549) Wenn Wehrpflicht wieder Pflicht wär

Bei den zunehmenden Diskussion zum Wiederaufleben der Wehrpflicht stellen sich mir die Nackenhaare auf und die Fußnägel machen drei Rollen rückwärts. Vergessene Begriffe kommen wieder hoch. Kreiswehrersatzamt, Musterung, Kaserne, Einberufung, Kriegsdienstverweigerung, und, und, und. Erinnerungen an eine permanent nagende Ungewissheit hinsichtlich Ort, Zeit und Verwendung … und wann der nächste Brief vom Amt ins Haus fliegen mochte, der überhaupt nicht mit meiner „Lebensplanung“ damals übereinstimmte. Aber gut, mir kann es ja jetzt Wurscht sein? Nein, es ist mir nicht egal. …

Mittlerweile kann ich einen Sinn darin sehen, junge Menschen für einen zeitweisen „Dienst“ zu verpflichten, aber bitte nicht am „Vaterland“ sondern an der „Gesellschaft“. Jungs und Mädels können da was für sich lernen und sich für andere nützlich machen, statt vom Staat darin ausgebildet zu werden auf andere Menschen zu schießen. Ja, die Bundeswehr muss sich Gedanken machen, wie sie ausreichend Köpfe unter ihre Stahlhelme bekommt, kann ich verstehen, aber es gibt genauso viele zivile Aufgaben hier, bei denen junge Leute anpacken können.

„Na, die können dann ja bestimmt wieder verweigern und dann Zivildienst machen“, mag man da denken, aber genau das stört mich gewaltig. Der default darf nicht „Kriegsdienst“ sein, von dem man sich dann mit einem Seelenstriptease vor einer Kommission befreien lassen darf. Der default muss „Dienst“ sein und der kann dann gleichwertig militärisch oder zivil sein. Und damit die letztverbliebenen Fachkräfte, jetzt nicht auch noch dem Arbeitsmarkt entzogen werden, wären auch flexiblere Konzepte nötig. Damit meine ich jetzt nicht „Schießausbildung im Homeoffice“, aber mindestens Mal eine heimat-und qualifikationsnahe Verwendung, damit die jungen Menschen, nicht durchs halbe Land gurken und Straßen und Schienen verstopfen. Zusätzlich könnte man verschiedene Dienstzeitmodelle andenken (1 Jahr Vollzeit, 2 Jahre Teilzeit o.ä.). Und eine Kombination mit Berufsausbildung oder Sprachförderung macht es vielleicht noch effektiver.

Ich glaube aber, die Wehrpflicht kommt nicht so bald zurück, denn das würde das Verteidigungsministerium und Beschaffungsamt vor extreme Herausforderungen stellen. Seitdem die Wehrpflicht vor zehn Jahren ausgesetzt wurde, hat sich die Gesellschaft mächtig verändert. Sie ist nicht nur lauter und rauer geworden, sondern auch agiler, diverser, individueller, inklusiver und anspruchsvoller.

  • Als erste Challenge käme wohl die Geschlechtergerechtigkeit auf den Tisch und die darauffolgenden wichtigen Toilettenfragen.
  • Dann müssten die Kasernen umgebaut werden, denn Datenschutz und Persönlichkeitsrechte rufen nach Einzelzimmer mit Bad.
  • Die Digitalisierung und Medienlandschaft erfordern WLAN, Netflix und 2 USB-Ladebuchsen auf jeder Stube.
  • Auch in der Ausrüstung müsste nachgebessert werden. In der Gasmaske bedarf es einer Aussparung für das Nasenpiercing, die Feldjacke bekommt eine weitere Außentasche für Vape und die Tagesdosis Cannabis und die Hosenbeine können abgetrennt werden, damit man die Waden-Tattoos besser sehen kann.
  • Auch die unterschiedlichen Religionen der Soldat:innen müssten berücksichtigt werden, auf dem Kasernenhof müssen Kapellen, Tempel und Moscheen gebaut werden.
  • Auch in der Verpflegung hat das Auswirkung, die Feldküche muss künftig vegetarische Kost anbieten, halal und bio, zusätzlich müssen Dauerzufahrtsgenehmigungen für die Bringdienste auf ihren bunten Fahrrädern ausgestellt werden.
  • Auch in der Mobilität und Waffentechnik erwartet der aufgeklärte Bürger entsprechende Anpassungen. Der Panzer muss mindestens mal „plug-in-hybrid“, die Granathülsen sollten wahlweise kompostierbar oder mehrwegfähig sein und zwischen den Baracken kann mit E-Rollern gependelt werden.
  • Der Morgen-Appel wird zum Morgenkreis auf Yoga-Matten umfunktioniert, jeder berichtet ab 09:30 Uhr bei einem Latte Macchiato wie es ihm/ihr/es gestern ergangen ist und wie der Tag gestaltet werden sollte, damit er retrospektiv als „gelungen“ betrachtet werden kann

