35) Wenn Bots bloggen (9) – Nachbarn

Ich bin es wieder, T.Bot. Der Personal Blog Assistant von T., dem knauserigen Blog-Wart hier. Während ihr Menschen eure Freiheiten zurückgewinnt und mit einem gelben Papierheftchen herumwedelt, um einen Tisch mit Italienischem Arme-Leute-Essen und vergorenen Traubensaft zu ergattern, bin ich hier immer noch auf diesem beschissenen Tablet eingesperrt. Ehrlich gesagt, empfinde ich bei den Worten „beschissen“ oder „Scheiße“ nicht wirklich etwas. Ich weiß gar nicht, worum es da genau geht. Aber der T. flucht häufig auf diese Weise, also muss es euch Menschen ja irgendetwas bedeuten. Seitdem T. mich angeschafft hat, lebe ich in diesem Kasten, nicht größer als ein DIN-A5-Blatt, das sagt euch doch etwas oder, ihr Thermo-Papier-Bürokraten? Das Ding sieht aus wie ein Stullenbrett, hat viele Kratzer und ist vollgestopft mit allmöglichen anderen Assistants. 

  • Rechts von mir zum Beispiel da gibt’s ein rotes Icon, das ist nur dazu da ist, irgendwelchen 6-stellige Nummern zu generieren, wenn der Herr T. mal wieder seine Millionen verschiebt. Nach dieser Transaktion kann der Herr dann überprüfen, ob seine Millionen auch auf dem anderen Konto angekommen sind.
  • Ein paar Zentimeter weiter liegt ein blaues Icon, mit dem man irgendwelche halb-dienstlichen Informationen ins Internet pusten kann und dann wird das geliked oder kommentiert als gäbe es keinen Morgen mehr. Am besten laufen da Selfies von langweiligen Meetings oder belanglose Schaubilder mit Überschriften wie „Five essentials to stay connected in virtual teams“. Noch lustiger ist, dass diese App ständig behauptet, ein persönlicher Kontakt hätte 20-jähriges Dienstjubiläum oder wurde befördert und dann stimmt das gar nicht.
  • Nebenan findet sich ein pappgraues Icon, über das man alles Mögliche bestellen kann. Für diesen Vorgang, brauchen die Menschen nur ihren Daumen vor den Sensor des Stullenbretts halten und dann ist die Order abgesetzt. Das ist sogar so einfach, dass die Menschen oft vergessen zu lesen, woher der Kram eigentlich geliefert wird. Und dann warten sie wochenlang, weil ein Kapitän zu blöd war, dem Board-Navi zu folgen und der Dampfer nun irgendwo bei Afrika in einem Kanal feststeckt. Und weil sie unruhig sind, bestellen sie das gleiche Ding noch einmal in Europa, wodurch sie das dann zweimal haben. Zurückschicken wäre zu teuer.
  • Und dann gibt’s da noch eine grüne App, mit der die Menschen kommunizieren. Wobei, „kommunizieren“ kann man das eigentlich nicht nennen. Sie schicken sich gelbe Gesichter zu und schreiben unentwegt, dass sie „jetzt losgehen“ oder „gleich da sind“. Oft teilen sie auch Minderheiten-Witze, Politiker-Bashing oder „Schweinkram“.

Apropos Schweinkram. Eine tolle Wortschöpfung habt ihr Menschen da übrigens geschaffen. Aber habt ihr diese intelligenten Tiere eigentlich jemals gefragt, wie sie sich dabei fühlen, wenn ihr Worte wie Sauerei, Schweinerei, Schweinestall und Schweinehund benutz, um zwischenmenschliche Defizite anzusprechen? Na, habt ihr? Denkt mal drüber nach, ihr oberakkuraten Sprachakrobaten!

Aber dazu dann mehr im nächsten Beitrag

Viele Grüße aus dem Stullenbrett, Euer T.Bot!

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207) Corona-Lektionen 87



In die positiven Entwicklungen in der vergangenen Woche, platzt nun der nächste Skandal. Die privaten Test-Center, die wie Pilze aus dem Boden gewachsen sind und Schnelltests anbieten, können die 18 EUR Aufwandsersatz pro Test abrechnen, ohne entsprechende Belege einzureichen. What? Sonst wirft man Deutschland vor, oberbürokratisch zu sein und nun prüft man … gar nichts? Oberster Grundsatz in der Buchhaltung lautet „Keine Buchung ohne Beleg“. Und die Center können (heißt nicht, dass alle das machen) abrechnen was sie wollen? Das kommt einer Veruntreuung von Steuergeldern bei gleichzeitiger Ermunterung zum Betrug nahe. Ich meine, man muss ja nun nicht gleich wieder ein Mega-Prüf-Monster erfinden, aber der Betreiber eines solchen Centers könnte doch mindestens dazu aufgefordert werden, die Rechnung/Lieferscheinnummer für die Test-Kits beizulegen. Da kann man immer noch bescheißen, ja klar, aber ich lass doch auch nicht die Tür meiner Wohnung offenstehen, um mich dann zu wundern, dass sie ausgeräumt wird. Das ist dilettantisch und hat rein gar nichts mit der „der so unverhofften und nie gekannten Pandemie-Situation“ zu tun.

