739) Willkommen im Systembruch

Im Westen Deutschlands brechen gerade mehrere Welten zeitgleich zusammen.

Das Konstrukt der Volksparteien (plus der „nervigen“ Grünen) trägt nicht mehr, nationalistische Parteien ziehen in Parlamente ein, erfolgreicher als Republikaner, DVU oder NPD es jemals waren.

Industrie und Mittelstand stehen unter Druck. Aus Fernost kommen günstige Preise und aggressive Innovationen, aus Fernwest drohen Zölle, Inflation und wirtschaftliche Unberechenbarkeit. Mit Social Media wird das Nachrichten- und Deutungsmonopol dezentralisiert, der Staat zieht sich schrittweise aus sozialen Projekten zurück und den Kirchen laufen die Mitglieder davon. 

Der Ostblock ist nicht mehr der eine klare Feind. Der Russe ist es zwar „schon wieder“, doch selbst aus dem Inneren der EU wird der Staatenbund attackiert. Der Diesel ist verpönt, der gute alte VW mutiert zum Tablet auf Rädern, und das Land wird mit Windrädern zugestellt. Frauen sollen bestenfalls gleich verdienen, aber bitte trotzdem die Care-Arbeit zu Hause im Blick behalten. Jobs geraten durch KI unter Druck, während man einem Gas-Wasser-Scheiße-Monteuer inzwischen fast demütig hinterhertelefoniert. Und zu guter Letzt kündigt der reiche Onkel aus den USA die Freundschaft, vielleicht sogar den NATO-Abwehrschirm.

Prost Mahlzeit.
Das muss man erst einmal verdauen.

Und warum „nur“ im Westen Deutschlands?
Findet das nicht auch im Osten statt? Natürlich tut es das.

Der Unterschied ist: Der „Ossi“ hat seine Zeitenwende bereits erlebt, damals, als um ihn herum die „Seitenwände“ abgebaut wurden. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung folgte für viele erst einmal eine Talfahrt im eigenen Mikrokosmos. Kein Stein blieb auf dem anderen. Biografien wurden entwertet, Sicherheiten gelöscht, die Spielfigur auf „Anfang“ gesetzt.

Hinzu kamen der zweite Golfkrieg, der Jugoslawienkrieg und der Zerfall der Sowjetunion. Die Zahl der Asylsuchenden stieg, ebenso wie die Umsätze für Springerstiefel und Baseballschläger.

Man könnte also meinen, der „Ossi“ habe so etwas schon einmal erlebt.

Dass er sich ein dickeres Fell zugelegt, Resilienz entwickelt, vielleicht sogar so etwas wie „Krisenkompetenz“ aufgebaut hat.

Leider gelingt es dem „Ossi“ nicht, diese Kompetenz einzubringen.

Es gibt keinen Markt dafür, kein Plenum, keine Bühne. Erfahrung zählt nur, wenn sie theoretisch gerahmt, akademisch zertifiziert oder westdeutsch moderiert ist. Gelebter Kontrollverlust gilt nicht als Expertise, sondern als biografischer Makel.

Was von den ostdeutschen Verwerfungen der 90er-Jahre tatsächlich überlebt hat, ist überschaubar: Ampelmännchen. Rechtsabbiegerpfeile. Rotkäppchen Sekt. Und eine höhere Kindergartendichte.

Der Osten durfte liefern, was folkloretauglich war.
Erfahrung war nicht gefragt.

Wo sind all die neuen Coaching-Läden?

 

Ähnlicher Artikel in der Berliner Zeitung

https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/wie-das-westdeutsche-modell-kollabiert-und-der-osten-weiss-was-kommt-li.10015626

PS: Titelbild via ChatGPT

738) Vollzeit in Ketten


Als ich gerade folgende Nachricht im Radio hörte, da blieb mir fast das Sonntagsbrötchen im Halse stecken.

Der Wirtschaftsflügel der CDU (MIT) will den generellen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit abschaffen. Künftig soll Teilzeit nur noch mit besonderer Begründung möglich sein, etwa wegen Kindererziehung, Pflege von Angehörigen oder Weiterbildung“ … so fasst mir die KI den Beitrag vom Deutschlandfunk zusammen.“

Die Folge war ein unmittelbarer Wutausbruch von dem ich mich nun wieder abkühlen muss.