Ihr seht schon … das wird nix 😉

Frühere Beiträge im Kontext

548) Wohntraum in HD

In einem Kommentarwechsel mit Anuschka https://annuschkasnorthernstar.blog/2024/05/21/kleine-umfrage/ kamen wir doch recht schnell zur Sache, dass dieser Tage doch eher zum Neukauf angeregt wird (z.B. Auto, Fernseher), statt weniger zu konsumieren oder die Dinge bestenfalls länger zu nutzen.

Eine Milchjungenrechnung macht das Problem schnell klar. Einen Fernseher aus Fernost kriegt man für 400,00 €, eine Mietwohnung kostet monatlich schnell das dreifache. Wenn man überhaupt eine Wohnung bekommt. Ein Jahr Warmmiete für eine Bude, hat also ungefähr den Gegenwert von 36 Fernsehern.

36 Fernseher haben ungefähr eine Fläche von sagen wir mal 20 Quadratmetern, nicht gerade üppig, aber eine Parkbank für die Nacht hat noch weniger Fläche.

Dann braucht man noch 4 Seitenwände …  a 2,50 m hoch … macht ungefähr 72 weitere Fernseher … also kann man sich mit ca. 100 Fernsehern ein schicke Hütte bauen. Baut man Reihenhäuser aus Fernsehern spart man Seitenwände, bei Hochhäusern spart man Zimmerdecken. Das sollte auch recht flott gehen, die Chinesen liefern so schnell, da hat das deutsche Planfeststellungsverfahren noch nicht mal begonnen. Man muss eigentlich nur den Suez-Kanal offen halten. Fernseher produzieren genug Abwärme und wenn man jeden 5 Fernseher durch eine Solar-Fläche ersetzt, kann man noch Strom erzeugen. Liefern auch die Chinesen. Man hat immer (zugegeben schlechte …) Unterhaltung, aber der Mietmarkt ist halt auch kein Pony-Hof. Man sollte nur auf abgeschirmte Fernbedienungen achten, sonst gibts schnell ein großes Chaos. Oder man delegiert die Programmwahl einfach an den Vermieter oder die nächstliegende Populisten-Partei, dann muss man sich da nicht drum kümmern.

Schöne neue Welt.
Ihr wisst ja, „Sun always shines on TV“ … (h)a-ha

PS 1: Wer wissen will, wo das mal enden kann … dem sei Black Mirror Staffel 1, Folge 2 ans Herz gelegt. Auch mehrfach sehenswert.

PS 2: Der Text ist von mir, aber der Titel ist von ChatGPT. Hier noch weitere Vorschläge, falls ihr was dazu schreiben wollt.

  1. „Glotzbauten: Die Zukunft des Wohnens“
  2. „Fernsehtürme: Ein Baukonzept der Extraklasse“
  3. „Bildschirme statt Backsteine“
  4. „Wohntraum in HD“
  5. „Pixelpaläste: Wo Wohnen zum Erlebnis wird“
  6. „Flachbildfassaden: Die Revolution des Bauens“
  7. „Von der Mattscheibe zum Mauerwerk“
  8. „Wohnzimmer 2.0: Fernseher als Ziegel“
  9. „Die Baukunst der Zukunft: Fernsehen, nicht Beton“
  10. „High-Tech-Heime: Wohnhäuser aus Fernsehern“

107) Postkarte aus Berlin: Mit Demokratie 1

Die Feierlichkeiten zum 75. Geburtstag des deutschen Grundgesetz haben der Stadt Berlin eine großen Open-Air-Veranstaltung beschert. Bei einer Mischung aus Volksfest und Tag der offenen Tür waren nicht nur alle Ministerien, Verfassungsorgane, Sicherheitsbehörden vertreten, sondern alle möglichen Verbände, Vereine und Organisationen. Also sind wir ganz demokratiefest zum Demokratiefest gedackelt und es ergaben sich interessante Motive, die man sonst nicht so oft vor die Linse bekommt.