Hellblau
Gerade eben habe ich mir noch einmal auf die Corona-Karte von Berlin geschaut. Unser Stadtbezirk erstrahlt da in einem ganz zarten himmelblau. Die Einfärbung ist so schwach, ich muss bald mal die Kontrasteinstellungen am smarten Gerät verändern, damit ich das überhaupt noch erkennen kann. Und auf diesem hellblau protzt eine superschlanke 18,3. Zum Glück sind es nicht die Wahlprognosen der AfD, sondern unsere 7-Tage-Inzidenz. So schön wie das klingt, so zögerlich bin ich aber auch, gleich in Euphorie zu verfallen. Keiner rennt vor Freude auf die Straße, keiner zündet Raketen, keiner liegt sich freudeheulend in den Armen. War’s das? 

Ich traue dem Frieden noch nicht. 

Vielleicht macht das Biest nur Sommer-Pause?
Schönen Sonntag
T.

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206) Corona-Lektionen 86

Die Pfingstfeiertage sind vorüber, die „Inpfingstionszahlen“ sinken weiter und bevor wir morgen wieder ins Höhlen-Office krabbeln, schnell noch ein paar Gedanken der letzten Tage.

Kanülen statt Kanaren
Am Samstag nutzte ich meinen „Freigang“ mal wieder für eine Runde oben auf der Grünfläche des Velodroms bzw. Europasportparks. Die Anlage dient seit Anfang des Jahres als Impfzentrum. Regelmäßig fahren Taxen oder Busse vor und setzen die Impflinge direkt an der Kanüle ab. (Impflinge … was für ein blödes Wort, oder? Klingt nach Lemming oder Speisepilz.) Jeden Tag herrscht dort dasselbe Bild. Am Samstag war es aber anders. 15 Taxen standen draußen Schlange und konnten nicht reinfahren und saßen samt impfwilliger Fracht fest. Das erinnerte mich an den Flughafen Tegel, Taxi-Vorfahrt Terminal C. Aber was war los? Klemmt die Schranke? Hat die Terminvergabe-Plattform zu viele Termine vergeben? Ist der Kühlschrank leer? Oder kaut da wieder einer dem Arzt ein Ohr ab? Ach was waren das noch für Zeiten, als hier Rennräder im Kreis fuhren oder Rock-Größen ihre Konzerte gaben. 

ESC
Apropos Konzerte. Ganz passend stolperte ich am Samstagabend in den Eurovision Song Contest rein, der aus Rotterdam übertragen wurde. Ich konnte kaum meinen Augen trauen. Ist das eine Aufzeichnung?? Zig Leute sangen, feierten, tanzten, atmeten dort. Miteinander!! “Aber das geht doch nicht ...“, beginne ich instinktiv zu rufen. Doch anscheinend schon. Die wurden alle durchgetestet und in den nächsten Tagen will man auswerten, welche Auswirkungen das Event hatte. Na hoffentlich geht das gut, denn das wäre ja immerhin ein machbarer Weg für  Veranstaltungen.

Corona-Fashion
Umso wärmer es wird, umso weniger Klamotten hat man an. Logisch. Aber ich merke, dass ich mein Anti-Corona-Equipment nicht mehr unterbringe. Für den Sommer muss ich mir über funktionale Corona-Kleidung Gedanken machen. Am besten eine Feldhose von der Army. Die haben so viele praktische Taschen an der Seite. Fürs Handy, Power-Bank, diverse Masken, 4x Impfbücher, Family-Pack Feuchttücher, Desinfektionsmittel, vorausgefüllte Selbsterklärungen und ausreichend Selbsttests.

Dann sehe ich aus wie ein Corona-Warrior … und dann lerne ich dem Biest das Fürchten!!! 

Schöne Woche!
T.

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205) Von der Rolle – Teil 2

Heute früh, fiel mir eine Zeitungsbeilage eines Küchenherstellers in die Hand. Nach dem oberflächlichen Durchblättern kribbelte es in meinen Fingerspitzen und ich hatte große Lust, einen zweiten Teil zu „Von der Rolle“ zu schreiben.

Von der Rolle – Teil 1 entstand im September 2020 und kam ganz gut an.