Lieber Wirtschaftsflügel. Ja natürlich zahlen Menschen in Teilzeit weniger Steuern und weniger Sozialversicherungsbeiträge. Bei der eigenen Rente werden sie es später direkt über die Abzüge merken, beim Besuch einer Arztpraxis aber nicht, auch nicht bei den Diensten von Polizei, Justiz und Feuerwehr. Die können Teilzeitarbeitende weiterhin voll in Anspruch nehmen auch wenn sie weniger einzahlen. Da ist was dran.

ABER: Bevor ihr uns an den Arbeitsplatz kettet, sorgt doch bitte schön erstmal dafür, dass die Sozialsysteme und Verwaltungen effizient arbeiten. Das spart Geld und dann entkrampft sich auch der Fachkräftemangel (zumindestens mal auf den Büro-Etagen). Eine Krankenversicherung wird nicht nur teurer, weil das Lebensalter steigt und Medizin leistungsstärker wird. Eine Verwaltung ist nicht per Definition aufwändig und komplex … sie wurde so gemacht.

In körperlich geprägten Berufen ist die Teilzeitquote bei Männern ohnehin niedrig. Bei Frauen ist sie höher – aber nicht, weil sie alle kollektiv „Work-Life-Balance“ spielen wollen. Sondern weil dieses Land es im Jahr 2025 immer noch nicht schafft, flächendeckend verlässliche, bezahlbare und flexible Kinderbetreuung anzubieten.

Ich hoffe ernsthaft, dass der Fachkräftemangel zu einem gewissen Level erhalten bleibt. Denn dann müssen sich Arbeitgeber etwas einfallen lassen, ihre Mitarbeiter zu halten oder neue anzuwerben. Unternehmen werden freiwillig flexible Arbeitszeitmodelle beibehalten, auch wenn es nicht im Gesetz steht. Sollte KI aber zu erheblicher Freisetzung von „Human-Ressourcen“ führen und damit ein Arbeitgeber-Markt entstehen, dann sieht’s allerdings schlecht aus.

So und jetzt gehe ich wandern …
noch ein wenig meiner Freiheit genießen.

Grüße von der kleinen Atlantik-Insel

PS: Titelbild via ChatGPT


737) Wenn der ICE-Mann nicht mehr klingelt …

… sondern direkt hereinkommt. Da sind wir noch nicht, denn das ist den ICE-Agents auch nicht gestattet so weit ich weiß. Aber allein was ich vom Geschehen auf Straßen und Plätzen sehe und höre, läuft mir im gleichen Moment eiskalt den Rücken runter.

So etwas kenne ich nur aus Schulbüchern und Schwarzweiß-Fotos. Es erinnert an Methoden der Geheimpolizei. Gestapo, Stasi, Securitate … you name it. Und das im „Land of the Free“. Wahrscheinlich sind eigenartige Beulen auf Amerikas Friedhöfen zu sehen, weil sich Denker und Gründer im Grabe umdrehen. Mehrmals am Tag.

Was mag da wohl noch alles passieren?, ist da so mein erster Gedanke.
und
Wie wollen sie diese Gräben je wieder kitten?, dann der zweite.

Ich kann da gar nicht mehr zu schreiben, es ist alles gesagt.

Entsetzt, enttäuscht … ach wie sag ich es nur …
würden sie doch einfach nur eine Runde Eis ausgeben.

PS: Titelbild via ChatGPT

736) Insel-Office 3

Wie bitte? Insel-Office? Schon wieder?

Wieso schon wieder? Ist doch schon wieder ein Jahr her.

Und warum auch nicht? In Berlin ist es entweder grau oder dunkel oder beides gleichzeitig. Garniert mit Resten von Silvesterknallern, Winterstreu, Weihnachtsbäumen und Hundescheiße. Auf jeden Fall hässlich. Man hört kaum Vögel, nur die dystopischen Laute der Krähen. Berliner gehen sich gegenseitig auf den Geist und mir gehörig auf den Wecker. Die Zimmerdecke kommt meinem Kopf immer näher, ich habe schlechte Laune und Vitamin D-Pillen bringen auch nichts. Ich brauche Licht, Sonne und dringend eine andere Tapete. Das weiß ich. Also begehe ich wieder Winterflucht.