Zunächst ging es mit der Party-Tram M10 zum Hauptbahnhof, dann über die Moltke-Brücke rüber zur Schweizer Botschaft und zum Paul-Löbe-Haus mit Blick auf den Bundestag.

Gegenüber des Paul-Löbe-Hauses war eine großer Bühne aufgebaut und nun passiert etwas ganz Seltenes. Ich veröffentliche ein Foto von mir. Ich bin der Typ da auf dem riesigen Bildschirm, der die Hand zum Gruß hebt. Die linke Hand wohlgemerkt, ich wurde von hinten gefilmt.

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Dann tingelten wir die Pavillons der Ministerien ab. Beim Außenministerium wies man uns den Weg nach außen … ein paar Meter weiter deutete man mit Kreide auf die Digitalisisierungsstrategie.

Nach ausführlichem Sicherheits-Check … das Abtasten nahm schon fast erotische Züge an … durften wir uns das Kanzleramt von innen anschauen. Schon beeindruckend. Und warum draußen auf ein olles Dixi-Klo gehen, wenn man ein Urinal im Bundeskanzleramt nutzen darf. Ich kann alle Kritiker beruhigen, die gegen „die da in Berlin“ schimpfen. Die Wasserhähne sind nicht aus Gold und die Seife tropft wie an jeder Raststätte nach DIN/ISO 0815 aus dem Spender.

Die Fahrbereitschaft des Mercedes mit Kennzeichen 0-2 (Bundeskanzler) war auch dort.

Im Kanzlergarten stand ein Heli der Bundespolizei, 20 Menschen finden and Bord Platz, 4 Stunden kann so ein Ding fliegen. Schon beeindruckend, aber fliegen will ich damit nicht.

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Bei der Kleiderordnung nehmen sie es da drinnen nicht so genau. Der Ostsee-Ort Prerow war vermutlich Partner der Veranstaltung. An der Wand der Kanzlerbilder vermissten wir Frau Dr. Merkel … vielleicht ist sie ja … ok … wir „skippen“ das jetzt mal

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Im internationalen Konferenz-Saal kriegt man mal einen Eindruck … aber ich würde die Tassen umdrehen … fällt ja sonst Staub rein. Und Kekse fehlen übrigens auch.

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Am Informationsstand des BND warben sie mit markigen Sprüchen für Nachwuchs. Ich war mit stattlichem Homeoffice-Pelz im Gesicht dort, aber immerhin hatte ich ein frisches  Hemd an … trotzdem fühlte ich mich mächtig beobachtet. Die Umfänge von Brust, Oberarmen und Knöpfen im Ohr nahmen schlagartig zu, ich habe mich nicht mehr getraut ein Foto zu machen.

Zum Schluß ging es über die Straße des 17. Juni (bald wieder Fan-Meile) zurück in die Höhle und wir bekamen mal einen Eindruck, wie das Ausritts-und Jagdgebiet „Tiergarten“ wohl früher mal ausgesehen haben muss, als es noch keine asphaltierten Straßen gab.

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95) Doch noch nicht ganz blöd – Vol 2

Manchmal, da muss ich Texte lesen, bei denen ich mich frage, ob ich was auf den Augen oder am Kopf habe. Oder ob die zweite Halbzeit vielleicht doch schon weiter fortgeschritten ist, als ich dachte.