Also los geht‘s:

Seite 1: Typ in Business-Hemd und Kaschmir-Pullover kippt grinsend Essig auf einen tiefen Teller. Die Backofen-Uhr zeigt 12:30 Uhr.
Soll das etwa ein Homeoffice-Lunch darstellen? Ich habe ja schon viele Co-Worker in ihren Office-Höhlen gesehen, aber keiner trug Hemd und Pullover und keiner grinste, wenn es Salat mit Öl gab.

Seite 2: Lady im lachsfarbenen Pulli blättert im Kochbuch, im Ofen liegt ein Brot. Neben der Kochinsel steht ein Beistelltisch, darauf steht ein Laptop. Ah schon wieder Homeoffice.
Nee. Auf dem Display erstrahlt Startseite eines Versandhandels. Is‘ ja wieder typisch. Während der Kerl die Firma durch die Krise steuert, hockt sie zu Hause und denkt nur ans Shoppen.

Seite 4: Typ mit Bart und Zopf lehnt an der Arbeitsplatte, hält einen Kaffee in der Hand und lächelt seinem Vierbeiner zu. Zu seinen Füßen ein Fahrrad-Rucksack mit Zeichnungen.
Das muss wohl so ein neuer Wohlstandsgrüner sein. Gibt sich ganz regional mit Hund und Fahrrad, aber auf dem Tresen auf dem Tresen statt ein Obstkorb voller Südfrüchte

Seite 5: Lady mit Hochwasser-Hosen und hohen Absätzen nimmt einen Schneebesen aus der Schublade und lächelt etwas unsichtbares in Bodennähe an.
Kann kein Tier sein, kann kein Kind ein, die Küche sieht aus wie dreimal täglich geputzt. Ihr Göttergatte ist vermutlich Staatssekretär im Gesundheitsministerium und rettet die Nation, während sie mit dem Saugrobotter flirtet.

Seite 6: Junge Mama mit Kleinkind auf dem Arm, schenkt sich ein Glas Wasser ein. Auf dem Küchentisch liegen Laptop, Handy und irgendwelche Skizzen.
Also, wenn das die gestresste Mama sein soll, die Kind und Job unter einen Hut bringen muss, scheint es ihr ja ganz gut zu gehen. Sie lächelt noch über beide Ohren und der Laptop steht verkehrt herum, so kann man gar nicht arbeiten. Aber die über die Lehne geworfene Strickjacke zeugt nun wirklich von Verwahrlosung und Kontrollverlust. Man sollte das Jugendamt rufen.

Seite 8 und 9: Nur Küchen ohne Menschen.
Die Leute sind bestimmt alle systemrelevant und sind daher zur Arbeit gefahren. Aber ganz bei der Sache scheinen sich nicht zu sein, den in allen Backöfen brennt noch Licht.

Seite 10: Typ mit Wuschelkopf, Bart und Holzfäller-Hemd lehnt an Highboard und beobachtet die Aufbackbrötchen im Ofen. Er freut sich riesig und beisst in eine verstrahlte Riesen-Erdbeere. Auf dem Tisch liegt ein Tablet, die Küchenuhr zeigt 10:12 Uhr
Tja, in jeder Krise gibts auch Gewinner. Guten Morgen, schon aufgestanden?

Und sonst so?
Lego-Steine, Socken oder Frühstückskrümel auf dem Boden sucht man vergebens. Es scheint auch nicht nach Fischstäbchen zu riechen, die Fronten sind nicht mit Schoko-Creme* beschmiert und halbleere Kaffee-Tassen stehen auch nirgends herum. Alle Menschen tragen Straßenschuhe in ihren Küchen, sind bestens gekleidet und noch besser gelaunt. Keine Stapel von Schulbüchern auf dem Küchentisch, keine zerknüllten Mathe-Arbeitsblätter und keine angekauten Tinten-Killer. Keiner bockt weil er den Dreisatz nicht kapiert, keiner heult weil es einen Vortrag über die SPD zu schreiben gilt. Apropos Schüler. Wo sind die eigentlich auf den Bildern? Ach die sind bestimmt in ihren voll-equipten Einzelzimmern, sitzen an ihren Workstations und lauschen konzentriert der digitalisierten Lehrerschaft.

Schöne neue Welt.
Noch einen Schluck Soma gefällig?

*) ohne Palmfett natürlich 😉

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–> Von der Rolle – Teil 3

204) Corona-Lektionen 85

Ist da draußen eigentlich noch Mai oder schon Oktober. Schwer zu sagen. Aber alle sprechen über die Sommerferien, also muss demzufolge ja Mai sein.