Ich habe meinen Rechner eingepackt, diverse Kabel und meinen Reise-Monitor auch. Ich nenne ihn mittlerweile „Moni“. Ein tolles Gerät. Er ist deutlich größer als der Laptop-Screen, wiegt nur gute zwei Kilo und der Standfuß lässt sich ohne Werkzeug abmontieren. Ideal für mein digitales Nomaden-Leben am Rande des Atlantiks.

Nun sitze ich die nächsten vier Stunden im Flieger. Kein Board-Entertainment, kein WLAN, zwangsweise abgekoppelt vom medialen Rauschen. Neben mir sitzt ein junger Typ mit riesigen Muskeln und breitem Kreuz. Er konfisziert beide Armlehnen, sodass ich meinen meinen linken Arm kaum nutzen kann. Also tippe ich diesen Text mit den Fingern der rechten Hand. In der Sitztasche vor mir liegt die neue „brand eins“ mit dem Untertitel „Ein Heft über begründete Zuversicht“, das klingt doch verlockend. Könnte ich vielleicht zum Motto der nächsten vier Wochen erklären. „Eine Reise mit begründeter Zuversicht.“

Damit das auch ja so eintritt, werde ich hin und wieder eher Schluss machen oder eine längere Mittagspause einlegen. Mein Laufprogramm werde ich aufrecht erhalten, vielleicht mal ein Fahrrad / Auto mieten oder mit dem Bus die Gegend erkunden. Da wo ich sein werde gibt es Tageslicht bis nach 18:00, Supermärkte die bis 22:00 geöffnet haben, auch Sonntags und nette Menschen mit leckerer Küche. Paradiesisch.

Einmal pro Tag die Nachrichten checken wird reichen, ich will nur mitkriegen falls die Insel von einer Großmacht mit Großmaul einkassiert wird.

Etwas Lesestoff habe ich bei, einen Streaming-Dienst und charmante Begleitung. Langweilig wird mir also nicht … wird mir nie. Außerdem will ich weiter an meiner längeren off-time im Sommer herumplanen.

So und jetzt werfe ich mal einen Blick ins Heft mit begründeter Zuversicht.

In diesem Sinne … bis die Tage.

Frühere Beiträge zum Thema:

 

735) House of Narz: Macht in Serie?

Wie ich sicher schon einmal hier geschrieben habe, bin ich ein Netflix-Spätzünder.

So befinde ich mich erst jetzt, rund zehn Jahre später, in den letzten Zügen der Serie „House of Cards“: politische Machenschaften, Intrigen und „menschliche Verluste“ rund um das Weiße Haus. Über mehr als 70 Folgen hinweg bekommt man dabei erstaunlich viele Einblicke hinter die Kulissen der Macht in Washington.

Hätte ich mir die Serie damals, zur Zeit ihres Erscheinens, angesehen, hätte ich vermutlich abgeschaltet, weil:

Zu abgedreht. Zu unglaublich. Zu weltfremd. A bit too much.

Heute, drei oder vier Amtsperioden später, denke ich:

Ja. Genau so. So muss es wohl wirklich sein.

Es ist abgedreht. Unglaublich. Irgendwie echt. Und … even more than too much.

Also, wie kann die Serie nur so realistisch sein / wirken?

  • Hat der Autor bereits nur die damalige Realität dokumentiert?
  • Oder hatte er einen verdammt guten Riecher für die Zukunft?
  • Oder haben die heutigen Politiker selbst zu viel davon gesehen?

Obwohl … beim genaueren Nachdenken …

zum Ende wird ein Regierungskabinett aus lauter Frauen aufgestellt, und die Präsidentin trägt ihren schwangeren Bauch im engen Kleid stolz zur Schau.

Bleibt wohl doch eher Fiktion 😉

PS: Titelbild via ChatGPT

734) Geld allein stapelt keine Steine

Am 2. Januar ging ich hinunter zum Strand.