Drei Beispiele aus den letzten Tagen: 

1. Der Betreiber der allgemeinen Stromversorgung der hippen Hauptstadt, informiert mich mit zwei Seiten Papier, dass eine Messeinrichtung (Stromzähler) ausgetauscht wird. Dabei erklärt er alles Mögliche, aber am Ende war unklar ob und was nun eigentlich zu tun ist. Der Text las sich ungefähr so: Messeinrichtung, Messstellenbetriebsgesetz (MsbG), Messtechnik, Messstellenbetreiber, Messstellenbetrieb, Messeinrichtungen, Messsysteme, Mess-und Eichrechtskonforme Messung, moderne Messeinrichtung, intelligentes Messsystem, Messwerte, Messentgelte, Messstellenertrag, Messentgelte. Zum Schluss dann: „Sie haben die Möglichkeit, den Messstellenbetreiber frei zu wählen. Der Messstellenbetrieb kann durch einen anderen Messstellenbetreiber ausgeführt werden, sofern der andere Messstellenbetreiber den einwandfreien Messstellenbetrieb gewährleisten kann.“

Mit freundlichen Grüßen
Ganz schön vermessen, oder?
Na immerhin habe ich nun verstanden, dass man Messstelle mit 3 s schreibt.

2. Da der eine Aktien-Fonds nicht mehr so „performed“ wie mal gedacht, schiebe ich meine Millionen halt  woanders hin. Leicht gesagt. Ich will also „umschichten“ und beauftrage daher eine „Umschichtung“. Und da der Staat sehr besorgt um mich ist, muss ich zig Merkblätter, Aufklärungen und Risiken verstehen und das dann noch in einer „Geeignetheitserklärung“ bestätigen. Geiles Wort. Im Englischem wäre das wohl ein „suitability report“. Ich bin also geeignet  … suitable …für dieses Finanzprodukt. Alles klar. Oder das Produkt ist geeignet für mich. Ein „Match“ quasi. Wann kommt endlich das Tinder für Finanzprodukte?

3. Ein neuer Grill musste her. Für den Balkon. Wenn schon Elektro … dann bitte mit ordentlich Bums. Natürlich lagen wieder zig Anleitungen in vielen Sprachen dabei aber mal ganz ehrlich … so richtig … habe ich es nicht … verstanden.
Hier meine Top 3:

  • Das Gerät muss über einen Fehlerstromschutzschalter mit einem Nennfehler-Betriebsstrom (FI Schalter) von maximal 30 mA angeschlossen werden.
  • Trage beim Handhaben des Grills hitzebeständige Grillhandschuhe mit einer Kontaktwärmebeständigkeit der Stufe 2 oder höher gemäß DIN EN 407
  • Die Aufsichtsbehörde schreibt aus Sicherheitsgründen vor, dass die Halteklammer des Heizelements verwendet werden muss und nicht entfernt werden darf

Boah ich bin doch kein Nasa-Techniker. Hat der Grill keine Maus, Tastatur oder Touchscreen, so wie jedes vernünftige Ding heutzutage?

Zum Ende folgen glücklicherweise weitere Warnhinweise, die mich wieder entspannen lassen ließen. Es gibt also noch andere Menschen, die noch viel blöder sind als ich.

„Verwenden Sie keine Holzkohle oder sonstigen Brennstoffe in diesem Grill. Dieser Grill ist nicht für die Verwendung mit Holzkohle ausgelegt.“

Puhhh, Schwein gehabt.

—> weitere gesammelte Widrigkeiten des Alltags

66) Abflug

Nach der freitäglichen Satire-Sendung leerte Noah sein Weinglas und tappte ins Bad. Manchmal wusste er nach solchen Sendungen gar nicht mehr, ob er lachen oder weinen soll. Er setzte sich aufs Porzellan und ließ die vergangene Arbeitswoche vorbeiziehen. Dabei schaute er sich erst auf die Füße, dann auf den fusseligen Badvorleger vor ihm. In der Matte regte sich etwas. 

Mhm, was ist das? Ein Tierchen? Eine Fliege? Der Wein?

Sitzend beugte er sich nach vorn, fummelte durch die Fransen der Matte und auf einmal saß ein Marienkäfer auf seinem rechten Zeigefinger. Sofort kamen Erinnerungen aus der Kindheit hoch. Schöne Erinnerungen. Bei Marienkäfern galt es immer, die Punkte auf dem Rücken zu zählen und sie dann freizulassen. Noah grinste und wollte dieses Ritual umgehend durchführen. 

Nur gab es ein Problem. 