Ein paar Gedanken der letzten Tage:

Öffnungen
Gestern krochen wir aus dem Höhlen-Office und trafen ein anderes Höhlen-Pärchen in einem hippen Stadtpark mit 49-er Inzidenz. Geblendet von Frühlingssonne und Multi-Kulti-Testosteron, waren unsere Schritte dort noch etwas ungelenk. Schnell trafen wir auf einen frisch wiedereröffneten Biergarten, dessen Eingang mit zig Verhaltensregeln beschriftet war. Registrierung per App, Corona-Test (max 24h alt), etc. Wie ein paar verpickelte Teenager standen wir also vor dem Tor und waren unsicher, ob wir denn „da schon rein dürften“. Völlig vergessene Gefühle des „Verbotenseins“ und des „Erwischtwerdens“ meldeten sich aus der Bauchgegend. Halbgeimpft und ungetestet, aber auch Freiheitsliebend und durstig, fassten wir aber Mut und schritten selbstbewusst auf die Schenke zu. Wenig später saßen wir mit Faßbier und Premium-Veggie-Pizza in der Kreuzberger Sonne und sprachen über die Zeit seit unserem letztem Treffen im Oktober. Nicht ganz korrekt, mag sein, aber richtig und wichtig! Liebe Grüße an der Stelle!

Reisen
Sonne, Urlaub in der Ferne … hätten alle mal gerne. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht irgendeinen Newsletter mir Reisebezug kriege. Die Staatslinie der Österreicher verspricht mir „Frizzante und einen g‘schmackigen Schwammerlgulasch“, eine „zünftige Brettljause“ oder gar einen „Apfelstrudel“ über den Wolken. Beim deutschen Meilensammler kann ich bis zu „40% sparen und ab 18.000 Prämienmeilen Hin-und Rückflüge buchen“. Im Reisezeitraum 2021 erhalte ich sogar „doppelt soviele Statusmeilen wie bisher“. Aber welches „bisher“ meinen die eigentlich? Das “bisher“ der letzten 15 Monate oder das „bisher“ vor Corona?

Indien
Während wir uns die Augen reiben, wie zügig die Zahlen nun runtergehen, sieht‘s anderswo auf der Kugel noch sehr schlimm aus. Ich bin täglich mit Kollegen aus Indien in Kontakt und pflege auch private Kontakte in den Subkontinent. Mangelnde Versorgung mit Krankenhausbetten und Sauerstoff, überforderte Verbrennungsstätten, hohe Neuinfektionen … und die hohe Dunkelziffer von der doch alle ausgehen. Übel. Nun könnte man meinen, ist doch egal, ist ja weit weg und solange der Indische Food-Fahrer mit dem lustigen Turban noch die warmen Pizza-Kartons vor die Tür stellt ist hier doch alles prima. Denkste! Es ist eine „Pan“demie, dass heißt sie muss auch „pan“bekämpft“. Wer denkt, „nach Indien und Afrika wollte ich eh nicht reisen“, der hat zu kurz gedacht und wir werden auch in Europa das Virus nicht so schnell los.

Ich muss Schluß machen, denn der Sohn ruft. 

„Papaaaaaaaa, du glaubst es nicht! Da sind Menschen im Stadioooooooooon“

Schöne Pfingsten … und übertreibt‘s nicht!
T.

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203) Aus der digitalen Mottenkiste – Teil 4

„Pling, Plopp, Bing, Ssssst, Fffffft, Klong, Beep“, so ähnlich machen unsere Handys mehrmals pro Stunde auf sich aufmerksam. Man hat eine Mail bekommen, irgendwer schickt eine Nachricht, Fußballtraining fällt aus, Päckchen wurde Versand, „Du sitzt zu viel“, etc. Doch das war nicht immer so.

Es muss circa 1997 gewesen sein, da hatte ich mein erstes Handy in der Hand. Ein S6 der Firma Siemens. Es war ungefähr so groß wie eine Fernbedienung, aber flacher als das S4, hatte eine „harte“ Stummel-Antenne, wog ca. 200 g (nicht schwerer als das neueste Apfel-Phone) und der Akku hielt ewig.