Die Spuren der Silvesternacht waren nahezu verschwunden. Hier und da lag noch eine hölzerne Vierkantleiste oder ein Stück rotes Papier herum. Der Rest des Pyromülls war bereits weggeräumt. Entweder waren das fleißige Menschen in einer konzertierten Aktion oder das Zeug wurde von einer großen Ostsee-Welle mitgerissen. Oder von beidem etwas.

Wenn das doch im Großen auch so einfach wäre.

So sehr ich den Menschen in der Ukraine wünsche, dass dieser Horror bald ein Ende hat und sie in irgendeiner Weise wieder in ein normales Leben zurückkehren können, frage ich mich, wie das praktisch laufen soll.

Je nach Quelle rechnet man mit rund 500 Milliarden Dollar reiner Wiederaufbauleistung, verteilt auf etwa zehn Jahre. Damit läge der Betrag ungefähr doppelt so hoch wie die Infrastrukturinvestitionen in der ehemaligen DDR (reine Hardware, ohne Sozialtransfers). In der DDR stand immerhin noch etwas, und der Alltag lief ja irgendwie. Vermutlich lassen sich diese Zahlen wegen der Währungsentwicklung ohnehin nur schwer vergleichen.

Nehmen wir also einmal an, dass die EU und andere Geber diese Gelder tatsächlich auftreiben. Mit einer Überweisung von 50 Milliarden Euro pro Jahr ist es aber nicht getan. Es braucht Menschen, Hände und Maschinen. Flächen müssen von Minen geräumt, Brücken und Gebäude abgerissen und neu gebaut werden. Energieversorgung, Verkehrswege, Schienen.

Das ist Arbeit. Harte Arbeit. Und die wird üblicherweise von Männern verrichtet. Von Männern, die heute dort im Schützengraben liegen oder hier auf Baustellen stehen.

Und selbst wenn alle ukrainischen Bauarbeiter auf Europas Baustellen über Nacht den Hammer fallen ließen, könnten sie das allein nicht stemmen. Das ist ein enormes Arbeitsvolumen und damit auch ein Arbeitsmarkt, der zwangsläufig Menschen aus den umliegenden Ländern anziehen wird. Menschen, die dann anderswo fehlen. Zum Beispiel hier in Deutschland, wo es schon heute schwierig ist, überhaupt Handwerker zu bekommen und wo sich Bauprojekte verzögern, weil schlicht die Manpower fehlt.

In einem Land, in dem gleichzeitig massive Wohnungsbauprogramme versprochen werden. In dem hunderte Brücken und Schienen dringend ersetzt werden müssen, weil jahrelang gepennt wurde. Und in dem kürzlich ein Sonderbudget in ähnlicher Größenordnung beschlossen wurde. Rund 500 Milliarden Euro auf zwölf Jahre.

Mhm … da scheinen mir zwei konkurrierende Großbaustellen zu entstehen, oder? Also wer noch einen Bahnhof oder ein Badezimmer zu sanieren hat, der sollte wohl mal besser bald anfangen.

733) Vom Ende der Maus her denken

Wenn man bedenkt, wie schnell Menschen denken können und wie lange es dauert, diese Gedanken in Worte zu fassen oder auf Papier zu bringen, könnte man durchaus von Verschwendung sprechen. Oder vielleicht treffender: von Unternutzung.

Noch absurder wird es, wenn man betrachtet, wie wir unsere Gedanken heute in Maschinen übertragen. Wir geben sie über Tastatur und Maus in Geräte ein, die selbst um ein Vielfaches schneller verarbeiten können als wir. Dazu bedienen wir eine Anordnung von rund hundert Plastikknöpfen und ein Objekt, dessen Name an einen lästigen Nager erinnert.

Das ist nicht nur ineffizient. Es ist auch ergonomisch problematisch. Schultern, Nacken und Ellbogen zahlen den Preis für eine Schnittstelle, die aus einer Zeit stammt, in der Rechenleistung knapp war, menschliche Arbeitsleistung aber noch nicht.

Beim Schreiben von Texten, dienstlich wie privat, kann ich inzwischen vieles einfach einsprechen. Das macht die Sache deutlich einfacher. Natürlich muss man am Ende noch einmal drübergehen, die eine oder andere „Nuschelei“ oder den Berliner Dialekt überarbeiten und bei der Rechtschreibung nachbessern …. was ich erstaunlich oft vergesse. Ich weiß. Zorry.