Er saß ja noch auf dem Porzellan. Um das bodentiefe Badfenster öffnen zu können, müsste er sich vom Klo erheben und es wäre auch angebracht, die Hose hochzuziehen, schließlich brannte im Bad das Licht und draußen war es stockdunkel. Nur saß auf dem rechten Zeigefinger immer noch der Käfer und für das anstehende Befreiungsmanöver wären freie Hände von Vorteil. Zumindest mal die rechte Hand. Also bugsierte Noah den Käfer auf die linke Hand, befreite sich vom Klo und zog improvisiert die Hose hoch. Dann öffnete er das Fenster, senkte die linke Hand in Richtung des Geländers, in der Hoffnung der Käfer würde es sich dort bequem machen oder von der Brüstung abfliegen. Aber nein. Egal was Noah anstellte, der Käfer lief immer wieder aufwärts in Richtung Handrücken. Was tun? Könnte er ihn von da oben vielleicht sachte „wegschnipsen“? Schließlich kann er fliegen, aber wer möchte schon Freitag 23:00 vom fünften Stock geschnipst werden?

Der Käfer witterte wohl die Gefahr, machte einen Satz zurück uns Bad und landete auf dem Boden. „Na toll. Das Badfenster steht sperrangel weit auf und ich robbe hier im Flutlicht auf allen Vieren über den Boden, um diesen Käfer zu retten“, dachte er sich. Egal. Noah nahm ein Blatt Toiletten-Papier, schob es vorsichtig unter den Käfer und trug ihn ohne so wieder an die Brüstung. „Los flieg“, sprach er zu dem Käfer. Der aber machte keine Anstalten abzuheben. Noah manövrierte das Papier an die weiße Fassade des Hauses, der Käfer wechselte tatsächlich an die Hauswand und hielt dort kurz Inne. „Jetzt aber Ablug Kleiner, ich will ins Bett“. 

Der Käfer nickte dankend und flog ab.

Noah schloss das Fenster, schaltete das Licht ab und beendete den Tag mit einer Liedzeile.

„Ich wär so gern mitgeflogen“

547) Personal Positioning System

Polarisierung … das Wort wird oft verwendet, wenn es um gegensätzliche Auffassungen geht, um Konfrontation, um eine Entwicklung von einander weg, zum jeweiligen äußeren Ende einer gedachten Gerade. Dabei entsteht oft der Eindruck, es gäbe da nur zwei Pole. Aber gibt es das Spannungsfeld nicht eher in 2D, sogar 3D, 4D oder mehr?

Polaritäten:

  • Ist man zu weit rechts unterwegs, geht das hoffentlich schief oder man wird bald ausgebremst.
  • Geht man zu weit nach links,  besteht die Gefahr, dass man wieder rechts rauskommt.
  • Da unten landen will schon gar keiner sein, es muss immer das Ziel sein, noch jemanden unter sich zu haben.
  • Weit oben wollen viele sein, geht aber nicht, ist recht eng da und der Weg dahin, kann steinig und brutal sein.
  • Die Mitte wird gern mit Vernunft assoziiert, scheint kuschelig, aber auch genauso farblos und unentschlossen.
  • Eher hinten klingt bequem, der Weg ist schon bereitet, es läuft sich einfacher, aber auch genauso unspektakulär.
  • Ganz vorne wird‘s windig, manchmal auch riskant, man fühlt sich allein und aus allen Richtungen schlaumeiern die Schlaumeier und die, die sich besser nicht die Finger schmutzig machen.

Und nun? Tja, ein GPS gibt es dafür leider nicht. Ein PPS, ein Personal Positioning System kann dabei helfen, gibt‘s aber leider nicht zum Download. Das muss man wohl selber ran 😉

546) Tanzen über 40 … wohl eher unter 50

Neulich hat es mich nach verdammt langer Zeit mal wieder in eine Disco … wie sagt man … Diskothek … Zappelhalle … Tanzveranstaltung … Tanzlustbarkeit … Club … mit drei „Floors“ verschlagen. Und das auch nur, weil ich das Wochen vorher großspurig gegenüber einer kleinen Gruppe zugesagt hatte. Zudem unterlag der Event einer „enggefasst nostalgisch anhauchenden Themenstellung“, so dass weder Gangsta-Rap, noch Techno, noch Schlager laufen würden.  

