßig „aufgenommen“ und der „Entsorgung zugeführt“ werden? Nun bin ich ja wahrlich kein Botaniker und schon gar kein Mikro-Biologe. Weiß das jemand?
  • Fahren die Dinger bald autonom durch die Gegend und dann permanent zwischen unseren Füßen herum? Und wäre es daher nicht sogar besser, man würde das Gelände komplett ebnen? Oder ist das gar nicht nötig, weil die Blätter sowieso irgendwann von Mini-Drohnen abgesammelt werden?
  • Und was ist mit den Menschen, die das bislang taten? Das war doch eine ehrliche Arbeit. Will die keiner mehr machen und deshalb erfinden wir die Roboter? Oder bekommt die Jobs keiner mehr angeboten, weil Roboter die Arbeit viel besser erledigen? Henne? Ei?

Und überhaupt. Wir sollten alle Bäume und Sträucher im Park roden und danach alles fliesen! Dann kann man dann noch `nen Wisch-Roboter hinterherschicken.

60) Vegetarische Salami

Seit Wochen nehme ich die immer größer werdende Veggie-Vegan-Abteilung im Super-Markt war … und lasse sie rechts liegen.

Letzten Samstag griff ich dann mal zu und legte eine Vegetarische Salami in den Einkaufswagen Kann man ja mal probieren und Stoff für einen Blog-Beitrag gibt‘s nebenbei auch noch.

Das Kleingedruckte hinten auf der Packung liest sich wie folgt:

Trinkwasser, Rapsöl, Eiklar getrocknet.
Ok, nichts Aufregendes, alles schon mal gehört.

10% Weizengluten.
Da hört es bei mir schon auf. Ich bemühe die gängige Suchmaschine.

Ergebnis: „Dahinter verbirgt sich das Weglassen von Gluten, einem Klebereiweiß aus dem Weizen“.
Aha.

Dann werden Verdickungsmittel ausgewiesen: Xanthan und Carrageen
Wieder muss ich die Internet-Bibliothek befragen.

Ergebnis 1: „Xanthan … ist ein natürlich vorkommendes Polysaccharid. Es wird mit Hilfe von Bakterien der Gattung Xanthomonas aus zuckerhaltigen … “  und woanders heißt es dann „ … In hohen Dosen kann es abführend wirken …“.
Na gut. Das tun Hals-Bon-Bons irgendwann auch. Kein Grund zur Panik.

Ergebnis 2: „Carrageen ist die Sammelbezeichnung einer Gruppe langkettiger Kohlenhydrate, die in Rotalgenzellen vorkommen. Es handelt sich um lineare, anionische Hydrokolloide, die sich nach chemischer Struktur unterscheiden lassen und unterschiedliche Eigenschaften aufweisen…“ und gleich daneben steht „…Der Stoff steht jedoch im Verdacht, Magen-Darm-Krankheiten und sogar Krebs zu fördern…“
Nee, also bitte, das muss ja nun nicht sein

Beim nächsten Abschnitt kommt mir dann doch viel bekannt vor. Kochsalz, Pfeffer, Paprika-Flocken, Traubenzucker, Weizenmehl, Stärke.
Ok, das geht, haben wir auch im Schrank stehen.

Und für die Färbung dann noch etwas Carotin und Eisenoxid (… also Rost oder was?)
Mhm, nachdem ich das alles gelesen habe, entwickele ich eine Ahnung, was Lebensmittelchemiker den ganzen Tag so tun.

Aber Moment!!!
Bin ich vielleicht voreingenommen? Bin ich dem Veggie-Design-Food gegenüber zu kritisch?

Eine Gegenprobe muss also her:

Zum Vergleich, greife ich zu einer einer Billo-Salami der Supermarkt-Hausmarke. Innerfamiliär wird sie auch „CD-Wurst“ genannt und da lese ich dann: Schweinefleisch, Salz, Gewürze, Glukosesirup, Dextrose, Natriumascorbat, Natriumnitrit, Reifekulturen, Rauch.
Mhm. Klingt jetzt auch nicht romantisch toskanisch, aber alles schon mal gelesen und auch keine bösen E-Nummern zu sehen. Aber natürlich Fleisch vom Tier.