Für Mausklicks gibt es allerdings noch nichts wirklich Vernünftiges. Ich habe im Laufe der Zeit einen regelrechten Zoo an Mäusen bestellt. Die nächste Maus wurde kürzlich geliefert. Wenn sie gut ist, berichte ich darüber. Wenn nicht, landet sie im Schrank. Und ja, ich kenne unzählige Tastenkombinationen aus dem Effeff. Trotzdem gibt es bestimmte Operationen, vor allem außerhalb der Microsoft- und Apple-Welten, die sich schlicht nur per Mausklick erledigen lassen.

Und nun, rund vierzig Jahre nach ihrer Etablierung, haben wir immer noch kaum etwas anderes als die Computermaus, mit der wir monoton Buttons, pardon: „Schaltflächen“, anklicken. Wir sprechen davon, den Mars zu besiedeln, sitzen aber tagtäglich wie ein T-Rex vor Tastatur und Maus, um Quantencomputern und KI-Systemen per Klick zu verklickern, was wir von ihnen wollen. Das macht doch keinen Sinn.

Es wirkt weniger wie Zukunft, sondern mehr wie eine Episode der Flintstones.

Ich meine, ich will mir ja keinen Chip durch die Nase ins Gehirn schießen lassen. Aber gibt es nicht irgendetwas, das man zumindest zeitweise nutzen könnte, um Gedanken in Befehle für Computer zu übersetzen?

Natürlich setzt das Konzentration voraus, und man sollte wissen, was man in den nächsten Minuten erreichen will. Man sollte nicht beim Erstellen der Geschäftsjahresbilanz nebenbei an den Einkaufszettel denken oder an das längst überfällige Candle-Light-Dinner mit der Liebsten. Das könnte zu eigenartigen Ergebnissen führen, die man vielleicht doch besser nicht sofort automatisch publiziert.

Aber ehrlich mal, gibt’s da nichts besseres?

Ein Viertel des 21st Century ist schon rum!

PS: Titelbild via ChatGPT

732) 2025: Knicken, lochen, abheften

Das Jahr 2025 … nun ja … die Einleitung erspare ich mir und euch. Ich sortiere das mal alphabetisch, nicht dass der Eindruck entsteht, dass mir manche Dinge wichtiger wären als andere.

Beruf: uups. Ich bring das doch vielleicht später unter „J“ wie „Job“.

Blog: auch doof, ich schiebe das runter nach „T… agebuch“

Familie: Die Brut scheint weitestgehend aufgezogen, sie bleiben immer häufiger und länger weg vom Nest. Manchmal reisen sie sogar schon in andere Länder. Das ist ein Umstand, mit dem wir wohl lernen müssen, umzugehen. Wenn sie als Teenager andere Sichtweisen auf die Dinge da draußen haben (müssen!) und leidenschaftlich diskutieren, dann machen sie mich dabei sehr stolz, denn ich sehe, dass wir das richtige Betriebssystem verbaut haben. Die Grundinstallation war erfolgreich, die weiteren Updates liegen nun zunehmend in ihrer Verantwortung.

Gesundheit: Unfälle gab es keine, immerhin. Ich hatte zwar die Kettensäge wieder in den Händen, aber sie „tauchte“ nur in Holz sein … sonst nirgends. Aber die Abwesenheit von Unfällen heißt ja nicht automatisch, dass man gesund ist. Kaum ebbte „es“ irgendwo ab, kam „es“ woanders wieder raus. Als würde man einen Flummi, mit voller Kraft in einen geschlossenen Raum werfen. Orthopädie, Osteopathie, Apotheke, Sanitätshaus … meine Güte … aber ja, natürlich, andere haben mehr Grund zum Klagen. Liebe Grüße.