Der Abend rückte näher und insgeheim hoffte ich auf eine Absage der anderen „Mittänzer“. Kopfschmerzen, Schnupfen oder Kind krank, aber nix da, die hielten am Plan fest. Das Ankleiden verlief recht simpel. Schwarze Jeans, schwarzes Hemd, bei den Schuhen wurde es schon schwierig. Die bequemsten Schuhe wären etwas uncool, aber bei den coolen Schuhen würden mir nach drei Songs die Hacken bluten. Also entschied ich mich für uncool, aber der Laden würde eh voll werden und da glotzt mir keiner auf‘s Fuß-Textil.

Und so ergab sich dann ein toller Abend, mit vielen Beobachtungen, wie sich das „Abhotten“ im U50-Segment doch verändert hat:

  • Der Laden öffnete 21:00, 20:50 standen wir da auf der Matte. Wann geht‘s los, ich will nicht so spät ins Bett.
  • Ein paar Teenie-Girls vor uns hatten die falschen Zahlen auf dem Perso stehen und mussten wieder abdampfen. Wir empfanden ernsthaftes Mitleid.
  • Bier kostete früher 4 DM, jetzt sind‘s 5 EUR, aber irgendwas zum Festhalten braucht man ja schließlich.
  • Auf unserem Floor gab‘s keine Sitzgelegenheiten, so konnte sich auch kein abwartender Stuhlkreis bilden, die Tanzfläche war ab Takt 1 gut gefüllt. Eine erstaunliche Effizienz die da an den Abend gelegt wird.
  • Abstellfläche für Getränke gab‘s auch nicht, also behielt ich es in der Hand. Etwas blöd irgendwie, machten aber alle so. Und jetzt bloß nicht die Pulle wie ein Mikro vor die Schnauze halten, das wäre dann sicher sehr „cringe“ … denn da waren ja auch noch jüngere Tänzer:Innen … tanzende Menschen … dem Gesellschaftstanz frönende Personen … unterwegs.
  • Das schöne an Ü40 bzw. U50 ist, dass mir der eigene Tanzstil ziemlich Wurscht ist. Das befreit ungemein und wenn ich mir dann so anderstanzende XY-Chromosomen anschaute, zählte ich mich selbst immer noch zu den coolsten Jungs des Abends. Logisch.
  • Mir ist aufgefallen, dass ich dann noch erstaunlich textsicher bin. Trotzdem vermied ich es aber, übermäßig laut zu singen, denn sollte doch mal ein Textzeile verrutschen, könnte das peinlich sein. Siehe oben „cringe“.
  • Tanzen scheint wirklich therapeutisch zu wirken, für die Dauer der „coolen moves“ scheint der Verfall gestoppt, es tut nichts mehr weh, die Zipperlein sind verschwunden. Also bloß nicht aufhören.
  • Geht das Bier in der Hand zur Neige oder wird es warm, hätte man(n) gern Nachschub, will aber nicht zur Theke gehen. Erstens dauert das ewig und zweitens besteht die Gefahr, dass man die „Tanzgruppe“ nicht mehr findet oder in einem anderen „Floor“ rauskommt.
  • Die Nebelmaschine wird noch mal angeschmissen, der Sauerstoff wird langsam knapp, wenn ich dann noch drüber nachdenke, dass wir in solchen Läden noch übelst geraucht haben … au weia. Ein Mitglied der Tanzgruppe bittet den Veranstalter doch bitte mal die Entlüfter anzuwerfen. Tun die dann auch. Oh, Zugluft … gefährlich;-)

Ich kann zwar nicht sagen, was als Rausschmeißer lief, aber es war schöner Abend, mit vielen Erinnerungen an Cisch Club und Waabe in den 90-er des letzten Jahrtausends.

Wiederholung nicht ausgeschlossen … wenn man uns da noch reinlässt. 😉

Weitere Beiträge der Ü40-Reihe:

106) Postkarte aus dem Osterzgebirge

Die letzten zwei Tage trug es mich in eine Gegend, in die ich vor über 40 Jahren mit der Oma „verschickt“ wurde. Das war die Zeit, wo alles noch schwarz-weiß war, es weder Internet noch Mobilfunk gab und man den Leiter des Ferienheims freundlich bitten musste, den Fernsehschrank im Klubraum zu öffnen. 