Aber nun Schluss mit der Theorie, jetzt geht‘s an die Verkostung:

Zunächst pur aufs Butter-Brötchen vom Bio-Koscher-Vegan-Bäcker:
Mhm, na ja. Etwas blass im Abgang und irgendwie fehlt da Rauchgeschmack.

Nun mal ordentlich Senf aus Sachsen drauf:
Ja … wird besser …. da tut sich was.

Und nun mit Indischen Garlic – und Hot Lime Pickles:
Na also … geht doch.

Soll doch mal keiner sagen, dass vegetarische Salami nicht schmeckt 😉

59) Ernährungswirrenschaften

Also wenn ich irgendwo höre, das man sich in Deutschland überdurchschnittlich wenig mit dem Essen beschäftigt, kriege ich einen TobsuchtsanfallAnfall.

Ich nehme das eher so war:

1. Weniger Fett
Ja, verstanden, wegen Blutgefäßen und Hosenbund

2. Weniger Zucker
Ja, auch klar. Die Zähne gehen kaputt und schon wieder der Hosenbund

3. Weniger Salz
Ja, weiß doch jeder. Die Nieren und so

4. Nicht so viele Eier
Logo man, und nur braune Nudeln … Cholesterin-Spiegel … oder so ähnlich … kenn‘ ich schon

5. Mehr Fisch
Klar. Als Alternative zum Fleisch. Mach‘ ich

6. Kein Thunfisch
Yep. Weiß ich. Wegen der Delphine. Aber was ist mit Punkt 5.?

7. Mehr Eiweiß
Ooookeee … aber … widerspricht das nicht Punkt 4. …  Wurscht … mach ich. Ach nee. Wurscht ist auch nicht gut. Dazu dann gleich.

8. Am besten Vegetarisch
Kein Fleisch, ja, weiß doch jeder. Wurscht auch nicht. Wegen dem Tierschutz. Bin ja schon dabei, drauf zu achten. 

9. Und Tomaten nur vom Strauch
Jo, wegen dem Plastik drumherum, auch kapiert.

10. Besser auch gar kein Rind mehr
Habe ich gehört, klar. Die pupsen so viel. Schweinerei eigentlich.

11. Milch stärkt die Knochen und bringt Eiweiß ins Human-System
Aber … was ist mit Punkt 1. und Punkt 10.?

12. Auf jeden Fall aber Bio
Mhm ja. Wegen der Chemie in Körper und Böden. Ich nehme mir das vor. Ist zwar sau-teuer … aber gut … gehört ja schon zum guten Ton

13. Richtig gut ist aber eigentlich nur vegan
Ja, mag sein, aber Vegan heiß nicht „Bio“ und schon gar nicht „gesund“, oder? Parmesan aus Sägespänen ist vegan

14. Aber Fair Trade bitte
Ja, auf jeden Fall. Der Kolumbianische Bauer soll unter fairen Bedingungen anbauen. Selbstverständlich. Bin dabei

15. Und Regional natürlich
Bin ja nicht blöd man, eine fair angebaute Mango, die Bio, Vegan, Vegetarisch, Fettarm, Fischfrei aus Brasilien eingeflogen wird, da wo vor kurzem noch Urwald war, geht ja nun gar nicht

 

Oahh, liebe Leser, ich fürchte, dass wird mir zu viel.
Es ist ja nicht so, dass ich mich langweilen würde … aber kann es sein, dass das irgendwie ein wenig verwirrend ist. Wollte ich Ernährungswissenschaften studieren? Kann mich gar nicht daran erinnern. Sollte ich vielleicht mal Magnesium, Kurkuma, Ginko …

58) In die Provinz

Sonntag 12:55 Uhr soll es von Hannover in die Provinz gehen. Mit der S-Bahn. Knapp zwei Stunden wird das Vergnügen wohl dauern. Ich sehe das erst einmal ganz positiv.

Am Sonntag wird nicht viel los sein und so stelle ich mir die Fahrt eigentlich recht chillig vor. Etwas lesen, vielleicht was schreiben oder einfach nur aus dem Fenster glotzen. Ein Kurzurlaub quasi.