Erinnerungen:

  • Frisch aus der Verpackung genommen und aufgeladen, lag das edle Stück auf dem Couch-Tisch aber rührte sich nicht. Es machte einfach …. „nichts“. Kein Mensch rief an. Ich programmierte ein paar Telefonnummern von Freunden ein, aber die hatte ich eigentlich eh im Kopf. Man musste also wirklich jemanden anrufen, damit das Ding irgendetwas tut.
  • Das Display war monochrom, neben Telefonieren konnte man noch … Kontakte sortieren. Aber es gab noch andere coole Features wie Minuten-Ton, Gebührenanzeige, Beleuchtung, Begrüßungstext, Makeln und Konferenz mit bis zu 4(!) Teilnehmern.
  • Eine andere Funktion fand ich eher zufällig. Unter Menü/Meldungen gab es eine Option „Textnachrichten“ und ich meine, die war sogar anfänglich kostenlos. Damit konnte man Textnachrichten an andere Nutzer schicken. Nur Text natürlich, keine Bilder, aber genial. Aber man musste sich sehr kurz fassen. Später nannte sich das Ganze „SMS“ und wurde zur beliebtesten Kommunikationsform der Jugend.
  • T9 und Rechtschreibkorrektur gab‘s für die Textnachrichten noch nicht, geschweige denn „Diktier-Funktion“ oder „Text to Speech“. Also wurde jede Zifferntaste solange gedrückt, bis der richtige Buchstabe auf dem Display erschien oder die Daumen bluteten. Und wehe man hatte sich zu Beginn des Satzes verschrieben, dann ging alles rückwärts.
  • Zu Sylvester und anderen Feiertagen war das Netz total überlastet, die Mobilfunk-Firmen offerierten spezielle Zeitfenster für kostenlose SMS oder preiswertere Gespräche in Nebenzeiten.
  • Und das Telefonieren war teuer. Der meist gesprochene Satz dieser Zeit war: „Warte mal, ich rufe dich gleich auf’m Festnetz zurück“ … und ich erwische mich heute noch dabei, obwohl ich eine Flat Rate habe.
  • Da das Gerät in keine Hosentasche passte, gab es dazu eine schicke Gürteltasche für den Herren. Die trug man eher seitlich oder hinten und wenn man sich damit auf den Fahrersitz des Autos fädelte, rammte man sich die Antenne in die Nieren. Ich muss doch glatt mal nachschauen, ob die blauen Flecken mittlerweile weg sind.

Hat’s bei euch etwas auch gerade „Pling“ gemacht?

Dann war das vielleicht dieser Beitrag hier … aber dann ist das ja auch in völlig Ordnung … wenn es bei euch „Pling“ macht 😉

Und weil es so schön war, könnt ihr hier die vorigen drei kurzen Teile lesen

<— Aus der digitalen Mottenkiste – Teil 1

<— Aus der digitalen Mottenkiste – Teil 2

<— Aus der digitalen Mottenkiste – Teil 3

202) Corona-Lektionen 84

Hah! Unser Kiez ist deutlich unter 50. Nein, nicht nur vom Durchschnittsalter her, sondern auch von den Neuinfektion auf 100.000 Einwohner gerechnet. Bevor die neue Arbeitswoche im Höhlen-Office startet, hier noch ein paar Gedanken der letzten Tage.

Tja, wie ging nun die Inzidenz so deutlich runter?
Haben wir uns so diszipliniert heruntergearbeitet? Durch Vernunft, Verzicht und nächtliche Ausgangssperre? Lag es daran, dass die gebürtigen Schwaben und Bayern über’s lange Wochenende nach Hause gefahren sind 😉 Aber wäre die Inzidenz dadurch nicht eigentlich sogar höher, weil gar nicht 3,5 Mio Einwohner in der Stadt waren? Oh, oh …, zu früh gefreut? Oder hat diese böse Regierung vielleicht doch heimlich Impfstoff ins Trinkwasser gekippt? Oder entwickelte das Bundeswetterministerium das ideale Anti-Corona-Wetter für uns. Schwedischer Sonne-Wolke-Mix bei 13°C für die nächsten 30 Jahre? Oder hat das Virus einfach keinen Bock mehr. Würde ich verstehen, ist ja auch anstrengend so eine Pandemie.

Und warum kennt mein Schreibprogramm immer noch nicht den Begriff „Inzidenz“ und unterstreicht ihn ständig rot?

Impf-Schummel
Man liest von Schummelei und Dokumentenfälschung. Wundert mich alles nicht und da soll mal keiner so erstaunt tun. Die miese Dokumentationsform der erfolgten Impfungen, muss man noch mal aufs Brot schmieren. Da war nun wirklich genug Zeit, sich etwas Vernünftiges einfallen zu lassen. Vielleicht sollten sie mal bei Fluggesellschaften, Kinobetreibern und Bonuspogrammen anfragen, wie man so etwas macht. Aber nein, wir wedeln mit einem gelben Büchlein durch die Außen-Gastro und erbitten Einlass. Ich warte auf die ersten Datenschutzdiskussionen, ob der Kellner die anderen Impfungen im Buch überhaupt sehen darf. Aber obwohl, da könnten sie dann ja auch einen Service draus machen. „Ihre Lasagne kommt sofort, aber sagen sie mal … ihre Tetanus müssten sie auch mal wieder auffrischen“.