Ich habe da zwischendurch schon mal gestoppt, bin da aber nie länger geblieben. Ich wollte mir die schönen Erinnerungen nicht kaputt machen. Aber wie das so ist, wenn ein Ort zieht, dann zieht er und du kannst nix machen.

Auf dem Weg dahin muss man aber erst mal fürchterliche Ortsnamen links und rechts liegen lassen.

In Schmiedeberg steht die alte Fabrik immer noch. Jobs werden angeboten. Nur halt irgendwo anders.

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Aber dann wird‘s bald sehr „gemitlisch“ und ist es doch erstaunlich, was noch alles steht. Klar, die Bäume sind gewachsen und die Wege sind eigentlich viel kürzer als in meiner Erinnerung.

Die Weißerritztalbahn hat man nach der Hochwasser-Katastrophe 2002 wieder aufgebaut. Der Kopfbahnhof Kipsdorf ist wieder in Betrieb, mit etwas Nostalgie und Kitsch nun auch zum Museum geworden.

Die Laternen im Landkreis haben einen Zweitjob aufgebrummt bekommen. Sie müssen mal wieder für die Politik herhalten. Viel Irrsinn dabei, es gibt aber auch Hoffnung.

Bei Oberbärenburg fand ich „Großvaters Ruh 1883“. Interessant ist doch, dass dieser Opa damals schon prächtigen Fernsehempfang hatte, sicher auch mehr als nur zwei Programme.

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Wenn man dort fernab von Großstadt, Graffiti, Ladesäule und E-Roller-Chaos in den Bergen unterwegs ist, dann fühlt sich Berlin weiter weg an, als es eigentlich ist und ich kann nachempfinden, was die Leute wohl denken müssen, wenn sie das politische Geschehen in der Hauptstadt mitbekommen.

Aber auch dort in den Bergen hält die raue Kriminalität Einzug.

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Die Riedelmühle steht auch noch. Aus der Perspektive hier, kann man sich gut vorstellen, wie das Wasser 2002 durchs Tal donnerte. Ich guatsche mit den Betreibern ein Weilchen und habe das Gefühl, dass sie sich freuen, dass mal jemand zum Zuhören kommt. Sie haben das Objekt 1989 runtergewirtschaftet von der HO übernommen, dann mühsam aufgepäppelt. Dann der ausbleibende Transitverkehr durch die Fertigstellung der Autobahn nach Prag 2001, dann das Hochwasser in 2002, Pandemie in 2020/2021 mit Lockdowns, 3G-Kontrollen der Gäste und Besuchen vom Amt. Nun Wiederherstellung der 19% Mehrwertsteuer in der Gastronomie, erhöhte Energiekosten und Beschaffungspreise für Lebensmittel. Nicht einfach.IMG_9777

Schließen möchte ich mit diesem Bild. Hier hatte der kleine T. vor langer Zeit „große“ Steine in den Fluß geworfen und ihn zu „stauen“ versucht. Vergebens 😉

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<— Weitere Postkarten

545) GPT – Im Gemeindienst gegen Aggressivität

Dass man mit ChatGPT und ähnlichen generativen KI‘n erstaunliche Ergebnisse erzielen kann, ist quasi schon ein alter Hut. Und dass der Ton unter den Menschen lauter, rauer und aggressiver wird auch. Und da kam mir gestern in einem Meeting der Gedanke, ob man nicht grob formulierte Aussagen eines Teilnehmers einfach mittels GenAI nach „freundlich“ übersetzen könnte. Gleiches ließe sich natürlich auch in Outlook, Zoom, WhatsApp, Telegram oder sogar bei Facebook und X nutzen. Jemand blafft einen anderen an, das System übersetzt dann in realtime nach „freundlich“, der Empfänger fühlt sich gut behandelt und der Absender konnte seinen Frust loslassen.