Kaum im Bahnhofsgebäude angekommen, ist es dort aber gar nicht chillig. Unzählige Leute rennen von Gleis zu Gleis, wuchten ihr Gepäck die Treppen hinauf, weil die Rolltreppen außer Betrieb sind. Andere stehen vor Imbissbuden und stopfen sich irgendetwas in den Hals. Pizza-Ecke, Asia-Nudel-Box oder Fisch mit Fritten. Tauben fliegen über Köpfe und Döner hinweg, an den Seitenausgängen lungern verwahrloste Gestalten und suchen Wärme. Ich besorge noch schnell Wasser und Sandwich, dann quäle mich mit zwei Koffern durch die Drehkreuze des Sanifair-Wohlfühl-Centers. Nach diesem Boxenstopp schlurfe ich mit abnehmender Motivation zur S5. Auf dem Bahnsteig warten bereits viele Menschen und ich stelle mich darauf ein, in der Bahn stehen zu müssen. Aber meine Position ist günstig, die Türen öffnen vor meiner Nase und ich kann einen Sitzplatz ergattern.

Zwei Mädels mit viel Gepäck setzen sich mir gegenüber und verteilen ihr Zeug um meine Füße herum. Der Zug fährt ab und bereits 5 Minuten später frage ich mich, wie ich nur so lange aufrecht sitzen soll. Die Beine angewinkelt, kribbeln schon bald meine Fußsohlen. Irgendwann wird der Zug geteilt, ein sicheres Zeichen dafür, dass Städte nun Orte werden. Einem nach dem anderen klappern wir ab, während wie durchs neblige Niedersachsen rollen. Viele von ihnen habe ich noch nie gehört. Entlang der Hot Spots Emmerthal, Bad Pyrmont, Lügde, Schieder und Steinheim verlassen immer mehr Menschen die Bahn. Die Distanzen zwischen den Stopps werden länger, die Phasen ohne Mobil-Funk auch. Bei Altenbeken sehe ich ersten Raureif auf den Bäumen. Etwas später erwachen die Fahrgäste um mich herum, checken ihre Telefone und ziehen sich ihre warmen Jacken an.

Sehr geehrte Fahrgäste. Dieser Zug endet hier. Bitte alle aussteigen.

56) Grünanlage

Mal wieder ein Posse aus der Hauptstadt. Angenommen du läufst auf einen Stadtpark zu. An jedem Eingang steht ein dreieckiges Schild, grün umrandet.

In der Mitte ist eine schwarze Tulpe abgebildet und darunter wirkt das Wort „Geschützte Grünanlage“.

Nun, was bedeutet das? Ich meine, selbst wenn man es so nicht kennt, kann man es sich doch mit etwas gesundem Menschenverstand zusammenreimen, oder? Es bedeutet ungefähr so etwas wie „Elefanten-Polo und Techno-Feten verboten, Zweibeiner bitte, wenn es geht, nicht über den Rasen latschen und auch keine Blumen für die alte Omma pflücken. Jegliche Blumen. Nicht nur Tulpen“. Oder so ähnlich.

Dummerweise ist das Schild ungefähr auf Augenhöhe angebracht und für jeden hirnamputierten Nachwuchs-Sprayer so aufs Leichte zu erreichen. So kann er sein völlig überzogenes Taschengeld mittels Lack auf dem Schild verteilen und sich fortan für einen Held halten. „Alda krass, dein Revier hier, voll die Bio-Anlage. Respekt, alda. „

Aber nun haben sich die Bürokraten vom Grünflächenamt etwas neues ausgedacht und in den letzten Tagen im großen Stile „aufgerüstet“. Schluss mit dem Vandalismus! Ein zweites Schild wurde gesetzt. Jeweils direkt hinter dem ersten Schild. Aber zwei Meter höher. Überall im Park. Der Steuerzahler zahlt‘s.

Warum das? Damit die Sprayer da nicht mehr so einfach herankommen? Oder damit man dem Dumm-Volk mit einfachen Piktogrammen verklickern kann, welche Spielregeln dort gelten? Hunde an die Leine, Müll in die Eimer, Grillen verboten und Radrennen bitte außen herum?

Aber nicht nur an den Parkeingängen stehen neue Schilder. Auch an den Kinderspielplätzen im Park. Die Regeln sind da etwas härter. Müll soll immer noch in den Eimer entsorgt werden, Hunde dürfen nicht mitspielen und Alkohol, Zigaretten und Spritzen sind verboten. „Oahhhh, wie öde“.