Job: Dieses Jahr war extrem arbeitsreich, ich habe die letzten zehn Jahre jeweils nicht so viel arbeitet wie in diesem Jahr. Und das meiste davon aus dem Home Office, ohne Kaffeeküchen-Talks und Kicker-Tisch. Und das wird sich ändern müssen. Erst recht mit Blick auf den vorigen Abschnitt unter „G“. Mein Job hat dummerweise mit Tastatur/Maus zu tun und findet vor einem Computer statt. Da kann man den Tisch hoch und runterfahren so oft man will, man kann den Markt der Mäuse leer kaufen … aber dazu mehr in einem der nächsten Beiträge.

Reisen: Das Jahr begann mit Insel-Office, das werde ich (sehr bald) wieder machen. Zu Ostern ging es nach Dänemark, Ende Juni habe ich auf Rügen gearbeitet. Im August ging es dann endlich auf Urlaub nach Singapur und Malaysia. Kurztrips an den Rhein, in den Thüringer Wald, nach Prag und nun unerwartet noch auf den Darss machten die Sache rund. Da kann ich nicht meckern. Mach‘ ich auch nicht.

Sport: In der Rubrik Bewegung, lief es echt gut, das Ziel 100 im Monat oder 1000 im Jahr wurde übererfüllt. Da, wo andere einen Arbeitsweg haben, habe ich einen Sportplatz. 1.192 km in Sportschuhen verteilt über 230 Aktivitäten können sich sehen lassen.

Tagebuch: Da herrschte vom Gefühl her etwas Flaute, allerdings ist das nicht durch die Zahlen gedeckt. 168 Beiträge erschienen auf dem Blog hier, 53.000 Wörter, doch mehr, als ich eigentlich dachte. Die Schwerpunktthemen waren dabei KI, Digitalisierung, Medien, Konsum, Krieg, Autokratie, … wer hätte das gedacht. Vielen Dank fürs Lesen und die Kommentare.

So und nun wird’s Zeit …

Knicken, Lochen, Abheften

Rutscht gut rein Nachbarn!
T.Head

731) Wenn die Zeitenwende zu uns spricht

Über diesem Beitrag werde ich vermutlich länger sitzen, und es wird nicht einfach sein, die richtigen Worte zu finden. Denn es geht um Botschaften, die ich über Medien, Nachrichten und Podcasts empfange. Botschaften, bei denen ich mich zunehmend frage, ob ich im falschen Kinosaal Platz genommen habe oder ob der Saal sogar korrekt ist, jemand aber eine andere Filmrolle eingelegt hat.

Drei Beispiele:

  • Mit einer Selbstverständlichkeit wird mittlerweile täglich über Waffengattungen, Mannstärken und Fähigkeiten diskutiert – da kann einem nur schlecht werden. Ich habe darüber schon oft geschrieben, siehe unten. Selbst hochkarätige Sicherheits- und Wehrexpert:innen, die ihre Worte normalerweise sorgsam wählen, sprechen nur noch von „Masse“, wenn sie eigentlich Mensch und Material meinen. So, als wäre das lediglich ein Buchstabe an der Kreidetafel, der mit einem anderen Buchstaben multipliziert werden muss, um … schwuppdiwupp … die volle Schlagkraft zu entwickeln.
  • In Podcasts meines Vertrauens fragten die Hosts ihre Gäste, wann für sie denn das Maß voll sei und wohin sie gedenkten, das Land zu verlassen, sollte Deutschland weiter nach rechts kippen. Allein schon diese Frage lässt mich schaudern. Ich kann ja verstehen, dass sich manche Menschen diese Frage ernsthaft stellen – aber muss sie uns deshalb so zweifelsfrei präsentiert werden, als ginge es um die Pläne fürs kommende Wochenende? Gibts vielleicht bereits eine Booking-App, die ich mir noch runterladen sollte? Also FOBL statt FOMO, FOBI und FOBO? „Fear of being last“
  • Ebenfalls dieser Tage gehört: die Frage, was denn wäre, wenn es zum Verteidigungsfall käme. Was wäre man(n) selbst bereit zu leisten? Würde man seinen Mann „stehen“ oder sich gar „verpissen“? Ja, das Wort „verpissen“ wurde tatsächlich genutzt, im Kontext von Wehrdienstentzug. Man sprach sogar von den „Verpissern“. Und das in einem links-grün gewürzten, progressiven Podcast, der mir eigentlich sympathisch ist. Natürlich hatten die Gastgeber in einem Punkt durchaus recht: Man muss sich ja nicht „verpissen“, denn man kann auch auf andere (…legale)  Weise etwas für die Gesellschaft leisten. Das Wort „Vaterland“ hatten sie dankenswerterweise vermieden.