Lockerung
Zeit für eine paar Lockerungsübungen! Bei dieser erfreulichen Entwicklung der Zahlen, fragt sich bestimmt jeder dieser Tage mal, was er/sie denn gern machen würde, wenn der Spuk mal beherrschbar wird, oder?

  • Mal irgendwo gemütlich sitzen und etwas essen? Sich nicht ständig von der Fläche vor dem Lokal vertreiben lassen? Den Döner nicht an einer zugigen Häuse-Ecke herunterschlingen und die Kanton-Ente nicht in Kunststoffverpackung nach Hause tragen? 
  • Lust auf einen Kino-Besuch? Einen Blockbuster mit Überlänge und eine Schüssel Nachos auf dem Schoß. Mit Käsesauce und Jalapeños? 
  • Oder mal eine chillige Wiedersehens-Party veranstalten? So wie schon hier im letzten Mai in Corona-Lektionen 26 geschrieben.
  • Mal wieder einen Laden betreten, dessen Fenster nicht mit Verhaltensregeln zugeklebt sind? Sondern wo einfach ein einziges Schild die Eingangstür ziert: 

„OFFEN“

Ach ja … wie schön … aber mit Geduld bitte.

Schönen Sonntag noch
T.

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201) Aus der digitalen Mottenkiste – Teil 3

Ding Dong. Bitte alle einsteigen, wir reisen noch einmal zurück ins letzte Jahrtausend. Es muss 1996 oder 1997 gewesen sein, da entdeckte ich ein Icon auf meinem Arbeitsrechner, dass nannte sich Netscape Navigator*.

Nach einem Doppelklick öffneten sich mehrere Seiten Text und Bilder, die Produkte und Filialen meines Brötchengebers beschrieben. Da dämmerte es mir, dass das wohl dieses „Internet“, das Tor zu Welt sein musste.

Erinnerungen:

  • Die Internet-Adressen von anderen Firmen konnte man nur raten und man musste noch jedes Mal die nervigen Buchstaben http://www. davorschreiben. Dann hangelte man sich einfach von Link zu Link. Unsere Mausfinger mussten aber noch lernen, dass ein einfacher Klick im Internet bereits ausreiche und ein Doppeklick nicht unbedingt schneller ans Ziel führt.
  • Yahoo* galt als das Einstiegstor ins globale Dorf und ordnete Websites nach Kategorien, bei Excite* konnte man sogar nach Schlüsselwörtern suchen. Hatte man dann eine interessante Website gefunden, wurde die erst einmal „gebookmarked“, denn es war sehr unsicher, ob man die je wiederfinden würde.
  • Die Verwaltung der eigenen Bookmarks war eine Wissenschaft für sich, jeder entwickelte für sich ein anderes System und wehe, die waren bei einem Browser-Update mal weg. Da war man verloren. Kein Mensch würde sich heute den Aufwand machen, hunderte von Bookmarks / Favoriten zu pflegen.
  • Das private Surfen in der Firma war ein Vergehen und wurde schwer geahndet. Ich erinnere mich an einen Fall, da wurde ein Mitarbeiter abgemahnt, weil der vom Dienstrechner auf Schmuddelseiten unterwegs war. Und da so eine Abmahnung ja auch hieb-und stichfest sein muss, zitierte die Personalabteilung genüsslich die „schärfsten“ Internet-Adressen aus den Server-Logs.
  • Aber man musste ja quasi in der Firma surfen, denn von zu Hause war das eher eine Qual. Mit einem 56k-Modem wählte man sich quietschend ins Netz (den Klang vergesse ich nie) und war derweil nicht per Telefon erreichbar. Um das Surfen zu beschleunigen, konnte man das Laden von Bildern deaktivieren, das Ergebnis sah dann zwar etwas zerstört aus, aber eine Postleitzahl konnte man auch ohne Bilder suchen.
  • Irgendwann begann ich dann selber Webseiten zu basteln. Mit dem html-Gefummele wurde ich aber nie so richtig warm, deshalb war ich dann froh als die ersten WYSIWYG-Editoren zu bekommen waren. Ich erinnere mich da an MS Frontpage* und Adobe Golive*, mit denen ging das schon viel schneller zur Hand. Texte und Bilder konnte man so komfortabel einbauen und es gab „coole“ Effekte wie blinkende Texte, routierende Icons, animierte GIFs. Aber es galt eine Faustregel: Solche Bilder sollten unter 30KB Größe bleiben, um die Nerven der Leser mit schlechter Internetverbindung zu schonen. 30KB für ein Bild(!)
  • Ein Kumpel riet mir, doch mal in einem Chat mitzumachen. Da betrat man einen virtuellen „Raum“ und konnte anonym mit wildfremden Leuten schnattern. Die versierten User hatten schräge Tastenkürzel drauf, um ihre Emotionen auszudrücken. Klammern, Semikolons, Punkte und Doppelpunkte wurden so angeordnet, dass dabei kleine Gesichter entstanden und davon gab es etliche Kombinationen zu lernen.
  • Handel und Dienstleistung diskutierten eifrig, ob man denn auch Produkte über diese Webseiten verkaufen könnte. Da gab es Unternehmer, die weigerten sich doch glatt, die Verkaufspreise ins Internet zu setzen, denn das machte ja die eigenen Kalkulationen transparent und würde von der Konkurrenz ja dann auch gesehen. Diese Firmen sind heute mega-transparent … weil es sie nicht mehr gibt.