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Na hoffentlich interessiert das jemanden und hält sich auch einer dran. Ach nee, schon zu spät. Der „Künstler“ namens … DeltaMS … hat bereits alle Bildchen überlackiert. 

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Na ein Glück auch. Dann können wir jetzt wieder auf der Reifenschaukel saufen, rauchen, kiffen, spritzen und zuschauen wie unsere 10 Köter in die Sandkiste kacken.

„Is‘ ja schließlich nich‘ verboten da. Würd‘ ja sonst och irj’endwie dranstehen, oder nich‘?“

Beitrag 200 – Vom Prenzlauer Berg

Tusch … Töröö ... Ein Prosit, ein Prosit … Happy Birthday … Herzlichen … dreimal hoch … tschakka … kudos … thumps Up … well done … confetti… 200 Beiträge, 1.000 likes … Congrats!

Wie soll es auch anders sein? Mein 200. Beitrag kommt aus … na … richtig … aus Prenzlauer Berg. Nein, nicht Prenzl‘-Berg und auch nicht voPrenzlauer Berg und erst recht nicht aus Greater Area Pankow und schon gar nicht Stuttgart Ost. Sondern aus Prenzlauer Berg. Ganz einfach.

Der Berliner Stadtbezirk, der seit Gründung diverse Reikarnationen erlebt hat. Als Mietskasernen-Viertel in den 1910/1920er Jahren begonnen und schnell gewachsen, war er dem kleinen Mann, seiner Frau und deren vielen Piefkes bestimmt. Durch den zweiten Weltkrieg und in 40 Jahren DDR danach, war die Altbau-Substanz völlig heruntergekommen. Einschusslöcher, Ofenheizung, Etagen-Klo, feuchte Wände, dunkle Hinterhöfe und muffige Keller. Ein riesiger Spielplatz  für uns Kids, ein Treibhaus für intellektuelles und oppositionelles Leben Ende der 80-er Jahre.

Mit der politischen Wende wurde das Proletariat zunehmend verdrängt und das alternative Leben zog ein. Kunst, Kreativität und Anarchie. Party pur. Rammstein im Knaack-Club Mitte der Neunziger … werde ich nie vergessen. Die Epoche hielt nur kurz an und trocknete aus, als die zerschossenen Mietskasernen zu glänzenden Stuck-Altbauten verwandelt wurden.

Die Mieten stiegen an … Verdrängung … Gentrifizierung … ja und den Rest kennt man ja. Heute wohnt hier eher das höhere Einkommen, fährt USV und nippt am Latte Macchiato Glas während der kleine Ferdinand-Frederik beim Englisch-Unterricht weilt und die Luna-Marie-Cataleya dem Junior-Coaching-Kurs schnuppert.

Und so isset jetz’e hier in‘n Kiez:

,.. und das schöne ist … man hat immer was zu schreiben 😉

 

 

Beitrag 199 – Vom Reisen

Ach ja, das Reisen. Es gibt soviel zu entdecken auf dieser blauen Kugel. Städte, Dörfer, Bauwerke, Meere, Flüsse, Wüsten, Wälder, Berge, Täler und Dschungel.

Wenn doch nur Reisebudgets und Urlaubskontingente etwas üppiger ausgestattet wären, nicht wahr? Dann könnte man sich viel mehr ansehen, andere Menschen treffen und für kurze Zeit in das Leben vor Ort eintauchen. Deshalb verreist man ja schließlich oder nicht?

Na ja, nicht ganz. Na klar, ist das „Reisen“ hauptsichlich das Mittel der Wahl, um zu den Hot Spots dieser Welt zu kommen. Aber das „Reisen“ an sich, also der Weg dorthin oder auch die Strecken zwischen den Zielen macht ja auch etwas mit uns. Und von diesen …. handeln die folgenden fünf Beiträge

Viel Spaß beim Lesen

 

Beitrag 198 – Vom Anfang

Neulich mal ein wenig in WordPress herumgeklickt, sah ich doch, dass ich hier schon 197 Beiträge veröffentlicht habe. Seit Sommer 2018. Gar nicht so übel eigentlich.