Diese Worte, diese Formulierungen, sie tropfen langsam durch die Decke, wie bei einem undichten Dach. Sie scheinen normal zu werden, gehen in den alltäglichen Sprachgebrauch über. Man gewöhnt sich dran. Tropf … Tropf … man kann einen Eimer mit eigenen bubbles drunterstellen natürlich … oder weghören, dann stört’s nicht so. Das macht mir ernsthaft Sorge. Das erinnern an Zeiten, von denen wir doch gehofft hatten, sie hinter uns gelassen zu haben.

Bin ich der Einzige, der dieses wording zunehmend lauter hört?

Oder bin ich mal wieder der Letzte in der Reihe, der es nun auch endlich gecheckt hat?

Ist das von nun an die neue Sprache, die mit der Zeitenwende frei Haus mitgeliefert wurde?

PS: Titelbild via ChatGPT

Andere Beiträge zum Thema:

730) Wir müssen nur hier und da den Stecker zieh’n

Wer dabei einen Ohrwurm von Mike Krüger aus den frühen Achtziger im Ohr entdeckt, liegt richtig.

Spätestens nach dem Grusel-Tech-Bro-Dinner im Weißen Haus beobachte ich intensiver, wie ich in meinem Alltag organisiere, konsumiere und kommuniziere. Und wie viele Umsätze und Daten dabei in Händen und Schatullen auf der anderen Seite des großen Teiches landen.

Daraus entsteht eine Liste, die ich mir im neuen Jahr einmal genauer anschauen werde. Boykott? Nein, das wäre vielleicht zu viel gesagt. Aber reduzieren und hinterfragen, das auf jeden Fall.

Bei den Services aus dem Hause Zuckerberg dürfte mir eine Informations-Diät nicht so schwerfallen. Bei Facebook und Instagram habe ich nie eingecheckt, also muss ich dort auch nicht auschecken. WhatsApp ist das einzige Produkt aus der Meta-Gruppe, das bei mir aktiv ist. Das belanglose Gequassel kann dort bleiben, aber die Kommunikation mit Familie, Kindern und engen Freunden möchte ich im nächsten Jahr dort herausholen.

Zwischen Chainsaw-Elon Musk und mir läuft zum Glück gar nichts. Weder ein E-Auto, noch eine Weltraum-Mission, auch kein Twitter. Einzige Beziehung die wir haben ist, dass mir seine Auto-Fabrik im Südosten Berlin irgendwann das Wasser zum Paddeln entzieht.

Für manche Dienste der Alphabet / Google-Gruppe gibt es gute Alternativen, etwa für Suchmaschine oder Übersetzer. Bei deren Navi wird es allerdings schwieriger, denn die Genauigkeit der aktuellen Verkehrssituation ist schon wirklich beeindruckend. YouTube nutze ich auch, traurigerweise meistens, um Sendungen der öffentlich-rechtlichen Programme zu sehen. Das ließe sich vermeiden, indem ich direkt die Mediatheken nutze.

Bei Microsoft und Apple den Stecker zu ziehen, kann ich mir am wenigsten vorstellen. Aber ich könnte sicher einmal durch die Einstellungen klicken und ein paar Optionen abwählen. Und … ja … natürlich könnte ich mich mal mit einer europäischen Alternative zu ChatGPT flirten. Bonjour, voulez vous chatez avec moi ? Oder so ähnlich ….

Und bei Familie Bezos? Oh je, ja, ich weiß. Da habe ich eine offene Baustelle. Aber Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Ich kenne mindestens einen, der gerade triumphierend auf die Tischplatte haut. Liebe Grüße. Ich werde natürlich weiterhin online bestellen, weil ich mit stationärem Handel immer weniger anfangen kann. Wenn möglich sollte das aber direkt bei den Anbietern passieren und nicht über das Aktiendepot des Großinvestors.

Vorsatz fürs nächste Jahr!

PS: Titelbild via ChatGPT …. ja ick‘ weiß ….