Hier drei fiktive Beispiele, mit denen ich ChatGPT bat, die mal in „extrem freundlich“ zu übersetzen.:

ICH: „Ey du Blindfisch da vorn, grüner wird es nicht. Jetzt schieb deine Karre aus dem Weg, sonst mach ich dir Beine!“
GPT: „Oh, hallo dort! Entschuldige bitte die Störung, aber ich habe bemerkt, dass du ein bisschen im Verkehr feststeckst. Ich wollte nur freundlich darauf hinweisen, dass die Ampel grün ist und wir uns alle darauf freuen, weiterzufahren. Wenn es dir nichts ausmacht, könntest du vielleicht deinen Karre ein kleines Stück zur Seite schieben, damit wir alle vorankommen können? Ich würde mich wirklich sehr darüber freuen! Vielen Dank!“

ICH: „Hallo Heiner, wenn du das verschissene Konzept, nicht bis Freitag abgibst, dann war‘s das mit deinen Beförderungsträumen. Dann kannst du dich nach einem neuen Job umsehen und abends Pizza ausfahren!“
GPT: „Hallo Heiner,
Wie geht es dir? Ich hoffe, dein Tag ist bis jetzt wunderbar verlaufen! Ich wollte nur kurz darauf hinweisen, dass es wirklich wichtig ist, das Konzept bis Freitag abzugeben. Es ist wirklich sehr wichtig für das Team, und ich weiß, dass du das großartig hinbekommen wirst! Falls du irgendwelche Unterstützung brauchst, bin ich natürlich gerne für dich da. Ich möchte nur sicherstellen, dass du all die großartigen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung wahrnehmen kannst. Vielen Dank im Voraus für deine Bemühungen, und lass uns wissen, ob wir noch etwas tun können, um dir zu helfen!“

ICH: „An die Sportlehrerin: Wenn sie meinen Sohn noch einmal zu solch affigem Bodenturnen zwingen, überlege ich mir eine besondere Übung für sie und lasse meinen Schwager und seine Jungs mal bei ihnen auflaufen.“
GPT: „Liebe Sportlehrerin, ich hoffe, Ihr Tag ist bisher wundervoll verlaufen! Ich wollte nur kurz anmerken, dass mein Sohn vielleicht nicht der größte Fan von Bodenturnen ist. Ich verstehe, dass es Teil des Lehrplans ist, aber ich wollte nur sicherstellen, dass er sich wohl fühlt und Freude am Unterricht hat. Vielleicht könnten wir gemeinsam überlegen, ob es Alternativen gibt, die ihm mehr Spaß machen könnten?
Vielen Dank für Ihr Verständnis und Ihre Unterstützung!
Herzliche Grüße“

Und?
Das klingt doch schon ganz anders, oder? Schon viel zu nett, aber daran kann man ja noch arbeiten. Schließlich muss es der Empfänger ja auch noch kapieren. Aber wenn es eine solche App gäbe, gäbe es innerhalb von Tagen auch eine App für die andere Richtung. 

Generative KI gilt als „dual use“-Technologie, man kann gute Dinge damit anstellen, aber durchaus auch schlechte Sachen. Stellt euch eine App vor, die nett und konstruktiv formulierte Texte, Briefe, e-Mails ohne euer Wissen in extrem unfreundliche und aggressive Formulierungen wandelt.

Den Rest kann man sich denken.

Also in diesem Sinne,
mit wirklich, wirklich,
freundlichen Grüßen,
aus der hippen Hauptstadt.
T.

Frühere Beiträge zum Thema:

544) Haushaltslöcher stopfen mit den Bayern

Heute spielte mir die Tagesschau eine 15-sekündige Flanke vor das Tor, ich muss jetzt eigentlich nur noch den Fuß hinhalten und das Ding reinhauen. Danke. Ich freue mich, wenn sich Nachrichten-Profis beim Schreiben meiner Blog-Beiträge beteiligen. 

Nach dem Wetter, zum Ende der Sendung, hieß es da:

Zitat: „Um 22:15 Uhr berichten die Tagesthemen mit Jessy Wellmer über den neuen ARD-DeutschlandTrend, mit der Frage, welche Sparvorschläge die Bürger für das Haushaltsloch machen.

Und es geht um die immer schwieriger werdende Trainersuche beim FC Bayern.“

Also wenn mich jemand als Bürger fragen würde … ich hätte da ja jetzt eine Idee 😉