Da mag sich so manch Robo-Blogger schlapp lachen, allerdings kann ich mit reinem Gewissen behaupten: „Alles selbst getippt, jedes Wort mehrfach überlegt, nix geklaut, und jeden Schreibfehler mit Bedacht erschaffen.“ Das dauert nun mal 😉

Wusste ich als Blog-Spätzünder in 2018 noch nicht genau, wohin mich das Format „Blog“ führen würde, kann ich heute feststellen, dass ich es ganz gern mag. Ich kann Gedanken loswerden, Botschaften platzieren und Menschen eine Freude machen. Einigen zumindest.

In den letzten Wochen, habe ich mich auf das Feld der fiktiven Geschichten gewagt und festgestellt, dass das noch einen Zacken anspruchsvoller ist. Respekt denen, die ganze Romane schreiben. Die neue Kategorie „Fiction“ ist nun geboren und steht noch ganz am Anfang. Und ich kann mir mehr davon vorstellen.

Beim Scrollen durch die WordPress-Statistiken sah ich aber auch, dass frühere Beiträge kaum wahr genommen wurden. Aber so schlecht sind die nun auch wieder nicht, Mensch!

Beschluss also: Bis Beitrag 200, kriegen jeweils 5 Beiträge eine Bühne, die noch etwas Aufmerksamkeit benötigen:

Viel Spaß beim Lesen

6) New Work – Teil 3

Fortsetzung …

Gong. „Noah, ich übertrage das Dossier für die anstehende Holo-Con mit Australien auf deine Brille“<, spricht die Frauenstimme aus der Zimmerdecke. 

„Meine Analyse zeigt, dass die letzten Konferenzen mit Australien durchschnittlich nur 20 Minuten statt der 30 geplanten Minuten dauerten. Das System empfiehlt daher eine Optimierung deiner Moderation um weitere 5 Arbeitsminuten. Diese freigewordenen 15 Minuten sind bereits an Japan zugesagt. Direkt im Anschluss. Briefing negativ.“

Pünktlich 06:29 Uhr startet die Holo-Con-Software und kündigt mit einem Count Down von 3 auf 1 die anstehende Konferenz an. Während die Thermophore aus der Micro-Flat rollt, baut das Holografie-Conference-System die zwei Australischen Kollegen vor ihm auf. Gleichzeitig projiziert das System einen bestuhlten Meeting-Raum mit Whiteboard und Pflanze in dem Raum hinter ihm und versperrt damit den Blick auf seine Schlafmatte auf der Erde. Frisch frisiert und rasiert begrüßt er seine Partner in Down Under.

„G‘ Day, Ha ye goin?“, liest er von seiner Brille mit Australischem Slang ab und bekommt dafür 10 Kultur-Punkte auf seinem Social-Credit-Konto gutgeschrieben.

Wie zwei Geister aus der Flasche schweben die beiden Australier durch sein Zimmer und berichten von ihrem Problem. Noah geht ein paar Lösungsideen durch und macht entsprechende Vorschläge. Um so weiter die Zeit voranschreitet, um so deutlicher zeichnet sich der integrierte Moderations-Coach der Holo-Con-Software auf seinem Brillenglas ab. Der Avatar auf dem Brillenglas hebt den rechten Zeigefinger und deutet auf einen kleinen Text über ihm „Ziel: 15 Minuten!“

Nach 17 Minuten hat Noah das Gespräch beendet und ist sehr zufrieden mit seiner Leistung. Kaum haben sich die virtuellen Australier aus seinem Zimmer verflüchtigt, zählt ein neuer Count Down herunter und die Holo-Con-Software baut ein paar Japaner vor ihm auf. Ohne Briefing. Er muss also improvisieren. Er steht auf, faltete die Hände und sagt „Namast…“ äh „Sawadik…“ öhm „Ni Ha… “ ähm „Hey Guys!“.

Die Brille informiert: „Minus 10 Punkte für falsche Begrüßung und 10 weitere Punkte Abzug für Unpünktlichkeit“. Im Großen und Ganzen zeigen sich die Asiaten aber sehr zufrieden und fordern ein regelmäßiges Meeting mit Noah ein. Der Vormittag verflog nur so.