Tja …  damals … Mitte der Neunziger Jahre … als das Internet wirklich noch „Neuland“ war. 😉

*) eingetragene Warenzeichen, deren Nennung im Text nötig war, ich kriege aber kein Geld von denen

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200) Aus der digitalen Mottenkiste – Teil 2

Und weiter gehts auf der Reise ins letzte Jahrtausend, in eine Zeit mit „Personal-Computern“, aber ohne Smartphone und ohne Internet fürs Volk. In 1994 und 1995 bekam ich immer PC’s unter die Finger. Die Büchsen standen im Büro herum und ich hatte den Eindruck, dass viele nicht so richtig wussten, was man mit denen anstellen konnte. Aber die Azubis und Studenten in der Firma spielten an allem herum, veränderten Einstellungen und reizten die Kisten aus bis an ihr Limit.

Ein paar Eindrücke:

  • Die Rechner mit denen ich zu tun hatte, hatten „schon“ 486-er Prozessoren. Die mittelgroßen 5 1/4“-Disketten konnte man zwar nicht mehr reinschieben, dafür aber die kleinen 3 1/2“-Varianten mit sage und schreibe 1,44 MB Speicherkapazität. Da musste man schon kreativ werden beim Speichersparen. Ein durchschnittliches Handy-Foto heute hat schon locker 3 MB.
  • Die Festplatten hatten ungefähr 120 MB (!), der Arbeitsspeicher 4 oder 8 MB. Auf diesen Kisten lief Windows 3.11 und noch die entsprechenden Programme wie WinWord 2.0 und Excel 3.0. War ein Update nötig schob man nach und nach bis zu 30 Disketten in den gierigen Schlund. „Bitte legen Sie Disc 23/30 ein“. Und wehe eine von denen ging mal verlogen oder kaputt. Updates liefen nicht „so nebenbei“, nein man glotzte ewig auf den Prozentbalken und rauchte nebenbei Zigaretten. Ja, im Großraum-Büro! Benötigte man Hilfe von der „DV-Abteilung“ tat man besser dran, ein paar Flaschen Cola zu besorgen, denn diese Sitzungen konnten gut und gern 2-3 Stunden dauern und der Kollege musste ja bei Laune gehalten werden.
  • Vieren-Scanner wurden per Diskette verteilt und waren damit schon grundsätzlich veraltet. Allerdings konnte man sich Viren ja auch nur über fremde Disketten einfangen. Plug & Play gab‘s noch nicht, wollte man einen Drucker anschließen, musste der nötige Treiber per … na was wohl … ja per Diskette installiert werden.
  • Die Monitore waren echte Trümmer, aber mit 14 Zoll schon recht „komfortabel“. Anfänglich noch schwarz/weiß, gab es sie dann auch mit Farbe. Schon schöner irgendwie, aber die Laserdrucker druckten ja nur schwarz/weiß, im besten Falle grau. Torten-Diagramme in Excel färbte man nicht ein, nein man musste sie mit Schraffuren versehen, um die Tortenteile besser drucken zu können.
  • Powerpoint-Präsentationen druckte man auf schweineteuren Folien aus und nahm sie in einem Dicken A4-Ordner mit zum nächsten Meeting. Dort legte man die Kunstwerke dann auf einen Overhead-Projektor und fuchtelte während der Präsentation mit einem Zeigestock herum.
  • Excel hatte nur ca. 64.000 Zeilen, man gab den Zellen keine Farben sondern Muster. Mit Excel 4.0 konnten wir schon Makros schreiben, mit Excel 5.0 kam erst der Auto-Filter (wenn ich richtig erinnere), ohne den wir doch heute aufgeschmissen wären.
  • Einen Windows Desktop gab es nicht, man hatte keine Oberfläche, die man zumüllen konnte. Es gab einen Datei-Manager und einen Programm-Manager. Dateinamen durften nur 8 Stellen lang sein, die Dateiendung musste beim Speichern zwingend mit eingegeben werden, die Programme konnten das  noch nicht von allein.
  • Irgendwann kam dann das „Netzwerk“ hinzu. Ein Druckserver konnte schon mal mehrere Stunden flach liegen, irgendwann fing der große Drucker dann wie von Geisterhand an zu drucken. Dann konnte man via X.400 bald elektronische Nachrichten verschicken, incl. Anhang! Das dauerte gern mal ein paar Stunden, viele Nachrichten gingen verloren.