Gong: „Noah, es ist 12:30 Uhr. Dein E-Lunch wartet an der Tür.“ Wie schon beim Frühstück, lässt er die nächste rollende Thermophore ins Zimmer fahren und isst direkt aus ihr. Während des Essens projiziert die Holo-Con-Software verschiedene KPIs und Diagramme in den Raum, die Noahs Performance am Vormittag bewerten. „Verbindlichkeit, Kompetenz, Culture, Flexibilität, Passion“ … und so weiter.

Gong: „Noah, es ist 12:45 Uhr. Dein E-Lunch ist beendet. Eine Änderung der Termine am Nachmittag ergab Bedarf an einer zusätzlichen Holo-Con heute Abend 19:00 Uhr. Meeting wird kurzfristig zugewiesen, stand by erwartet. Bitte bestätige über die folgenden Schaltflächen.“

  • JA, einverstanden (5 Punkte Gutschrift in „Flexibilität“)
  • NEIN, abgelehnt (50 Punkte Abzug in „Passion“)

Fortsetzung unten …

<— Zum Anfang der Serie

<— New Work – Teil 2

—> New Work – Teil 4

5) New Work – Teil 2

Fortsetzung …

Gong. “Noah, Dein Frühstück steht an der Tür bereit“, spricht die Stimme aus der Zimmerdecke. Er verlässt das Bad und öffnet die Tür seiner Micro-Flat.

Auf der Fußmatte vor seinen Füßen rangiert eine autonom fahrende Thermophore auf Rädern. Ein koffeinhaltiges Heißgetränk, ein Power-Bagel und ein Syntex-Ei erwarten ihn jeden Tag um 06:15 Uhr an dieser Stelle. Er geht einen Schritt beiseite, und lässt die Thermophore durch sein Zimmer und weiter direkt zur Arbeitsecke rollen.

Er stellt das Gerät auf seinem Multi-Desk ab und beginnt, direkt aus der Kiste zu essen. Seitdem ihn die Betriebskantine auf diese Weise dreimal täglich versorgt, konnte er weitere 90 Minuten Arbeitszeit täglich generieren. Kein zeitraubendes Tischdecken mehr, kein Abwasch und Geschirrordnen. Der damit zusätzliche Verzicht von zehn Quadratmeter Mietfläche für eine kleine Küche kommt ihm auch sehr gelegen.

Während er über die Thermophore gebeugt sein Frühstück einnimmt, lässt er sich vom Ultra-Short-Message-Service (USMS) vorlesen. Dieser Dienst vermitteltet ihm täglich die Nachrichten der Prioritätsklasse 2 auf extrem kompakte Weise und er hat dabei die Hände frei für sein Frühstück. Früher hatte er sich morgens bei Twitter informiert, aber das Scrollen und Lesen der langen Texte war dann auf Dauer eher  zeitraubend und ineffizient.

Gegen 06:25 Uhr legt er einen Fitness-Belt um seine Hüften. Die Betriebskrankenkasse hat ihm den verordnet. Seit der Klima-Krise in den 2020-er Jahren, ist der Individual-Verkehr in der Stadt stark eingeschränkt worden. Human-Ressourcen seiner Klasse fahren seither nicht mehr ins Büro, sondern arbeiten nur noch von zu Hause. Um den Bewegungsmangel zu kompensieren, stimuliert der Gürtel nun das Gewebe in der Bauchgegend. Er soll in Form bleiben und weiterhin in seinen jetzigen Overall passen.

Wehmütig denkt er 06:27 Uhr kurz an die 2010-er Jahre zurück. Eine Zeit, als man begann andere Arbeitsformen zu diskutieren. New Work hieß das damals. Mehr Flexibilität sollte her, mehr Geschwindigkeit, mehr Agilität. Zunehmend selbständiges Handeln der Human-Ressource, weniger Zeit und Kommando-Strukturen in den Firmen. Mobile Work, Virtual Meetings, Collaboration Platforms, Desk Sharing, Job-Rotation, Gig Economy und Clickwork. Und natürlich auch eine verbesserte Work Live Balance.

„Ach wie romantisch. Und was ist draus geworden?“, fragt er sich.

Fortsetzung unten …

—> New Work – Teil 3

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