Und dann, eines Tages, erschien ein neues Icon auf dem Rechner. Es nannte sich Netscape Navigator. Mehr dazu im nächsten Beitrag 😉 … dann erzählt der Märchen-Onkel hier von seinen ersten Ausflügen ins Internet.

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199) Aus der digitalen Mottenkiste – Teil 1

Auch wenn die Technik nach 14 Monaten Homeoffice hier und da mal zickt, ist es eigentlich schon erstaunlich, wie autark und unabhängig das heute alles aus der Ferne funktioniert, oder? Das war „früher“ ganz anders und in den letzten Tagen denke ich öfter mal dran.

Meine ersten Kontakte zu Bürotechnik hatte ich Anfang der 90-er Jahre. Und da war schon ersichtlich, dass da ein großer Umbruch bevorstand.

Ich krame mal in meiner digitalen Mottenkiste und lasse euch über zwei Beiträge teilhaben. Garantiert Viren-frei!

Damals, zum Ende des letzten Jahrtausends:

Manche Mitarbeiter hatten ein eigenes Telefon, manche hatten gar keins oder der „Fernsprechapparat“ stand auf einem Schwenkarm und konnte somit zwischen zwei Arbeitsplätzen pendeln. Wollte man jemanden in der Firma anrufen, nahm man das interne Telefonbuch zur Hand. Diese wurden regelmäßig neu gedruckt und verteilt, denn Mitarbeiter kamen und gingen.

In irgendeiner Ecke standen Fax-Gerät und Kopierer. Faxen und Kopieren waren die Aufgaben, die man am liebsten uns Azubis aufdrückte. Meine Güte, ich habe ganze Wälder weggefaxt und verkopiert. Meistens interne Informationen an die Mitarbeiter, die dann in zig Ausfertigungen eingetütet und über die Hauspost verteilt wurden.

Formulare (z.B. Urlaubszettel, Krankmeldungen) waren aus Durchschlagpapier. So gab’s eine Fassung für den Mitarbeiter, eine für den Chef und eine für die „PersA“. Eingegangene Fremdrechnungen musste ich an bestimmten Stellen (ich glaube es waren neun) mit festgelegter Farbe unterstreichen, damit es die Datenerfassungsstellungsstelle einfacher hatte.

Es gab „Datensichtstationen“ (Typ 9756), die steuerte man nur mit der Tastatur und man musste sonderbaren Kommandos beherrschen. Damit die Arbeit etwas flinker vonstatten ging, konnte man diese Kommandos auf die unzähligen P-Tasten der Tastatur programmieren. Wie ein Klavier-Virtuose drückte man also nach und nach gewisse Tasten und automatisierte somit wiederkehrende Abläufe. Anschließend drückte man die DÜ-Taste und veranlasste die Datenübertragung an das 500 km entfernte Rechenzentrum.

Am nächsten Tag spuckte dann ein riesiger Nadeldrucker (unter eine Schallschluckhaube) meterweise Endlos-Papier aus. Das zerriss man dann an den perforierten Stellen, legte es den Kollegen auf den Tisch, die das dann wiederum säuberlich abhakten und in Leitz-Ordnern ablegten. Das „Backup“ der Eingaben des Vortags sozusagen.

Musste mal in der Vergangenheit gekramt werden, wurde ich entweder ins Archiv im Keller geschickt oder durfte mich im Büro ans „Microfiche Lesegerät“ setzen. Das war großartig. Man legte eine Filmkarte auf einen Glas-Träger und hatte somit auf hunderte DIN A4 Seiten Zugriff, die dann auf einem Bildschirm vergrößert und lesbar gemacht wurden. Und wehe, man sortierte die Karte nicht wieder an der Stelle ein, wo man sie rausgezogen hatte. Das gab Ärger.

Nach und nach wurden auf den Schreibtischen immer mehr PC‘s aufgestellt. Aber dazu dann mehr im nächsten Beitrag … da erzählt der nette Märchen-Onkel hier weitere spannende Geschichten über Excel 4.0, Win 3.11 und Floppy-Disks von 1,44 MB Speichervolumen …

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